Dänemark hat weit mehr zu bieten als Smørrebrød, Lego und den Filmregisseur Lars von Trier. Zum Beispiel das brandneue Modul-System RM 8 von Tube-Tech.
Die dänische Outboard–Manufaktur Tube-Tech, ehemals Lydkraft, gehört nach Mei-nung vieler Studiobesitzer und Produzenten zur Crème de la Crème der Pro-Audio-Hersteller. Seit über 20 Jahren entwickelt und fertigt der findige Firmengründer John G. Petersens mit nordisch kühlem Verstand Equipment ausschließlich mit Röhren-technik und hat dabei immer höchste klangliche wie fertigungstechnische Ansprü-che. Petersen erkannte 1985 das weit verbreitete Bedürfnis zahlreicher Produzenten und Musiker nach analogem Sound in einer zunehmend digitaler werdenden Pro-duktionsrealität und lieferte mit seinen Entwicklungen die passenden, kundenorien-tierten Lösungen. Den richtigen Riecher hat der Däne jedenfalls bewiesen. Das zeigt der große Erfolg seiner blauen Klangpanzer, die weltweit Studios und Produktions-städten belagern und gemeinhin einen hervorragenden Ruf genießen. Diesen kann die Redaktion in Bezug auf den Channelstrip MEC 1A (Test 10/2007) vollauf bestätigen.
Dass der dänische Hersteller sich aber keinesfalls auf seinem Lorbeer aus-ruht, zeigt seine jüngste Entwicklung. Petersen stellte dieses Jahr auf der AES in Wien mit dem RM 8 den Prototypen eines Modul-Systems vor, von dem sich Professional audio Magazin bereits vor dem offiziellen Produkt-Launch exklusiv einen ersten Eindruck verschafft hat. Dabei handelt es sich keinesfalls um Stangen-ware, sondern um äußerst sorgfältig gefertigtes High-End-Equipment, das Qualität verspricht, dementsprechend aber auch seinen Preis hat. Voll beladen, kostet das Modul-System voraussichtlich über 15.000 Euro, wobei bereits der individuell bestückbare Modul-Rahmen mit guten 2.200 Euro zu Buche schlägt. Jedes einzelne Modul wird mit einem Preis von zirka 1.600 Euro kalkuliert. Das RM 8 ist in der vor-liegenden Version mit je zwei Pre-Amp- (PM 1A), Equalizer- (EM 1A) und Kom-pressor-Modulen (CM 1A) ausgestattet „Das Besondere am RM 8 ist, dass auf engstem Raum die aufwändigen und für Tu-be-Tech typischen Röhrenschaltungen Platz finden“, erklärt uns Uwe Grundei vom deutschen Vertrieb Mega Audio. „Das ist meines Wissens im Bereich der Modul-Systeme einzigartig“, schwärmt er weiter. Unseres Wissens auch, umso interessan-ter, da die beiden bereits getesteten Modul-Systeme von Audient und SPL (Test, Ausgaben 9 und 11/2007) die Solid State-Bauweise bevorzugen und mit dem Tube-Tech-System sich jetzt auch der eingefleischte Röhrenfan sein individuelles Outbo-ard-Rack zusammenstellen kann.
Der Modul-Rahmen des RM 8 ist wie bei der Black Series von Audient vier Höhen-einheiten hoch und bietet Platz für insgesamt acht Module. Die XLR-Anschlüsse für alle acht Steckplätze befinden sich, unabhängig der Anzahl installierter Module, auf der Rückseite des Geräts. Diese zeigt sich ansonsten spartanisch, da hier lediglich noch zwei Klinken-Buchsen (6,35-mm) für den Sidechain-Weg (Ein- und Ausgang), sowie zwei DB25-Anschlüsse zu finden sind – das war’s. Diese externen Sub-D-Buchsen fassen jeweils die acht Ein- beziehungsweise Ausgänge für eine direkte Audio-Verbindung zur DAW oder einem A/D-Wandler platzsparend zusammen.
Insgesamt bringt der azurblaue Koloss mit sechs Modulen bestückt gute 14 Kilo-gramm auf die Waage, fällt also nicht nur preislich ganz schön ins Gewicht. Spätes-tens beim Öffnen des RM 8 ist aber klar warum: hier wurde allein bei der Gehäuse-konstruktion mit unverwüstlichen Sorgfalt gearbeitet. Der Rahmen ist mit mehreren Querverstrebungen verstärkt, die einzelnen Teile mit zahlreichen Schrauben für die Ewigkeit fixiert. Das Innenleben des Klangtresors wird mit höchster Sicherheitsstufe unter Verschluss gehalten. Mit gutem Grund, denn an hochwertigen Bauteilen wird bei Tube-Tech nicht gespart – das beweisen uns nicht zuletzt die Lundahl-Übertrager und Röhren aus russischer Fertigung von Sovtek (ECC83, 12AX7LPS) beziehungsweise Electro Harmonix (ECC82 EH, 12AU7A). Die einzelnen, sauber geführten Einschübe nehmen mittels Sub-D-Steckeverbinder bombensicheren Kon-takt mit der Platine auf. Nach behutsamen Versuchen, ein Modul auszubauen, bre-chen wir den Vorgang aus Angst vor versehendlicher Beschädigung ab – ohne Spe-zialwerkzeug aus der Tube-Tech-Werkstatt ist hier nicht viel auszurichten.
Die griffigen Knöpfe der Drehregler sind im Gegensatz zu denen der 19-Zoll-Geräte von Tube-Tech ein wenig zierlicher, um auch dann genügend Platz auf einer Modul-Breite zu finden, wenn, wie beim Equalizer-Modul, acht Regler vorhanden sind. Die Bedienbarkeit leidet aber nur in sofern, als dass beim Einstellen der Parameter et-was mehr Fingerspitzengefühl gefragt ist. Die silbernen Kippschalter sorgen nicht nur für die exakte und sichere Aktivierung unterschiedlicher Funktionen, sondern auch für den nostalgischen Vintage-Look. Zur Überwachung der Stromversorgung dient der PSU -Monitor, der über fünf LEDs (+270, +48, +15, -15 und +12 Volt) die zur Verfügung stehenden Spannungen kontrolliert und anzeigt.
Jedes der drei Module hat ein 19-Zoll-Vorbild aus dem Produktportfolio von Tube-Tech: Der Mikrofonvorverstärker PM 1A orientiert sich am MP 1A und hat deshalb auch genauso einen zusätzlichen Instrumenteneingang, der in der Frontplatte integ-riert ist. Über diesen DI-Eingang können Instrumente wie E-Gitarre oder -Bass direkt eingespielt werden. Ein Modul hat zwei Gain-Settings: Die grobe Einstellmöglichkeit reicht von 20 bis 60 Dezibel in Zehnerschritten, die feine ermöglicht das Anheben und Dämpfen um maximal zehn Dezibel in Zwei-dB-Schritten. Sechs, zwei- oder dreistufigen Kippschalter aktivieren die Zusatzfunktionen: Phantomspeisung, PAD, Phasenumkehrung, Trittschallfilter (20, 40 Hertz oder aus) und eine Impedanzan-passung des
Eingangs (600, 1200 oder 2400 Ohm). Etwas schade ist, dass lediglich eine rote LED, die bei +26 Dezibel am Ausgang erglimmt, das Einpegeln überwacht. Eine detaillierte Anzeige wäre wünschenswert.
Das Equalizer-Modul zeigt sich in der Tradition des PE 1C. Es handelt sich um eine passive Filterkonstruktion mit drei Bändern vor einem Aufholverstärker, der den re-duzierten Pegel wieder anhebt – natürlich alles auf Röhrenbasis. Ein Shelving-Filter bedämpft die Höhen um maximal 18 Dezibel, wobei drei Einsatzfrequenzen zur Aus-wahl stehen (fünf, zehn und 20 Kilohertz).
Das Filter für die oberen Mitten hebt zehn feste Frequenzbereiche zwischen einem und 16 Kilohertz um maximal 18 Dezibel an. Dabei lässt sich die Güte des Glocken-filters fließend zwischen sharp und broad einstellen, so dass zum einen sehr gezielt schmale Frequenzbereiche angefahren und dann gelöscht oder betont werden kön-nen, zum anderen aber auch sanfte Manipulationen über ein weiteres Frequenz-spektrum möglich sind. Das Bass-Filter (Shelving-Charakteristik) bietet vier Einsatz-frequenzen zwischen 20 und 100 Hertz zur Auswahl. Dabei können die Frequenzbe-reiche entweder um 14 Dezibel angehoben oder um 18 bedämpft werden. Last not least, lassen sich die Klangveränderungen mit Hilfe des Bypass-Kippschalters kon-trollieren und auch hier gibt eine rote LED Auskunft über drohende Übersteuerung.
Bestens ausgestattet ist das Kompressor-Modul CM 1A, das die Gene vom CL 1B geerbt hat. Der Röhrenkompressor mit einem optischen Steuerelement bietet neben den Standard-Einstellungen für Attack- und Release-Zeit, Threshold (off bis -40 De-zibel), Ratio (2:1 bis 10:1) und Aufholverstärkung (30 Dezibel), einen Bypass, eine Link-Bus-Funktion, drei Kompressionsmodi und eine umschaltbare VU-LED-Anzeige. Über die Link-Bus-Funktion können beliebig viele Kompressoren kaska-diert werden. Dafür bedarf es lediglich derselben Bus-Zuweisung. Das Modul mit der stärksten Kompression dominiert dann alle anderen. Durch die beiden Busse lassen sich zwei Kompressorgruppen oder auch mehrere Stereo-Kompressoren kreieren – vorausgesetzt es stehen genügend Module zur Verfügung. Die drei Kompressions-modi bieten unterschiedliche Konfigurationen für bestimmte Anwendungssituationen: Steht der Kippschalter auf der Position „Manuel“, ist der CM 1A wie ein herkömmli-cher Kompressor zu bedienen. Ist der Fixed-Modus gewählt, frieren Attack- und Re-lease-Zeit auf feststehende Werte ein. Der Fixed/Man-Modus ist eine Halbautomati-on: Während die Attackzeit konstant sehr kurz gehalten wird, kann die Release-Zeit den Peaks angepasst werden. Die tatsächliche Release-Zeit ist dann mit Hilfe des Release-Reglers einstellbar. Der Attack-Regler wechselt seine ursprüngliche Funkti-on und bestimmt in diesem Modus die Länge der Zeitspanne vom Einsetzen der Pe-gelspitze bis zum Beginn des eigentlichen Release-Vorgangs.
Da es sich um einen Prototypen handelt und der Hersteller noch mit dem Fein-Tuning beschäftigt ist, werden die Messwerte erst beim Test des fertig gestellten Produkts veröffentlicht. Natürlich hat es sich die Redaktion von Professional audio Magazin aber nicht nehmen lassen, Aufnahmen mit dem RM 8 anzufertigen, um sich einen ersten Klangeindruck zu verschaffen. Unkompliziert lädt die DI-Buchse dazu ein, zunächst eine Fender American Standard Strat einzustöpseln. Der trockene, cleane Sound weiß unmittelbar zu überzeugen. Klar, transparent und direkt kommt die E-Gitarre sehr gut zur Geltung. Die Zwischenpositionen der Tonabnehmer sind besonders knackig und herrlich Mark Knopfler-like nasal, während der Hals-Pick-Up schön rund und angenehm warm klingt. Da kann sich schon jetzt so mancher Gitar-renverstärker klanglich eine Scheibe abschneiden. Vom sehr dezenten Vintage-Klang inspiriert, landen wir nach ein paar Hendrix-Licks beim Intro von Little Wing und nehmen es auf. Jetzt spielen wir auf gleichem Weg einen E-Bass ein. Um die Dynamik besser unter Kontrolle zu haben, schalten wir das Kompressor-Modul mit Hilfe eines kurzen Patch-Kabels hinter den Pre-Amp.
Nach kurzem Jonglieren mit den unterschiedlichen Parametern gefällt der satte Sound des Prototypen sehr gut. Behutsam, aber effektiv greift der Kompressor in das Signal ein und verleiht ihm außerdem etwas mehr Druck und Präsenz – schnell ist eine passende Bass-Spur im Kasten. Eine Akustikgitarren-Aufnahme soll jetzt ergänzt werden. Im ORTF-Verfahren und mit einem Pärchen M 930 von Mikrotech Gefell aufgenommen, kommen beide Pre-Amp-Module zum Einsatz. Das Ergebnis ist fein aufgelöst mit angenehm runden Höhen, wodurch Anschlagsgeräusche ge-konnt in Szene gesetzt und besonders die Höhen angenehm veredelt erscheinen. Ein kurzer Vergleich zu Aufnahmen des F355 von Lake People, der sich bereits in zahlreichen Tests als neutrale Referenz bewiesen hat, offenbart sich die Natürlich-keit der PM 1A-Module. Hier zeigt sich, dass Röhrenschaltungen keineswegs zu auffallenden Klangfärbungen führen müssen. Es fehlt lediglich ein Hauch Brillanz und ein wenig Räumlichkeit, dafür gibt’s zum jetzigen Entwicklungsstand mehr unte-re Mitten und insgesamt etwas mehr Druck. Jedoch liegen die Aufnahmen klanglich sehr nah beieinander, wobei der Tube-Tech das Instrument etwas eleganter in Sze-ne setzt. Mit dem Equalizer-Modul verbiegen wir die aufgenommen Signale und kommen durch die wirkungsvollen Filter immer wieder zu interessanten Ergebnis-sen: Tieffrequente Störgeräusche lassen sich entschärfen, Transparenz und Durch-setzungskraft durch dezentes Anheben der Höhen verbessern. Auf eine Stereo-summe angewandt empfiehlt sich das Equalizer-Paar sogar als leistungsstarkes Mastering-Tool, das mit seinem Grundsound überzeugt und filigranes Sound-Design ermöglicht.
Vorläufiges Fazit
Das RM 8 fasst die jahrzehntelange Arbeit des dänischen Herstellers in einem kom-pakten Modul-System zusammen. Konzeptionell der Black-Series von Audient glei-chend, zeigt sich der Dänenpanzer in unverwüstbarer Profimontur. Spartanisch aus-gestattet, stellen alle Module vom ersten Ton an schon jetzt ihre klangliche Klasse unter Beweis und das, obwohl dem Prototyp noch der letzte Feinschliff fehlt.