Alles neu macht die Drei

Der neue Look in Digidesigns überarbeitetem Homerecording-Flaggschiff Digi 003 ist nur die Spitze des Eisbergs an neuen Features. Im ausgiebigen Härtetest vermag es ein wahres Feuerwerk in Sachen Bedienkomfort abzubrennen.

Von Georg Berger

Homerecordler, die in die professionelle Welt von Digidesign und Pro Tools vordringen wollen, müssen nicht zigtausend Euro für ein Highend-TDM-Produkt vom Schlage eines HD- oder Accel-Systems ausgeben. Es geht auch billiger, wie der Test der Mbox 2 Pro im Januar-Heft von Professional audio Magazin gezeigt hat. Wer in Sachen Ausstattung und Anschlüsse jedoch höhere Ansprüche stellt, für den empfiehlt sich als nächster Schritt der Kauf eines Geräts der Digi-Familie; sie ist die Homerecording-Produktlinie des Unternehmens.

Zwei Produkte gab es bislang in Form der 002-Serie, die konzeptionell in der 003-Serie fortbestehen, und jetzt in weiter entwickelter Form vorliegen. Erster Kandidat ist das knapp 2.600 Euro teure Digi 003 Factory. Ausgelegt als Konsolengerät präsentiert es sich als Kombination aus Audio-Interface und DAW-Controller. Die Komplettlösung empfiehlt sich als mächtige Schaltzentrale und Frontend fürs Recording und Abmischen. Spartanischer gibt sich die 19-Zoll Rackvariante, das knapp 1.800 Euro teure Digi 003 Rack Factory, das lediglich dasselbe Audio-Interface enthält. Es eignet sich primär für diejenigen, die bereits einen DAW-Controller besitzen und den originalen Pro Tools-Sound nutzen möchten.

Wie üblich legt Digidesign auch der dritten Digi-Generation ein umfangreiches Softwarepaket bei, in dessen Zentrum der Pro Tools LE Sequenzer steht. Gleichzeitig mit der renovierten Digi-Linie erfuhr dieser ein Update auf die Version 7.3, die mit einigen neuen Features aufwartet und in einer der nächsten Ausgaben von Professional audio Magazin vorgestellt wird. Wer es noch günstiger haben will, wählt die Rack-Version ohne die Zusatzbezeichnung Factory, die mit weniger Effekt-Plug-ins aufwartet und schließlich für knapp 1.400 Euro über den Ladentisch geht.

Im Mittelpunkt unseres Tests steht jedoch die Desktop-Variante, das Digi 003 Factory. Im Vergleich zum Vorgänger präsentiert sich die neue Generation optisch aufgehellt, mit einem Gehäuse aus hellgrauem Kunststoff mit dezent abgesetzter Oberseite in Dunkelgrau, auf der sich die Bedienelemente finden. Mit cirka sieben Kilo Einsatzgewicht vermag es in Sachen Stabilität zu überzeugen. Kritisch sehen wir allerdings, wie auch schon beim Test der Mbox 2 Pro, die Verwendung von Kunststoff-Klinkenbuchsen, deren Praxistauglichkeit sich nach wie vor noch zeigen muss. Gleich geblieben ist die Datenübertragung in den Computer über Firewire mit maximalen 24 Bit und 96 Kilohertz Abtastrate, genauso wie die Zahl der verfügbaren Ein- und Ausgänge

In Gesamtheit verfügt das Digi 003 neben vier Mikrofon- beziehungsweise Instrumenten-Eingängen über vier weitere analoge Line- und zehn digitale Ein- und Ausgänge in Form einer ADAT-Schnittstelle und koaxialer S/PDIF-Cinchbuchsen-Pärchen. Zwei Monitoranschlüsse, ein Aux-Input zur Einspeisung etwa von CD-Playern, sowie ein MIDI-Ein- und zwei MIDI-Ausgänge komplettieren das Angebot. Die integrierte ADAT-Schnittstelle erlaubt Übertragungen von wahlweise acht Kanälen bis maximal 48 kHz oder eines S/PDIF-Stereosignals. In letzterem Fall bleiben die koaxialen Anschlüsse stumm. Schön wäre noch ein S/MUX-Modus, der die Verarbeitung optischer Signalen bis 96 Kilohertz gestatten würde.

Neu hingegen ist die Integration von BNC-Wordclock-Ein- und Ausgängen, die es ermöglichen das Digi 003 auf Video-Equipment zu synchronisieren oder als Bestandteil in einem größeren Studio-Setup seinen Dienst zu verrichten. Eine lobenswerte Bereicherung stellen die zwei Kopfhörer-Anschlüsse an der vorderen Gehäusekante dar, die unabhängig voneinander regelbar sind. Über die Monitorsektion auf der Oberseite lässt sich außerdem der zweite Kopfhörer mit einem alternativen Mix versorgen. Recordingsessions gestalten sich so zu einem Vergnügen für Instrumentalist und Tontechniker.

Weggefallen ist nun die Möglichkeit, das Digi-Tischgerät auch als Stand-alone-Mixer zu nutzen. Dafür lässt sich das Digi 003 jetzt als waschechter MIDI-Controller einsetzen, um Hardware-Peripherie oder etwa Rewire-Plug-ins bequem zu editieren. Vier Taster erlauben dazu die Erstellung und den Aufruf zuvor erstellter Presets. Daneben verfügt das Gerät noch über einen Utility-Modus, der es gestattet, die Hardware auf Fehler zu testen. Wer mag, kann jenseits von Pro Tools die Audio-Interface-Sektion des Digi 003 auch im Verbund mit anderen ASIO-fähigen Sequenzern betreiben. Ein separates Programm erlaubt die ausschließliche Installation des Digidesign ASIO-Treibers. Im realen Leben wird sich zwar niemand ein Digi 003 zulegen, um es ausschließlich etwa mit Sonar, Logic oder Cubase zu betreiben. Doch die gebotene Möglichkeit erweitert die Recording-Zentrale in punkto Flexibilität.  

Weitaus mehr Änderungen und Erweiterungen im Vergleich zur Ausstattung des Audio-Interface hat die auf den Pro-Tools-Sequenzer zugeschnittene Controller-Sektion auf der Oberseite des Digi 003 erfahren. Augenfälligste Neuerung: Der vierfache Navigationstaster hat nun Gesellschaft in Form eines Jog- respektive Shuttlerads erhalten, mit dem sich nicht nur bequem durch ein Arrangement fahren lässt, sondern auch im Handumdrehen in die Spuren gezoomt sind. Die Anzahl an Drucktastern und damit ausführbaren Funktionen direkt am Digi 003 hat sich ebenfalls erhöht, was ein deutliches Bedienungsplus markiert. Dazu zählen außer den erwähnten MIDI-Tastern eine Sektion zur Steuerung der Automation, ein Taster zur Aktivierung von Memory Locations und eine Reihe zusätzlicher Funktionstasten wie Save, Undo und Enter zum Speichern von Projekten und Bestätigen von Dialogen. Insgesamt 36 Shortcut-Befehle, die über die vier Modifikationstasten auszuführen sind, erweitern die Steuerungsmöglichkeiten der Controller-Sektion noch einmal. Logische Konsequenz: Der Griff zu Maus und die Nutzung der Tastatur verringern sich erheblich.

Das LC-Display präsentiert sich nun in einem Stück mit einem zweizeiligen 55-Zeichen-Display. Unterschiedliche Anzeige-Modi erlauben es, Spuren- oder Parameterbezeichnungen über die 6-Zeichen-Grenze pro Kanal hinaus in voller Länge anzuzeigen. Schließlich rahmen nunmehr LED-Kränze die acht Endlos-Drehregler der Fadersektion ein, die mit ihrer eigenwilligen pilzartigen Form hübsch anzusehen sind und sich auch komfortabel bedienen lassen. Neu hinzugekommen ist eine 5-Segment-LED-Kette in jedem Kanalzug, die sowohl als Meter-Anzeige als auch als Status-LEDs über den momentanen Automationsstatus der Spur Auskunft gibt.

Um das Digi 003 ans Laufen zu bringen, ist zunächst die Installation von Pro Tools inklusive sämtlicher Treiber nötig. Auf einem Mac-Studio-Rechner mit OSX 10.4.9 geschieht dies während des Tests reibungslos. Die Installation auf verschiedenen Windows-PCs endet jedoch anfänglich in völliger Frustration, da die notwendigen Treiber für das Digi 003 nicht gefunden werden. Grund des Übels: Ein Programmierfehler in der Installationsroutine, der deutsche Ordnerbezeichnungen nicht berücksichtigt. Doch ein Anruf genügt und wir erhalten binnen kurzer Zeit ein Update, das schließlich zu einem guten Ende führt.

Nachdem diese Hürde genommen ist, steht uns die volle Funktionalität des Digi 003 auch auf dem mächtigen Quad-Core-XP-Rechner im Studio von Professional audio Magazin zur Verfügung. Beim Start von Pro Tools und dem laden eines bereits erstellten Projekts erkennt die Hardware automatisch ihre Leib-und-Magen-Anwendung und geht zunächst in die sogenannte Konsolenansicht, in der jeder Kanalzug der Hardware einem Kanal in Pro Tools entspricht. Außer der Editierung der Panpots lassen sich in dieser Ansicht auch die fünf Inserts und zehn Sends – siehe Abbildung auf Seite 25 – aufrufen und bequem mit den Endlos-Drehreglern editieren.

Außer dieser globalen Editiermöglichkeit offeriert das Digi 003 auch noch eine Kanalansicht, die ein detailliertes Editieren von Effekten und Einstellungen eines einzelnen Kanals mit sämtlichen Drehreglern der Fader-Sektion ermöglicht. Equalizer und Dynamik-Effekte sind über die gleichnamigen Taster anwählbar. Alle übrigen Effekte sind über die Plug-in Taste erreichbar. Über die Page-Tasten lassen sich schließlich auch umfangreich editierbare Plug-ins in aller Gänze programmieren. Das Bedienkonzept erinnert an den im letzten Heft vorgestellten Mackie MCU-Controller.

Den Select-Tasten der Kanalzüge gebührt beim Editieren besondere Aufmerksamkeit. Sie üben je nach Ansicht und auszuführender Aktion Mehrfachfunktionen aus. Außer der Anwahl eines Kanals erlaubt beispielsweise ein längerer Druck auf einen Select-Taster, teils in Verbindung mit dem Shift-Taster, im Konsolenansichts-Modus das Routing physikalischer Ein- und Ausgänge. Nicht mehr missen möchten wir während der Arbeit die Möglichkeit, über den Save-Taster die bisherige Arbeit bequem am Digi 003 zu speichern. Pop-up-Menüs, die eine Bestätigung fordern, sind mit der Enter-Taste nun
ebenfalls mausfrei ausführbar, und das vormals lästige Editieren von Automationen und Verwalten von Memory Locations mit der Maus gehört mit den dafür vorgesehenen Tasten ebenfalls der Vergangenheit an. Sehr schön: Die LEDs der Meter-Anzeige geben uns bei der Arbeit einen schnellen Überblick über den Automationsstatus der jeweiligen Spuren. Das Jog- und Shuttlerad ist ebenfalls eine Bereicherung; gleichwohl empfinden wir seine Rastung als zu grob. Das MCU Pro von Mackie offeriert da die eindeutig bessere Alternative.

Um auch in den Genuss des Digi 003 als MIDI-Controller zu gelangen, ist zunächst ein unkompliziert durchzuführendes Update der Firmware erforderlich. Insgesamt acht MIDI-Map-Presets, vier frei editierbare, stehen danach zur Verfügung. Mit Leichtigkeit erstellen wir eine kleine MIDI-Map, mit der wir ausgewählte Parameter eines angeschlossenen Boss SE-50 Multieffektgeräts bequem am Digi 003 editieren können. Ein Druck auf den entsprechenden Map-Button genügt. Alles in allem gerät die Arbeit mit der Controller-Sektion des Digi 003 zu einem wahren Vergnügen. Anfangs geht bei der Ausführung vieler Aktionen die Hand noch gewohnheitsmäßig Richtung Maus. Doch als klar ist, dass dies nicht nötig ist, zeigt sich der Komfort des Digi 003. Einzig die Verinnerlichung der insgesamt 36 ausführbaren Shortcuts am Gerät erfordert etwas Zeit, was sich aber lohnt.

Bei aller Konzentration auf die Controller-Sektion darf das integrierte Audio-Interface nicht außer Acht gelassen werden, schließlich macht es aus dem Digi 003 erst die kompakte Rundum-Recording-Lösung. Die Messungen im Testlabor von Professional audio Magazin ergeben durchweg sehr gute bis hervorragende Ergebnisse. Die Wandlerlinearität zeigt erst bei cirka -115 dB erste Unsauberkeiten und reiht sich damit in die Spitzenklasse ein. Die Messungen von Fremd- und Geräuschspannungsabständen komplettieren den sehr guten Eindruck. Mikrofon- und Instrumenten-Eingänge liefern Werte von
91,6 und 88,9 dBu beziehungsweise 78,9 und 76,2 dBu für Geräusch- und Fremdspannungsabstand. Die Messung des Fremdspannungsabstands liefert schließlich mustergültige 97,6 dBu. Einzig die Messung der Gleichtaktunterdrückung gerät im Vergleich dazu etwas schlechter. Die Messkurve zeigt einen durchschnittlichen Verlauf von -60 dB, der ab 200 Hertz abwärts auf -40 dB ansteigt.

Für den ausgiebigen Hörtest fertigen wir eine Reihe von Gesangs-, Sprach- und Instrumentalaufnahmen an. Ihnen allen gemeinsam ist ein charakteristischer Grundklang, der sich auf zwei Worte reduzieren lässt: warm und angenehm. Im Vergleich zu neutral klingenden Geräten wie dem RME Fireface 400, dem Lynx Two Wandler und auch dem Lake People Mic Amp F 355 erscheint das Digi 003 als Schönfärber. Wie auch schon beim Test der Mbox 2 Pro erhalten Sprachaufnahmen einen wohlig warmen Elmar-Gunsch-Charakter durch eine leichte Betonung des unteren Mittenbereichs. Die Aufnahmen erscheinen nicht so direkt spielen räumlich eher ein wenig mehr im Hintergrund. Die Auflösung nach oben hin gerät dennoch sehr fein und detailliert.
Dies ist bei den Aufnahmen einer akustischen Gitarre deutlich an den zwar sehr feinen aber doch dezenteren Fingergeräuschen auszumachen, das Saitenrutschen scheint in den Hintergrund gerückt. Der Vergleich einer E-Bass-Aufnahme: Das Digi 003 lässt das Instrument gegenüber dem RME knurriger erklingen und verleiht ihm mehr Sonorität im unteren Frequenzbereich.

Doch dieser Klangeindruck kommt nicht von ungefähr. Digidesign verfolgt mit seiner Elektronik die Realisation des als warm empfundenen analogen Tonbandklangs. Liebhaber dieses Ideals werden deshalb mit dem Digi 003 höchst zufrieden sein. Wer jedoch auf absolute Neutralität und preußisch präzise Reproduktion des Klangs wert legt, dem wird das Digi 003 vielleicht zu warm, wenn auch nicht unpräzise erscheinen.  

Fazit

Die dritte Digi-Generation zeigt sich in Sachen Ausstattung und Bedienkomfort deutlich gestärkt. Die Entwickler haben es geschafft, den Verbund aus Soft- und Hardware noch enger zu machen. Klanglich weiß das Digi 003 einen markanten Akzent zu setzen. 2.600 Euro erscheinen auf den ersten Blick sehr viel, zumal mit dem M-Audio Project Mix I/O eine nur halb so teure Alternative erhältlich ist. Überdies wartet das M-Audio-Gerät sogar mit acht Mikrofoneingängen auf und läuft dem Digi 003 in Sachen Anschlüsse damit den Rang ab. Klanglich kann es aber nicht mit Digidesigns Neuling mithalten und die Anbindung an Pro Tools gerät nicht in dem Maße vorbildlich. Die andere Alternative, der Kauf von Einzelkomponenten inklusive Software gerät in jedem Falle teurer. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist also sehr gu

Erschienen in Ausgabe 06/2007

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 2612 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: sehr gut

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