Und mit einem Wisch ist alles weg

Der amerikanische Software-Hersteller Izotope sorgte mit der Audio-Restaurierungs-Suite RX seinerzeit für Aufsehen. Mit der jetzt dritten Version soll dies nicht anders sein. Ob das klappt, was es Neues gibt und ob das Update lohnt, erfahren Sie im Test. 

Von Georg Berger 

Es hätte für den amerikanischen Software-Hersteller Izotope promotiontechnisch nicht besser laufen können: Fast gleichzeitig zur Veröffentlichung des neuen Major-Updates seiner Audio-Restaurierungs-Software RX heimste das Unternehmen von der National Academy for Television Arts & Sciences einen Emmy für seine herausragenden Leistungen bezüglich seiner RX Audio-Reparatur-Technik ein. Solch eine Auszeichnung lässt natürlich aufhorchen und derart geadelt, muss Izotope in Sachen Audio-Restaurierung einiges richtig und sogar auch besser gemacht haben als die anderen. Tatsächlich hat es der Hersteller mit Ersteinführung von RX im Jahre 2008 geschafft, sich vom Fleck weg einen oberen Liga-Platz zu sichern. Dabei konnte RX nicht nur mit Effizienz und sehr gutem Klang punkten. Ein kleiner Rückblick: Im Vergleich zu Mitbewerbern wie etwa Waves, Sonnox und zum Marktführer Cedar Audio, die mit Plug-in Bundles aufwarten, präsentierte sich RX ähnlich wie ein Audio-Editor à la Wavelab oder Sound Forge, in dem die dort aufrufbaren Module das Entrauschen, Entbrummen und Entfernen von Knistern und Knacksern ermöglichte – wenig später konnten die Prozessoren dann auch als Plug-ins eingesetzt werden. Abseits dieser Standard-Anwendungen trugen zwei Prozessoren, die bislang nur selten oder nur für viel Geld erhältlich waren, maßgeblich zum durchschlagenden Erfolg von RX bei: Die Rede ist vom Declipper, mit dessen Hilfe sich Verzerrungen in Aufnahmen minimieren lassen sowie das Spectral Repair Feature, das ebenso wie der rund 2.500 Euro kostende Renovator von Algorithmix (Test in Heft 7/2006) das Eliminieren von Störgeräuschen auf atemberaubende Art durch Editieren eines Spektrogramms realisiert. Dazu werden im Spektrogramm die relevanten Stellen markiert und anschließend wahlweise in der Lautstärke gedämpft, gelöscht, durch Bereiche – ähnlich wie der Kopierstempel in Photoshop –­ um die Auswahl herum ersetzt oder sogar interpoliert. Vorteil RX: Damals wie heute gabs ein Rundum-Paket zum Entfernen jeglicher Störgeräusche schon für knapp 300 Euro, wenngleich in funktional eingeschränkter Form, aber immerhin. Die Advanced-Version bot hingegen für rund 920 Euro in jedem Prozessor einen Satz zusätzlicher Parameter und Funktionen, die sich aufgrund ihrer Komplexität an Profis richten und das übrigens immer noch für ungleich weniger Geld als für die von den Mitbewerbern offerierten Lösungen. An dieser Preisgestaltung hat sich übrigens auch bei RX 3 nichts geändert. Noch besser: Im Lieferumfang von RX 3 Advanced ist auch die opulente Meter-Bridge Insight enthalten, die separat als Plug-in für rund 450 Euro erhältlich ist.

 

Das erste Major-Update in Form von RX 2 folgte 2011 und offerierte weitere pfiffige Prozessoren, die es bei den Mitbewerbern teils in der Form nicht gibt. So gestattet das Deconstruct-Modul das Aufteilen des Audio-Signals in tonale und geräuschhafte Anteile, um etwa überlaute Anblasgeräusche einer Flöte wie von Zauberhand zu dämpfen. Über die Azimuth-Funktion ist der Lautstärke- und Gleichlauf-Versatz alter Stereo-Tonband-Aufnahmen bequem ausgeglichen und ein adaptiver Modus im Denoiser-Modul passt sich automatisch den klanglichen Änderungen des Rausch-Spektrums an. Weitere Features wie der Radius-Algorithmus für Time-Stretching- und Pitch Shifting-Aufgaben sowie das Einbinden von Drittanbieter-Plug-ins in die Stand-alone-Version nehmen sich da eher banal aus. Mit dem jüngsten Update RX 3 soll die Erfolgsgeschichte jetzt weiter fortgesetzt werden. Einerseits wirbt Izotope mit einer jetzt sechsfach schnelleren Prozess-Abarbeitung im Vergleich zur Vorversion, dank Optimierungen des Programm-Codes. Andererseits haben die Entwickler der neuen Version wiederum einen Satz an neuen Features und Prozessoren hinzugefügt. Dieses Mal, so Izotope, habe man dabei genau auf die Wünsche der Anwender gehört. So findet sich mit dem Dialogue-Denoiser ein neues Modul in der Advanced-Variante, das gezielt zum Entrauschen von Sprach-Aufnahmen in Echtzeit entwickelt wurde. Zweites Highlight in RX 3 Advanced ist der Dereverb-Prozessor, der ein nachhaltiges Entfernen von Rauminformationen und Hallfahnen aus Aufnahmen gestatten soll. Wer sich für die Basic-Version entscheidet, erhält im Vergleich zur Vorversion eine beträchtliche Zahl an Features, die bislang nur der größeren Version vorbehalten waren. So ist unter anderem jetzt das Einbinden von Drittanbieter-Plug-ins möglich, der MBIT+-Dither, der in der dritten Version übrigens mit zusätzlichen Noise-Shaping-Kurven aufwartet und zum Pendant in Ozone 5 gleichzieht, ist im Lieferumfang enthalten, ebenso wie der Izotope-eigene 64-Bit Sample Rate Converter.  
Daneben ist es jetzt in beiden Versionen auch möglich aus der Stand-alone-Version heraus Aufnahmen anzufertigen inklusive Direct-Monitoring. Überdies gestattet RX 3 das Scrubben durch das File, es können mehrere Files in der Stand-alone-Version geladen werden, die – auch das ist neu – schließlich über ein proprietäres RX 3-Datenformat als monolithisches File gespeichert werden. Darin enthalten sind sämtliche Audio-Daten sowie die gemachten Einstellungen in jedem Prozessor, wobei sämtliche Schritte in einer Undo-History gespeichert sind und nachträglich rückgängig gemacht werden können. Last but not Least ist auch das Arsenal an Werkzeugen zum Editieren im Spektrogramm um drei neue Helfer erweitert worden. Die Unterschiede zwischen der Basic- und Advanced-Version genau aufdröseln zu wollen, würde an dieser Stelle jedoch zu weit führen. Denn abgesehen vom bisher erwähnten, finden sich noch ungleich mehr Detail-Verbesserungen, die so zahlreich sind, dass wir uns auf die interessantesten Features der Advanced-Version konzentrieren. 
Beim Aufruf der Stand-alone-Version blicken wir auf ein redesigntes GUI, das im Vergleich zur Vorversion merkbar eleganter ausfällt. Das Gleiche gilt auch für die Module. Die Benutzerführung und das Layout der Bedienoberfläche ist jedoch beibehalten worden. Den Großteil der Oberfläche nimmt die graphische Darstellung des geladenen Audio-Files ein. Wie gehabt lässt sich dabei via Fader dynamisch zwischen der herkömmlichen Amplituden-Darstellung und dem Spektrogramm überblenden. Im Test braucht es allerdings ein Weilchen, bis sich das Spektrogramm im Display zeigt. Das Verschieben des Spektrogramms bei hoher Zoomstufe geht übrigens auch nur sehr träge vonstatten. Grund: Unsere Graphikkarte ist schon ein etwas älteres Modell und kommt beim Aufbauen des Spektrogramms entsprechend ins Schwitzen. Trotzdem hätte eine Optimierung in diesem Bereich RX 3 ebenfalls gut zu Gesicht gestanden. Doch zurück zum GUI: Unterhalb des Graphik-Displays versammelt sich eine Reihe von Bearbeitungswerkzeugen. Mehrere Tools zum Zoomen im Spektrogramm und zum gezielten Auswählen akustischer Bestandteile stehen zur Auswahl. Ähnlich wie in Bildbearbeitungsprogrammen à la Photoshop oder Gimp punkten dabei das Pinsel-, Lasso- und Zauberstab-Werkzeug, mit dem sich unerwünschte Störgeräusche detailliert auswählen lassen, um anschließend über die gewünschten Module bearbeitet zu werden. Neu sind jetzt zwei Werkzeuge zum Invertieren zuvor gemachter Selektionen sowie das Harmonic-Tool über das sich bis zu zehn Teiltöne aus einer zuvor erstellten Auswahl per simpler Klicks mit in die Auswahl einbeziehen lassen. Die neuen Werkzeuge, so verrät uns Izotope Produktspezialist Matt Hines, sind dabei dem Iris-Synthesizer entlehnt, dessen Klangerzeugung wiederum auf dem Spektrogramm-Feature von RX fußt (siehe Test in Heft 7/2012). 
Rechts vom zentralen Display findet sich, wie gehabt, eine Spalte in der sämtliche Module aufgelistet sind und dort per Klick als schwebendes Fenster aufgerufen werden. Neu: Die Spalte kann jetzt sowohl in Form von Text-Einträgen, als auch in einer Icon-Darstellung erscheinen. Die horizontale Leiste am Fuß des GUI hält Transport-Tasten, ein Peak-Meter sowie sechs Blöcke mit numerischen Anzeigen bereit sowie die History-Anzeige, in der sämtliche Bearbeitungsschritte verzeichnet sind.

Im Hör- und Praxistest nähern wir uns als erstes den neuen Modulen. Eines gilt es jedoch vorweg zu sagen: RX 3 ist keine Wunderwaffe und Allheilmittel. Auch die dritte Version vermag es nicht, aus schlechten Aufnahmen ein Highend-Ergebnis zu zaubern. Denn in jedem Falle nehmen die Prozessoren Eingriffe ins Audiomaterial vor, die zumeist im Entfernen von Anteilen des Frequenzspektrums bestehen. Und wie immer gilt auch gerade für die Advanced-Version, dass schon ein gewisses Maß an Zeit für die Einarbeitung erforderlich ist, um das Bestmögliche herauszuholen. Dies gilt insbesondere für das Arbeiten im Spektrogramm. Das geht nun einmal nicht über Nacht. Doch genug der Vorrede, beginnen wir mit dem Denoiser. Neu sind jetzt zwei Reiter: Spectral und Dialogue. In der Spectral-Sektion kann wie bereits in den Vorversionen jegliches Audio-Material auf opulente Art von lästigem Rauschen entfernt werden. Auffällig: Im Advanced-Bereich sind einige Parameter-Bezeichnungen gekürzt worden. Die Funktionsweise ist aber gleich geblieben. Das Entrauschen geht wie gehabt einmal über das Erstellen eines Rausch-Profils via Lern-Funktion oder im Adaptiv-Modus über die Bühne, wobei der Spectral-Denoiser sozusagen über eine Look-ahead-Funktion das Rauschen ständig analysiert und die Reduktion analog dazu anpasst. Neu: Rausch-Profile können jetzt von mehreren, im Spektrogramm erzeugten Selektionen zielgerichtet erstellt werden. Im Test erzielen wir, noch ohne die weiteren Spezial-Parameter zu bemühen, bereits zufriedenstellende Ergebnisse, die überdies aufhorchen lassen. Denn nach Bearbeitung ist das Rauschen nicht nur deutlich minimiert oder teils sogar komplett entfernt, wobei das Nutzsignal nur minimal gelitten hat. Auffällig: Die Aufnahmen besitzen nach der Rauschentfernung eine eigentümliche Seidigkeit, die ihnen ohne Wenn und Aber schmeichelt. Dieser eigentümliche Grundklang stellt sich übrigens auch beim Bearbeiten mit anderen Modulen ein. Der Dialogue-Reiter ist hingegen ungleich überschaubarer ausgestattet. Wie erwähnt, ist er gezielt für den Echtzeit-Einsatz primär auf Sprachaufnahmen gedacht. Da stören exotische Parameter für Spezial-Einsätze mehr als das sie nützen. Folglich stehen daher lediglich ein Threshold-Parameter zum Einstellen des Arbeitspunkts sowie ein Reduktionsregler zur Verfügung über den die Stärke der Rauschreduktion eingestellt wird. Zwei Modi stehen zur Auswahl: Auto und Manual. Hinter Auto verbirgt sich dabei der Adaptiv-Modus und das Rausch-Profil wird dynamisch angepasst. Im Manual-Modus muss das Modul via Lern-Funktion wiederum zuvor ein Rausch-Profil erstellen. Danach geht’s ganz einfach. Im Automatik-Modus zeigt das zentrale Display das Rausch-Profil vor und nach der Bearbeitung an. Die blaue Threshold-Kurve zeigt die Einstellungen der Arbeitspunkte in den einzelnen Frequenzbereichen nach vorheriger Analyse an. Im Manual-Modus kann diese über sechs Punkte nach Bedarf feinjustiert werden. Das wars dann auch schon. Im Hörtest wartet der Dialogue-Denoiser mit durchweg sehr guten Ergebnissen auf, wenngleich sich das Rauschen stellenweise und trotz Nachbessern der Threshold-Kurve bemerkbar macht. Dies ist aber kein Nachteil als solcher, denn wie in allen anderen Modulen gilt es auch beim Dialogue-Denoiser, zwischen sturer Rauschminderung und Sprachverständlichkeit zu balancieren. Da passiert es im Test, dass beim Anheben des Thresholds im oberen Mittenbereich gleichzeitig auch die dort sitzenden Rauschanteile durchgelassen werden. Die Ergebnisse stehen insgesamt auf gleicher Höhe zum Waves NS-1 (Test in Heft 1/2013), wenngleich der Vorteil ausstattungsseitig auf Izotopes Seite steht. Im Test kann sich der Dialogue-Denoiser – als Plug-in eingesetzt – folglich auch als der CPU-schonendste Prozessor der gesamten RX-Riege durchsetzen. Kein Wunder, werkeln im Spectral-Denoiser mehrere hundert Bandpass-Filter, wohingegen im Dialogue-Pendant lediglich 64 am Start sind, ein weiterer, in dem Fall trotzdem gut klingender, Kompromiss zwischen Klangqualität und Performance. 
Das zweite Highlight, das Dereverb-Modul muss sich im Test mit Zynaptiqs Unveil Plug-in (Test in Heft 1/2013) messen, das ebenfalls Rauminformationen und Hall aus Aufnahmen entfernt. Erste Punkte für sich kann der Izotope-Enthaller schon einmal hinsichtlich Prozessorlast und Bedienung einfahren. Als Plug-in im Sequenzer eingesetzt verbraucht das Dereverb-Modul lediglich ein Viertel dessen an CPU, was das Unveil-Plug-in benötigt. Das Eingewöhnen in neue Parameter und ihre Funktionsweisen entfällt ebenfalls, da die Parameterbezeichnungen dem Standard-Vokabular der Tontechnik entlehnt sind. Das Prozedere ist dabei denkbar einfach. Zunächst muss das Dereverb-Modul die Aufnahme über eine Lern-Funktion analysieren. Nach Abschluss der Analyse stellt das Modul die verfügbaren Parameter automatisch ein, die uns als Ausgangs-Basis für die Feinjustage dienen. Über den Reduction-Fader wird die Stärke der Hallentfernung eingestellt. Vier weitere Fader erlauben einen frequenzselektiven Eingriff, der relativ zur globalen Reduktion erfolgt. Tail Length gibt die Länge der zu entfernenden Hallfahne vor und der Artifact-Smoothing-Parameter soll hörbare klangliche Verfremdungen minimieren. Die gelbe Kurve im Display gibt schließlich anschaulich Auskunft über den Grad der Hallentfernung. Im Hörtest schlägt sich das Dereverb-Modul äußerst wacker und gibt dem Unveil-Plug-in gehörig Paroli. Auffällig ist, wie kraftvoll der Izotope-Prozessor ans Werk geht, dabei allerdings sehr leicht übers Ziel hinausschießt. Unveil geht im Vergleich dazu ungleich subtiler ans Werk. Zwar ist der Hallanteil in der Aufnahme nicht mehr zu hören. Dafür hat aber gleichzeitig auch der Höhenbereich trotz aktivierter Enhance-Funktion ordentlich gelitten. Wir helfen über die vier Band-Fader nach und fügen dem Signal dadurch wieder mehr Höhen hinzu. Allerdings werden dabei auch wieder die Raumanteile hörbar. Das Austarieren eines  annehmbaren Kompromisses erfordert schließlich ein wenig Zeit. Nicht so im Unveil-Plug-in, das noch ohne viel Zutun die Hallanteile merkbar reduziert, das bearbeitete Signal aber glasklar und ohne Höhendämpfung wiedergibt. Allerdings sind   in beiden Prozessoren die Erstreflexionen immer noch hörbar und auf vergleichbarem Level. Eine Gesangsaufnahme, bei der versehentlich das Mikrofon falsch herum positioniert wurde und deshalb gehörig viel Raumanteil eingefangen hat, vermögen beide Konkurrenten jedoch gleich gut zu optimieren. Das Unveil-Plug-in hat somit ganz starke Konkurrenz erhalten, wenngleich es klanglich mit leichtem Vorsprung als Sieger hervorgeht. Izotope sollte sich überlegen, das Dereverb-Modul trotz seiner Höhenschwäche als Einzel-Produkt herauszubringen. Gleiches gilt übrigens auch für das Deconstruct-Modul, das wir im Test auch gezielt als Kreativ-Effekt einsetzen. Und wo wir gerade beim wünschen sind: Auch das Channel-Operations-Modul würden wir sehr gerne als Plug-in sehen, denn nicht nur die sehr gut funktionierende, in RX 3 nochmals optimierte und kinderleicht zu bedienende Azimuth-Funktion ist nicht alltäglich. Die neu hinzugefügte Extract-Center-Funktion, mit der das Dämpfen und sogar Entfernen wahlweise von Mitten- oder Seitenanteilen einer Stereo-Aufnahme möglich ist – Stichwort: Karaoke-Funktion – können sowohl beim Mixen, als auch beim Mastern von großem Nutzen sein. Zwar ist für uns das Arbeiten in der Stand-alone-Version obligatorisch, wenn umfangreiche Maßnahmen zur Restaurierung erforderlich sind. Doch so manche Aufgabe erledigen wir, nicht zuletzt aus Zeitersparnis, dann doch lieber direkt in der DAW. Aber das letztlich auch Geschmackssache.

Im Hör- und Praxistest nähern wir uns als erstes den neuen Modulen. Eines gilt es jedoch vorweg zu sagen: RX 3 ist keine Wunderwaffe und Allheilmittel. Auch die dritte Version vermag es nicht, aus schlechten Aufnahmen ein Highend-Ergebnis zu zaubern. Denn in jedem Falle nehmen die Prozessoren Eingriffe ins Audiomaterial vor, die zumeist im Entfernen von Anteilen des Frequenzspektrums bestehen. Und wie immer gilt auch gerade für die Advanced-Version, dass schon ein gewisses Maß an Zeit für die Einarbeitung erforderlich ist, um das Bestmögliche herauszuholen. Dies gilt insbesondere für das Arbeiten im Spektrogramm. Das geht nun einmal nicht über Nacht. Doch genug der Vorrede, beginnen wir mit dem Denoiser. Neu sind jetzt zwei Reiter: Spectral und Dialogue. In der Spectral-Sektion kann wie bereits in den Vorversionen jegliches Audio-Material auf opulente Art von lästigem Rauschen entfernt werden. Auffällig: Im Advanced-Bereich sind einige Parameter-Bezeichnungen gekürzt worden. Die Funktionsweise ist aber gleich geblieben. Das Entrauschen geht wie gehabt einmal über das Erstellen eines Rausch-Profils via Lern-Funktion oder im Adaptiv-Modus über die Bühne, wobei der Spectral-Denoiser sozusagen über eine Look-ahead-Funktion das Rauschen ständig analysiert und die Reduktion analog dazu anpasst. Neu: Rausch-Profile können jetzt von mehreren, im Spektrogramm erzeugten Selektionen zielgerichtet erstellt werden. Im Test erzielen wir, noch ohne die weiteren Spezial-Parameter zu bemühen, bereits zufriedenstellende Ergebnisse, die überdies aufhorchen lassen. Denn nach Bearbeitung ist das Rauschen nicht nur deutlich minimiert oder teils sogar komplett entfernt, wobei das Nutzsignal nur minimal gelitten hat. Auffällig: Die Aufnahmen besitzen nach der Rauschentfernung eine eigentümliche Seidigkeit, die ihnen ohne Wenn und Aber schmeichelt. Dieser eigentümliche Grundklang stellt sich übrigens auch beim Bearbeiten mit anderen Modulen ein. Der Dialogue-Reiter ist hingegen ungleich überschaubarer ausgestattet. Wie erwähnt, ist er gezielt für den Echtzeit-Einsatz primär auf Sprachaufnahmen gedacht. Da stören exotische Parameter für Spezial-Einsätze mehr als das sie nützen. Folglich stehen daher lediglich ein Threshold-Parameter zum Einstellen des Arbeitspunkts sowie ein Reduktionsregler zur Verfügung über den die Stärke der Rauschreduktion eingestellt wird. Zwei Modi stehen zur Auswahl: Auto und Manual. Hinter Auto verbirgt sich dabei der Adaptiv-Modus und das Rausch-Profil wird dynamisch angepasst. Im Manual-Modus muss das Modul via Lern-Funktion wiederum zuvor ein Rausch-Profil erstellen. Danach geht’s ganz einfach. Im Automatik-Modus zeigt das zentrale Display das Rausch-Profil vor und nach der Bearbeitung an. Die blaue Threshold-Kurve zeigt die Einstellungen der Arbeitspunkte in den einzelnen Frequenzbereichen nach vorheriger Analyse an. Im Manual-Modus kann diese über sechs Punkte nach Bedarf feinjustiert werden. Das wars dann auch schon. Im Hörtest wartet der Dialogue-Denoiser mit durchweg sehr guten Ergebnissen auf, wenngleich sich das Rauschen stellenweise und trotz Nachbessern der Threshold-Kurve bemerkbar macht. Dies ist aber kein Nachteil als solcher, denn wie in allen anderen Modulen gilt es auch beim Dialogue-Denoiser, zwischen sturer Rauschminderung und Sprachverständlichkeit zu balancieren. Da passiert es im Test, dass beim Anheben des Thresholds im oberen Mittenbereich gleichzeitig auch die dort sitzenden Rauschanteile durchgelassen werden. Die Ergebnisse stehen insgesamt auf gleicher Höhe zum Waves NS-1 (Test in Heft 1/2013), wenngleich der Vorteil ausstattungsseitig auf Izotopes Seite steht. Im Test kann sich der Dialogue-Denoiser – als Plug-in eingesetzt – folglich auch als der CPU-schonendste Prozessor der gesamten RX-Riege durchsetzen. Kein Wunder, werkeln im Spectral-Denoiser mehrere hundert Bandpass-Filter, wohingegen im Dialogue-Pendant lediglich 64 am Start sind, ein weiterer, in dem Fall trotzdem gut klingender, Kompromiss zwischen Klangqualität und Performance. 
Das zweite Highlight, das Dereverb-Modul muss sich im Test mit Zynaptiqs Unveil Plug-in (Test in Heft 1/2013) messen, das ebenfalls Rauminformationen und Hall aus Aufnahmen entfernt. Erste Punkte für sich kann der Izotope-Enthaller schon einmal hinsichtlich Prozessorlast und Bedienung einfahren. Als Plug-in im Sequenzer eingesetzt verbraucht das Dereverb-Modul lediglich ein Viertel dessen an CPU, was das Unveil-Plug-in benötigt. Das Eingewöhnen in neue Parameter und ihre Funktionsweisen entfällt ebenfalls, da die Parameterbezeichnungen dem Standard-Vokabular der Tontechnik entlehnt sind. Das Prozedere ist dabei denkbar einfach. Zunächst muss das Dereverb-Modul die Aufnahme über eine Lern-Funktion analysieren. Nach Abschluss der Analyse stellt das Modul die verfügbaren Parameter automatisch ein, die uns als Ausgangs-Basis für die Feinjustage dienen. Über den Reduction-Fader wird die Stärke der Hallentfernung eingestellt. Vier weitere Fader erlauben einen frequenzselektiven Eingriff, der relativ zur globalen Reduktion erfolgt. Tail Length gibt die Länge der zu entfernenden Hallfahne vor und der Artifact-Smoothing-Parameter soll hörbare klangliche Verfremdungen minimieren. Die gelbe Kurve im Display gibt schließlich anschaulich Auskunft über den Grad der Hallentfernung. Im Hörtest schlägt sich das Dereverb-Modul äußerst wacker und gibt dem Unveil-Plug-in gehörig Paroli. Auffällig ist, wie kraftvoll der Izotope-Prozessor ans Werk geht, dabei allerdings sehr leicht übers Ziel hinausschießt. Unveil geht im Vergleich dazu ungleich subtiler ans Werk. Zwar ist der Hallanteil in der Aufnahme nicht mehr zu hören. Dafür hat aber gleichzeitig auch der Höhenbereich trotz aktivierter Enhance-Funktion ordentlich gelitten. Wir helfen über die vier Band-Fader nach und fügen dem Signal dadurch wieder mehr Höhen hinzu. Allerdings werden dabei auch wieder die Raumanteile hörbar. Das Austarieren eines  annehmbaren Kompromisses erfordert schließlich ein wenig Zeit. Nicht so im Unveil-Plug-in, das noch ohne viel Zutun die Hallanteile merkbar reduziert, das bearbeitete Signal aber glasklar und ohne Höhendämpfung wiedergibt. Allerdings sind   in beiden Prozessoren die Erstreflexionen immer noch hörbar und auf vergleichbarem Level. Eine Gesangsaufnahme, bei der versehentlich das Mikrofon falsch herum positioniert wurde und deshalb gehörig viel Raumanteil eingefangen hat, vermögen beide Konkurrenten jedoch gleich gut zu optimieren. Das Unveil-Plug-in hat somit ganz starke Konkurrenz erhalten, wenngleich es klanglich mit leichtem Vorsprung als Sieger hervorgeht. Izotope sollte sich überlegen, das Dereverb-Modul trotz seiner Höhenschwäche als Einzel-Produkt herauszubringen. Gleiches gilt übrigens auch für das Deconstruct-Modul, das wir im Test auch gezielt als Kreativ-Effekt einsetzen. Und wo wir gerade beim wünschen sind: Auch das Channel-Operations-Modul würden wir sehr gerne als Plug-in sehen, denn nicht nur die sehr gut funktionierende, in RX 3 nochmals optimierte und kinderleicht zu bedienende Azimuth-Funktion ist nicht alltäglich. Die neu hinzugefügte Extract-Center-Funktion, mit der das Dämpfen und sogar Entfernen wahlweise von Mitten- oder Seitenanteilen einer Stereo-Aufnahme möglich ist – Stichwort: Karaoke-Funktion – können sowohl beim Mixen, als auch beim Mastern von großem Nutzen sein. Zwar ist für uns das Arbeiten in der Stand-alone-Version obligatorisch, wenn umfangreiche Maßnahmen zur Restaurierung erforderlich sind. Doch so manche Aufgabe erledigen wir, nicht zuletzt aus Zeitersparnis, dann doch lieber direkt in der DAW. Aber das letztlich auch Geschmackssache.

Neues gibt es auch im Declick & Decrackle-Modul. Dort finden sich im Declick-Reiter drei neue Parameter mit deren Hilfe das Entfernen von Klicks und Knacksern ab sofort flexibler und detaillierter über die Bühne geht. So stehen vier Grund-Settings, respektive Klick-Typen per Auswahl-Menü zur Verfügung, die bei Anwahl die übrigen Parameter entsprechend einstellen. Äußerst pfiffig sind die beiden neuen Parameter Frequency Skew und Click Widening. Über den Skew-Fader veranlassen wir das Modul, wahlweise mehr auf die hohen oder tiefen Frequenzen beim Analysieren und  Entfernen von Klicks zu achten. Der Widening-Fader gestattet uns schließlich, sozusagen die Region um den erkannten Klick für die Bearbeitung zu vergrößern oder zu verkleinern, um auch hartnäckigen Knacksern zu Leibe rücken zu können oder Signalanteile vor unbeabsichtigter Dämpfung zu schützen. Die Effizienz beider Parameter ist im Test deutlich hörbar, wobei wir mit den wählbaren Click-Typen bereits bestens zurechtkommen. Dafür gibt’s ein weiteres Extra-Lob, denn mit den erweiterten Eingriffsmöglichkeiten sehen wir kniffligen Aufgaben künftig deutlich gelassener entgegen. Das Eingehen von Kompromissen zwischen Klangbewahrung und Störgeräuschentfernung verringert sich dadurch nochmals. 
Nichts geändert hat sich hingegen im Spectral-Repair-Modul, sieht man von den bereits erwähnten neuen Werkzeugen zum Selektieren im Spektrogramm ab. Gleiches gilt auch für das Hum-Removal-Modul mit dem sich Netzbrummen und andere tonal-statische Störgeräusche äußerst schmalbandig – die Filter-Güte ist sogar bis hinauf 3.000 einstellbar – bei Bedarf bis zum achten Teilton hinauf ausfiltern lassen. Nichts desto Trotz gibt es dennoch eine Reihe weiterer Neuheiten, die wir ebenfalls nicht unerwähnt lassen wollen. So lässt sich über das Ansichts-Menü jetzt die neue Waveform-Statistics-Anzeige einblenden, die eine Reihe von Pegel-Angaben wie unter anderem RMS-Pegel, True und Sample Peak Level sowie eine Reihe von Werten im R128-Standard anzeigt. Die dort verzeichneten Werte beziehen sich auf zuvor gemachte Selektionen im Spektrogramm. Genial: Durch Klick auf das gelbe Cursor-Icon neben den ermittelten Werten kann dabei direkt die betreffende Stelle im Spektrogramm angefahren werden. Mit diesem nützlichen Helfer kommen wir pegelbedingten Störsignalen schneller auf die Schliche, wir können zielgerichtet zu laute oder leise Frequenzanteile bearbeiten, was uns schließlich zusätzlich Zeit erspart. Eher banal, aber dennoch willkommen ist die im Gain-Modul hinzugefügte Normalisierungs-Funktion, was den Aufruf dezidierter Audio-Editoren noch einmal reduziert. Auch das Time & Pitch-Modul wurde mit Neuheiten aufgefrischt. Highlight ist der neue Pitch-Contour-Dialog, der ein kombiniertes Anpassen der Audio-Datei in Länge und Tonhöhe auf denkbar einfache Weise gestattet. Ebenso wie die Reduktions-Kurve im Spectral-Denoiser lässt sich im Pitch-Contour-Display eine Kurve graphisch erstellen, die über das gesamte Audio-File einen Tonhöhen-Verlauf definiert. Tonhöhe und Abspielgeschwindigkeit sind dabei aneinander gekoppelt. Geht die Tonhöhe nach oben, wird das File folglich schneller abgespielt und umgekehrt. Sinn und Zweck: Hörbare Tonhöhen-Schwankungen von Tonband-Aufnahmen sind dadurch leicht behoben. Abseits dessen schielt dieses Feature unverhohlen auch in Richtung Film. Tonspuren, die beim Demuxen von Videos zu kurz oder lang sind, können dadurch im Handumdrehen korrigiert werden. Überdies kann Audio-Material auf diese Weise auch an die Bildwiederholraten verschiedener Film- und Fernsehformate angepasst werden. Allerdings vermissen wir dafür entsprechende Presets, die Anpassungen etwa von 25 auf 30 fps oder von 30 auf 29,9 fps drop-frame vornehmen. Da ist also noch Spielraum für Verbesserungen vorhanden. Nichts zu meckern gibt es jedoch bei der Klangqualität. Leichte Korrekturen klingen natürlich und artefaktfrei und selbst absichtlich starke Transponierungen wissen klanglich noch zu gefallen. Ansonsten findet sich im Stretch&Pitch-Reiter jetzt auch die Möglichkeit, Time-Stretching ungleich komfortabler zu realisieren durch Angabe eines Start- und Ziel-BPM-Werts.

Fazit

Alles in allem präsentiert sich RX 3 Advanced an vielen Stellen jetzt merkbar erweitert und offeriert dem Anwender eine erkleckliche Zahl an neuen Features mit denen das Beheben akustischer Artefakte künftig bequemer und vor allem effizienter über die Bühne geht. Im Vergleich zu den Mitbewerbern, so unsere Einschätzung, punktet gerade die Advanced-Version mit ihren vielen zusätzlichen Parametern gegenüber den Mitbewerbern und stellt ein zusätzliches Arsenal an Bearbeitungs-Möglichkeiten zur Verfügung, um getrost dort weiter machen zu können, wo andere schon die Segel gestrichen haben. Mit dem Dialogue-Denoiser und dem Dereverb-Modul erweitert Izotope seine Rundum-Lösung nochmals um zwei markante Prozessoren, die zusammen mit dem Declipper und dem Spectral Repair-Feature aus RX 3 Advanced eine derart individuelle Rundum-Lösung zur Audio-Restaurierung macht, die es bei den Mitbewerbern in der Art nicht gibt, zumindest nicht zu diesem Preis. Es stellt sich am Ende die Frage, ob der Neukauf und das Update auf RX 3 Advanced lohnt. Wir meinen ja, denn das neue RX zeigt sich in vielerlei Hinsicht deutlich ausgereifter und auch praxisorientierter. Für Advanced-User, die bereits länger das eine oder andere hier vorgestellte neue Feature vermisst haben, dürfte das Update Pflicht sein. Allen anderen sei vorab die Demo-Version wärmstens empfohlen.

Erschienen in Ausgabe 02/2014

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 919 €
Bewertung: sehr gut – überragend
Preis/Leistung: sehr gut

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