Die Preisspanne unserer Testkandidaten – 120 bis 3.000 Euro – suggeriert, dass wir hier Äpfel mit Birnen vergleichen. Doch weit gefehlt: preiswert sind sie alle.
Über 40 Prozent der Leser von Professional audio Magazin planen in den nächsten Monaten den Kauf eines Kleinmembran-Kondensatormikrofons oder haben die Anschaffung fest ins Visier genommen. Das ist eines der vielen Ergebnisse unserer Leserbefragung aus Heft 8. Doch die Entscheidung für das richtige Mikrofon ist seit dem ersten großen Vergleichstest von Kleinmembran-Mikrofonen in der Mai-Ausgabe von Professional audio Magazin nicht leichter geworden. Zu unübersichtlich ist das Angebot, zu groß die Preisunterschiede und zu unterschiedlich die Anforderungen im Recording-Alltag. Grund genug für das Redaktions-Team, einen weiteren umfangreichen Mess-, Recording- und Hörtest zu starten.
Als besonderes Bon-Bon lassen wir in diesem Test zwei Klassiker der deutschen Mikrofonszene außer Konkurrenz mitlaufen: die aus Funk und Fernsehen bestens bekannten, dynamischen Mikrofone MD 421 und MD 441 aus dem Hause Sennheiser. Insbesondere das mächtige MD 441 (siehe Kasten Seite 29) erfreut sich trotz seines Alters von über 35 Jahren unter Recording-Spezialisten großer Beliebtheit.
Auch alle übrigen Testkandidaten stammen aus gutem Haus. Sie kosten zwischen schlanken 120 und üppigen 3.800 Euro pro Stück und gehören zur Gattung der Kleinmembran-Kondensatormikrofone – mit einer Ausnahme: Das aus Russland stammende Oktava Mk-102 täuscht: Es besitzt eine Membran von fast 20 statt zehn Millimetern Durchmesser und erreicht damit fast die Dimensionen der üblicherweise mit 1-Zoll-Membran ausgestatteten richtigen Großmembran-Vettern. Eine weitere Besonderheit des getesteten Oktava: Auch hier hat sich der in der Nähe Freiburg ansässige gebürtige Ungar Attila Czirják intensiv mit dem Tuning der Elektronik beschäftigt, indem er sie durch eine komplette Eigenentwicklung ersetzt (siehe auch Test Studio ProjectsB1 in Heft 11/2006). Ob sich das Resultat der Kur sehen lassen kann, wollen wir herausfinden.
In ihrer Konzeption zeigen die Testkandidaten zum Teil erhebliche Unterschiede. Eine kugelförmige Richtcharakteristik besitzen die Modelle des dänischen Herstellers DPA, Typ 4006TL und Typ 4090, die amerikanischen Earthworks TC 25 und QTC 40 sowie das Modell von Schoeps bestehend aus dem Mikrofonkapsel MK2H mit dem Verstärkermodul CMC 6Ug, der übrigens identisch ist mit dem in Heft 5/2006 von Professional audio Magazin getesteten.
Zur Fraktion der Mikrofone mit nierenförmiger Richtcharakteristik gehören die Testkandidaten AT 4041 von Audio Technica, das 603 S des amerikanischen Herstellers MXL und das SCX-1hc des US-Spezialisten Audix. Die Kapsel mit Supernieren-Charakteristik des Audix ist wie beim Schoeps austauschbar und lässt sich gegen zwei verschiedene Kugel-Kapseln – eine davon mit zusätzlicher Höhenanhebung und eine mit nierenförmiger Richtcharakteristik – austauschen. Das in Wilsonville/Colorado seit 1984 beheimatete Unternehmen fertigt übrigens grundsätzlich im eigenen Haus.
Das aus Australien stammende Rode NT 55, Nachfahre des in Heft 5/2006 gestesteten NT 5, kommt für einen Preis von knapp 290 Euro gleich mit zwei austauschbaren Kapseln, Niere und Kugel, und bietet darüber hinaus einen zweistufigen Dämpfungsschalter (-10 und -20 Dezibel) und ein zweifach umschaltbares Hochpassfilter (75 und 150 Hertz) zur Reduzierung von tieffrequenten Störgeräuschen. Damit setzt sich das Rode in Sachen Preis-/Ausstattungs-Relation einsam an die Spitze des Testfeldes. Mehr Ausstattung bietet lediglich der mit Abstand teuerste Kandidat im Vergleich: das Sennheiser MKH 800. Auf den ersten Blick sieht es eher wie die Miniaturausgabe eines Kollegen mit Großmembran: Die Doppelmembran sitzt aufrecht im schlanken, silberfarbenen Mikrofonkörper, das MKH 800 muss also aufrecht vor der Schallquelle stehen und nicht wie sonst üblich quasi auf die Schallquelle zeigen – die Beschallung erfolgt frontal von der Seite. Das Doppel-Membran-Druckgradienten-Konzept ermöglicht darüber hinaus per Drehschalter das Einstellen von fünf unterschiedlichen Richtcharakteristiken: von Kugel über Niere bis hin zur Acht. Drei weitere Drehschalter, die ebenfalls sehr gut gegen versehentliches Verstellen geschützt sind, erlauben es, den Ausgangspegel in zwei Stufen um sechs beziehungsweise zwölf Dezibel zu senken, den Tieftonbereich unterhalb von 50 Hertz um mit einer Flankensteilheit von drei oder sechs Dezibel zu bedämpfen und die Höhen bei acht Kilohertz um drei oder sechs Dezibel anzuheben. Diese enorme Universalität wird sich im Recordingtest noch als sehr hilfreich beweisen. Die sonstige Ausstattung des MKH 800 ist dem hohen Preis angemessen. Im edlen Alukoffer finden sich zwei äußerst praxisgerechte, vielfältig verstellbare Mikrofonklammern, eine davon als vibrationsdämpfende Spinne konstruiert.