Elf Kandidaten
Großmembran-Kondensator-Mikrofone gehören unter den Recording-Spezialisten zur Grundausstattung für ihre Arbeit. Jeder, der ernsthaft Recording betreibt, ob Homerecorder oder hochdekorierter Toningenieur braucht mindest eines davon in seiner Sammlung. Im Gegensatz zu ihren Kleinmembran-Brüdern stehen die Gattung der Großmembran-Mikrofone dabei nicht im Rufe besonders klangneutral zu sein. Ganz im Gegenteil, viele Hersteller legen sogar besonders großen Wert darauf, Ihren Großmembranern einen eigenen, charakteristischen Sound angedeihen zu lassen und treiben dafür einen erheblichen technischen Aufwand. Dies erklärt vielleicht auch, warum es so viele Vertreter dieser Gattung gibt und warum viele Tonstudios gleich eine ganze Sammlung der wertvollen Schätzchen besitzen. Nach dem Motto, für jede Stimme und für jedes Instrument das passende Mikrofon.
Professional audio Magazin suchte für seinen ersten großen Test von Großmembran-Kondensator-Mikrofonen aus dem übergroßen Angebot insgesamt elf Vertreter aus, darunter viele Neuentwicklungen und auch einige Klassiker. Die Preisspanne reicht von 290 bis 4400 Euro. Der grundsätzliche Aufbau ist bei allen Testteilnehmern identisch und leitet sich aus dem Urvater aller Kondesator-Mikrofone ab, den Georg Neumann 20er Jahre im vorigen Jahrhundert erfunden hat. Am oberen Ende eines Metzallrohres sitzen aufrecht auf einem meist vibrationsdämpfenden Steg eine oder zwei Goldbedampfte Kondensator-Membranen, geschützt von einem mehr oder weniger feinmaschigen Drahtgitter. Die Verstärkerelektronik in Transistor- oder Röhrentechnik ist im unteren Teil des Tubus untergebracht. Zwei hintereinander sitzende Membranen, also eine Doppelmembran[[G]] besitzen nur die Mikrofone, die über umschaltbare Richtcharakteristiken verfügen, Details dazu siehe Glossar Seite 112. Umschaltbare sind die Richtcharakteristiken, die von Kugel über breite Niere, Niere oder Hyperniere bis hin zur Achter-Charakteristik reichen können bei sechs der elf Testkandidaten nämlich AKG C 4000B, Audio-Technica AT 4050/CM5, Beyerdynamic MC 840, die beiden Brauner-Modelle VM1 und VMX sowie das in England entwickelte und in Asien gefertigte Orpheus von Sonotronics. (siehe auch Steckbrief Seite 32). Eine Besonderheit stellt das Studio Projects/United Minorities B1 dar. Dieses im Original 99 Euro teure Mikrofon aus Chinesischer Fertigung tunt Atila Czirja´k in erheblichem Umfang. Bis auf den Gehäusekörper und die Membran bleibt vom Original nichts erhalten. Die komplette Elektronik hat der aus Ungarn stammende und in der Nähe von Freiburg lebende Entwickler völlig neu konstruiert. Der Preis steigt von 99 auf 500 Euro pro Stück. Auf Wunsch sind auch zwei aufeinander abgestimmte B1 als so genanntes machted pair lieferbar. Ein direkter Vergleich Original gegen gepimpte Version des Studio Projects B1 ist für eine der nächsten Ausgaben geplant. Eine Fehlkonstruktion stellt allerdings die zum B1 mitgelieferte Spinne dar, die das Mikrofon vor tieffrequenten Erschütterungen und Vibrationen entkoppeln soll. Zwar wirkt sie haptisch recht hochwertig, hält aber nach einer umständlichen Einfädelprozedur das Mikrofon nicht wirklich fest, sondern lässt es in seiner Halterung rotieren. Ein eindeutiges Ausrichten auf den Künstler oder das Instrument ist so fast unmöglich. Weniger gut gelungen sind auch die Spinnen des Audio-Technica AT 4050/CM5 und des Beyerdynamic MC 840. Hier müssen die unteren Mikrofonhälse zwischen entsprechen verspannten Gummiriemen in der Spinnen eingefädelt werden. Nicht nur, dass damit ein sicherer Überkopfbetrieb unmöglich wird, die Mikrofone würden herausfallen, sondern auch in Normalposition wirkt das Arrangement sehr wackelig und wird der ansonsten vorbildlichen Verarbeitung der beiden schwarzen Schönheiten nicht gerecht. Die Umschalter für Richtcharakteristik, Hochpassfilter und Dämpfung des brandneuen MC 840 legten die Entwickler bei Beyerdynamik als sehr präzise rastende Drehschalter aus. Es ist ein Genuss, sie zu bedienen und sie unterstützen den Gesamteindruck eines exzellent verarbeiteten Kleinods.
Nahezu vorbildlich hat dagegen AKG die Spinne für das sehr üppig ausgestatteten und ebenfalls sehr gut verarbeiteten C 4000 B konstruiert. Ein simpler aber sehr funktionellen Drehverschluss, ähnlich einem Bajonett-Verschluss, umschließt den unteren Mikrofonhals und hält ihn sicher fest. Perfekt meisterten haben auch Neumann und SE electronic diese Aufgabe. Die aus Metall gefertigten Spinnen der Modelle TLM 49 und Gemini werden mittels Überwurfrändelschrauben am unteren Ende des Mikrofonkörpers am Anschluss für den XLR-Stecker fest verschraubt. Diese Konstruktion hält selbst das enorme Gewicht des imposanten mit einer Röhrenstufe bestückten Gemini von SE electronic aus. Die Justageschraube im Gelenk, das am Mikrofonstativ befestigt wird, hat jedoch mit dem stattlichen Zweieinhalbpfünder ihre liebe Mühe. Man muss sie regelrecht anknallen, damit sich der Koloss nicht langsam aber stetig vor dem Künstler verbeugt. Im weiträumigen Innern des Gemini arbeiten gleich zwei Röhren, eine 12AX7 als Eingasstufe und eine 12AU7 als Ausgangsstufe. Auf den sonst üblichen Übertrager verzichteten die chinesischen Entwickler völlig. Die wie üblich goldbedampfte Membran sitzt relativ weit oben hinter dem Schutzkäfig und wird durch dessen oberen Rand des Käfigs leicht abgeschattet. Die konstruktive Idee dahinter bleibt unklar, zumal alle anderen Testteilnehmer freien Blick auf die Großmembran gewähren und damit auch dem auftreffenden Schall freie Bahn. Dies trifft insbesondere auch auf das brandneue Neumann TLM 49 zu. Seine breite und gleichzeitig gedrungene Form erinnert an die legendären Modelle M 49 und M 50, lässt der Membran hinter den typischen abgeschrägten Schutzgittern viel Raum und kennzeichnet es gleichzeitig als typisches Neumann-Mikrofon. Speziell für Vocalaufnahmen konzipiert soll es sich auch klanglich an die Urväter M 49 und U 47 orientieren. Auf umschaltbare Richtcharakteristiken oder Dämpfungsschalter verzichtet der schwergewichtige und ungemein solide wirkende Newcomer völlig.