Exotische Klang-Gewürze

Wer auf der Suche nach akustischer Exotik ist und seine Produktionen mit dem Aroma von Wasserpfeifen, Curry und Massala würzen möchte, findet mit den beiden Loop-Libraries Diamonds of Orient und Bollywood Elements die passenden Zutaten. 

Von Georg Berger

Nicht erst seit dem Bollywood-Hype steht die Musik des asiatisch-orientalischen Kulturkreises bei vielen Musikschaffenden hoch im Kurs. An erster Stelle sind hier die Bereiche Filmmusik und Post Production zu nennen. Doch auch die Weltmusik sowie Mittelalter-Rock, Ambient, New Age, alle Arten von Dancefloor und der Dark Wave/Gothic bedienen sich schon seit langem gerne an Versatzstücken sämtlicher Spielarten asiatischer Musik, die sie mit westlichen Musik-Elementen vermischen. Die Libraries Diamonds of Orient von Best Service und Bollywood Elements des indischen Sample-Spezialisten Philtre Labs können sich also einer entsprechenden Aufmerksamkeit sicher sein. Beide Libraries setzen eindeutige Akzente und Schwerpunkte: Diamonds of Orient ist eine reine Percussion-Library und enthält Grooves aus dem Balkan, Vorderasien und Arabien. Mit den Sounds von Bollywood Elements wird – Nomen est Omen – ausschließlich der indischen Musik gefrönt.

Das Repertoire besteht aus Melodien, Phrasen sowie Harmonie-Sequenzen und erlaubt das Produzieren authentisch klingender Begleit-Arrangements. Beide Libaries enthalten ausschließlich Loops und One-Shot-Sequenzen, die in den gängigen Daten-Formaten, wie unter anderem Wav oder einem der beiden Slice-Formate REX oder ACID (siehe Tabelle) vorliegen. Speziell programmierte Presets für die gängigsten Software-Sampler sind allerdings nicht enthalten, was schade ist, aber andererseits die Verkaufspreise beider Libraries erfreulich niedrig hält und jeweils um die 100 Euro kosten. Der Anwender muss also selbst Hand anlegen beim Erstellen seiner Presets. Viel schwerer als das wiegt jedoch die Tatsache, dass sich in beiden Produkten keine Dokumentation oder Auflistung der Loops inklusive Beschreibung findet, was das Zusammenstellen eigener Presets deutlich komfortabler machen würde und zu einer Selbstverständlichkeit gehören sollte. Einzige Anhaltspunkte sind die Ordner-Strukturen und -Bezeichnungen der Libraries, die kurz und knapp Auskunft über ihren Inhalt geben und uns im Test beim Erstellen von Multisamples immer wieder zu einem Parforce-Ritt durch den Browser von Kontakt 3 veranlassen.

Als erstes widmen wir uns der Diamonds of Orient Library. Sie enthält ausschließlich Percussion-Loops, die von einschlägig bekannten Meistern ihres Fachs eingespielt wurden und Grooves aus dem Balkan, Vorderasien und dem gesamten arabischen Raum enthalten. Wer nur ein Datenformat, etwa Wav, einsetzen möchte, benötigt dafür nur knapp zwei Gigabyte auf der Festplatte. Fast sämtliche Grooves sind mit nur jeweils einem Instrument eingespielt, was eine hohe Flexibilität beim Kombinieren mit anderen Grooves garantiert. Die Sample-Files sind in 114 Ordnern organisiert, die mit ihren Bezeichnungen Auskunft über Tempo, Taktart und geographisch/musikalischer Herkunft geben. Teils führen sie auch die Namen folkloristischer Tänze wie etwa Baladi, Vahde oder Ciftetelli, die nochmals für Eindeutigkeit sorgen. Einige Ordner enthalten überdies Construction Kits, die aus gezielt aufeinander abgestimmten Einzelsound-Loops bestehen und zum Einspielen vielfältiger Groove-Variationen einladen. Die Tempi rangieren zwischen 55 bis hinauf auf sogar 260 BPM. Die meisten Rhythmen sind im 4/4tel-Takt eingespielt worden. Doch es finden sich auch eine Reihe von Loops mit ungeraden Metren wie etwa 5/8, 9/8 oder 10/8tel-Takten, die für diese Kulturkreise gerade so typisch sind. Der Hersteller verspricht jedoch, dass diese „krummen“ Loops dank entsprechender Sample-Bearbeitung auch in Arrangements mit geraden Taktarten musikalisch einsetzbar sind, was wir natürlich ausprobieren.

Im Test legen wir diverse 5/8- und 7/8-Loops über einen einfachen 4/4-Rockbeat, die als i-Tüpfelchen für Abwechslung sorgen sollen. Das Ergebnis weiß durchweg zu überzeugen. Zwar passen naturgemäß nicht alle Grooves aufgrund ihrer Phrasierungen und Spielvariationen zusammen. Doch dort wo sie passen, verschmelzen sie, wie von Zauberhand, mit dem teutonischen Basis-Track und bilden eine organische Einheit.

Auffällig ist das eingesetzte Instrumenten-Repertoire. In den meisten Ordnern finden sich immer wieder Loops, die mit den gleichen vier zentralen Basis-Instrumenten eingespielt wurden: Bendir, Darabuka, Davul und Hollo. Je nach Region kommen stellenweise weitere Schlaginstrumente hinzu wie Tablas, Udus, Tambourine, Kastagnetten, Shaker, Handzimbeln und Nagaras. Wer denkt, dass damit ein willkürlich gewählter Multikulti-Mischmasch aus Instrumenten aller Herrenländer zum Einsatz gekommen ist und um die klangliche Authentizität der Grooves bangt, der irrt gewaltig. Denn Produzent Efkan Durmaz hat bei der Auswahl der vier Zentral-Instrumente Experten-Know-how bewiesen, da sie in der Musik aller in der Library enthaltenen Regionen zu finden sind und somit den kleinsten gemeinsamen Nenner bilden.Zusätzlicher Vorteil: Wer etwa bulgarische Grooves mit persischen Rhythmen kombinieren möchte, braucht keine klanglichen Kontraste zu fürchten. Alles klingt wie aus einem Guss.

Erfreulich: Sämtliche Samples sind mit nur minimalen Raumanteilen gesamplet, die ihnen lediglich Volumen und Charakter verleihen und daher sehr unauffällig ausfallen. Sämtliche Samples sind fein aufgelöst, Loop-Punkte sind in keinem Fall zu hören und sie fallen durch eine angenehme Zurückhaltung auf, die ihnen einen Schuss schmeichelnde Seidigkeit verleihen. Das Repertoire an Grooves ist erwartungsgemäß exotisch ausgerichtet. Im Test ziehen uns die Loops schon nach kurzer Zeit in ihren Bann und wir begeben uns auf eine regelrechte Klangreise. Einige Rhythmen kommen uns durchaus vertraut vor, doch der Großteil weiß mit teils hochvirtuosen und manierierten Phrasierungen immer wieder zu überraschen und zu begeistern. Diamonds of Orient bietet ein riesiges Arsenal an virtuos eingespielten und vor allem lebendig klingenden Percussion-Grooves authentisch klingender osteuropäischer und orientalischer Folklore, die jedes Arrangement mit einem Hauch von Exotik anzureichern weiß. Die Zusammenstellung der Rhythmen und Instrumente ist genial gewählt und zeugt von der Sachkenntnis und dem sehr guten Fingerspitzengefühl des Produzenten.

Die zweite zum Test angetretene Library Bollywood Elements konzentriert sich thematisch auf indische Folkore. Besonderheit: Sie enthält ausschließlich Loops und One-Shot-Sequenzen mit Phrasen und musikalischen Verzierungen von tonalen Instrumenten und bildet somit den Gegenpart zum Vorgänger Bollywood Grooves, der mit den entsprechenden Percussion-Loops aufwartet. Die Library-Struktur besteht aus elf Instrumenten-Ordnern, in denen sich sattsam bekannte Vertreter wie Bansuri-Flöte, Sitar, Mandoline, aber auch hierzulande eher unbekannte Instrumente tummeln wie die Saiten- und Streichinstrumente Bulbul Tarang, Sarangi, Tumbi und Sarod sowie den Blasinstrumenten Shankh, Shehnai und Narsingha, die mit ihren charakteristischen Timbres sofort Assoziationen an Ravi Shankhar, Turbane, Taj Mahal und all die mit Indien verbundenen Aromen und Gewürze weckt. Innerhalb der Instrumenten-Ordner finden sich weitere Unterordner, die zum einen Phrasen enthalten und die wiederum nach Tempo in weitere Unterordner aufgeteilt sind. Überdies bietet die Library zu einigen Instrumenten Effekt-Samples, die verschiedene geräuschhafte Klänge oder Triller, Glissandi sowie melodische Verzierungen enthalten.

Das zweite Standbein in den Instrumenten-Ordnern bilden die Ragas , die wiederum in weitere Unterordner aufgeteilt sind und verschiedene Variationen beziehungsweise Fragmente der Ragas enthalten, etwa die sogenannten Aalaps, die zur Introduktion des Ragas dienen. Die Aalap-Samples besitzen, im Gegensatz zu den anderen Raga-Teilen, übrigens kein festgelegtes Metrum oder Tempo, was jedoch Absicht des Herstellers ist, um die Lebendigkeit und Authentizität dieses einleitenden Melodieteils zu erhalten. Insgesamt tummeln sich auf Bollywood Elements über 1.100 Samples. Wer nur eines der beiden Datenformate – Wav oder Apple Loops – nutzen will, benötigt vergleichsweise geringe 1,35 Gigabyte an Speicherplatz. Sämtliche Wav-Files sind übrigens nach dem Sony ACID-Verfahren geslicet. Dankenswerterweise enthält jedes Sample-File zur Unterscheidung außer der Instrumenten-Bezeichnung, kurze und knappe Informationen zum Tempo und der Tonhöhe/Tonart. Die Tempi rangieren zwischen 70 bis 148 BPM, wobei die meisten Phrasen zumeist mit 85, 95 oder 110 BPM gespielt sind.

Ebenso wie die Diamonds-Library macht das Spielen und Kombinieren der Bollywood-Samples miteinander uneingeschränkt Spaß und schon bald läuft vor unserem Auge ein imaginärer Film mit Szenen von Maharadscha-Palästen und Marktszenen am Ganges vor unserem inneren Auge ab. Dabei wissen die Phrasen immer wieder durch ihr wieselflinkes virtuoses Spiel und ihre exotischen melodischen Wendungen zu begeistern. Für Filmmusik und Post Production liefert Bollywood Elements in jedem Falle ausreichend authentisch klingendes Material. Allerdings prägen die Loops westliche Arrangements, wenngleich auch nur behutsam als i-Tüpfelchen eingesetzt, auf dominante Weise, was nicht in jeder Situation passend erscheinen mag und ihre Einsatzmöglichkeiten für diese Zwecke deshalb ein wenig einschränkt. Wer aber voll und ganz auf der Ethno- und Weltmusik-Schiene fährt, wird in jedem Falle ein wahres Schlaraffenland vorfinden. Sehr schön: Ebenso wie bei der Diamonds-Library sind sämtliche Samples ohne weitere Rauminformation aufgezeichnet worden.

Der Grundsound ist äußerst transparent, hochfein aufgelöst und klingt fast schon eine Spur zu vordergründig, hervorgerufen durch eine leichte Betonung im Höhenband. Dadurch stechen sie problemlos aus jedem Arrangement heraus und fordern den für sie prädestinierten Platz, nämlich in der ersten Reihe.  Bollywood Elements ist eine wahre Melodien-, Phrasen- und Raga-Fundgrube für Freunde indischer Melodie-Instrumente. Die sehr markant klingenden Loops überzeugen durch Authentizität, die jedes Arrangement auf dominante Art zu prägen und zu bereichern wissen und bei denen man nicht weghören kann.

Erschienen in Ausgabe 06/2009

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 87 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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