Test: Vorverstärker Rupert Neve Designs Portico 5012

Seidenschimmer

Klein und unschuldig gibt sich die jüngste Kreation von Rupert Neve Designs – der zweikanalige Vorverstärker Portico 5012. Doch er kann verführen – mit seidigem Klang.

Von Michael Nötges

Mr. Rupert Neve, der gerade seinen 80ten Geburtstag gefeiert hat, lässt es sich nicht nehmen, weiter beim analogen Studio-Equipment mitzumischen. „Mister“ wird Neve auf der Homepage seiner Manufaktur Rupert Neve Designs (RND), Wimberley, genannt – das klingt fast wie ein englischer Adelstitel, den sich der Wahltexaner für seine Verdienste im Bereich der analogen Tonbearbeitung bestimmt schon verdient hätte. Ohne ihn wäre die Welt um analoge Konsolen wie Neve 8078 aus den 70er Jahren oder Amek 9098 aus den 90er Jahren ärmer, und zahlreiche Audioprodukte, die heute unter dem Namen AMS Neve angeboten werden, hätte es nie gegeben. Für analoge und digitale Konsolen, Equalizer, Vorverstärker und Kompressoren legte Neve die Grundsteine. Das rot gezackte N als Markenzeichen hat der Ingenieur, Soundtüftler und erfolgreiche Unternehmer abgegeben. Heute adelt er dafür die exklusiven Produkte von RND mit seinem Namen.

Der zweikanalige Vorverstärker Portico 5012 entstammt der aktuellen Range. Sie bietet Produkte, die den einzelnen Modulen alter analoger Konsolen nachempfunden sind. Dazu gehören der Portico 5043 (zweikanaliger Kompressor), der 5042 (Bandsättigungsemulator), der 5032 (einkanaliger Vorverstärker und Equalizer) und der 5033 (5-Band-Equalizer). Alle fünf Module sind beliebig mit den anderen Geräten der Portico-Serie kombinierbar. Das Ziel: der Sound analoger Konsolen. Der Gedanke: Kaufe nur, was du wirklich brauchst und gehe dabei keine qualitativen Kompromisse ein. Ganz umsonst gibt es dieses Leckerchen allerdings nicht: Rund 1.900 Euro kostet der Genuss.

Klein und schwer wie ein Backstein ist der auf halbe Rackbreite konstruierte Portico 5012. Als Besonderheit haben sich die Entwickler von RND mit dem zusätzlich erhältlichen Vertical Frame Kit (Portico 5285-RM: 806 Euro) eine kompakte 19-Zoll-Lösung ausgedacht, um bis zu acht Module nebeneinander (senkrecht) auf etwa sechs Höheneinheiten unterzubringen. Die Vorderseite zeigt sich in fünffarbigem Design, das durch das Leuchten der aktivierten Taster zu farbenfroher Höchstform aufläuft. Die wichtigen Reglerpositionen – Mic-Gain, Trim, Highpass-Filter – sind durch die gelben Markierungen und Beschriftungen auf schwarzem Hintergrund gut zu erkennen.

Die dreifarbige Bargraph-Pegelanzeige ist in acht Segmente unterteilt, wobei das letzte Glied der LED-Kette rot leuchtet (Clip-Anzeige). Die 2,5 Zentimeter lange und gerade mal zwei Millimeter hohe Zeile lässt sich dank des starken Kontrastes auch aus einiger Entfernung gut ablesen. Jeder der beiden Kanäle ist mit drei Drehreglern und fünf etwas klein geratenen Tastern bestückt. Letztere aktivieren die Phantomspannung, die Phasendrehung, den Highpass-Filter, sowie den integrierten Bus-Weg. Außerdem lassen sich die Hauptausgänge stumm schalten. Techniker mit feingliedrigen Händen werden keine Probleme haben, die Funktionen zu aktivieren, kernigere Typen müssen ihr ganzes Fingerspitzengefühl spielen lassen, um beim ersten Versuch Erfolg zu haben. Der auf zwölf Positionen in 6-dB-Schritten einrastende Drehregler für den Eingangspegel ist etwas größer als die anderen beiden, hat aber die gleiche Griffigkeit und kautschukartige Konsistenz. Er ist für die Grobjustage zuständig. Die Skalierung der Feinjustierung reicht von -6 bis +6, während der Highpass-Filter stufenlos zwischen 20 und 250 Hertz eingestellt werden kann. Die Zwillingsknöpfe vermitteln beim Drehen das Gefühl, als würde man mit einem Holzstock im Ölfass herumrühren und lassen auf hochwertige Potis im Hintergrund schließen. Allerdings wirken die Kunststoffknöpfe selbst nicht sonderlich robust und erinnern mehr an teures Spielzeug als an hochwertiges Studio-Equipment.

Inmitten der bunt strahlenden Frontplatte thront das blau leuchtende dritte Auge des Portico 5012. In der buddhistischen Ikonographie werden erleuchtete Wesen mit einem Punkt auf der Stirn angedeutet. Der mit Silk ( englich: Seide) beschriftete Taster verspricht, im Stile alter analoger Channel-Strips dem Klang einen seidigen Schimmer zu verleihen.

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