Interview Esbjörn Svenson

„Computermusik langweilt mich”

Esbjörn Svenson, Kopf des Jazzpiano-Trios E.S.T., gilt als einer der kreativsten Musiker. Er manipuliert Klaviersaiten, lässt sein Instrument bis zur Unkenntlichkeit verzerren und experimentiert mit unterschiedlichen Spieltechniken. Dass dies musikalisch überzeugend gelingt, liegt auch an seinen traumhaft harmonischen Mitspielern: Bassist Dan Berglund und Schlagzeuger Magnus Öström. Das schwedische Ensemble macht seit den 90er Jahren durch eigenständigen Sound Furore, der die traditionelle Struktur des Jazz mit Elementen elektronischer Musik verbindet. Professional audio Magazin sprach mit Svenson über seine Vorstellung von musikalischer Umsetzung eigener Ideen.

?: Im September erscheint Ihre zehnte CD mit dem Titel „Tuesday Wonderland“. Im Rückblick ist eine Entwicklung zu erkennen, von den ersten Platten, die eher wie ein klassisches Piano-Trio klangen, hin zu einer atmosphärisch orientierten Musik, die sich vom klassischen Jazz löst. Steht dahinter ein Konzept?

!: Es hat eigentlich nie eine bewusste Entscheidung gegeben, eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Die Entwicklung hat sich ergeben. Wir versuchen der Musik zu folgen, anstatt sie in eine Richtung zu drängen. Nach unserem Album „EST Play Monk“, das noch mehr traditionell orientiert war, haben wir bei „From Gagarin's Point Of View“ erstmals eine neue Art des Arbeitens entwickelt. Wir hatten den Eindruck, dass die Musik uns in eine andere Richtung trägt. Also haben wir angefangen, mit Overdubs zu arbeiten und mehr zu experimentieren. Dabei fanden wir noch persönlichere Ausdrucksweisen für unsere Instrumente. Was man auf „Tuesday Wonderland“ hört, ist also die Konsequenz dieser Entwicklung.

?: Stichwort persönliche Ausdrucksweise. Lässt sich damit das Konzept von E.S.T. umschreiben.

!: Ja, denn vorrangig geht es uns um eines: das Spielen. Wir definieren uns zwar aus der traditionellen Jazzpiano-Trio-Geschichte heraus, aber wir versuchen die Dinge umzubauen und weiter zu entwickeln. Letztendlich klingen wir damit auch nicht mehr wie beispielsweise das Bill-Evans-Trio, obwohl wir die gleichen Instrumente verwenden.

?: Woher stammen diese Umbauideen ?

!: Die können überall auftauchen; beispielsweise durch ein Geräusch, das ich höre. Wenn es mich auf eine gute Idee bringt, singe ich das Geräusch, tanze oder klopfe es. Wenn es gut ist, schreibe ich es auf, oder singe es in mein Handy. Später höre ich es mir an und schaue, ob ich die Idee noch gut finde. Es kann auch sein, dass ich einfach am Klavier sitze und improvisiere; vielleicht ist etwas dabei, was mir gefällt. Dann versuche ich, damit zu .arbeiten.

?: Von der technischen Seite her gesehen: Wie schaffen Sie es, Ideen festzuhalten? Wir kennen ja das Problem, dass die Inspiration verloren geht, wenn man versucht sie niederzuschreiben.

!: Stimmt. Ich habe deshalb einen einfachen Taperecorder auf dem Klavier stehen. Er dient als Skizzenblock. Möchte ich etwas aufnehmen, versuche ich nicht drüber nachzudenken, sondern einfach aufzunehmen und fortzufahren. Wenn ich mir des Tape-Recorders bewusst werde und die Inspiration verliere, versuche ich zu entspannen und zu akzeptieren, dass der Recorder da ist. Akzeptanz ist wichtig um Dinge zu tun. Aber ich akzeptiere auch, falls die Idee einfach weg ist. Vielleicht kommt sie ja wieder.

?: Verwenden Sie immer so ein einfaches Setup?

!: Zu Hause arbeite ich oft so. Ich habe aber auch andere Setups, beispielsweise zwei gute Mikros, die ständig aufgebaut sind. Falls Logic läuft, kann ich damit auf Knopfdruck aufnehmen.

?: Sie haben eben das Bill-Evans-Trio erwähnt. E.S.T. unterscheidet sich davon unter anderem dadurch, dass Sie den Klaviersound wie ein Roh-Sample verwenden, das klanglich bearbeitet und verfremdet wird.

!: Das ist richtig. Wir brauchen dazu aber nicht viel Equipment. Eigentlich ist es nur ein Amp-Simulator, der Pod von Line 6.  Wichtiger ist eher richtiges Timing, die Interaktion zwischen uns und der Akustik. Aber wenn wir meinen, dass die Musik einen anderen Sound braucht, dann nutzen wir den Pod. Früher habe ich Synthesizer und Piano gleichzeitig gespielt. Man kann schon verrückte Sachen damit machen. Aber irgendwie war mir das zu simpel. Ich wollte mehr mit dem Klavier experimentieren. Deshalb sind Verstärker und Verzerrung für den Klaviersound genau das, wonach ich immer gesucht habe.

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