Mit „leichtem Gepäck“ nach Nashville

Silbermond gilt als gemeinsamer Nenner für deutschsprachigen Radio-Pop: Die Gruppe veröffentlicht seit über einem Jahrzehnt erfolgreiche Alben – gerade erschien das fünfte: „Leichtes Gepäck“. Dabei ging die Band neue Wege, wie Koproduzent und Tontechniker Moritz Enders erzählt: Zweiwöchige Aufnahmen in den Blackbird Studios in Nashville dienten als Grundlage, weitere Songs wurden im Toolhouse-Studio bei Fulda eingespielt. Das Ziel: Einzelne, akustisch gespielten Instrumente deutlich herausstellen, statt opulenter Layer-Produktion.

Von Nicolay Ketterer; Fotos: Harald Hoffmann, Silbermond

Produzent und Tontechniker Moritz Enders gilt als Spezialist für deutsche Produktionen im Bereich Pop und Rock (siehe auch Professional audio-Ausgabe 5/2013), hat unter anderem mit Kraftklub, Tim Bendzko oder Heisskalt gearbeitet. Mit seinem Produzentenkollegen Alex Freund (u.a. Radio Doria) und Silbermond-Gitarrist Thomas Stolle hat er das aktuelle Silbermond-Album „Leichtes Gepäck“ produziert. Den Grundstein legten Aufnahmen in Nashville, im Blackbird Studio D. Der Studiokomplex hat neben Country-Größen wie Johnny Cash oder Dolly Parton reichlich Rock- und Pop-Bands beherbergt, darunter Kings Of Leon, Pearl Jam, R.E.M. oder Green Day. Weitere Aufnahmen fanden im Toolhouse-Studio in Rotenburg an der Fulda statt. Gesang entstand größtenteils im bandeigenen Studio in Berlin, mit einem gemieteten Neumann U-47. Enders war neben Produktion für die Sounds zuständig – wir haben mit ihm über die Klangfindung und den Ablauf der Produktion gesprochen.

Abb2_web

? Was hat die Band verändern wollen, im Vergleich zu vorherigen Produktionen?

! Die Gruppe hat zuvor vier Alben in sehr kleinem, familiärem Kreis aufgenommen und wollte eine Veränderung des gewohnten Entstehungsprozesses einer Platte. Als Alex Freund und ich als Produzenten feststanden, gab es viele Song-Ideen und Skizzen, aber die Band war stilistisch noch nicht festgelegt. In der ersten Session hat sich für mich herausgestellt, dass die Musiker erstaunlich gut zusammen funktionieren: Jeder bedient sein Instrument sehr gefühlvoll und musikalisch, was mir auf bisherigen Silbermond-Alben so noch nicht aufgefallen war.
Das ist auch dem Produktionsansatz der Zeit geschuldet: Die Layer-Produktionen waren damals ausufernd, mit breitem Sound. Unser Konzept für die Platte: Die Arrangements auf das Wesentliche reduzieren. Jeder Song basiert auf einem akustischen Schlagzeug-Beat und einem Instrument, das Harmonie und Grundgefühl trägt – je nach Song Akustikgitarre, E-Gitarre oder Piano. Der Hörer sollte spüren, dass die Band als Team spielt. Thomas hat gelegentlich Piano gespielt – dann aber anstatt der Gitarre. Es finden immer noch reichlich Produktionsmittel und Effekte statt, um Songs interessanter zu gestalten, aber der Grundgedanke war Minimalismus: Wir wollten, dass man beim Schlagzeug den Stick aufs Fell fallen hört, wahrnimmt, wie jemand eine Saite am Bass anzupft oder mit den Fingern Akustikgitarre spielt – vermitteln, dass ein Mensch das Instrument bedient.

„Der Hörer sollte spüren, dass die Band als Team spielt, mit Drummer, Bassist und Gitarrist.“

? Wie habt Ihr die Arbeit als Produzenten aufgeteilt?

! Thomas ist der Haupt-Songwriter und hat schon bei früheren Platten praktisch eine Produzentenrolle mit übernommen. Wir drei haben unsere Aufgabenbereiche abgesteckt, wobei ich vor allem für den Bereich Sound zuständig war. Nach der Nashville- und der Toolhouse-Session haben wir uns aufgeteilt: Ich war in meinem Regieraum im Berliner Tritonus-Studio und konnte schon Mixe machen, während Thomas mit Alex im Berliner Band-Studio war. Sie haben an Gesangsaufnahmen und weiteren Sounds gearbeitet, und ich habe die Files in die Produktion eingebunden.

Abb3_web

? Wie entstand der Gedanke, nach Nashville zu gehen?

! Die Idee kam von Alex – er war kurz zuvor in Nashville und hat das Studio gesehen. Wir haben darüber gesprochen, eine gemeinsame Produktion gerne als Erlebnis in einem der großen amerikanischen Studios gestalten zu wollen, wenn der Kontext passt. Für das Silbermond-Album hat es gut gepasst. Das Blackbird hat sich mit seiner umfangreichen Backline angeboten: Du kannst mit Gitarre und Bass im Handgepäck und ein paar Effektpedalen im Koffer anreisen. Dort ist mehr als genug vorhanden, um eine Platte zu machen. Silbermond war nicht auf seine Instrumente fixiert. Für die Band war ein Arsenal an neuen Sounds bei der Platte absolut förderlich. Eines muss man klar sagen: Die Gruppe hat vielen anderen echte Kreativität voraus. Bei vielen Bands, mit denen ich gearbeitet habe, ist klar, welche Parts jeder spielt. Die werden genau geprobt, um sie bei der Aufnahme so gut wie möglich wiederzugeben. Bei Silbermond weiß niemand vorher, was er spielt, und das meine ich im positivsten Sinne. Bei Schlagzeuger Andreas „Nowi“ Nowak ist beispielsweise jedes Fill anders. Bei Johannes Stolle am Bass und Thomas an der Gitarre ist das auch so – man kann ihnen einen Sound einstellen, und sie sind damit kreativ. Das habe ich bei meiner Arbeit mit vielen Bands in Deutschland bisher vermisst.

„Für mich zählt auch die erlebte Zeit. Das sage ich oft zu Leuten, die in einem Kabuff sitzen und monatelang an einer Platte rumschrauben.“

Jetzt alle Vorteile von Professional-audio.de nutzen und kostenlos registrieren!

  • Sie erhalten vollen Zugriff auf alle Inhalte unserer Website.
  • Sie erhalten unseren regelmässigen PAM-Express-Newsletter mit exklusiven Vorab-Inhalten.
Hier kostenlos registrieren

Anmelden
   
Bitte teilen Sie diesen Beitrag