Aufgespeckt

Motu hat seine erfolgreiche 828-Serie von Audio-Interfaces um ein neues Spitzenmodell nach oben ergänzt: Das neue 828mk3 tritt an die Stelle des alten 828mkII und ist dank neuer Innovationen und verbesserter Standardfunktionen weit mehr als eine aufgespeckte Variante des Motu-Erfolgsmodells. 

Von Harald Wittig 

Das amerikanische Unternehmen Mark of the Unicorn (Motu) hat trotz seines eigentümlichen Namens (Zeichen des Einhorns) nichts mit Mystik und Magie am Hut. Vielmehr gehören die Amerikaner seit bald 25 Jahren zu weltweit ganz großen Pro-Audio-Herstellern, die mit ihren soft- und hardwarebasierten Innovationen ohne esoterischen Schnick-Schnack der Kreativität von Musikern und Produzenten neue Impulse verleihen. Neben der Anfang der 1980er-Jahre Maßstäbe setzenden ersten DAW-Anwendung für Macintosh-Rechner überhaupt, dem Programm Digital Performer, sind es heute vor allem die Audio- und MIDI-Interfaces aus Cambridge bei Boston, die zahlreiche treue Anhänger haben – vom anspruchsvollen Heimproduzenten bis zum erfahrenen Profi. Genannt seien neben dem hauseigenen Flagschiff, dem Harddisk-Recordingsystem HD192 vor allem die Audio-Interfaces der 828-Reihe, die plattformübergreifend sowohl für den PC als auch für den Mac geeignet sind und zu den Schlagern im Motu-Programm zählen. So heimste das Firewire-Audio-Interface Motu 828mkII reihenweise Auszeichnungen der internationalen Fachpresse ein: Das Interface mit eingebautem DSP-Mixer überzeugte Kritiker und Anwender gleichermaßen mit guter Klangqualität und einer überdurchschnittlich guten Performance mit geringen Latenzwerten. Letzteres ist eine Motu-Spezialität, von der sich Professional audio Magazin bereits beim Test des ultrakompakten Motu Ultralite (Ausgabe 7/2006) und der Mikrofon-Vorverstärker-/Interface-Kombination Motu 8pre (Test in Ausgabe 4/2007) überzeugen konnte. Unser heutiger Testkandidat ist mit dem alten 828mkII, das es inzwischen nur noch mit USB 2.0-Schnittstelle gibt, eng verwandt: Das 828mk3 hat wie der erfolgreiche Vorgänger eine Firewire-Schnittstelle, ist aber trotz des sehr ähnlichen Namens deutlich besser ausgestattet. Dabei kostet es mit rund 900 Euro in etwa so viel wie der Vorgänger, getreu dem Motu-Motto, wonach üppige Ausstattung und guter Klang stets auch zu moderaten Preisen zu haben sein sollen…

Das 828mk3 verfügt über insgesamt zehn Analog-Eingänge (acht Line- und zwei Mikrofon-/Instrumenten-eingänge) und eine entsprechende Zahl an Ausgängen. Dabei erlaubt das neue Interface im Zusammenspiel mit einem Rechner (PC und Mac) erstmals analoge Aufnahmen mit Samplingraten bis maximal 192 Kilohertz bei 24 Bit Wortbreite. Beim 828mkII ist bei 96 Kilohertz Schluss. Auch wenn die 192 Kilohertz-Auflösung auch im Profibereich keineswegs an der Tagesordnung ist, versprechen sich manche Wandler-Spezialisten hier eine bessere Abtastqualität für die niedrigeren Samplingraten. Diese Auffassung ist allerdings durchaus umstritten und anerkannte Entwickler wie Dan Lavry (siehe Test des LavryBlack DA 10-Wandlers in Ausgabe 11/2006) beispielsweise halten hiervon gar nichts und propagieren stattdessen eine Erhöhung der Wortbreite.   Wie seine Geschwister und Vettern im Motu-Katalog, namentlich 8pre und 828MkII, verfügt auch das 828mk3 über digitale Ein- und Ausgänge. Insoweit gehen die Entwickler in die Vollen, denn insgesamt stehen 16 ADAT-Ein- und Ausgänge und ein Stereo-S/PDIF-Ausgang zur Verfügung. Volle 16 Kanäle stehen dem Anwender im ADAT-Format prinzipbedingt natürlich nur bei einer Abtastfrequenz von 48 Kilohertz zur Verfügung. Dank des S/MUX-Verfahrens, welches das 828mk3 als zeitgemäßes Digital-Gerät mit professionellem Anspruch selbstverständlich beherrscht, stehen bei 96 Kilohertz immer noch acht ADAT-Kanäle zur Verfügung. Ein solche Vielzahl an analogen und digitalen Ein- und Ausgängen will verwaltet sein: Dafür ist das 828mk3 mit einem internen DSP-Mixer ausgestattet, der vollständig autark, also ohne Host-Rechner arbeitet und am Gerät selbst bedienbar ist. Dieser übertrifft den des 828mkII, der eher rudimentäre Mischungen erlaubt, bei Weitem. Er bietet allein acht Stereo-Busse, praxisgerechte Routing-Möglichkeiten und einen Hardware-basierten DSP-Effektprozessor, der Kompression, Equalizer und sogar Hall für sämtliche Ein- und Ausgänge bereithält. Damit ist das 828mk3 – abgesehen von fehlenden Ausspielwegen – ausgestattet wie ein Kompaktmixer der Mittel- bis Oberklasse, es lässt sich auch wie ein solcher stand-alone bedienen.

Somit schlagen zwei Herzen im schwarzen Alu-Druckguss-Gehäuse des Geräts, denn es empfiehlt sich sowohl als 19-Zoll-Rackmixer als auch als typisches Firewire-Audio-Interface, das dank seiner eingebauten DSP-Effekte den Host-Rechner spürbar entlasten soll.  Legen wir den Focus zunächst auf die Hardware-Ausstattung. Wie bereits erwähnt, hat das 828mk3 nur zwei dezidierte Mikrofon-Eingänge beziehungsweise Mikrofon-Vorverstärker, deren Anschlussbuchsen praxisgerecht auf der Vorderseite angebracht sind. Bei den Anschlüssen handelt es sich um Combo-Buchsen, die neben den XLR-Kabel auch Klinken-Kabel verdauen. Wahlweise dürfen auch hochohmige Signalquellen, sprich passive E-Gitarren und E-Bässe angeschlossen sein. Ein kleiner, metallener Kippschalter dient dem Wechsel zwischen Mikrofon- und HiZ-Eingang, zwei weitere Schalterchen gleicher Machart aktivieren für beide Kanäle separat die 48-Volt-Phantomspannung zum Anschluss von Kondensatormikrofonen und – sofern vonnöten – eine 20-dB-Vordämpfung. Zwei etwas klein geratene Drehregler dienen dem Einpegeln. Der aktuell eingestellte Pegel wird auf dem im Kontrast kalibrierbaren LCD-Display des internen Mixers, von Motu CueMix FX genannt, angezeigt. Als Aussteuerungsanzeige fungieren zwei Zehn-Segment-LED-Ketten – eigentlich handelt es sich um zwei Fünfer-Ketten – auf der rechten Gehäusevorderseite. Das 828mk3 hat digital kontrollierte Lautstärkeregler, die eine Präzise Pegel-Abstimmung in Ein-Dezibel-Schritten ermöglicht. Das funktioniert in der Praxis weitaus besser, als die winzigen Drehgeber zunächst vermuten lassen, denn diese haben eine deutlich fühlbare Rastung.

Freunde von Multimikrofonierungen sind weniger erfreut bei dem schmalen Angebot von nur zwei Mikrofon-Vorverstärkern. Motu selbst empfiehlt für solche Spezialisten die Erweiterung des 828mk3 mit dem achtkanaligen 8pre. Dank eines zweiten Firewire-Anschlusses lassen sich die beiden Geräte einfach miteinander verbinden und betreiben. Obwohl beispielsweise ein deutlich günstigeres Audio-Interface wie das Tascam US1641 zumindest insoweit deutlich besser ausgestattet ist, befindet sich das 828mk3 in guter Gesellschaft. So ist auch die Audio-Interface-Referenz von Professional audio Magazin, das in etwa gleich teuere RME Fireface 400, vergleichbar ausgestattet.  Zu den beiden Eingängen gehören die zwei Send-Buchsen auf der Rückseite des Interfaces, um das Eingangssignal an Hardware-Effekt-Geräte zu leiten. Es gibt jedoch keine Rückführung. Dafür müssen dann, je nach Art (Mono oder Stereo) und Anzahl der externen Signalbearbeiter, die acht Line-Eingänge herhalten. Echte Returns oder Rückspielwege hat das Gerät also nicht. Eine Besonderheit verbirgt sich im elektronischen Innenleben des 828mk3: Beide Mikrofon- und Gitarreneingänge sind mit dem sogenannten V-Limit ausgestattet. Dabei handelt es sich um einen Hardware-Limiter, der ausweislich unserer Messungen wirksam vor Übersteuerungen der Eingangssignale schützt. Faktisch erweitert V-Limit den Headroom oberhalb Digital-Null um zusätzliche 12 Dezibel, angezeigt durch die rechte LED-Kette für Mic 1 beziehungsweise Mic 2, wodurch digitale Übersteuerungen und Artefakte vermieden werden sollen. Zusätzlich zu V-Limit gibt es noch Soft-Clip: Auch das ist ein Limiter/Pegelbegrenzer, der aber eine andere Arbeitsweise hat. Soft-Clip regelt in Abhängigkeit der Dynamik beziehungsweise den Dynamik-Sprüngen des Eingangsignals ständig nach und hält das Signal damit standhaft unter der 0-dBfs-Marke. Im Gegensatz zu V-Limit, der erst ab dem kritischen Bereich begrenzt, arbeitet Soft-Clip also permanent.

Gerade bei Sängern oder sehr dynamisch aufspielenden Instrumentalisten ist Soft-Clip ein willkommenes Hilfsmittel. Im Gegensatz zu Soft-Clip ist V-Limit ab Werk aktiviert. Es ist durchaus möglich, V-Limit am Gerät ein- oder auszuschalten, desgleichen Soft-Clip. Nur: In diesem Falle muss sich der 828mk3-Besitzer erst mal im Dickicht des LCD-Displays und der Multifunktionssteuerknöpfen des CueMix FX zu Recht finden. Das gelingt zwar nach ein, zwei Tagen des Ausprobierens, wobei der Lernprozess durch das englischsprachige Handbuch unnötig erschwert wird. Dieses scheint nämlich immer an den entscheidenden Stellen von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch zu machen. So wären beispielsweise detailiertere Ausführungen zum vorhandenen M/S-Decoder wünschenswert, immerhin zählt das M/S-Mikrofonierungsverfahren nach wie vor – und nicht nur im Filmtonbereich – zu den beliebtesten Stereo-Mikrofonierungsverfahren. Besser, weil sehr viel einfacher und komfortabler, gelingen umfangreiche Einstelloperationen über die mitgelieferte CueMix FX-Software, die ein ansprechendes virtuelles Abbild des digitalen Hardware-Mischers darstellt. Die Software wird bei der Installation der Treiber gleich mitinstalliert und sollte nach Möglichkeit auch bei der Arbeit mit einer DAW-Anwendung immer im Hintergrund laufen. Tatsächlich ermöglicht das übersichtlich gestaltete Benutzerinterface auch Ungeduldigen in kurzer Zeit alle relevanten Einstellungen. Dabei ist die Software auch von großem Nutzen, wenn das 828mk3 bevorzugt stand-alone, zum Beispiel im Proberaum oder auf der Bühne zum Einsatz kommen soll: Einfach die grundlegenden Einstellungen wie beispielsweise Routings oder Aktivierung beziehungsweise Deaktivierung von V-Limit oder Soft-Clip, ganz zu schweigen von diversen Effekteinstellungen, am Rechner vornehmen. Die Hardware behält die Benutzereinstellungen bei. Sollte im Live-Betrieb der eine oder andere Parameter zu verstellen sein – derlei geht dann verhältnismäßig leicht am Gerät selbst von der Hand. Wenn es gar nicht ohne Software geht, wird das 828mk3 eben kurz an den Laptop angeschlossen.  

Da die CueMix FX-Software nun bereits Erwähnung gefunden hat, springen wir direkt zur Installation des mitgelieferten Software-Pakets. Dies besteht aus den Treibern – im Angebot hat Motu WDM, ASIO und Core Audio – und der Anwendung Audio Setup. Über letztere sind Grundeinstellungen wie Samplingraten und die Größe des Audio-Puffers einzustellen. Die für die Bedienung des 828mk3 so wichtige Mixer-Software ergänzt das Grundpaket, das praktischerweise insgesamt installiert wird. Wie bei allen Motu-Interfaces haben die Amerikaner auch dem 828mk3 noch Audio-Desk, eine abgespeckte Version der eigenen Mac-DAW-Anwendung Digital Performer, beigepackt. Die Installation geht beim Test völlig problemlos über die Bühne und das Gerät ist direkt über die CueMix FX-Software konfigurierbar. Jetzt offenbart sich auch erst so richtig, was Motu dem Hardware-DSP-Mixer so alles an Leckerlis beigepackt hat. Jeder Eingangs- und Ausgangskanal verfügt wie bereits zu Beginn erwähnt über einen eigenen Equalizer und zwei Kompressoren, außerdem ist noch Hall vorhanden, der klassisch als Send-Effekt ausgeführt ist. Um eine optimale Klangqualität der Effekte, die, wie wir gleich sehen werden, an Hardware-Vintage-Legenden angelehnt sind, zu gewährleisten, erfolgt die interne Signalbearbeitung in den beiden Effekt-DSPs mit 32-Bit-Fließkomma-Auflösung.  Der 7-Band-Equalizer ist laut Herstelleraussage den Klangstellern berühmter britischer Analog-Konsolen nachempfunden. Welche Pulte tatsächlich Modelle standen, verrät Motu nicht, aber die Vermutung SSL 4000er-Serie liegt angesichts ähnlicher Einstellparameter nahe. Neben Hoch-, Tiefpass- und zwei Shelving-Filtern erlauben fünf parametrische Bänder mit Güte-Einstelloption weitreichende Eingriffsmöglichkeiten und Operationen am offenen Klang. Tatsächlich verhalten sich die Filter messtechnisch exakt so, wie sie entweder an der Hardware oder über die CueMix FX-Software eingestellt sind.

Klanglich zählt der Equalizer erwartungsgemäß nicht zu den neutralen Vertretern der Gattung, sondern besitzt eine eigentümliche, analoge Klangqualität, die sämtlichen Signalen eine gewisse dezente analoge Wärme einhaucht. Diese bleibt übrigens auch sehr subtil erhalten, wenn die einzelnen Bänder auf Bypass stehen, der Hauptschalter im Kanalzug oder in den Bussen aber aktiviert bleibt. Der Unterschied zwischen ganz aus und Quasi-Bypass ist sicherlich nur fein, aber doch hörbar: Gerade E-Gitarren mit modernen Komponenten und Tonabnehmern scheinen im positiven Sinne zu altern und klingen vintagemäßiger. Wer es lieber moderner und glasklar wünscht – zum Beispiel bei Instrumenten mit aktiven EMG-Tonabnehmern –, sollte daher den Equalizer unbedingt im Kanalzug und den Bussen ausschalten. Zur Dynamikbearbeitung bietet das 828mk3 gleich zwei Kompressoren auf: Zunächst findet sich unter Dynamics ein Kompressor mit den üblichen Regelmöglichkeiten, also Schwellenwert, Ratio, Attack und Gain. Wie auch von den On-Bord-Plug-ins der gängigen Sequenzer-Programme bekannt, gibt es hier ein eigenes grafisches Interface an dem die Kompressorkennlinie ablesbar ist und die nach Gehör vorgenommenen Einstellungen ihr virtuelles Ebenbild finden. Dieser Kompressor kann, natürlich abhängig von der Einstellung, durchaus zupacken und gerade Basslinien oder auch Vocals einen gewissen Biss verleihen. Dabei ist er einem Urei 1176LN nicht unähnlich, wenngleich die Motu-Entwickler bei diesem Kompressortyp keinen Hinweis auf Vintage-Vorbilder geben. Dagegen ist der zweite Kompressor, „Leveler“ genannt, gemäß der Herstelleraussage wirklich einem ganz großen Vorbild nachempfunden: Dem legendären LA-2A von Teletronix, einem einkanaligen Pegelverstärker mit optischem Regelungsglied. Eine originalgetreue und mit über 3.500 Euro sündhaft teure Replik testete Professional audio Magazin in Ausgabe 4/2007, was die Redaktion nicht ganz unvoreingenommen lässt. Denn der handgefertigte Nachbau aus dem Custom-Shop von Universal Audio sorgt noch heute angesichts seiner ungewöhnlich musikalischen Dynamikbearbeitung für leuchtende Augen bei den Testern.

Wie bei der Legende auch, beschränkt sich die Motu-Emulation auf zwei Regler und zumindest die im Messlabor ermittelten Kennlinien des Software-Klons zeugen von einer weich einsetzenden Kompression (siehe die Messkurve auf Seite 90). Tatsächlich ist es den Motu-Entwicklern gelungen, einen Software-Kompressor zu programmieren, der musikalisch zu Werke geht. Soll heißen: Die Dynamik des Ursprungssignals wird nicht zerstört und sorgt stattdessen, vor allem bei dezenter Einstellung des Gain-Reduction-Reglers eher für ein Vergrößerung des unbearbeiteten Signals. Die spezielle Magie des echten LA-2A, die sich darin äußert, dass er erst wahrnehmbar ist, wenn er aus dem Signalweg genommen wird, erreicht der Motu-Nachbau dann aber doch nicht. Aber mal ehrlich: Hat das jemand erwartet? Tatsächlich handelt es sich um einen sehr gut gelungenen, musikalisch agierenden Pegelausgleicher, der weitaus subtiler werkelt als ein konventioneller Kompressor. Der Hall des 828mk3 gefällt spontan: Kennzeichnend ist sein warmer Klang, der alle fünf Hall-Räume auszeichnet. Auffällig ist, dass der Hall-Effekt – im Unterschied zu vielen Plug-ins – sobald er aktiviert ist, nicht sogleich alles zuschmiert. Stattdessen ist der Effekt so voreingestellt, dass der Benutzer feinfühlig die gewünschte Stärke beimischen kann, indem er die Größe der Hallfahne oder Nachhallzeit stufenlos vergrößert. Das eigentlich Tolle an den DSP-Effekten Equalizer und Kompressor: Der Benutzer kann seinen Sound bereits vor der Aufnahme einstellen und den gefundenen Klang ohne nennenswerte Belastung der Host-Rechner-CPU direkt beim Einspielen mit aufnehmen. Auf diese Weise lässt beispielsweise das D.I.-Signal eines E-Basses mittels Trittschall-Filter und Kompressor schon voreinstellen, ohne dass es nachträglich noch unbedingt eines Plug-ins bedürfte. Auch für Gesangsaufnahmen ist das Vorhandensein von Equalizer und Kompressor äußerst wertvoll und praktisch ein Muss. Allerdings vermissen wir dafür noch einen De-Esser wie ihn T.C. Electronic in ihren Konnekt 24D (Test in Ausgabe 13/2006) an Bord hat. Auf unserer Wunschliste stehen zudem noch Delay- und Modulationseffekte, wie sie beispielsweise der Lexicon-Effektprozessor des Soundcraft FX 16ii-Mischpults (Test Ausgabe 3/2008) anbietet. 

Bevor wir uns mit den Messwerten und den Leistungen des 828mk3 unter Praxisgesichtspunkten zuwenden, springen wir noch einmal zurück zur Hardware und handeln die sonstigen Ausstattungs-Glanzlichter ab: Das Interface hat zwei Kopfhörerausgänge, die wie alle anderen Ausgänge „diskret“, also völlig unabhängig sind. Das bedeutet, dass beispielsweise die Verwendung des Mikrofoneingangs keinen Kanal der Analogeingänge auf der Rückseite „stiehlt“. Demzufolge ist der mit „Phones“ bezeichnete Ausgang ein zusätzlicher Ausgang mit eigener Lautstärkeregelung, sofern er nicht über den Mixer auf einen anderen der analogen oder digitalen Ausgänge gespiegelt wird. Auch der mit „Main“ beschriftete Kopfhörerausgang, der das Summensignal ausgibt, hat einen eigenen Lautstärkeregler. „Main“ gibt das Signal aus, das an den beiden XLR-Buchsen auf der Rückseite anliegt. An diesen sind in der Regel die Studio-Monitore angeschlossen, die Lautstärke der „Main Outs“ und des „Main“-Kopfhörerausgangs wird in beiden Fällen über denselben Lautstärkeregler eingestellt. Neben MIDI-In und Out, hat das 828mk3 auch Word Clock- und Time Code-Anschlüsse. Bei der Synchronisation des Interfaces auf eine externe Clock oder einen SMPTE-Code greift die patentierte Direct Digital Synthese (DDS) ein. Dabei handelt es sich um eine ebenfalls DSP-gesteuerten Phase Lock Engine mit einer hochfrequenten Digital Clock-Quelle, die sich durch eine extrem kleine Jitter-Charakteristik auszeichnen soll. Laut Motu handle es sich bei der DDS-Technik um die allerneuste Möglichkeit zur hochqualitativen und kostenintensiven Synchronisation. Diesen Vorteil spiele DDS auch dann aus, wenn sich das 828mk3 im Slave-Modus zu einer Clock-Quelle befindet, die ihrerseits einen höheren Jitter aufweist als das Interface selbst. Apropos SMPTE: Das 828mk3 lässt sich direkt zu SMPTE synchronisieren. Dafür gibt es eine weitere Zusatzsoftware. Die sogenannte SMPTE Console Software, die alle Werkzeuge enthält, um SMPTE zu generieren, zu schreiben, zu erneuern oder andere Geräte als Slave zum Rechner laufen zu lassen. Es handelt sich ebenfalls um eine plattformübergreifende Anwendung, die kompatibel zu allen DAWs ist, die das ASIO 2-Sync-Protokoll unterstützen. Hierzu gehören praktisch alle Audio-Sequenzer-Programme wie Magix Samplitude ab Version 8, Cubase 4, Nuendo, Sonar 7 und Logic Pro.  Im Messlabor von Professional audio Magazin kann das 828mk3 mit überwiegend guten bis sehr guten Messwerten aufwarten: Das FFT-Spektrum für die Mikrofoneingänge offenbart, dass Verzerrungen für das Interface kein Thema sind. Der Gesamtklirrfaktor liegt zudem bei sehr guten 0,02 Prozent, wobei es sich um einen Wert handelt, den inzwischen auch kostengünstigere Geräte ohne weiteres erreichen. Bei der Gleichtaktunterdrückung muss sich das Motu-Interface jedoch dem nur halb so teueren Tascam US-1641 geschlagen geben, denn auch wenn beide Messkurven im Bassbereich die -55 Dezibelmarke nicht übersteigen, das Tascam-Interface unterbietet das Motu um immerhin 20 Dezibel. Wirklich problematisch ist dieser Wert im Studio-Betrieb jedoch nicht, da hier selten sehr lange Kabelstrecken gefahren werden. Einen echten Ausreißer erlaubt sich das 828mk3 bei den Werten für Geräuschspannungs- und Fremdspannungsabstand: Mit gemessenen 76,5 beziehungsweise 74,8 Dezibel bleibt das Interface etwas unter dem heutigen Standard, der bei etwa 80 Dezibel für beide Werte anzusetzen ist. Für die Praxis heißt das: Ohren spitzen, ob es nicht eventuell hörbar rauscht. Zumindest bei leisen Mikrofonen und vergleichsweise pegelschwachen Signalquellen kann es insoweit schon mal Probleme geben. Denn mit einer der ungewöhnlich hohen Eingangsempfindlichkeit von immerhin 73,7 Dezibel ist das 828mk3 geradezu prädestiniert für die Arbeit mit dynamischen und passiven Bändchenmikrofonen.

Für den Praxistest spielen wir im Overdub-Verfahren ein durcharrangiertes Instrumentalstück auf acht Einzelspuren mit E-Gitarren, Bass und Akustikgitarre in Sonar 7 ein. Abgesehen von der ersten Gitarrenspur, die nachträglich mit dem Plug-in „Classic Phaser“ von Kjaerhus Audio veredelt wird, kommen bereits bei der Aufnahme die DSP-Effekte des 828mk3 zum Einsatz. Auf die Festplatte kommt somit überwiegend der Sound des CueMix FX beziehungsweise seiner Effekte.  Tatsächlich muss dem 828mk3 bezüglich des Rauschverhaltens der Mikrofoneingänge die gelb-rote Karte erteilt werden, denn zumindest über den „Main“-Kopfhörerausgang rauscht es vernehmlich – auch wenn der E-Bass mit rauschfreier Aktiv-Elektronik angeschlossen ist. Auch beim Abhören der Playbacks über die analogen Haupt-/Control Room-Ausgänge des Interfaces ist ein dezentes Hintergrundrauschen zu vernehmen. Soweit so schlecht, aber unterm Strich doch nicht gar so dramatisch, denn: Beim Abhören der Aufnahmen über den Referenzwandler Lynx Aurora 8 klingt alles sehr sauber und nebengeräuscharm. Tatsächlich klingen die Vorverstärker sehr klar mit einem leichten Höhenschimmer, der beispielsweise Gitarre 2 und 3, einer cleanen Strat, sehr gut zu Gesicht steht. Auch die Akustikgitarre, einmal mehr mit dem vorzüglichen Schoeps MK2 H/CMC6 U abgenommen klingt überzeugend, wenngleich durch die leichte Höhenbetonung der Motu-Preams der Klang etwas silbriger erscheint. Das fällt aber nur auf bei Vergleichs-Takes mit der neutralen Kombination Lynx-Wandler und Lake People Mic-Amp F355. Es handelt sich somit eher um Nuancen, die eher für reizvolle Farbtupfer sorgen, ohne allzu kräftig in den Farbtopf zu greifen. Was das 828mk3 bei der Arbeit mit dem Rechner ganz besonders auszeichnet, ist die Qualität seiner Treiber. Das Motu-Interface gehört zu den schnellsten Geräten seiner Art, die Professional audio Magazin in den letzten Monaten testen konnte. Latenzen sind mit 2,2 Millisekunden bei einer Samplingrate von 48 Kilohertz und einer Puffergröße von 128 Samples vernachlässigbar gering. Bei 96 Kilohertz sind es sogar nur 1,3 Millisekunden. Diese Werte ermitteln wir wohlgemerkt mit einem älteren Notebook mit 2 Gigahertz Pentium 4-Prozessor, das nicht eigens für Audio-Anwendungen optimiert ist. Auch wenn die CPU-Last im Verlauf der Aufnahmesitzung auf 30 Prozent ansteigt, kommt es zu keinen Ausfällen oder timing-feindlichen Verzögerungen. Der Rechner-Bolide im Studio von Professional audio Magazin, bei dem ein Quad-Core-Prozessor das Rechenwerk verrichtet, schient sich sogar regelrecht zu langweilen: Die CPU-Last beträgt bei einer Latenz von 1,9 Millisekunden und einer Auflösung von 24 Bit/ 48 Kilohertz gerade mal 2 Prozent.  

Fazit 

Das Motu 828mk3 erweist sich als sehr gut ausgestattetes Firewire-Audio-Interface, das vor allem mit seinem leistungsfähigem Digital-Mixer und den sehr guten Effekten auf DSP-Basis punkten kann. Im Zusammenspiel mit dem Rechner glänzt es mit seiner außergewöhnlichen Geschwindigkeit, die Musiker, die vielstimmige Arrangements erstellen und einspielen, begeistert.

Erschienen in Ausgabe 05/2008

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 900 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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