Baby won’t you drive my DAW

Das kleinste Mitglied der Fireface-Modellserie des Herstellers RME hört auf den Namen Babyface und wendet sich primär an Mobilisten und Heimanwender mit chronischem Platzmangel. Was das jüngste RME-Kind leistet, ob es noch Windeln braucht oder es faustdick hinter den Ohren hat, erfahren Sie im Test.  

Von Georg Berger 

Mit der Namenswahl des kleinsten Mitglieds seiner Fireface-Familie konnte der Pro-Audio-Hersteller RME nicht richtiger liegen. Denn gerade von Seiten unserer weiblichen Verlags-Belegschaft ernteten wir eindeutige Kommentare wie „niedlich“, „putzig“ oder „süß“, nachdem sie das kompakte Babyface das erste Mal zu Gesicht bekamen. Im Verlauf des Tests lösen sich diese Eindrücke jedoch alsbald in Luft auf, denn unter der Oberfläche werkelt ein lupenreines USB-Audio-Interface mit professionellem Anspruch, das sehr viele Gene seiner größeren Brüder geerbt hat. Das bewusst kompakt designte Babyface richtet sich nach dem Willen des Herstellers primär an Mobilisten sowie an Tonschaffende, die auf eine Vielzahl von Anschlüssen verzichten können. Mit zwei analogen Ein- und Ausgängen plus Instrumenten- und Kopfhörer-Anschluss sowie einer Toslink- und MIDI-Schnittstelle dürfte das Babyface die Ansprüche vieler Anwender voll und ganz erfüllen. Obendrein lockt auch noch ein attraktiver Preis, der vom Hersteller mit knapp 600 Euro beziffert wird. Wer bislang ein kompaktes RME-Interface in seinen Geräte-Fuhrpark aufnehmen wollte, hatte die Wahl zwischen dem Fireface 400 (Test in Heft 9/2006) oder dem Fireface UC (Test in Heft 1072009) für jeweils knapp 1.000 Euro Verkaufspreis. Durch ihr halbes 19-Zoll-Format besitzen sie zwar schon recht kompakte Dimensionen, warten aber auch mit deutlich mehr Ein- und Ausgängen auf, die sich der Hersteller konsequenterweise bezahlen lässt. Wer diese also nicht braucht, kann beim Kauf des Babyface ab sofort tüchtig sparen. Schauen wir uns den Kleinen mal genauer an. 

Das Babyface ist in zwei unterschiedlich farbigen Versionen erhältlich. Wem das blau-metallic unseres Testkandidaten nicht gefällt, kann auf das komplett in silber gehaltene Pendant ausweichen oder seit kurzem eine dritte Variante in pink mit weißen Bedienelementen wählen, die sinnigerweise „Ladyface“ genannt wird. Wichtig: Das vor kurzem von Synthax präsentierte Nanoface des Herstellers Alva (siehe Newsteil in Heft 5/2011) hat indes überhaupt nichts mit RME zu tun. Obwohl es fast das gleiche Gehäuse – hier in schwarz – besitzt, ist das Innenleben des Nanoface eine komplette Eigenentwicklung von Alva mit unterschiedlicher Ausstattung. Wer also ein waschechtes RME-Produkt erwerben möchte, greift auf das Baby-, respektive Ladyface zurück.   Sehr schön: In Sachen Lieferumfang hat sich der Hersteller wahrlich nicht lumpen lassen. Außer dem Interface und einer Kabelpeitsche sowie dem Handbuch und der Treiber-CD erhält der Käufer ein spezielles USB-Kabel, eine Verlängerung für die Kabelpeitsche und sogar eine Aufbewahrungstasche aus robustem Stoff. Ein Netzgerät muss bei Bedarf aufpreispflichtig erworben werden, es wird aber zumeist nicht benötigt. Das Babyface ist gezielt auf einen Bus-Powered-Betrieb über USB ausgelegt. Besonderheit: Das mitgelieferte USB-Kabel ist eine Y-Variante, die zwei Stecker zum Anschluss an den Computer besitzt, was aber nur für ältere Rechner/Laptops nötig ist, die über eine USB-Buchse nicht genügend Stom liefern. Im Test läuft das Babyface jedenfalls anstandslos über nur einen USB-Anschluss. Das Interface nimmt in etwa die Fläche eines Gitarren-Bodeneffekts ein und unterbietet seine beiden Brüder Fireface 400/UC hinsichtlich Platzbedarf somit deutlich. Erstaunlich ist das Gewicht von etwa einem Pfund. Kein Wunder, das Gehäuse ist komplett aus Aluminium gefertigt, womit sich das Babyface wahrlich nicht als Spielzeug, sondern vielmehr als robustes Interface zu erkennen gibt.   Außer einer Netzgeräte- und USB-Buchse, versammeln sich auf der Kopfseite des Babyface Toslink-Ein- und Ausgänge, die wahlweise bis zu acht ADAT-Kanäle oder ein Stereo-S/PDIF-Signal führen sowie eine 15-pol-Buchse an die sich die bereits erwähnte Kabelpeitsche respektive Verlängerung anschließen lässt. Sie führt je zwei analoge Ein- und Ausgänge in Form von XLR-Steckern, ein Pärchen MIDI-Anschlüsse und eine Stereo-Klinkenbuchse zum Anschluss eines Kopfhörers.

Auf der rechten Schmalseite des Babyface sind zwei Klinkenbuchsen integriert, die zum Anschluss eines Kopfhörers und eines elektrischen Instruments dienen. Besonderheiten: Der Instrumenten-Eingang teilt sich den zweiten Analog-Eingangskanal, will heißen, wer eine E-Gitarre darüber aufnehmen will, kann nicht gleichzeitig den zweiten XLR-Eingang nutzen. Die Kopfhörer-Buchsen am Gerät und der Peitsche teilen sich ebenfalls einen Kanal und führen folglich dasselbe Signal.  Die Oberseite wartet mit zwei Tastern und einem Endlos-Drehregler mit Schaltfunktion auf. Darüber finden sich zwei LED-Meter-Ketten und dazwischen eine Reihe von Status-LEDs, die Auskunft über den Betriebs-Modus geben. Via Select-Taster lassen sich Funktionen zum Einstellen des Eingangs-Gain und der Lautstärke von Summen- und Kopfhörer-Ausgang aufrufen, die sich per Drehregler zufriedenstellend justieren lassen. Besonderheit: Per Drehregler-Schaltfunktion können wir bei Bedarf das Eingangs-Gain für beide Analog-Kanäle separat oder gemeinsam feinjustieren. Befindet man sich im Modus zum Einstellen der Summen- und Kopfhörer-Lautstärke ist es sogar möglich, per Druck auf den Drehregler eine Dim-Funktion auszuführen. Last but not Least kann über den Recall-Taster ein Referenz-Pegel für den Summen-Ausgang gespeichert und blitzschnell aufgerufen werden. Damit bieten sich insgesamt drei Optionen zum raschen Ändern der Ausgangslautstärke, die ein lästiges Bedienen am Computer hinfällig macht und sich im Test als sehr praktikabel erweisen. So etwas haben Fireface 400/UC nicht zu bieten.  Im Innern, wen sollte es wundern, werkelt so ziemlich die gleiche Technik wie auch bei den größeren Fireface-Modellen. Dies gilt für die eigens entwickelte USB-Controller-Technik, die seinerzeit im Fireface UC seine Premiere feierte und im Fireface UFX fortgesetzt wurde (siehe Test in Heft 12/2010). Sehr schön: Ein händisches Umstellen der USB-Controller für Mac und Windows-Rechner, wie im Fireface UC erforderlich, ist im Babyface nicht nötig. Hier wie dort kümmert sich ein sogenannter FPGA-Chip um das Ausführen der USB-Controller-Funktionen, der gleichzeitig auch die Steuerung des Signalflusses übernimmt. Er realisiert somit einen in der Hardware berechneten Digitalmixer mit allen Schikanen, der via TotalMix-Software steuerbar ist und im Vergleich zu den Mitbewerbern eine Vielzahl an Extras zu bieten hat. Dazu zählt das RME-typische Submix-Konzept, das im Falle des Babyface ein Erstellen von bis zu sechs unabhängigen Stereo-Mixen ermöglicht. Überdies offeriert die Matrix-Ansicht Einstellmöglichkeiten einer klassischen Kreuzschiene, was die Routingmöglichkeiten entsprechend flexibel gestaltet. Zusätzlich ist auch das im Lieferumfang enthaltene Analyse-Tool DIGICheck ausführbar, das ebenfalls in der Hardware berechnet wird. Die Feinheiten und Features der TotalMix-Anwendung en detail erläutern zu wollen, würde den Rahmen des Artikels jedoch sprengen, weshalb wir auf die bereits erschienenen Tests von RME-Produkten in Professional audio verweisen in denen auf TotalMix eingegangen wird.

Ein Highlight, das hingegen nicht unerwähnt bleiben darf, ist der Einsatz von Effekten in den Kanälen und Send-Wegen des Mixers, weswegen die Software sinnigerweise TotalMix FX genannt wird. Dieses Feature feierte im Fireface UFX seine Premiere und findet im Babyface in etwas abgespeckter Form seine Fortsetzung. Jeder Kanal verfügt über ein einstellbares Hochpass-Filter sowie einen Drei-Band-Equalizer. Zusätzlich sind noch einstellbare Echo- und Hall-Prozessoren an Bord, die mittels Send-/Return-Wege anteilig den Ausgängen zumischbar sind. Dynamik-Effekte sind allerdings nicht verfügbar. Grund: Im Fireface UFX kümmert sich ein eigener DSP-Chip um das Berechnen der Effekte, während der FPGA die klassischen Mix-Aufgaben erledigt. Im Babyface muss dies der FPGA komplett alleine erledigen. Ansonsten sind die Features von TotalMix FX in der Babyface-Variante identisch zu denen des Fireface UFX (siehe Test in Heft 12/2010). In Sachen Klang und Regelverhalten überzeugt der Equalizer, ebenso wie im Fireface UFX, durch einen unauffälligen Klang und ein kraftvolles Zupacken. Besonderheit: Im Control Panel kann der Equalizer auf die Eingänge geschaltet und das Signal direkt mit Entzerrung aufgenommen werden. Die Echo- und Hall-Effekte führen einen zufriedenstellenden  Job aus, wenngleich die Qualität eher Mittelklasse ist. Um Sänger und Instrumentalisten bei der Aufnahme mit Raum-Effekten zu verwöhnen reicht es aber in jedem Fall.   Die Test-Routinen im Messlabor von Professional audio absolviert das Babyface mit Bravour. Sämtliche Messergebnisse finden sich auf Augenhöhe zu den größeren Fireface-Modellen. Teils erhalten wir sogar identische Ergebnisse. So zeigt das FFT-Spektrum hier wie dort einen Noisefloor unterhalb -100 Dezibel. Der Klirrfaktor ist mit gemessenen 0,006 Prozent am symmetrischen und 0,05 Prozent am Instrumenten-Eingang ebenfalls fast identisch. Gleiches gilt auch für die Messung der Gleichtaktunterdrückung, die im Babyface ein konstantes Ergebnis von sehr guten -65 Dezibel zeigt. In Sachen Verstärkungs-Reserve schafft es das Babyface lediglich auf maximal 60 Dezibel, was fünf Dezibel schlechter ist als bei den großen Brüdern, aber immer noch ausreicht, um auch sehr leise Mikrofone ordentlich zu verstärken. Grund: Anstelle des PGA2500-Vorverstärker-Chips ist das Modell PGA2505 von Texas Instruments verbaut. Es liefert per se ein Maximal-Gain von 60 Dezibel, das überdies in Drei-Dezibel-Schritten einstellbar ist. Nächster Unterschied: Die Ergebnisse nach Messung von Fremd- und Geräuschspannung an den Mikrofon-/Line-Eingängen sind mit 81,3 und 84 Dezibel zwar exzellent, jedoch rund sechs Dezibel schlechter im Vergleich zu den großen Firefaces. Ähnliches gilt auch für den Instrumenten-Eingang, der in beiden Messungen ein Ergebnis von rund 63 Dezibel liefert. Dafür glänzt der Kleine in Sachen Wandlerlinearität: Bis hinab sensationeller -132 Dezibel verläuft die Kurve wie mit dem Lineal gezogen.   Auch in Sachen Latenz und Performance ist das Babyface hervorragend aufgestellt und zeigt fast identische Ergebnisse im Vergleich zum Fireface 400. Aufnahmen mit 44,1 Kilohertz sind mit dem im Test verwendeten Rechnersystem bei Buffer-Einstellungen bis hinab 96 Samples ohne Störgeräusche realisierbar. Auch klanglich gibt sich das Babyface als reinrassiges RME-Interface mit derselben hohen Qualität zu erkennen. Ebenso wie seine großen Brüder liefert es einen transparenten und schonungslos ehrlichen Klang, den wir auch im Fall des Babyface nur mit teutonisch-sachlich umschreiben können. Allerdings klingen die Mikrofon-Aufnahmen im Vergleich zum Fireface 400 nicht ganz so offen und plastisch, was aber nur mit ganz feinem Gehör auszumachen ist und sich im Bereich von Mikrometern abspielt. 

Fazit

RME rundet mit dem Babyface sein Angebot an exzellent klingenden Audio-Interfaces erfolgreich nach unten ab. Mobilisten und Heimanwender mit bescheidenen Ansprüchen hinsichtlich Anschlüssen und Aufnahmekanälen erhalten die gleichen Features und Klangqualität wie beim Kauf der großen Fireface-Modelle. Die Tatsache, dass der Winzling via TotalMix FX-Software sogar Effekte wie Equalizer, Echo und Hall berechnen kann, machen ihn sogar noch attraktiver. Daumen hoch in allen Punkten lautet unser Urteil.

Erschienen in Ausgabe 06/2011

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 599 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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