Markante i-Tüpfelchen

Native Instruments baut sein Angebot an Soundpacks für die Kore-Plattform kontinuierlich aus. Im Zentrum stehen dieses Mal zwei ganz spezielle Libraries mit unverwechselbarem Charakter, die jede Produktion farbenprächtig bereichern und sie markant aufwerten. 

Von Georg Berger

Kaum ist das Library-Bundle Kore Electronic Experience von Native Instruments auf dem Markt (Test im letzten Heft), präsentiert das Berliner Unternehmen zwei weitere brandneue Soundpacks für seinen universellen VST-Host Kore 2 beziehungsweise den kostenlosen Kore Player. Die 200 Sounds des ersten der beiden Kandidaten Reaktor Animated Circuits nutzen fünf sogenannte Ensembles – also eigenständige Modulkombinationen – des modularen Synthesizers Reaktor 5. Kostenpunkt: Knapp 50 Euro. Rund 20 Euro mehr kostet das Soundpack True Strike Tension, das auf der Kontakt-Engine aufsetzt. Es enthält knapp ein Gigabyte an diversen Percussion-Samples, die aus der True Strike 2 Library der amerikanischen Sample-Schmiede ProjectSAM stammen. Besonderheit: Deren Libraries sind gezielt auf die Film-Vertonung ausgerichtet und haben bis dato schon viele Hollywood-Produktionen akustisch eindrucksvoll aufgewertet. Die True Strike Tension-Sounds wollen dem in nichts nachstehen und ebenfalls für ein entsprechendes Kino-Flair sorgen. Doch widmen wir uns zuerst dem Reaktor Animated Circuits Soundpack:

m Zentrum der Library stehen Soundscapes, Flächen- und Effektklänge, die mit einem ganz besonderen Feature aufwarten: Nach dem Laden erklingen die Sounds völlig eigenständig und ohne weiteren Eingriff ins Keyboard. Aufgrund dessen ist ein herkömmliches Spielen der Sounds nicht möglich, aber auch nicht beabsichtigt. Sie dienen vielmehr zur akustischen Untermalung bereits bestehender Arrangements und sorgen, geschmackvoll eingesetzt, für Atmosphäre, markante Akzente und i-Tüpfelchen. Ihre Stärken spielen sie dabei souverän durch das Sound-Variations-Konzept aus (siehe Tests in Ausgabe 2 und 11/2008), das mit Hilfe der Morphing-Funktion dynamische und teils drastische Klangverläufe ermöglicht. Zusätzliche Eingriffe in den Sound sind über die jeweils acht Regler und Buttons der Control-Pages möglich. Bemerkenswert: Mit dem Spiral-Ensemble findet sich sogar ein eigens für dieses Soundpack entwickeltes neues Modul. Dabei handelt es sich um einen reinen MIDI-Noten-Erzeuger, der mit Hilfe unterschiedlicher Algorithmen sich ständig ändernde fraktale Melodien erzeugt. Ähnlich wie bei einem Arpeggiator lassen sich die Melodien mannigfach variieren.  Im Test macht das Soundpack einen Heidenspaß, da wir uns ausschließlich aufs Sound-Design zu konzentrieren brauchen. Wir nutzen das Morphing-Feature weidlich aus und holen aus einem Koresound immer wieder überraschend neue und lebendige klangliche Facetten heraus, die wir durch gezielten Parameter-Eingriff zusätzlich verfeinern. Der Grundsound geht eindeutig in Richtung analoge Synthese, wobei sich der Anteil zwischen unharmonischen, geräuschhaften Klangverläufen und harmonischen Klangspektren mit tonaler Definition in etwa die Waage halten. Innerhalb dessen offenbart jedes Reaktor-Ensemble einen ganz eigenen Klangcharakter. So stellt das Space Drone Ensemble eher luftige und hauchzart anmutende Klangverläufe bereit, die sich primär aus impulsartig eingesetzten Anteilen von Rauschen, Zwitschern, Klingeln und Blubbern zusammensetzen. Sie eignen sich perfekt als Lieferant für Effekt-Sounds, etwa zum Untermalen von Science-Fiction-Filmen. Ähnlich luftig und subtil klingen die Sounds des Metaphysical Function Ensembles. Ihr Schwerpunkt liegt auf ostinaten Flächensounds, die eine breite Palette an unterschiedlichen Atmosphären und Stimmungen erzeugen und für Ambient, Filmmusik und Hörspiel prädestiniert sind. Song-Intros lassen sich mit ihnen ebenfalls eindrucksvoll untermalen. Über den Random-Button verbiegen wir die Sounds jedoch nachhaltig und verwandeln sie recht schnell in brachiale Cluster mit hohem Geräuschanteil. Industrial-Musiker finden dort das passende Material. Wem das noch eine Spur zu sanft sein sollte, wird bei den Sounds des Skrewell-Ensembles fündig. Sie liefern die bissigsten und schrägsten Klänge des Soundpacks, die ebenfalls per Random-Funktion nachhaltig veränderbar sind. Den Gegenpol dazu bilden hingegen die Spiral-Sounds, die zumeist harmonisch angenehme Melodieläufe erzeugen und sich auch in Pop-Songs gut machen. Durch Eingriff in die verfügbaren Parameter holen wir aus einem Sound/Pattern ein enormes Spektrum an Klängen und Stimmungen heraus, die von meditativen Klangkulissen mit spärlichem Repertoire bis hin zu chaotischen Zwitscher-Arien reichen. Dancefloor-Jünger finden hingegen im Newscool-Ensemble ihr zu Hause. Über den Run- Button lassen sich perkussive Pattern starten und per Random-Button sowohl im Rhythmus als auch im Sound nachhaltig dekonstruieren. 

Das Animated Circuits Soundpack besitzt einen hohen Spaßfaktor und empfiehlt sich ohne Wenn und Aber als opulenter Effekt-Lieferant für Film und Hörspiel. Gleichzeitig verleiht sie schlappen Musikproduktionen zusätzlich Atmosphäre. Für experimentell veranlagte Musiker ist das Soundpack eh ein Muss.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt das True Strike Tension Soundpack. Dort finden sich zum Einen akustische Percussion-Sounds arabisch-afrikanischer und asiatischer Herkunft wie etwa Djemben, Taikos, Darabukas, Klangschalen, chinesische Gongs und Becken. Das zweite Standbein der Library setzt sich aus Effektklängen zusammen, wie etwa verschiedenen rückwärts abgespielten Percussionsounds, die eine Art Tape-Rewind-Effekt erzeugen. Das Arsenal wird unter anderem komplettiert von gestrichenen Becken und einer Reihe von Sounds, die von einem präparierten Klavier stammen, bei denen beherzt direkt in die Klaviersaiten eingegriffen wird und für den besonderen Horror-Film-Touch sorgen. Einige Percussion-Loops sind ebenfalls dort zu finden. Die Sounds der Library sind in zehn unterschiedlichen Kits zusammengefasst, die ihrerseits in drei Varianten vorliegen und mit jeweils verschiedenen Effekt-Kombinationen aufwarten, was also insgesamt 30 Presets ausmacht. Drei zusätzliche Koresounds enthalten noch einmal sämtliche Rohsamples der Library, aufgeteilt in akustische Trommeln, Metall- und Effektklänge. Die drei Effektkombinationen – per Morphing-Feature und Control Pages steuerbar – setzen verschiedene Schwerpunkte: So findet sich das identische Instrumenten-Arsenal in den Koresounds Safari, River God und Stray Cat. Der Safari-Sound offeriert Echo und Hall zum Veredeln, wohingegen das River God Preset auf Frequenzeingriffe durch Filter und Phaser setzt. Das Stray Cat Preset wartet mit Chorus und Verzerrer-Effekten von Guitar Rig 3 auf und bietet somit den stärksten Eingriff ins Material.  Im Test überzeugen sämtliche Klänge durch eine immense Wucht, die zum Großteil durch die fast ausnahmslos mitgesamplete Rauminformation verursacht wird. Allerdings spiegeln die Samples nicht die akustische Realität wider, sondern sind gezielt auf das Erzeugen von Aufmerksamkeit hin getrimmt. So wartet etwa die große Konzerttrommel mit einem deutlich überbetonten Bassanteil auf, der jedoch zu gefallen weiß. In Konsequenz schaffen es die Sounds, sich ohne Mühen in jedem Arrangement vordergründig durchzusetzen. Der Grundsound ist trotzdem sehr fein aufgelöst und vermittelt Highend-Flair. Beim ausschließlichen Spielen der Samples ist man alsbald von einer riesigen Klangwolke umhüllt, wie sie nur schwerlich von anderen Libraries erzeugt werden kann. Mit den drei Effekt-Kombinationen erhält man zusätzlich sinnvoll zusammengestellte Sound-Design-Optionen, die noch einiges mehr aus dem Sample-Repertoire herausholen. 

Fazit

Mit True Strike Tension hält ohne Zweifel der bombastische Hollywood-Sound Einzug in jede DAW. Die universell einsetzbaren Samples verleihen jeder Produktion einen Hauch von „Fluch der Karibik“. Günstiger ist überdies zurzeit nicht an solche highendigen Sounds zu kommen.

Erschienen in Ausgabe 01/2009

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 49 €
Bewertung: sehr gut – überragend
Preis/Leistung: überragend

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