Der Blaufuchs

„Kann denn Liebe Sünde sein?“, hauchte Zarah Leander in den 30er Jahren den bekannten Schlager im Film Der Blaufuchs. „Kann denn Röhre Sünde sein“, murmelt Michael Krusch, Chefentwickler der Tegeler Audio Manufaktur heute und beantwortet seine rhetorische Frage mit dem Tube Summing Mixer.

Von Michael Nötges

„Der Tube Summing Mixer ist ein Mischpult ohne Bedienelemente“, erklärt uns Helmut Östreich vom deutschen Vertrieb der Tegeler Audio Manufaktur auf der AES in Wien.  „Er ist mit einer Röhrenendstufe ausgerüstet und führt damit nicht nur einfach 32 Mono- beziehungsweise 16 Stereo-Signal zusammen, sondern bringt charakterlosen, digitalen Mischungen den analogen Röhrensound zurück.“ Mit diesem Statement sind wir mitten drin, in der Diskussion pro und contra  digitaler und analoger Technik.

Fest steht, dass jeder Mix irgendwann und irgendwie summiert werden muss, um ihn für das Mastering vorzubereiten und schlussendlich auf CD zu pressen. Dabei werden die einzelnen Spuren inklusive Pegel-, Frequenz- und Klangbearbeitungen auf eine Stereospur zusammengerechnet (summiert). Bietet die Digitaltechnik komfortable und sehr flexible Bearbeitungsmöglichkeiten, die auf analoger Ebene nur unter großen Anstrengungen oder gar nicht möglich sind, bleibt der Nachteil, dass die digitale Bearbeitung nur zeit- und wertdiskrete möglich ist. Die ursprünglich zeit- und
wertekontinuierlichen analogen Signale müssen also durch Sampling (zeitliche Quantisierung) und eine Amplitudenquantisierung für die digitale Ebene zunächst aufbereitet werden (A/D-Umsetzung). Jetzt kann der Rechner mit
den ermittelten Einsen und Nullen jonglieren und beliebige Veränderungen herbeiführen. Dies hat aber bei jedem bearbeitenden Schritt Rundungsfehler zur Folge, die durch Fließkommaberechnungen zwar minimiert, aber nicht vollständig eliminiert werden können. Diese Rechenfehler sollen sich im Endeffekt mehr oder weniger auf den Klang auswirken. Bei der analogen Klangbearbeitung handelt es sich durchweg um absolute Werte. Die Auflösung ist so zusagen unendlich hoch und Rundungsfehler und digitale Verzerrungen damit ausgeschlossen: dafür aber auch die vielseitige Flexibilität digitaler Klangbearbeitung. Verfechter analogen Equipments überzeugt die bessere Transparenz, räumliche Tiefe und der Druck, gegenüber kühler und flacher klingenden digitalen Lösungen.

Informatiker und Softwareentwickler sehen das anders und rücken die Hörbarkeit der mittlerweile äußerst geringen Rechenfehler in den Bereich der klanglichen Esoterik und verweisen zusätzlich auf die zahlreichen Vorteile digitaler Klangbearbeitung.  Die Wahrheit liegt wahrscheinlich,  wie so häufig, in der goldenen Mitte und da bekanntlich der Klügere nachgibt, lohnt es sich die Vorteile beider Welten zu nutzen und das Beste daraus zu machen.

Für diesen Zweck eignen sich analoge Summierer wie der Tube Summing Mixer der Tegeler Audio Manufaktur. Das digitale Summieren in der DAW wird umgangen und auf die analoge Ebene verlagert. Der Vorteil: Die Signale können weiterhin digital bearbeitet werden, und durch das analoge Summieren der einzelnen Signale zu einem Stereo-Signal entsteht dann der endgültige Sound. Im Falle des Tube Summing Mixers wird der Klang zusätzlich durch Röhrenendstufe nach belieben mit harmonischen Verzerrungen angereichert, die dem Mix eine eigene Note verleihen. Puristen werden jetzt die Ohren rümpfen und unter Protest, Neutralität und Natürlichkeit einfordern. Hingegen läuft Sounddesignern und Klangtüftlern mit Vorliebe für analogen Röhrenklang, bei der Vorstellung dem Signal am Ende noch etwas mehr Lebendigkeit und Würze zu verleihen, das Wasser im Mund zusammen. Für rund 1700 Euro soll der Tube Summing Mixer teure analoge Konsole ersetzen und die DAW um ein 32-kanaliges analoges Röhrenmischpult erweitern – ohne zusätzliche Features aber mit  eigenem  Klang.

Die symmetrischen Anschlüsse des sauber verarbeiteten Summierers befinden sich auf der Rückseite des 19-Zoll-Gerätes. Die 32 Platz sparenden 6,35-mm-Klinkeneingänge sind in zwei Reihen übereinander angeordnet. Die jeweils übereinander liegenden Eingänge bilden jeweils ein Stereo-Paar, dass sobald beide Buchsen belegt sind ein Signal auf den rechten, das andere auf den linken legt. Ist nur eine der 16 mit Left/Mono beschrifteten Buchsen belegt, wird der Kanal auf mono geschaltet und das Signal sowohl an den linken, als auch rechten Ausgang gleichermaßen weitergeleitet. Mit einer Eingangsimpedanz von 20 Ohm ist der Anschluss direkt an den D/A-Wandler der DAW, sowie das Einbinden von Keyboards, Samplern oder HiFi-Geräten kein Problem. Die beiden trafosymmetrischen Ausgänge (600 Ohm) für das Stereo-Summensignal reihen sich baugleich in die waagerechte Kette der Buchsen ein und sind deshalb unter widrigen Lichtverhältnissen nur schlecht von den Eingängen zu unterscheiden. Die Klinkenanschlüsse der Ein- und Ausgänge sind kompakt und auf engstem Raum angeordnet. Daraus ergibt sich der Nachteil einer kniffelige Handhabung, gerade wenn alle 32 Eingänge verwendet werden und das Gerät im Rack verschraubt ist. Genügend Platz wäre jedenfalls auf der Rückseite des zwei Höheneinheiten messenden Gehäuses, um die Abstände etwas größer zu wählen und das nachträgliche Einbinden zusätzlicher Geräte zu erleichtern.

Die Front präsentiert sich sehr übersichtlich: zwei beleuchtet, analoge VU-Meter, ein Power-Kippschalter mit blauer Kontrolllampe und ein Ausgangsregler im Stile altehrwürdiger Messgeräte. Mehr gibt es nicht und braucht es vor allem auch nicht. Die beiden VU-Meter kontrollieren den effektiven Ausgangspegel, können bauartbedingt aber keine Spitzenpegel anzeigen, sondern zeigen vielmehr einen Durchschnittswert der Lautheit des rechten und linken Kanals an.  Die Visualisierung der üppigen VU-Meter bietet eine sinnvolle Unterstützung der auditiven Kontrolle. Der Nullwert der VU-Meter entspricht einem Ausgangspegel von ungefähr +4dBu, also ist Vorsicht bei der Aussteuerung nachfolgender Geräte geboten. Gerade A/D-Wandler reagieren sehr empfindlich und vor allem mit unangenehmen digitalen Verzerrungen auf Übersteuerung. Über den Gain-Regler lässt sich die Ausgangsverstärkung des Röhrenübertragers in Drei-Dezibel-Schritten um maximal 15 Dezibel absenken. Dementsprechend erhöht sich die Intensität der Klangbeeinflussung durch die Röhren-Übertrager-Schaltung, je weiter der fein rastende Regler auf die 12-Uhr-Stellung (Null-Position) zurückt. Die Pegelverhältnisse und Panoramaeinstellungen müssen wie auch die Ausgangslautstärke in der DAW eingestellt werden, da diese durch den Summierer nicht angepasst werden können.

Es gibt zwei sinnvolle Möglichkeiten ein bestehendes Recording-Setup mit dem Tube Summing Mixer zu erweitern. Möglichkeit  eins: Bis zu 32 Signale gelangen über eine gleiche Anzahl an D/A-Wandlern von der DAW oder einem HD-Recorder direkt zu den Eingängen des Summierers.

Über die beiden Ausgänge wird das Stereo-Signal anschließend wieder in der DAW oder einem anderen Aufnahmegerät (Mastering-Recorder) aufgenommen. Für das Sounddesign können zusätzliche Geräte, wie Equalizer, Kompressoren oder Limiter hinter den Summierer geschaltet werden. Zusätzlich denkbar wäre die analoge Erweiterung eines digitalen Pultes, dessen neutraler Klang eingefärbt werden soll. Verfügt dieses über analoge Direct-Outs, kann auch hier die digitale Summierung umgangen und ein analoger Röhrensound erreicht  werden.

Möglichkeit zwei: Neben den Signalen aus der DAW erreichen Signale externer, analoger Klangquellen, wie Synthesizer, Keyboards, Hardware-Sampler oder Drumcomputer den Summierer. Dadurch wird eine Umsetzung von analog auf digital in die DAW eingespart, um den Klangverlust der externen Geräte möglichst gering zu halten. Die Signale aus der DAW werden jetzt mit den externen gemischt und als analog summiertes Stereosignal erneut aufgezeichnet.

Ein Blick ins innere des Tube Summing Mixers lohnt sich, wie bereits schon beim getesteten Tube Recording Channel (siehe Test, Heft 08/2006) und dem Classic Tube Equalizer (siehe Test, Heft 09/2006). Was uns erwartet sind Ringkerntransformatoren des Bauteilespezialisten Taleme, Baluns1 von Edcor, WIMA-Kondensatoren und akkurat verlötete Widerstände, sowie sauber verdrahtete Bauteile und Platinen. Auf einer thronen die beiden ECC88-Röhren, die laut Hersteller handselektiert sind. Außerdem garantiert er eine händische Abgleichung der Röhrenstufen, um eine optimale Performance und möglicht geringe Geräuschpegel zu erreichen. Die penible Verarbeitung macht einen hochwertigen Eindruck und verrät Leidenschaft zur Optimierung der Konstruktion bis ins letzte Detail.

Die Messwerte sind insgesamt sehr gut und zeigen: der Tube Summing Mixer ist eine sauber konstruierte Soundmaschine. Die hohen Klirrfaktorwerte – 0,7 Prozent für 0 dBu an Ein- und Ausgang – gehören zum gewollten Klang des Summierers und sind auf die wohlklingenden harmonischen Verzerrungen des Röhrenübertragers zurückzuführen. Der Frequenzgang steigt oberhalb von 20 Kilohertz deutlich an und erreicht bei 70 Kilohertz seine Maximalüberhöhung von 13 Dezibel. Dies ist typisch für Geräte mit Ausgangsübertragern und hat klanglich keinerlei negative Auswirkungen. Die Phase zwischen Ein- und Ausgang weicht um maximal 18 Grad bei 20 Hertz und 20 Kilohertz ab. Das Übersprechen zwischen den Kanälen liegt bis zwei Kilohertz deutlich unter -60 dB, erst darüber hinaus steigen die Werte, auf maximal -45 dB bei 20 Kilohertz, stetig an.

Der Geräuschspannungsabstand liegt bei guten -89,8, der Fremdspannungsabstand bei -85,8 dBu. Die sehr gute und damit sichere Übersteuerungsfestigkeit bezogen auf ein Prozent Klirrfaktor beträgt 23 dB. Ein weiteres Indiz für die saubere Konstruktion sind die Messung der tatsächlich anliegenden Spannung am Ausgang, abhängig von der Stellung des Gain-Reglers. Hierbei ergibt sich eine maximale Abweichung von -0,25 dB.

Im ausführlichen Hör- und Praxistest von Professional audio Magazin haben wir acht Ausgänge des A/D-D/A-Wandlers Aurora 8 von Lynx an den Tube Summing Mixer angeschlossen, um dann unterschiedliche Mischungen verschiedener Mehrspuraufnahmen aus der DAW direkt über den analogen Summierer vorzunehmen. Das Stereosignal haben wir zurückgeführt und mit 24 Bit und 96 Kilohertz aufgezeichnet. Zum Vergleich haben wir den internen Mix-Algorithmus des jeweiligen Sequenzers (Samplitude 9, Cubase SX, Sonar 6) bemüht.

Zunächst steht der Gain-Regler auf -15 dB und wir hören lediglich eine nuancierte und minimale Änderung des Ausgangssignals, das etwas kräftiger in den unteren Mitten klingt und insgesamt energetischer wirkt. Jetzt drehen wir den Gain-Regler Schritt für Schritt im Uhrzeigersinn und erhöhen damit die Intensität der Röhren-Endstufe. Ab -9dB erscheinen die harmonischen Obertöne plötzlich sehr deutlich im Klangbild, mit der Folge, dass sich der Höreindruck deutlich verdichtet, ohne im herkömmlichen Sinne komprimiert zu klingen. Die Wirkung des Tube Summing Mixers ist mit der Kontrasteinstellung eines Fernsehers oder Bildschirms zu vergleichen. Die einzelnen Signale wirken konturiert und lebendig und das Klangbild gewinnt geschmackvoll an Farbe und Ausdruckskraft. Dabei wirkt der Summierer sehr gleichmäßig und hinterlässt deutliche Spuren ohne Unruhe zu stiften. Die einzelnen Instrumente  sind im Stereopanorama definierter angeordnet und gewinnen an Spritzigkeit. Selbst bei stärkstem Röhreneinsatz gerät das Summensignal nicht aus der Form oder klingt aufdringlich. Ein kurzer Demo-Track mit Bass, Schlagzeug, zwei verzerrten Gitarren, einer Solo-Gitarre und flächigen Synthi-Sounds gefällt uns mit dem Gain-Regler auf -6 dB am besten. Besonders die Gitarren, sowie die Kombination aus Bass-Drum und Bass bekommen mehr Druck. Zusätzlich sind die Höhen präsenter, ohne dabei scharf zu klingen. Im Gegenteil durch die Röhrenverzerrungen klingen die Becken abgerundet und voll. Die Rauminformationen kommen deutlicher zum Vorschein, was einen tieferen Höreindruck zur Folge hat. Das Klangbild wirkt plastischer und erhält mehr Dreidimensionalität. Eine Aufnahme mit Akustikgitarren und Querflöte kommt mit deutlich weniger Röhrenverstärkung aus. Bei -12 dB wirkt der Tube Summing Mixer sehr vorsichtig, was gerade bei akustischen Instrumenten zu einem kräftigen aber immer noch natürlichen Klang führt. Eine fließende Justage mit kontinuierlicher Steigerung der Klangbearbeitung wäre wünschenswert. Zwar kommt man mit den sechs Einstellungen des Gain-Reglers zu weitestgehend überzeugenden Ergebnissen aber die Sprünge zwischen den einzelnen Positionen sind mitunter ziemlich groß, so dass eine feinere oder Fließende Skalierung des Reglers präzisere und besser auf das jeweilige Ausgangsmaterial abgestimmte Einstellungen ermöglichen würde.

Der Vergleich mit den digitalen Bounces der unterschiedlichen Sequenzer liefert ein deutliches Ergebnis, obwohl hier zusätzlich acht A/D-Wandler im Spiel waren. Selbst bei geringer Röhrenaktivität gewinnt das Signal an Transparenz und Offenheit, die in den digitalen Mischungen fehlt. Der Versuch den Röhrensound des Tube Summing Mixers mit den Emulationen analogen Equipments in Samplitude 9 zu simulieren schlägt fehl. Es klingt zwar irgendwie nach analogem Röhrensound, die feine und druckvolle Umsetzung des analogen Blaufuchs bleibt mit den Standard-Plug-ins aber unerreicht.  

Fazit

Der Tube Summing Mixer ist ein wirkungsvoller analoger Summierer (32/2) mit charakteristischem Röhren-Sound. Kinderleicht zu bedienen – es gibt nur einen Gain-Regler – hält er was die Entwickler versprechen. Er bringt Transparenz, räumliche Tiefe und vor allem Charakter in die summierten Signale. Auch wenn die Einstellmöglichkeiten etwas grob sind, kann der Klang auf ganzer Linie überzeugen – vorausgesetzt harmonische Verzerrungen und analoger Sound sind gewünscht. Für rund 1700 Euro bietet der Tube Summing Mixer eine kostengünstige Alternative zu teuren analogen Konsolen und richtet sich in erster Linie an DAW-basierte Studio-Besitzer und ambitionierte Homerecordler.

Erschienen in Ausgabe 06/2007

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 1770 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut

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