In 13 Gigabyte um die Welt

Wenn es darum geht Exotik musikalisch darzustellen, führt kein Weg an Ethno-Sounds und -Instrumenten vorbei. Die Ethno World 5 Library will sich dabei als verlässlicher Wegbegleiter und Spurensucher durch sämtliche Erdteile empfehlen.   

Von Georg Berger 

Eines gleich vorweg: Die Ethno World Library von Best Service ist wahrhaftig das umfassendste Kompendium an Instrumenten-Sounds und Loops mit Themenschwerpunkt Weltmusik. Jedenfalls haben wir bis dato kein weiteres Produkt mit ähnlichem oder größerem Umfang zum Test erhalten. Bislang sind vier Auflagen der Library mit ständig wachsendem Content produziert worden. Gerade eben ist das fünfte Update erschienen, das sowohl die Sounds der vier Vorgänger enthält und zusätzlich mit komplett neu produziertem Material auftrumpft. Die Neuheiten in Ethno World 5 konzentrieren sich neben einigen neuen Instrumenten wie Taiko Drums, den ebenfalls mächtig klingenden Big Ethnic Drums, der iranischen Ney-Flöte, Panflöten und einer ukrainischen Bandura hauptsächlich auf Solo-Gesangsstimmen und -Phrasen, die bislang eher stiefmütterlich behandelt wurden. Der Neukauf ist mit knapp 450 Euro zwar nicht gerade günstig, aber das Geld in jedem Falle wert. Ein Upgrade von der dritten oder vierten Auflage kostet attraktive 150 Euro. Die neuen Samples wurden wiederum unter der Führung des Filmmusik-Komponisten Marcel Barsotti (Das Wunder von Bern, Deutschland.Ein Sommermärchen, siehe auch Reportage in Heft 3/2007) aufgenommen und für den Kontakt-Sampler aufwändig aufbereitet. Die Presets von Ethno World 5 setzen hierbei auf Kontakt 4 auf, wobei eine Reihe neuer Features programmiert wurden, um das Spielen und Editieren der Samples noch bequemer und flexibler zu gestalten. Hinzu kommt ein redesigntes GUI der Preset-Slots, das jetzt erstmals einen Quick-Edit-Dialog mit den wichtigsten Einstell-Parametern enthält.

Über den Aufruf weiterer Reiter lassen sich die Sounds mit Hilfe von Filtern, Hüllkurven, Effekten und LFOs nach allen Regeln der Kunst verbiegen. Einen Dialog zum Erstellen eigener Skalen gibt’s obendrein dazu. Neu ist ebenfalls ein integrierter Faltungshall. Zusätzlich hat es Verbesserungen an den sogenannten Time und Beat Machines gegeben, mit deren Hilfe sich die Loops artefaktfrei transponieren und/oder zum Sequenzer-Tempo synchronisieren lassen. Der Legato-Modus wurde ebenfalls verbessert, der beim entsprechenden Spiel die Attack-Phase der neu angeschlagenen Note ausblendet und per einstellbarem Crossfade beide Samples überblendet. Zusammen mit den weiteren enthaltenen Spielhilfen wie Velocity- und Key-Switches zum Aufrufen verschiedener Spielartikulationen, bietet Ethno World 5 ein umfassendes Arsenal an Werkzeugen, um dem Sampler durch geschicktes Spielen lebendig klingende Phrasen zu entlocken. Sehr schön ist auch die Möglichkeit, den Sample-Start frei definieren zu können, was gerade bei den Loops von immensem Vorteil ist und für enorme Flexibilität beim Arrangieren sorgt. Doch zurück zu den Haupt-Akteuren: Den Sounds. Die Klangqualität ist durchweg exzellent. Sämtliche Sounds gefallen durch einen samtigen, schmeichelnden Grundklang, der zwar vordergründig aber nicht aufdringlich oder gar spitz klingt. Lobenswert: Sämtliche Samples sind völlig trocken, also ohne Raumklang aufgenommen worden. Die Library unterteilt sich, ähnlich einem Orchester, in verschiedene Instrumenten-Kategorien wie etwa Trommeln, Percussion, Zupf-, Streich- und Blasinstrumente (siehe Tabelle). Geographisch wird dabei der gesamte Globus vom Balkan, über die Türkei, den Iran, Arabien, Schwarz-Afrika, Indien, Fernost, bis nach Nord- und Südamerika abgeklappert. Sehr schön: Zu fast jedem Instrument gibt es mehrere Multi-Sample-Presets mit einer Reihe von Loops, wahlweise mit und ohne Time/Beat Machine Funktion sowie ein dazu passendes melodisch spielbares Preset des Instruments inklusive verschiedener Spielartikulationen. Damit erhält der Anwender sowohl authentisch gespieltes Musik-Material an die Hand als auch die Möglichkeit, per Instrumenten-Preset eigene Melodien und Akkorde zu spielen. Im Test lassen wir uns sogleich wie Alice im Wunderland von der Exotik der Sounds einfangen, wobei gerade die Loops durch hohe musikalische Verwendbarkeit auffallen. Mehrere in einem Preset eingefasste Loops sind stets musikalisch perfekt aufeinander abgestimmt, was für die hohe Sachkenntnis und die Sorgfalt der Produzenten spricht. Im Nu erstellen wir durch bloßes Abspielen der Loops abwechslungsreiche Phrasen, die inspirierend wirken, nie langweilig werden und ständig Appetit auf mehr machen. Die neu enthaltenen Stimmen-Loops nehmen den Anwender unter anderem mit auf eine Reise nach Kamerun, Guinea, Nord-Amerika, Iran, Türkei, Bulgarien, Peru und China. Thematisch abseits, finden sich sogar westlich geprägte gregorianische Choräle sowie Phrasen, die von einer Jungenstimme eingesungen wurden, wobei die Jungen-Stimme zu unserem persönlichen Highlight avanciert. So etwas findet sich nicht alle Tage auf einer Sample-Library und wir hätten gerne mehr davon gehabt. Wir fühlen uns sofort an das sphärisch klingende Chorwerk „A ceremony of Carols“ von Benjamin Britten erinnert. Sämtliche Stimmen liegen auch als spielbares Instrumenten-Preset vor, die zwar mit markanten Stimm-Timbres für klangliche Abwechslung sorgen, jedoch bei höheren Transponierungen schnell künstlich klingen und daher nur eingeschränkt einsetzbar sind. Gleiches gilt auch für den einzigen klanglichen Ausreißer in der ansonsten hervorragend sortierten Auswahl an Gesangs-Samples. Die Rede ist von den indianischen Kriegsgesängen, die mit einer sehr starken, ziemlich topfig klingenden Rauminformation durchsetzt sind und daher ebenfalls nur eingeschränkt verwendbar sind.

Ethno World 5 ist ein absolutes Muss für jeden Tonschaffenden im Bereich Film und Hörspiel. Sämtliche Presets verfügen über einen hohen musikalischen Nutzwert und sind auch in unterschiedlichen Pop- und Rockmusik-Stilen exzellent als markant klingende, exotische i-Tüpfelchen mit hohem Aufmerksamkeitswert einsetzbar. Durch die Erweiterung des Contents mit Vocal-Loops schließt die fünfte Auflage der Library eine Riesenlücke. Ethno World 5 ist wie ein klingendes musikethnologisches Lexikon und deckt jeden erdenklichen Aspekt musikalischen Vortrags ab.

Erschienen in Ausgabe 11/2010

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 449 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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