Auf historischen Pfaden…

…wandelt Native Instruments mit seinen beiden Drumsample-Librarys Abbey Road 60s und 70s Drums. Aufgenommen im legendären Londoner Studio mit seinem heiß begehrten historischen Equipment, sollen beide Librarys mit einem ganz speziellen Sound aufwarten. Professional audio hat nachgehört.

Von Georg Berger

Im Dezember 2009 gab Native Instruments eine Kooperation mit dem legendären Abbey Road Studio bekannt, um fortan gemeinsam an der Produktion neuer Sound-Librarys zu arbeiten. Knapp einen Monat später veröffentlichte das Berliner Unternehmen mit den Abbey Road 60s Drums das erste gemeinsame Produkt. Ende März folgte mit der Abbey Road 70s Drums Library der Nachfolger. Beide Librarys offerieren jeweils zwei Drumkits, die aus den 1960er und 1970er Jahren stammen und maßgeblich für die Namensgebung der Libraries verantwortlich zeichnen. Für die Aufnahmen der Samples wurde dabei aus dem Vollen geschöpft und durchweg seltenes und schon historisches Recording-Equipment aus dem Abbey Road Studio eingesetzt. So kam für die 60s-Library das Redd.17-Röhrenpult und das TG MKII Mischpult zum Einsatz sowie eine Studer J37 und A80 Bandmaschine. An Mikrofonen werkelten Modelle von Neumann, AKG, Sony und STC, die allesamt in den 1950er und 60er-Jahren das Licht der Welt erblickten. Die Digitalwandlung übernahm in beiden Produkten schließlich ein ADA-8-Wandler von Prismsound. Die 70s-Library steht dem in nichts nach, wenngleich das Recording-Equipment dem Baujahr der Schlagzeuge entsprechend angepasst wurde. In diesem Fall setzten die Tontechniker auf ein TG MKIII-Pult, eine nicht näher bezeichnete 16-Spur-Bandmaschine mit angeschlossener Dolby A-Rauschunterdrückung sowie ein unterschiedliches, nicht minder exquisites Arsenal an 50 bis 60 Jahre alten Mikrofonen von Neumann, Beyerdynamic, Shure und AKG. Als Aufnahmeort wurde jeweils das Studio 2 gewählt, dessen Akustik per Raum-Mikrofonierung ebenfalls Einzug in die Libraries hielt.

Beide Soundsammlungen sind für jeweils attraktive 100 Euro erhältlich. Die Instrumente sind mit bis zu 30 Velocity-Layern detailliert eingefangen worden, wobei jede Velocity-Stufe noch einmal bis zu sechs leicht unterschiedlich klingende Sound-Variationen besitzt, die per Round-Robin-Funktion nacheinander abgespielt werden, um den berüchtigten Maschinengewehr-Sound zu vermeiden. Beide Libraries offerieren jeweils zwei Drumkits, wobei die 60s-Library mit einem Gretsch Round Badge White Marine Pearl und mit einem Ludwig Hollywood-Kit aufwartet. Bemerkenswert: Das Gretsch-Drumset verfügt über zwei Toms, das Ludwig besitzt derer drei. Pro Drumkit stehen in beiden Produkten je zwei Snares zum Austausch zur Verfügung. Darüber hinaus finden sich auch Percussion-Samples und zwar ein Tambourin, Drumsticks und Händeklatschen. Die 70s-Library enthält Klänge eines Ludwig Vistalite Tequila Sunrise Drumkits und eines Schlagzeugs von Premier, die beide mit drei Toms ausgestattet sind. Die Percussion-Abteilung enthält übrigens die gleichen Instrumente wie die 60s-Library, ist aber um Maracas, Shaker, Cowbell und Roto-Toms erweitert, die sich unterschiedlich auf die beiden Kits verteilen. Selbstverständlich warten die einzelnen Instrumente mit verschiedenen Spieltechniken auf, wie unter anderem Flams und Rolls bei den Snare-Drums und elf unterschiedlichen Stellungen der Hihat, die über separate MIDI-Noten anzutriggern sind. Besonderheit: Sämtliche Becken warten mit Bell-Varianten auf, was nicht alltäglich ist. Choke-Sounds werden über ein Release-Sample realisiert. Der Clou: Im 60er-Jahre Ludwig-Kit und im 70er-Premier-Kit finden sich zusätzlich Sound-Varianten von Snares und Toms, die mit einem darüber gelegten Geschirrtuch abgedämpft sind – ein Kniff, der damals oft eingesetzt wurde.

Das Einstellen und Organisieren der Drumkits geschieht intuitiv, leicht und übersichtlich. Im Vergleich zum Superior Drummer-Plug-in von Toontrack und zu Fxpansions BFD-Instrument besticht das Parameter-Arsenal der Abbey-Road-Drums durch eine eindrucksvolle Schlichtheit, was gerade Anfängern und Anwendern ohne Schrauber-Ambitionen in die Hände spielt. Doch unterschätzen sollte man das übersichtliche Repertoire an Einstellmöglichkeiten in keiner Weise. Im Test bieten sich uns dennoch ausreichende bis schier grenzenlose Möglichkeiten, um den Sound und das Ansteuern der Drumkits unseren Vorstellungen adäquat anzupassen. Nach dem Ladevorgang offeriert der Instrumenten-Slot drei wählbare Reiter mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen. Der Drums-Reiter zeigt die Grafik des geladenen Drum-Kits. Ein Klick auf ein Instrument spielt den Sound und wählt es gleichzeitig zum weiteren Editieren aus. Jedes Instrument kann in der Tonhöhe korrigiert werden und das Einstreuen in die Overhead- und Raum-Mikrofone ist einstellbar. Eine aus drei Parametern bestehende Hüllkurven-Sektion erlaubt ein kraftvolles Eingreifen in den Ein- und Ausschwingvorgang des Instruments. Im Test lassen sich damit sogar lupenreine Gated-Sounds im Handumdrehen herstellen. Besonderheit: Bass- und Snare-Drum verfügen über einen zusätzlichen Fader, der zwischen den Mikrofonen inner- und außerhalb beziehungsweise ober- und unterhalb der Trommel überblendet. Die verschiedenen Spielvarianten der Instrumente sind per Ausklapp-Liste wähl- und editierbar. Die Möglichkeit zum Rerouting des Sounds auf eine neue MIDI-Note, wahlweise per Lern-Funktion oder manuelle Eingabe, rundet die Einstellmöglichkeiten des Dialogs ab. Bemerkenswert: Die 70s-Library wartet überdies mit einem Mapping-Menü auf, das die Sounds automatisch auf die Tastaturbelegung elektronischer Drumkits wie unter anderem den Roland V-Drums oder Mitbewerbern wie etwa BFD oder Addictive Drums routet und für zusätzlichen Komfort sorgt. In der 60s-Library fehlt dieses Feature, was jedoch durch ein Update leicht zu beheben sein sollte. Nach Klick auf den Mixer-Reiter zeigt sich ein rudimentär ausgestattetes Mischpult, das mit dem Vintage-Design der TG-Pulte aufwartet und über Fader, Panpots, Solo- und Mute-Buttons pro Kanal verfügt. Besonderheit: Die Panpots für die Stereo-Overhead- und Raumkanäle nehmen Einfluss auf die Stereobreite, die sich deutlich verbreitern, aber auch auf mono einstellen lässt. Wer Möglichkeiten zum Anpassen der Sounds über Equalizer und Kompressoren vermisst, kann sich beruhigt zurücklehnen. Denn jeder Drum-Channelstrip lässt sich auf einen separaten Kanal des Kontakt-Mixers routen in dem sich die nötigen Klangformungs-Arbeiten letztlich vornehmen lassen. Je nach Library und Drumset zeigen sich im Mixer unterschiedliche Kanalbelegungen. So verfügt die 60s-Library über einen Mono- und Stereo-Overhead-Kanal und einen Stereo-Raumkanal. Das 70s-Kit wartet im Unterschied dazu beim Ludwig-Kit mit zwei Stereo-Overheads auf. Grund: das zweite Overhead-Mikrofon-Paar ist im sogenannten „Glyn Johns Setup“ angeordnet, das zusammen mit dem Top-Snare-Mikrofon und dem Bassdrum-Mikrofon vor der Trommel ein beliebtes Mikrofonierungsverfahren der 70er-Jahre reproduziert. Ähnliches bietet auch die 60s-Library mit einem Vintage-Setup, das mit Mono-Overhead und Bassdrum-Mikrofon den Anfängen der Schlagzeug-Mikrofonierung nacheifert.

Der Optionen-Reiter gestattet hingegen globale Eingriffe in die geladenen Drumkits. Außer altbekannten Funktionen wie dem Einstellen der Anschlagsdynamik und des Tastaturbereichs, haben sich die Entwickler mit dem Randomize-Dialog ein gleichwohl pfiffiges wie nicht alltägliches Feature einfallen lassen, das zusätzlich zur Lebendigkeit des Schlagzeugspiels beiträgt. So kann der Anwender zufällige Änderungen in die Lautstärke, auf die Tonhöhe, die Anschlagsdynamik, den Klang und auch auf das Starten der Samples durch Drehen an den Potis vornehmen, was für einen zusätzlichen Schuss Human Touch sorgt. Im Test funktioniert das hervorragend und erspart uns teils langwierige Arbeiten an den MIDI-Spuren. Dafür hat sich Native Instruments ein Extra-Lob verdient. Allerdings sollte man es mit den Einstellungen nicht übertreiben, denn gerade zu großzügige Pitch- und Time-Einstellungen führen zu entsprechend falsch klingenden Ergebnissen. Sehr schön: Per Button können die Direkt-Signale der einzelnen Schlaginstrumente aus der Zufalls-Funktion herausgenommen werden, was für deutlich mehr Subtilität sorgt. Alles in allem hat Native Instruments mit diesem Feature die Nase vorn gegenüber den Platzhirschen Toontrack und Fxpansion, nicht zuletzt auch aufgrund der simplen Einstellmöglichkeiten. Zurückstecken müssen die Berliner Trommel-Bibliotheken jedoch in den Einstellmöglichkeiten von Übersprechsignalen. Denn hier offerieren beide Librarys lediglich einen Regler, der das Übersprechen der Snare-Drum in die anderen virtuellen Mikrofone reguliert. Im Test ist dieses Manko jedoch nicht wirklich als Solches zu erkennen. Klanglich katapultieren sich beide Librarys mühelos in die Spitzenliga. Der Grundsound ist fein aufgelöst und sämtlichen Schlagzeugsounds wohnt dieser gewisse Glanz inne, der sie wie ein imaginärer Schleier umhüllt. Gleichzeitig bestechen sie durch eine angenehm hörbare Samtigkeit, die selbst bei sehr lautem Spiel immer noch hörbar bleibt und den Klängen eine gewisse vornehme Zurückhaltung verleiht, die irgendwie immer richtig klingt. Zudem überzeugen die Sounds durch ein plastisches Klangbild, das mit Hilfe der Raumsignale eindrucksvoll unterstützt wird. Dabei wuchern beide Librarys ordentlich mit dem akustischen Pfund des Aufnahmeraums, der mit seinem eigenen Hallsound die Drumkits deutlich aufwertet.

Um einen ganz und gar trockenen Instrumentenklang zu erhalten, müssen wir schon einiges anstellen, da der Aufnahmeraum selbst durch die Overheads immer noch deutlich durchdringt. Doch damit würde man beide Librarys einer wichtigen Zutat berauben. Die Blenden-Regler für die Overhead- und Raum-Anteile der einzelnen Instrumente laden zusammen mit der Hüllkurve und den Kanalzügen des Mixers förmlich dazu ein, die Räumlichkeit und Tiefenstaffelung der Instrumente nuanciert auszubalancieren. Obwohl sich mit den Rauminformationen des Studio 2 lediglich ein Hallsound findet, sind die Möglichkeiten zur Ausgestaltung der Räumlichkeit dennoch schier grenzenlos. Unabhängig davon besitzen die Drumkits ebenfalls ganz eigene Qualitäten. Das 60er-Jahre Gretsch-Drumkit wartet mit einem fast schon zarten und verhaltenen Sound auf, perfekt für Balladen oder Blues. Das 60er-Ludwig-Kit klingt hingegen deutlich vordergründiger, crisper und bissiger, das für Rock und Pop das passende Fundament bietet. Auffällig: Die Vintage-Presets mit Mono-Overhead und Bass-Drum-Mikro klingen eigentümlich in den Höhen beschnitten und eifern dem Sound der Sixties authentisch nach. Die beiden 70er-Jahre Drumkits warten mit deutlich unterschiedlicheren Sounds auf. Das Ludwig-Kit klingt ähnlich dem Pendant aus den 60er-Jahren, verfügt aber über mehr Höhenanteile und ist eine Spur knackiger und voluminöser. Im Glyn Johns Setup klingen die Becken und Toms zudem durch die spezielle Aufstellung der Overhead-Mikrofone deutlich separiert im Stereofeld, was auf eine eigentümliche Art die Instrumente des Drumkits im Panorama positioniert und für eine erfrischende Abwechslung im Aufnehmen und Abmischen von Schlagzeug sorgt. Damit können die Mitbewerber (noch?) nicht aufwarten. Das Premier-Kit ist hingegen mit aufgestellten Trennwänden und ausgelegten Teppichen von der Akustik des Studios entkoppelt aufgenommen worden und klingt dadurch sehr direkt und nicht ganz so luftig wie die übrigen Drumkits. Das Einblenden des Raumsignals fügt dem Schlagzeug höchstens einen Hauch an Räumlichkeit hinzu. Erinnerungen beispielsweise an den Drumsound des Low-Albums von David Bowie oder an unzählige Abba-Songs werden beim Hören dieses Sounds wach.

Fazit

Native Instruments ist mit den Abbey Road 60s und 70s Drums ein zweifellos großer Wurf gelungen. Beide Librarys warten mit einem exzellenten Sound auf, der durch das verwendete Recording-Equipment Glanz in jede Produktion bringt. Der Anwender erhält für wenig Geld ein authentisch konserviertes Stück Abbey Road Studio, das nicht nur einen aktuellen und modernen Sound reproduziert, sondern auch den Geist der 60er oder 70er Jahre erfolgreich in die DAW einziehen lässt.

 

Erschienen in Ausgabe 05/2010

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 99 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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