Studio-fit als Pianist

In unserer dritten Folge der „Tipps für Musiker im Studio“ kümmern wir uns um die Pianisten, Keyboarder und Organisten unter Ihnen, also diejenigen, die für das harmonische Fundament in der Besetzung sorgen oder solistisch ein ganzes Tastenorchester zum Klingen bringen…

Von Sylvie Frei

Klaviere und andere Tasteninstrumente sind durch ihr Layout und das Prinzip „richtige Taste drücken und der richtige Ton erklingt“ vergleichsweise einfach zu verstehen. Dennoch erfordern diese Instrumente vom Spieler eine ganze Menge von Fertigkeiten, die es über Jahre zu schulen gilt: die Koordination von beiden Händen und (vor allem auch bei Organisten) Beinen, das greifen von Akkorden, das gleichzeitige Spiel von mehreren Stimmen auf einem Instrument, das Beherrschen unterschiedlicher Tastenfolgen je nach Tonart und die Fähigkeit (bei dynamisch spielbaren Instrumenten), den Anschlag mit Gefühl im Ausdruck zu kontrollieren. Im Studio kommen noch eine Menge anderer Aspekte dazu, die es vom Instrumentalisten zu beachten gilt, um die Studiosession möglichst effizient zu gestalten. Wir haben ein paar Tipps zusammengestellt.

 

Spielerische Vorbereitung

 

Üben und Schonen

Zu den spielerischen Vorbereitungen für einen Studioaufenthalt genügt es nicht nur, das aufzunehmende Repertoire – am besten auswendig – zu beherrschen, sondern auch technisch optimal vorbereitet zu sein. Dazu zählen Lockerungsübungen für die Hände und regelmäßige technische Übungen – Läufe, Akkordfolgen, Begleitfiguren, Sprünge – alles, was Sie aus dem Instrumentalunterricht und den Etudenbüchern kennen. Intensivieren Sie ihre Übungen einige Wochen vor dem Studioaufenthalt und steigern Sie das Pensum behutsam. Das beugt Verkrampfungen und Sehnenproblemen vor – schließlich müssen Sie im Studio für einige Tage sehr intensiv und lange in die Tasten hauen. Falls Sie ohnehin permanent auftreten und spielen, dürfen Sie den Tipp natürlich ignorieren. Seltenspieler unterschätzen die Belastung in einer Aufnahmesituation jedoch gern. Passen Sie in der Spiel-intensiven Zeit allgemein auf Ihre Arme und Hände auf – beanspruchen Sie Sehnen und Muskeln nicht durch ungewohnte Belastungen wie etwa das Tragen von schweren Gegenständen oder das Anstreichen einer Wand über. Es könnte in Kombination mit dem ungewohnt intensiven Klavierspiel zu einer Überlastung und Sehnen-Problemen kommen, die Sie noch während der Aufnahmeperiode lahmlegen könnten. Sorgen Sie dafür, dass auch ihr restlicher Körper fit ist – schließlich spielt man auch Tasteninstrumente nicht nur mit den Fingern. Eine gute Haltung, stabiler Nacken und Rücken sowie eine gute Körperspannung sind Spiel-dienlich.

Repertoire-Sicherheit und gute Leadsheets

Ein gutes motorisches Gedächtnis ist für Pianisten besonders wichtig. Sie sollten, wenn möglich, alles auswendig beherrschen. Schließlich spielen sie in vielen Besetzungen das einzige Harmonieinstrument, oder das erste harmonietragende Instrument, das beim Overdub-Verfahren eingespielt wird. Sänger und Instrumentalsolisten müssen sich später auf dieses harmonische Fundament absolut verlassen können. Daher dürfen Sie sich beim Einspielen keinen falschen Akkord leisten, der dann womöglich im Gesamtkontext noch unerkannt bleibt und später zu Verwirrung führt. Sie selbst können sich bei einer Overdubaufnahme im Bandkontext am Rhythmus des Schlagzeugs und an den Grundtönen des Basses orientieren.

Bereiten Sie sich daher gut anhand von Leadsheets (auf laminiertem Karton oder digital auf dem Tablet) vor, skizzieren Sie die Songstruktur, zeichnen Sie sich in die Noten bei schwierigen Stellen Fingersätze ein und achten Sie auf alle Tücken bei den Übergängen. Mit gut vorbereiteten Leadsheets sollte nichts mehr schief gehen können. Probieren Sie vor dem Studiobesuch aus, ob ihre Sheets Ihnen wirklich alle relevanten Dinge in Erinnerung rufen. Arbeiten Sie im Zweifelsfall nach.

Wärmen und Massieren

Sorgen Sie vor dem Spielen dafür, dass Sie möglichst warme Hände haben. Falls Sie chronisch zu kalten Händen neigen, hilft es, die Hände in einem kurzen, warmen Handbad vor dem Spielen anzuwärmen und mit einem Handtuch trocken zu reiben. In Spielpausen können Sie sich an einer warmen Tasse aufwärmen. Sorgen Sie dafür, dass Sie sich beim Spielen nicht verkrampfen. Sollte es trotzdem einmal passieren, unterbrechen Sie das Spiel sofort und massieren Sie sich vorsichtig die Hände, bis sich wieder alles locker anfühlt.

Improvisationstalent macht flexibel

Es lohnt sich außer dem Repertoire auch die Improvisation als Technik zu üben. Improvisationsvermögen macht Sie im Studio besonders flexibel, wenn plötzlich in einem Song doch eine gefühlte Lücke entsteht, die möglichst Song-dienlich gefüllt werden will. Sie müssen sich nicht an klassischen oder Jazz-basierten Techniken orientieren, sie können auch eigene schöpferische Wege finden. Geben Sie sich zwei oder drei Akkorde und probieren Sie aus, was sich daraus spielerisch kreieren lässt. Falls Sie die Möglichkeit haben, nehmen Sie sich dabei auf und hören Sie sich das Ergebnis intensiv an.

Transponieren

Außerdem ist es hilfreich, ein Stück auch ohne Probleme in einer anderen Tonart spielen zu können. Dazu gehört selbstverständlich viel Routine und Übung, aber fällt im Studio plötzlich auf, dass ein Song einen Ton tiefer für den Sänger doch weniger angestrengt klingt, ist diese Fähigkeit Gold wert. Sollten Sie mit MIDI einspielen ist das hingegen kein Problem. In diesem Fall lässt sich das Stück problemlos mit zwei Maus-Klicks in jede beliebige Tonart transponieren.

Komplizierte Stellen aufteilen

Sollten Sie eine bestimmte schwierige Stelle, die zum Beispiel besonders viele Einzelstimmen vereint, unbedingt unverändert einspielen wollen, auch wenn Sie Ihnen in der Vorbereitung permanent Schwierigkeiten macht, gibt es auch dafür eine Lösung. Teilen Sie die entsprechende Stelle in zwei oder mehrere Stimmen auf und bitten Sie den Aufnahmeleiter an dieser Stelle mehrere Overdubs aufnehmen zu dürfen. Falls Sie zu Hause die Möglichkeit haben, ist es auch sinnvoll, derartiges zu üben.

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