Klang-Kollaborateure

Die Software-Schmiede Ableton legt nach und präsentiert seit kurzem eine Riesenfülle an neuen Sound Librarys, die sich maßgeschneidert in die Arbeitsumgebung ihres Sequenzers Live einfügen. Professional audio hat drei Librarys ausgewählt und genauer unter die Lupe genommen.   

Von Georg Berger 

Besitzer und Anwender des Sequenzers Ableton Live können sich freuen. Der Hersteller hat vor kurzem knapp 30 neue Live Packs, also Librarys, präsentiert, die maßgeschneidert für das Zusammenspiel mit dem Live-Sequenzer produziert wurden und teils exklusiv nur für Live erhältlich sind. Dafür ging Ableton eine Partnerschaft mit einschlägigen Soundware-Unternehmen ein, die für die Produktion der Librarys verantwortlich zeichnen und – Nomen est Omen – unter der Bezeichnung „Partner Instruments“ in einer Preisspanne zwischen attraktiven 30 bis 80 Euro erhältlich sind. Das Produkt-Portfolio setzt sich aus Drumsample- und Drumloop-Librarys zusammen, gefolgt von Sammlungen spielbarer Instrumenten-Sounds wie etwa Konzertflügeln und Synthesizern. Der größte Teil an Produkten innerhalb der Partner Instruments widmet sich jedoch exotischen Instrumenten, unter anderem der Ghu Zheng, der Pan Drum, dem Gamelan, E-Bow-Gitarren und dergleichen mehr sowie speziellen Sammlungen von Effektsounds und Soundscapes für Filmmusik und Post Production. Sämtliche Partner Instruments erfordern die Version Live 8.1.3. Jedes Produkt offeriert dabei eine individuelle Zusammenstellung verschiedener Live-Dateiformate, angefangen mit Live-Sets und
-Clips, gefolgt von Instrument-Racks bis hin zu Presets für das Simpler-Instrument.

Vorteil: Durch die gezielte Aufbereitung der Sounds für den Live-Sequenzer, fügen sie sich nahtlos ins Programm ein. Das Laden zusätzlicher Abspiel-Software beziehungsweise Plug-ins entfällt also, was in Sachen Bedienkomfort ein deutlicher Pluspunkt ist und einen weiteren Pluspunkt hinsichtlich Attraktivität markiert. Eine repräsentative Auswahl aus diesem riesigen Angebot zu treffen ist dabei nahezu unmöglich, weshalb die hier näher vorgestellten Produkte nur einen kleinen, jedoch sehr interessanten Einblick in die Partner Instruments bieten.  

Den Anfang macht das Scope Live Pack der britischen Sound-Schmiede Flatpack. Im Mittelpunkt der Library stehen Effekt- und Flächensounds sowie epische Klangtexturen, die eine zumeist ruhige und düstere Atmosphäre erzeugen. Die Sounds und ihre Bestandteile klingen zumeist, als ob sie digitaler Herkunft sind, Frequenzmodulation lässt grüssen. Teils höhenreiche und leicht bis stark bissig klingende Klangbestandteile mischen sich mit wuchtigen und voluminösen Klangtexturen, die eher von mächtigen Analog-Synthesizern stammen. Dazu gesellen sich Sounds, die mit  Rausch-Spektren durchsetzt sind, begleitet von tonalen, sich im Verlauf ändernden und weich klingenden Synthesizer-Pads. Mitunter sind die Spektren von Filterverläufen durchzogen, die für weitere Änderungen im Klangverlauf sorgen. Die Akkord-Strukturen der mittig bis tiefen Flächenklang-Anteile klingen in den Presets mal harmonisch, jedoch immer in Moll, mal dissonant. Auffällig ist immer eine immense Raumfülle in den Sounds, die nicht zuletzt durch weidliches Ausnutzen eigens programmierter Hall-Presets erzeugt werden und per Macro-Regler justierbar sind. Beim Durchhören der Sounds erscheinen vor unserem inneren Auge riesige Höhlen und Gewölbe im Halbdunkel oder Labyrinthe, in denen nichts Gutes haust. Andere Sounds bieten sich perfekt zur Untermalung nächtlicher Landschaften an, die einen Hauch dunkler Romantik versprühen. In tiefen Lagen gespielt, bietet sich mancher Sound als perfekte Untermalung für Maschinengeräusche an, etwa von Raumschiffen. Auffällig: Durch die harmonisch-tonalen Anteile in den Sounds sind sämtliche Presets zumeist in der Tonhöhe ausreichend kontrollierbar, was dem Anwender genug Spielraum gibt, die Sounds musikalisch-harmonisch gezielt ins Arrangement einsetzen zu können. Besonderheit: Jeder Sound eines Instrument-Racks besteht aus zwei Samples, die sich über einen Macro-Regler nahtlos überblenden lassen, was für einen lebendigen Verlauf der Klangtexturen sorgt. Im Test sind wir anfangs jedoch enttäuscht, denn Klangänderungen erfolgen ausnahmslos sehr subtil und wenig spektakulär. Da hatten wir uns mehr versprochen. Doch dahinter steckt Methode. Denn das Scope Live Pack will nicht mit Vordergründigkeit und brachialen Effekten punkten. Die Sounds sollen bewusst als Leisetreter im Hintergrund für Atmosphäre sorgen und auf subtile Art Produktionen aufwerten. Deutlich vordergründiger geht’s jedoch bei den mitgelieferten Simpler-Presets zur Sache. Sie bilden sozusagen die Teilmenge der Instrument-Racks und wissen sich, den Effekten beraubt, deutlich eindrucksvoller in Szene zu setzen. Hörspiel-Produzenten, Filmmusik-Komponisten und Sounddesigner dürften in erster Linie Gefallen an den Flatpack-Soundscapes finden. Als i-Tüpfelchen in allen Arten von Dancefloor und elektronischer Musik eingesetzt, sorgen sie fast unhörbar für Aha-Effekte, etwa im Intro oder an ruhigen Stellen mitten im Stück. 

Konzeptionell in die gleiche Richtung gehend, aber klanglich dennoch völlig anders aufgestellt, ist das Acoustix Live Pack des amerikanischen Herstellers Sample Logic. Auch diese Library, die übrigens exklusiv für Ableton Live produziert wurde, richtet sich nach dem Willen der Produzenten an den Filmmusik-Bereich. Die Instrument-Rack-Presets sind aufgeteilt in die Haupt-Kategorien Atmospheres, Ensembles, Melodics und Percussives, die dem Anwender eine breite Palette an Soundscapes und melodiös spielbaren Instrumenten- und Percussion-Sounds bietet. Überdies erhält man eine Reihe von Live-Clips mit Drum-Loops, die in Richtung Dancefloor, Weltmusik, Rock/Pop und eben Filmmusik gehen. Der Gesamtsound der Library lässt sich mit einem Wort beschreiben: Blockbuster-Sound. Sämtliche Samples drängen voluminös, um nicht zu sagen brachial aus den Lautsprechern. Sie warten mit deutlichen Bass- und Höhenanteilen auf, mit denen sie sich kompromisslos in den Vordergrund schieben. Gerade die vielen Percussion Instrument-Racks liefern Hollywood-Sound at its best und markieren das Highlight des Acoustix Live Packs. Wer Film-Scores à la Fluch der Karibik produzieren will, hat mit Acoustix in jedem Fall einen verlässlichen Begleiter. Hier wird, wir können es nicht anders sagen, ordentlich auf die Kacke gehauen. Die Atmosphären- und Instrumenten-Sounds stehen dem in nichts nach. Analoge Synth-Sounds, gemischt mit Anteilen akustischer und elektrischer Instrumente wie Geigen, Flöten, E-Gitarren bieten eine breite Palette unterschiedlicher klanglicher Stimmungen. Die Instrumenten-Sounds wie etwa ein Cello, Sitar, Gitarren und Pianos klingen ohne Ausnahme deutlich größer als im realen Leben. Die Sounds bieten sich für unterschiedliche Film-Genres an, sei es Thriller, Science Fiction, Fantasy, Kostüm-Streifen, kurzum alles was mit Action zu tun hat und entsprechend eindrucksvoll akustisch untermalt werden soll. Live-Anwender, die schon seit langem auf der Suche nach diesen übergroßen Kino-Sounds sind, werden nicht an der Acoustix-Library vorbeikommen. Damit nicht genug, bieten die Macro-Regler der Instrument-Racks zusätzliche Eingriffs-Möglichkeiten in die Sounds, um ihnen noch mehr Kraft zu verleihen. Filter-Cutoff und -Resonanz sorgen für nachhaltige, dramatische Klangverläufe. Ein in der Intensität einstellbarer Distortion-Effekt schärft die Sounds gehörig an, was sich gerade bei den Percussion-Sounds anbietet und Industrial-Musikern das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Wahlweise ein Arpeggiator oder ein Pulser benannter Parameter, der ein Tremolo erzeugt, sorgen für rhythmische Lebendigkeit bei den Flächen- und Instrumenten-Sounds. Im Test sind wir ohne Ausnahme immer wieder von der Mächtigkeit jedes Sounds beeindruckt, die zusammen mit den gleichzeitig erklingenden Hall-Effekten die Library prägt. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass ein Einsatz der Acoustix-Sounds in konventionell klingenden Arrangements problematisch ist. Denn nur allzu leicht bügeln sie mit ihren überbetont angehobenen Bassfrequenzen alles platt. Ein nachhaltiger Einsatz des Equalizers sorgt zwar für Abhilfe, lässt die Sounds jedoch wieder kleiner und schwachbrüstiger erklingen. Hier ist also entsprechendes Know-how und vor allem Gespür erforderlich, um eine ausgewogene Balance zwischen Durchsetzungsfähigkeit und Homogenität herzustellen. Wer Arrangements ausschließlich mit den Sounds der Acoustix-Library produziert, ist dabei auf der sicheren Seite. Doch sollte man nicht unterschätzen, dass man sich nur allzu leicht von der Wuchtigkeit der Sounds betören lässt, was auf Dauer jedoch ermüdend ist und recht bald nervig wirkt. Ungeachtet dessen bietet das Acoustix Live Pack Hollywood-Sound par exellence, der ein vielfaches teurer und edler klingt, als die Library kostet. Für Filmmusiker ist Acoustix in jedem Falle Pflicht.

Jenseits ausgetretener Pfade präsentiert sich auch das Klang-Repertoire des Sound Objects Live Packs, das von der kanadischen Sound-Schmiede SonArte produziert wurde. Ein kurzer Blick auf das verwendete „Instrumentarium“ erinnert unweigerlich an die Musik der Einstürzenden Neubauten. Aufgenommen wurden Plastik- und Metallrohre, Sägeblätter, eine Auswahl diverser Metall-, Keramik- und Steinplatten sowie weitere Bauteile unterschiedlicher Herkunft, die allesamt in Baumärkten zu finden und eigentlich für den Hausbau gedacht sind. Diesem Material wurden Klänge auf zwei Arten entlockt: Durch Anschlagen mit der Hand, Plastik- oder Filzschlegeln sowie durch Anstreichen mit Hilfe eines Geigen-Bogens. Obendrein enthält das Live Pack eine kleine Auswahl unterschiedlicher Becken, Gongs und Glocken zumeist asiatischer Herkunft, mit denen bei der Aufnahme ebenso verfahren wurde. Folglich ist das Live Pack in die zwei Haupt-Kategorien perkussive und gestrichene Instrumente unterteilt, wobei die Percussion-Sounds den Großteil ausmachen. Im Test hören wir uns zunächst die Simpler Presets an, die uns einen Einblick in das Basis-Material gewähren. Anders als erwartet – Stichwort: Einstürzende Neubauten – hören wir filigrane Klangspektren, die äußerst intim, fast schon zerbrechlich wirken. Man hat fast den Eindruck, dass die Produzenten sich gescheut haben mal mit der groben Kelle ordentlich auf den Putz zu hauen und den Materialien die Klänge zu entlocken, die man zumeist mit ihnen assoziiert, also schrille und geräuschhafte Spektren, kurz gesagt Krach. Viele Sounds erinnern an Äquivalente aus dem Instrumenten-Bereich, etwa Glocken, Xylophone, Marimbas, Woodblocks, Becken, Streich-Instrumente und dergleichen mehr. Doch in dieses Grundtimbre mischen sich immer wieder klangliche Bestandteile, die uns signalisieren, dass es sich doch nicht um das vermutete Instrument handelt. Damit sind diese Klänge eine willkommene Alternative, um Arrangements einen Hauch von Exotik zu verleihen. Im Test ersetzen wir in einem Song ein Ride-Becken gegen einen perkussiven Metallplatten-Sound, der in eine ähnliche klangliche Richtung geht wie das Becken. Und siehe da: Der Drum-Groove, obwohl nur an einer Stelle klanglich verändert, wertet den Song auf subtile Art auf. Das Ohr hört zwar einen Beckensound, doch irgendwas ist noch darin enthalten, bei dem man nicht weghören kann. Den weitaus größten Teil von Sound Objects machen jedoch die Instrument-Rack-Presets aus, in denen der Hersteller sein ganzes Können in puncto Sounddesign eindrucksvoll beweist. Bestechen die Simpler-Presets zumeist durch ihren akustischen Charakter, wird das Basismaterial in den Rack-Presets mit Hilfe von Effekten derart verbogen, so dass der Basis-Sound nur wenig bis gar nicht mehr erkennbar ist. Ein mit der Hand geschlagenes Plastikrohr klingt in Reinform perkussiv und lässt sich herrlich als Ersatz für Toms einsetzen. Als Bestandteil eines Rack-Sounds verwandelt sich der Sound auf einmal in einen knurrenden, leicht angezerrten E-Bass, der hervorragende Dienste nicht nur in Rock-Songs, sondern auch in allen Arten von Dancefloor leistet. Mit den übrigen Samples wird auf die gleiche Weise verfahren. Viele der so verfremdeten Samples klingen auf einmal wie waschechte Synthesizer-Sounds, die wiederum durch ihren ganz eigenen Charakter bestechen. So finden sich außer Percussion-Presets schließlich auch Leads, Effekt-Klänge und eine Reihe von Flächen-Sounds. Wer auf der Suche nach einer breit gefächerten Soundpalette mit dem besonderen Etwas ist, um seine Arrangements mit unterschwelliger Exotik anzureichern, findet in Sound Objects daher mit Sicherheit einen verlässlichen Partner. 

 

Erschienen in Ausgabe 08/2010

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 79 €
Bewertung: überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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