Wall of fame

Ihr Aufnahmeraum klingt lausig, annehmbare Mikrofonaufnahmen wollen nicht gelingen. Der transportable Schallabsorber von SE Electronics bietet sich als kostengünstige Alternative an. 

Von Harald Wittig

Das Traummikrofon, der optimale Vor-Verstärker, Ihr Mischpult und der Rechner – alles sorgfältig ausgesucht, nur für einen Aufnahmeraum reicht das Budget nicht mehr. Bevor Sie das Wohnzimmer entsprechend zweckentfremden und der Geduldsfaden der toleranten besseren Hälfte zu reißen droht: Die Entwickler des chinesischen Unternehmens SE Electronics bieten mit dem Reflexion Filter für knapp 300 Euro einen kostengünstigen und beziehungsfreundlichen Problemlöser. Er wird hinter dem Mikrofon auf das Stativ montiert und simuliert einen trockenen, reflexionsarmen Raum für solistische Sprach und Gesangsaufnahmen an jedem noch so ungünstigen Aufnahme-Raum.
Dabei ist die Konstruktion ganz einfach: Der große Schirm bedämpft und verlangsamt den Schall, den Sänger oder Instrumentalist in Richtung Mikrofon ausgeben so stark, dass dieser kaum mehr von den Wänden des Aufnahmeraumes zurückgeworfen und vom Mikrofon aufgenommen wird. Die vier Platten aus einem speziellen Aluminiumschaum absorbieren die Schallwellen zunächst. Der so vorgefilterte Schall dringt durch die Perforierung des Aluminiumschirms ein und wird von den eingearbeiteten Absorbern (Wolle, Aluminiumfolie) weiter bedämpft und gestreut bis schließlich der verbliebene Restschall durch die Rückseite in den Aufnahmeraum entweicht. Inzwischen sind die Schallwellen erheblich verlangsamt worden, außerdem ist der Schall längst nicht mehr fokussiert, sondern in viele Richtungen aufgeteilt worden. So erreichen lediglich kleine, energieschwache Reste die Wände des Raumes.
Klingt gut. Aber das war nur die Theorie – im folgenden Abschnitt geht es ans Eingemachte.

Zunächst müssen Sie den Reflexion Filter mit dem mitgelieferten Montage-Bausatz am Mikrofon-Stativ befestigen. Das wird Ihnen sicherlich gelingen – solange Sie vor den Bausätzen schwedischer Möbelhäuser nicht kapitulieren. Die Stativhalterung selbst ist aus solidem Edelstahl und besteht aus diversen Schienen und eher unhandlichen Knebelschrauben. Das Mikrofon wird auf einer senkrechten Stahlsäule montiert. Alles lässt sich beliebig zueinander justieren: die Höhe des Mikrofons und sein Abstand zum Schirm, die Neigung der gesamten Einheit und so fort. Doch im Praxistest bestand ständig die Gefahr, dass die gesamte, mit sechs Kilogramm recht schwergewichtige Einheit zur Seite wegkippt. Nur durch brutales Andrehen der entsprechenden Schrauben und zwei zusätlichen helfenden Händen konnte Schlimmes wie ein Umstürzen des Stativs mit montiertem Mikrofon verhindert werden. Hier sollten die Chinesen wirklich nachbessern, denn so lässt sich der Reflexion-Filter nur unzureichend und unter gehörigem Zeitaufwand anbauen. Zumal niemand mit dem Aufbau der Gerätschaften Zeit verschwenden will.

Für den Praxistest begeben wir uns in eines der Büros. Dieses klingt aufgrund der Raumreflexionen hart und nervig – also schlechteste Bedingen für die Aufnahme von Sprache, Gesang und Instrumenten. Wir bauen uns eine mobile Studioumgebung auf: Als Mikrofon verwenden wir ein AKG C 4000 B Großmembran Kondensator–Mikrofon, als Preamp dient einmal mehr der Mackie Onyx 400F, über Firewire an den Laptop, ein MacBookPro angeschlossen. Wir wählen die höchstmögliche Auflösung von 24Bit/192 Kilohertz, das AKG schalten wir auf Kugel-Charakteristik, um besonders aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen.
Der erste Take ohne Filter klingt entsprechend schrecklich. Die Stimme der Sprecherin wird durch den unangenehm-metallischen Nachhall verfärbt. Ein entsprechendes Hall-Plug-In hätte keine Aussicht auf kommerziellen Erfolg. Wir setzen das Reflexion-Filter auf und höre da: Der grauenhafte Hall verschwindet, die Stimme bekommt ihr natürliches Timbre zurück. Dieses erste Ergebnis wirkt auf uns so motivierend, dass wir mit unterschiedlichen Abständen des Mikrofons und Höheneinstellungen des Schirms experimentieren. Das, was wir noch hören können und aufgezeichnet wird, setzen wir zur Klanggestaltung ein. Sie sollten in jedem Fall darauf achten, dass der Schirm etwas über der Mikrofon-Kapsel abschließt. Schon die gleiche Höhe bringt keinen wirklichen Vorteil, steht die Kapsel über, ist der Effekt kaum mehr auszumachen. Es wäre schön, wenn die Entwickler auch einen Notenhalter integrieren könnten. Handgehaltene Text- beziehungsweise Notenblätter können nämlich ihrerseits als Reflektor wirken und die guten Ergebnisse des Filters zunichte machen. Bis dahin sind Sänger, Sprecher und Instrumentalisten eben in der Pflicht, ihren Part richtig auswendig zu lernen – was den Produktionsprozess ohnehin beschleunigt.
Solange alles richtig justiert ist, macht die Arbeit mit dem Reflexion-Filter Spaß. Wir jedenfalls improvisierten spontan ein kleines Hörspiel, so hoch war der Freude-Faktor. Natürlich kann das pfiffige Gerät nicht jedes Problem mit der Raumakustik lösen, selbstverständlich eignet es sich nur für solistische Aufnahmen, namentlich von Sängern und Sprechern. Aber dafür ist der Reflexion-Filter wirklich Klasse.

Wenn Sie nicht vorhaben, sich für den Bau eines Aufnahmeraumes zu verschulden und keinen Ärger mit der besseren Hälfte wünschen, sollten Sie unbedingt über die Anschaffung des Reflexion-Filters nachdenken. Dieses Gerät ist wirklich effektiv, denn es entschärft Raumprobleme am Ort des Geschehens. Wenn der Hersteller beim Montage-Bausatz noch nachbessert und damit die Handhabung in der Praxis erleichtert, ist mit dieses Gerät auch noch effizient zu arbeiten und einer gelungenen Mikrofon-Aufnahme steht nichts mehr im Weg. Angesichts des günstigen Preises können wir Ihnen den Reflexion Filter nur wärmstens empfehlen und SE Electronics für die Entwicklung gratulieren.

Erschienen in Ausgabe 06/2006

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 299 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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