Versuch und Irrtum

 

Drums in einem Raum aufzunehmen ist eine Herausforderung, besonders wenn es sich um ein ehemaliges, inzwischen gänzlich leergeräumtes Studio handelt und sämtliches Equipment samt Studio-Verkabelung mitgeschleppt werden muss. Über die kleinen und großen organisatorischen Probleme einer „autarken“ Field-Recording-Session.

Von Nicolay Ketterer (Fotos: N. Ketterer)

 

„Lieber nach vorne schauen!“ lacht Volker Heintzen. Verbitterung darüber ist ihm nicht anzumerken, als er sein Tonstudio aufgibt. Er möchte in Rente gehen, das hat er schon ein paar Mal verschoben, erzählt er. Das Vox-Klangstudio in Bendestorf im ländlichen Außenbezirk von Hamburg war das Lebenswerk des Hanseaten. Seit 1991 haben hier Udo Lindenberg, Jan Delay, Vicky Leandros, Roger Whittaker, Rammstein und andere sich die Klinke in die Hand gegeben. Das Gelände, auf dem sich das Vox-Klangstudio befand, beherbergte einst die Filmstudios Bendestorf, wo in den 1950er und 60er Jahren Heimatfilme gedreht wurden, unter anderem mit Hildegard Knef.

Mittlerweile stehen die restlichen großen Hallen des Gebäudekomplexes leer. Das Gelände soll an einen Investor verkauft werden, um Wohnflächen entstehen zu lassen. Nur das Gebäude um das Studio soll erhalten bleiben. Im rund 130 m² großen Aufnahmeraum war früher ein Kinovorführraum untergebracht. Heintzen gefiel die natürliche, unaufdringliche Raumakustik, die für Streicheraufnahmen, Drums oder komplette Bands das Markenzeichen des Studios werden sollte und die Gitarrist Peter Weihe später als einen „Glücksfall für die Akustik“ im Online-Gästebuch des Studios bezeichnete. Tatsächlich ist es schwierig geworden, wirklich angenehme, offen klingende Räume zu finden, die auch bei lauten Schallereignissen keine unerwünschten Resonanzen entwickeln.

Ein Zeitsprung, zwölf Monate später: Ein Nachfolger hat sich nicht gefunden, zu groß ist die Ungewissheit, was mit dem gesamten Gelände passiert. Heintzens Mietvertrag läuft aus, das Studio wird ausgeräumt. Eine verwitterte Betontreppe führt zum Studio in der zweiten Etage. Am Ende wird das MCI-Mischpult nach Italien verkauft, zwölf Mann tragen das mehrere hundert Kilogramm schwere Gerät die Stufen hinab. Die nicht minder schweren, aber vergleichsweise kompakten Bandmaschinen werden per Kran geborgen.

Für eine Session ist es eigentlich zu spät, und dennoch soll der große Aufnahmeraum ein letztes Mal für Drum-Aufnahmen dienen, nachdem wir zum Ende des Studiobetriebs den Raum kennengelernt hatten. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben in diesem Fall besonders: Zum Zeitpunkt unserer Session war das Studio bereits ausgeräumt, wir mussten alles selbst anschleppen.

 

Planen für den „leeren“ Raum

 

Als Aufnahme-Setup sollte ein Windows-Rechner mit Steinberg Nuendo dienen, für die Aufnahme von neun Schlagzeug-Spuren ein Universal Audio 2192-Wandler. Als Tontechniker wurde Manfred Faust engagiert, der oft im Vox-Klangstudio gearbeitet hatte, die räumlichen Gegebenheiten also kannte.

Zur Vorverstärkung dienten alte Rundfunkmodule, die früher im Vox-Klangstudio zum Einsatz kamen (Siemens V-72, V-77 und TAB V-76). Dazu mieteten wir beim Tontechnik-Verleih Vintage Audio Rental“ einen zweiten V-76-Preamp – ein Stereo-Paar für die Overhead-Mikrofonierung. Als Overheads dienten zwei Wagner U-47w Mikrofone, für die Snare ein Shure SM-7b, an den Toms arbeiteten zwei alte Sennheiser MD-421, die vom Toolhouse-Studio in Rottenburg an der Fulda geliehen wurden, ebenso wie ein Shure Beta 52 an der Bassdrum. Als mögliche Alternative war ein Beyerdynamic M-88 vorgesehen (Vintage Audio Rentals). Am Resonanzfell wurde die Bassdrum mit einem U-47 fet abgenommen, zur Raum-Mikrofonierung sollten zwei Neumann TLM-170 Mikrofone dienen; eines wurde im Vorfeld vom Verleih Rentadat in Berlin per Versand bestellt, das zweite vor Ort bei Vintage Audio Rentals abgeholt. Um die Variablen des akustisch unbekannten Regieraums nicht unnötig zu vergrößern, nutzten wir gut eingehörte Adam S-3A Monitore.

Strom, Wasser und Heizung waren vom Vermieter gesichert. Ein Problem des leeren Studios: Es war unklar, ob noch Möbel vorhanden waren, weshalb wir einen Notbestand an Tischen und Stühlen für den Regieraum mitnahmen. Als Fahrzeug wurde ein Mercedes Vito-Transporter des lokalen Carsharing-Anbieters für eine Woche gemietet, was deutlich günstiger ausfiel als bei herkömmlichen Fahrzeug-Vermietern (etwa 500 Euro inklusive Treibstoff).

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