Ableton Live revolutionierte vor über fünf Jahren die Art, wie Musiker Software und Computer auf der Bühne einsetzten. Nun ist das Programm in Version 6 erschienen und wir wollen sehen, ob es Fortschritte gibt.
Nichts beschäftigt die Musikbranche zurzeit so stark wie das Thema Usability. Es geht um die Frage, wie Soft- und Hardware möglichst benutzerfreundlich gestaltet werden können und der Musiker Zugriff auf alle wichtigen Funktionen erhält, ohne dass ihn die Technik zu sehr vom Musizieren ablenkt. Die Berliner Softwareschmiede Ableton hat sich diesem Thema schon lange verschrieben und verfolgt beharrlich das Konzept einer im wahren Sinne des Wortes spielbaren Software zur Musikproduktion. Als das Produkt Live dann 2001 auf den Markt kam, überzeugten das damals revolutionäre Bedienkonzept und die extrem flexible Audio-Engine sofort. Mit dem Ergebnis, dass es heute nicht ungewöhnlich ist, wenn Musiker wie Eivind Aarset oder Nils Petter Molvær bei Jazzkonzerten vor Laptops hocken, auf denen Ableton Live läuft.
Live ist kein Sequenzer im herkömmlichen Sinne, mit dem pri-mären Zweck Audio- und MIDI-Daten aufzuzeichnen und zu arrangieren (das geht aber auch). Im Vordergrund steht vielmehr das Aufnehmen, Verfremden und Experimentieren mit neuem und bestehendem Klangmaterial sowie der spontane und kreative Umgang mit Musik. Kurz: ein Sequenzer, der wie ein Instrument gespielt werden will.
Das Herz dabei ist die Audio-Engine, die in der Lage ist, sämtli-che Aktionen des Musikers ohne Stoppen von Aufnahme und Wiedergabe mitzumachen. Live läuft in den Tests absolut zuverlässig und timingfest, auch wenn wir Spuren oder Plug-ins in ein Projekt einfügen, Effekte bearbeiten oder aufwändige Automationen durchführen. Alle Bearbeitungsschritte lassen sich grundsätzlich in Echtzeit und bei laufender Wiedergabe durchführen. Dies fördert den kreativen Fluss enorm. Zudem bleibt Live immer im Takt. Der Grund: Das Programm verwaltet auch für Audio-Aufnahmen Tempoinformationen und ist in der Lage, die Wiedergabegeschwindigkeit an das Songtempo anzupassen. Die dazu nötigen komplexen Berechnungen laufen vollständig im Hintergrund ab.
So kommt Live beispielsweise auch dann nicht aus dem Tritt, wenn wir spontan das Songtempo rapide ändern. Die Wieder-gabe sämtlicher Spuren passt sich einfach dem neuen Tempo an und das war es auch schon. Knackser, Aussetzer oder gar ein Auseinanderdriften der Spuren kommt nicht vor. Das Tempo lässt sich auch über ein MIDI-Pedal oder die Tastatur tappen. Live folgt stets auf dem Fuße. Damit steht einem spontanen computerunterstützten Spiel mit anderen Musikern nichts im Wege, die Software eignet sich hervorragend zum Jammen.
Nicht nur die Audio-Engine läuft über die lange Zeit des Tests hinweg absolut zuverlässig und timingfest. Auch Programmabstürze kommen so gut wie nicht vor. Uns ist zudem in den Tests immer wieder aufgefallen, wie gut das Programm mitdenkt. Führt der Musiker eine der ganz wenigen Aktionen durch, die ein Anhalten der Audio-Engine erfordern würde, fragt Live erst nach, ob das wirklich gewünscht ist. Uns ist es beispielsweise passiert, dass wir den Rechner per Tastendruck versehentlich in den Stand-by-Betrieb geschickt hätten. In einer Live-Situation vor Publikum wäre das absolut tödlich. Live erkennt die Situation aber, fragt nach und schützt den Anwender so vor unbedachten Aktionen.
Neben der Zuverlässigkeit der Audio-Engine ist die intuitiv zu bedienende Oberfläche wesentlich für die Benutzerfreundlich-keit. Alle Bedienelemente finden auf einem in mehrfach unterteilten Bildschirm Platz. Links findet sich der Dateibrowser, über den sich Clips, Effekte und Instrumente in ein Projekt ein-binden oder MIDI-Zuweisungstabellen bearbeiten lassen. Der Browser kann auf Wunsch auch ausgeblendet werden. Der untere Bildschirmbereich stellt die Clip- und Spuransicht dar. Die Clipansicht zeigt alle Inhalte eines MIDI- oder Audioclips und ist zentraler Bearbeitungsbereich zum Editieren der Daten. Die Spuransicht dient der Bearbeitung der Plug-ins und Effekt-Tracks einer Spur.
Die Größe der einzelnen Bildschirmbereiche ist in einem vorgegeben Rahmen flexibel. So lässt sich seit nun auch der Mixer vergrößern, um zusätzliche Anzeigen wie Skalenmar-kierungen, Dezibelskala und Maximalpegel darzustellen, was eine bessere Kontrolle über den Mix ermöglicht. Das Konzept, die gesamte Software zentral im Blickfeld zu haben, finden wir insgesamt sehr überzeugend. Wir würden uns an...