Wer seinen kristallklaren Digital-Aufnahmen den gewissen analogen Goldschimmer verleihen möchte, benötigt beim Mix eine gut ausgestattete Cocktailbar mit hochwertigen Plug-ins. Focusrite haben mit dem neuen Liquid Mix eine im Angebot.
Der Liquid Mix entstand in enger Zusammenarbeit von Focusrite mit den Software-Tüftlern des portugiesischen Unternehmens Sintefex Audio. Gedacht ist er für alle, die ihren Hostsequenzer um den Klang von teilweise sündhaft teurer analoger Hardware erweitern möchten – und das für vergleichsweise wenig Geld, denn Liquid Mix ist schon für rund 860 Euro zu haben.
Liquid Mix besteht aus zwei Komponenten: Einem Hardware-Interface, das über Firewire mit dem Hostrechner verbunden wird und ei-nem Plug-in. Das Plug-in umfasst eine umfangreiche Bibliothek von insgesamt 40 Kompressoren und 20 Equalizern, allesamt Nachbildungen klassischer Hardwaregeräte, unter anderem von Neve, SSL, Avalon und Focusrite selbst. Es sind die gleichen Modelle, die auch in Focusrites High-End-Channelstrip, dem Liquid Channel, enthalten sind. Für die Emulation vertrauten die Entwickler einmal mehr auf die patentierte Dynamic Convolution oder Dynamische Faltung, eine Erfindung der Softwaretüftler von Sintefex Audio. Die mathematische Faltung wird vor allem bei Hall-Plug-ins verwendet, um über Impulsantworten den Klang realer Räume nachzubilden (einge-hend beschrieben im Hall-Schwerpunkt, Ausgabe 9/2006). Auch der spezifische Klang von Effektgeräten, wie zum Beispiel eines Kompressors, lässt sich auf diese Weise nachbilden. Nur: Für einen virtuellen Kompressor-Nachbau muss auch sein Regelverhalten abgebildet werden. Dies ist mit der dynamischen Faltung möglich, indem für jede Dynamikstufe eine eigene Impulsantwort generiert wird. Im praktischen Einsatz wird nun für jedes unterschiedlich laute Sample eine Impulsantwort gefaltet. Allerdings ist es praktisch fast unmöglich, so viele Im-pulsantworten zu sampeln – außerdem reicht die Rechenleistung heutiger DSPs nicht aus, um die Faltung durchzuführen. Deswegen kann die dynamische Faltung letztlich nur eine Annäherung bleiben, ein exaktes Abbild des analogen Vorbilds ist streng genommen nicht möglich.
Dem Liquid Channel ist ein anhaltender Erfolg bei den Profis beschieden, der Liquid Mix erbte gewissermaßen die Gene des Liquid Channels und bringt einen Großteil der Klangfarbenpalette des Profi-Geräts zum erschwinglichen Preis in die Projekt-Studios. Allerdings ist Liquid Mix bisher nur für den Mac verfügbar. PC-User müssen sich gedulden: Die Windows XP Version wird voraussichtlich vier Wochen nach Erscheinen dieser Ausgabe er-hältlich sein.
Das Hardware-Interface benötigt nicht mehr Platz als ein Mouse-Pad und passt somit auf jeden Desktop. Das solide Kunststoffgehäuse ist sehr sauber verarbeitet und hübsch gestaltet. Mit seinen 11 Endlos-Drehregler und den beleuchteten 14 Druck-Tasten sieht es aus wie ein hochwertiger Controller. Tatsächlich kann die Software hierüber maus-unabhängig gesteuert werden – die Bedienelemente entsprechen exakt denen auf der Oberfläche des Plug-ins. Doch das Interface hat weit mehr zu bieten: Im Inneren des schicken Kistchens werkelt ein DSP, der sämtliche Berechnungen für die dynamische Faltung in Echtzeit, unabhängig vom Hostrechner, durchführt. Die DSP-Leistung reicht aus, um bei einer Sampling-Rate von 44,1 Kilohertz wahlweise 32 Mono- oder 16 Stereo-Instanzen zu berechnen. Hiermit wäre auch die leistungs-fähigste Computer-CPU hoffnungslos überlastet. Bei höherer Auflösung gerät auch der DSP ins Schwitzen, die Instanzen-Zahl verringert sich: Bei einer Sampligrate von 48 Kilohertz stehen 24, bei 96 Kilohertz immerhin noch 12, bei der höchstmöglichen Auflösung von 192 Kilohertz allerdings nur noch zwei Instanzen zur Verfügung zu Verfügung. Wem das zu wenig ist, kann dem Liquid Mix noch mehr Rechen-Power spendieren: Es gibt eine DSP-Erweiterungskarte zum Preis von rund 270 Euro. Mit den zwei zusätzlichen Sharc-DSPs verdoppeln sich die Plug-in-Instanzen bei höherer Auflösung: Bei 96 und 192 Kilo-hertz sind es maximal 16 beziehungsweise vier. Bei 44,1 und 48 Kilohertz erhöht sich die Instanzen-Zahl jedoch nicht.
Das gut ablesbare LCD-Display hat zwar eine etwas grobe Auflösung, informiert gleichwohl zuverlässig über die gewählte Emulation und alle vorgenommen Einstellungen. Es stellt einen guten Kompromiss zwischen Größe und Übersichtlichkeit dar. Dass beispielsweise bei der Arbeit mit den Equalizern zur Überprüfung der Einstellungen bei verschiedenen Frequenzbändern mit dem Regler „EQ Band Select“ umgeschaltet werden, stört in der Praxis überhaupt nicht. Indem das Display immer nur eine Ebene anzeigt, kann es klein ausfallen - auf der Oberfläche verbliebt somit genügend Platz für die Regler, Tasten und sonstigen Anzeigen.