Test: Mobiler Festplattenrecorder Nagra VI

Mobiler Festplattenrecorder Nagra VI

Großes Kino

Einen Hauch glorreicher Vergangenheit verströmt die neue Nagra VI. Sie stammt aus einer Dynastie, deren Name zum Filmgeschäft ebenso gehörte wie heute noch der Name Arriflex. In den letzten Jahren von den Digitalboliden verdrängt, will sich die Nagra VI nun ihren Platz am Filmset zurückerobern.

Von Carina Schlage

Bis in die späten Neunziger Jahre hinein war dem Filmschaffenden der Anblick einer Nagra am Set ebenso vertraut wie heutzutage der einer voll digitalen 192-Kanal-Mischpultkonsole in der Postproduktion. Bei der Originaltonaufnahme galten die mobilen Tonband-Recorder aus der Schweiz über Jahrzehnte nicht nur als Standard sondern auch als das Nonplusultra. Noch heute schwärmen Filmtonmeister älterer Semester von der Qualität und Robustheit einer Nagra 4.2, die sie beim Dreh auch in den lebenswidrigsten Gefilden dieses Planeten weit jenseits von menschlichen Wohlfühltemperaturen nie im Stich ließ und – vorausgesetzt, sie hatten genügend Bandmaterial im Gepäck – immer zuverlässig ihren Dienst verrichtete und dabei noch ausgezeichnet klang. Für die Generation junger Filmtonmeister ist der Mobilitätsfaktor der alten Nagra aus heutiger Sicht nicht gerade hoch. Immerhin wiegt sie mitsamt Tasche stolze siebeneinhalb Kilo.
Zur Zeit ihrer Entwicklung 1951 war sie allerdings ein geradezu spektakuläres Novum: Ihrem Schöpfer Stefan Kudelski, war es nämlich gelungen, ein – für damalige Verhältnisse – kleines, leichtes, hoch qualitatives und noch dazu portables Aufnahmegerät zu bauen. Seitdem vollzogen die Nagras in mehreren Generationen (Nagra I-IV, 4.2., E, D) und zahlreichen Varianten (Nagra IV-S, IS, SN-S) ungebremst einen weltweiten Siegeszug durch die Filmindustrie. Die hervorragenden Leistungen der 4.2.-Modelle wurden sogar mit drei Oskars und einem Emmy-Award honoriert. 

Was aber bleibt vom glorreichen Ruf der analogen Nagra, wenn diese im heutigen hochdigitalisierten Zeitalter von den modernen Vielkanal-Aufnahmemaschinen à la Sound Devices 722 (Test in Ausgabe 10/2006) beziehungsweise 788 T (Test in Ausgabe 1/2009) oder Aaton Cantar X – die zudem kleiner, leichter und flexibler sind – fast vollständig von den Filmsets verdrängt wurde? Die Antwort lautet ganz klar: die Nagra VI. Denn auch im Hause Kudelski ist man längst im 21. Jahrhundert angekommen und hat das Tonband durch eine 120 GB Festplatte, die analogen Modulometer  durch digitale und den Pilotton-Synchronizer durch einen Timecode-Generator ersetzt. Zwar zeichnete bereits die 2002 erschienene Nagra V auf eine interne Festplatte auf, sie konnte sich aber durch ihre recht komplizierte Bedienung kaum gegen die wachsende Konkurrenz durchsetzen.
Ganz anders die Nagra VI, die sich in dieser Ausgabe auf dem Prüfstand befindet: Mit ihr will sich das Unternehmen Kudelski seinen einst angestammten Platz vor dem Bauch des Filmtonmeisters zurückerobern und die 722s und Cantars lehren, was es heißt, einen legendären Namen zu tragen. Letztere bekommen nämlich wieder einen würdigen Mitbewerber, so viel sei schon einmal verraten.

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