Großer Live-Auftritt

Ableton Live revolutionierte vor über fünf Jahren die Art, wie Musiker Software und Computer auf der Bühne einsetzten. Nun ist das Programm in Version 6 erschienen und wir wollen sehen, ob es Fortschritte gibt.  

Von Andreas Polk

Nichts beschäftigt die Musikbranche zurzeit so stark wie das Thema Usability. Es geht um die Frage, wie Soft- und Hardware möglichst benutzerfreundlich gestaltet werden können und der Musiker Zugriff auf alle wichtigen Funktionen erhält, ohne dass ihn die Technik zu sehr vom Musizieren ablenkt. Die Berliner Softwareschmiede Ableton hat sich diesem Thema schon lange verschrieben und verfolgt beharrlich das Konzept einer im wahren Sinne des Wortes spielbaren Software zur Musikproduktion. Als das Produkt Live dann 2001 auf den Markt kam, überzeugten das damals revolutionäre Bedienkonzept und die extrem flexible Audio-Engine sofort. Mit dem Ergebnis, dass es heute nicht ungewöhnlich ist, wenn Musiker wie Eivind Aarset oder Nils Petter Molvær bei Jazzkonzerten vor Laptops hocken, auf denen Ableton Live läuft.Live ist kein Sequenzer im herkömmlichen Sinne, mit dem pri-mären Zweck Audio- und MIDI-Daten aufzuzeichnen und zu arrangieren (das geht aber auch). Im Vordergrund steht vielmehr das Aufnehmen, Verfremden und Experimentieren mit neuem und bestehendem Klangmaterial sowie der spontane und kreative Umgang mit Musik. Kurz: ein Sequenzer, der wie ein Instrument gespielt werden will.Das Herz dabei ist die Audio-Engine, die in der Lage ist, sämtli-che Aktionen des Musikers ohne Stoppen von Aufnahme und Wiedergabe mitzumachen. Live läuft in den Tests absolut zuverlässig und timingfest, auch wenn wir Spuren oder Plug-ins in ein Projekt einfügen, Effekte bearbeiten oder aufwändige Automationen durchführen. Alle Bearbeitungsschritte lassen sich grundsätzlich in Echtzeit und bei laufender Wiedergabe durchführen. Dies fördert den kreativen Fluss enorm. Zudem bleibt Live immer im Takt. Der Grund: Das Programm verwaltet auch für Audio-Aufnahmen Tempoinformationen und ist in der Lage, die Wiedergabegeschwindigkeit an das Songtempo anzupassen. Die dazu nötigen komplexen Berechnungen laufen vollständig im Hintergrund ab. So kommt Live beispielsweise auch dann nicht aus dem Tritt, wenn wir spontan das Songtempo rapide ändern. Die Wieder-gabe sämtlicher Spuren passt sich einfach dem neuen Tempo an und das war es auch schon. Knackser, Aussetzer oder gar ein Auseinanderdriften der Spuren kommt nicht vor. Das Tempo lässt sich auch über ein MIDI-Pedal oder die Tastatur tappen. Live folgt stets auf dem Fuße. Damit steht einem spontanen computerunterstützten Spiel mit anderen Musikern nichts im Wege, die Software eignet sich hervorragend zum Jammen.Nicht nur die Audio-Engine läuft über die lange Zeit des Tests hinweg absolut zuverlässig und timingfest. Auch Programmabstürze kommen so gut wie nicht vor. Uns ist zudem in den Tests immer wieder aufgefallen, wie gut das Programm mitdenkt. Führt der Musiker eine der ganz wenigen Aktionen durch, die ein Anhalten der Audio-Engine erfordern würde, fragt Live erst nach, ob das wirklich gewünscht ist. Uns ist es beispielsweise passiert, dass wir den Rechner per Tastendruck versehentlich in den Stand-by-Betrieb geschickt hätten. In einer Live-Situation vor Publikum wäre das absolut tödlich. Live erkennt die Situation aber, fragt nach und schützt den Anwender so vor unbedachten Aktionen.Neben der Zuverlässigkeit der Audio-Engine ist die intuitiv zu bedienende Oberfläche wesentlich für die Benutzerfreundlich-keit. Alle Bedienelemente finden auf einem in mehrfach unterteilten Bildschirm Platz. Links findet sich der Dateibrowser, über den sich Clips, Effekte und Instrumente in ein Projekt ein-binden oder MIDI-Zuweisungstabellen bearbeiten lassen. Der Browser kann auf Wunsch auch ausgeblendet werden. Der untere Bildschirmbereich stellt die Clip- und Spuransicht dar. Die Clipansicht zeigt alle Inhalte eines MIDI- oder Audioclips und ist zentraler Bearbeitungsbereich zum Editieren der Daten. Die Spuransicht dient der Bearbeitung der Plug-ins und Effekt-Tracks einer Spur.Die Größe der einzelnen Bildschirmbereiche ist in einem vorgegeben Rahmen flexibel. So lässt sich seit nun auch der Mixer vergrößern, um zusätzliche Anzeigen wie Skalenmar-kierungen, Dezibelskala und Maximalpegel darzustellen, was eine bessere Kontrolle über den Mix ermöglicht. Das Konzept, die gesamte Software zentral im Blickfeld zu haben, finden wir insgesamt sehr überzeugend. Wir würden uns an der einen oder anderen Stelle aber etwas mehr Flexibilität wünschen.

Beispielsweise ist die Größe der Spur- und Clipansicht fixiert. Insbesondere beim Editieren von MIDI-Daten schränkt das zu sehr ein. Schön wäre es zudem, MIDI-Daten auch Bildschirm füllend editieren und zwischen verschiedenen Ansichte umschalten zu können.
In dem Bedienkonzept zeigt sich auch ein wesentlicher Unter-schied zu anderen Sequenzern. Während Cubase und Co. es erlauben, die Darstellung auf den jeweiligen Bearbeitungsschritt zu fokussieren und zwischen den jeweiligen Ansichten über Screensets umzuschalten, setzt Live den Fokus auf das Spielen und den spontanen Eingriff ins musikalische Geschehen. Ableton bezeichnet die Software selbst ja auch als „Sequencing Instrument“ – eine treffende Bezeichnung.
Den zentralen Teil des Bildschirms nimmt die Session- oder Arrangement-Ansicht ein, zwischen denen per Tabulator-Taste umgeschaltet wird. Die Arrangement-Ansicht erinnert an her-kömmliche Sequenzer, die nach dem Bandmaschinen-Prinzip arbeiten: Alle Spuren sind hier übereinander angeordnet, die Pegel der jeweiligen Spuren und weitere Spurparameter erscheinen rechts neben den Clips.
Wichtiger aber ist die Session-Ansicht, in der die Spuren vertikal angeordnet sind (siehe Abbildung Ableton Live – Das Konzept). Jede Spur enthält eine unbegrenzte Anzahl von Clips, die Audio- oder MIDI-Daten enthalten können. Eine Spur kann zwar mehrere Clips enthalten, zu einem bestimmten Zeitpunkt aber immer nur jeweils einen Clip spielen. Spuren enthalten damit Variationen eines bestimmten musikalischen Elements, die alternativ im Projekt eingesetzt werden, also beispielsweise Varianten einer Basslinie, verschiedene Drumgrooves oder variierende Gitarrenriffs. Clips, die zeitgleich erklingen sollen, sind auf unterschiedlichen Spuren abzulegen.
Jeder Clip lässt sich über einen individuellen Taster wiedergeben oder zur Aufnahme scharf schalten. Alle Clips werden zum Songtempo synchronisiert gespielt. Wird innerhalb einer Spur ein neuer Clip aktiviert, löst er den gegenwärtig spielenden zeitsynchronisiert ab. Damit kann der Musiker bei laufender Wiedergabe zwischen Clips umschalten, ohne gezwungen zu sein, zeitlich exakt zu arbeiten. Live selbst sorgt dafür, dass die Wiedergabe und das Umschalten vollkommen im Takt bleiben.
Clips, die sich auf horizontaler Ebene über alle Spuren hinweg in derselben Zeile befinden, fasst Live zu so genannten Szenen zusammen. Szenen lassen sich per Knopfdruck aktivieren, womit die Wiedergabe aller Clips dieser Zeile startet. Szenen sind das Grundgerüsts eines Songs, mit dem wir kreativ weiterarbeiten, indem wir die Clips kreuz und quer über Szenen hinweg mischten und zu neuen musikalischen Inhalten zusammensetzen. Hier beginnt das spielerische Element: Vorhandene Clips lassen sich nicht nur per Knopfdruck oder über MIDI aktivieren, sondern auch durch neu aufgenommenes Material ergänzen oder weiterbearbeiten. Da alles synchron zum Songtempo geschieht, braucht man sich um die technische Seite nicht zu kümmern. Das übernimmt das Programm.
Insgesamt sind die Möglichkeiten, bestehende Audio- und MIDI-Clips bei laufender Wiedergabe zu bearbeiten, immens. Besonders gut gefällt uns die Möglichkeit, über Clip-individuelle Hüllkurven jeden Klang beeinflussenden Parameter in Echtzeit zu steuern und den Clip vollkommen neu zu formen. So lassen sich beispielsweise Audioclips während der Wiedergabe in der Tonhöhe verändern, im Stereobild platzieren oder über Effekte stark verfremden. Auch externe MIDI-Geräte sind über Clip ei-gene Hüllkurven steuerbar.
Dabei ist zu beachten, dass sich die Hüllkurven der Clips immer relativ zu dem eingestellten Wert des zu steuernden Parameters beziehen, der sich wiederum über einen externen MIDI-Controller fernsteuern lässt. Dies gibt dem Musiker ein beträchtliches Potenzial, ins Geschehen einzugreifen. Die einzelnen Segmente einer Hüllkurve sind jedoch nicht über MIDI-Controller fernsteuerbar, sie werden fest in der Clipansicht definiert. So ist es beispielsweise nicht möglich, die einzelnen Tönhöhenabschnitte eines Samples, die über die Hüllkurvenabschnitte definiert sind, live und in Echtzeit über einen MIDI-Controller zu steuern. Dazu ist ein Griff zur Maus notwendig.
Die Hüllkurven sind jedem Clip individuell zugeordnet und lassen sich fest in das Audiomaterial einrechnen, so dass kreative Einfälle auch in anderen Projekten anwendbar sind. Live eignet sich damit hervorragend, um bestehendes Klangma-terial neu zu formen und kreativ umzugestalten.  
Wichtig für Remix-Fans ist auch das flexible Spur-Routing, das viel Freiraum lässt. Jede Spur lässt sich auf eine beliebige an-dere Spur routen. Ein Beispiel: Mit dem Effekt Beat Repeat wollen wir Audio-Loops zerstückeln und neu formen. Damit sich unsere Experimente nicht verflüchtigen, wählen wir einfach den Ausgang dieser Spur als Eingangssignal einer anderen Audiospur. Aktivieren wir dann dort die Aufnahme, werden alle Experimente mit Beat Repeat als Audioclip aufgezeichnet. Brauchbare Ideen lassen sich so anschließend weiterver-wenden, der Rest wird gelöscht.
Ebenfalls überzeugend finden wir die Vorhörmöglichkeiten. Alle Loops lassen sich auf Wunsch automatisch oder per Tasten-druck synchron zum Songtempo vorhören. Damit die Zuhörer davon im Falle eines Auftrittes nichts mitbekommen, ist es sinnvoll, den separaten Vorhörkanal zu aktivieren und auf den Kopfhörerausgang zu routen. Ist der passende Loop gefunden, wird er ins Projekt integriert und über den Master für alle hörbar. Zusätzlich ist es möglich, Effektpresets an ein bestimmtes Plug-in zu binden um sie vorzuhören. Schön wäre es, wenn auch diese Funktion über eine Tastenkombination aktiviert und deaktiviert werden könnte.
Damit Audiosamples synchron zum Songtempo ablaufen, muss das Programm Informationen zum Tempo eines jeden Clips verwalten. Diese Informationen repräsentieren die sogenannten Warp-Maker. Ein Warp-Marker markiert dabei eine bestimmte Stelle in einer Aufnahme und weist ihr eine musikalische Zähl-zeit zu. Die Warpmarker dienen aber nicht nur der Tempodefinition. Mit ihrer Hilfe lässt sich das Klangmaterial auch kreativ verformen. Ziehen wir einen Warp-Marker beispielsweise nach vorne, spielt das Sample wie an einem Gummiband gezogen bis zu diesem Punkt langsamer ab. Setzen wir einen Warp-Marker nach hinten, beschleunigt sich die Wiedergabe bis zu diesem Marker entsprechend, damit die Stelle exakt zur Zählzeit durchlaufen wird.
Überraschend dabei ist, wie einfach und unauffällig damit kleinere rhythmische Ungenauigkeiten auszubessern sind. Stärkere Manipulationen sind auch möglich, gehen aber in der Regel mit mehr oder weniger hörbaren Artefakten einher, die durch die Wahl des geeigneten Timestretching-Algorithmus zwar minimiert werden können, in der Regel aber hörbar bleiben. Überzeugt hat uns als Timestretching-Algorithmus der Complex-Modus, der zwar CPU-intensiv ist, dessen Wahl die Artefakte auch bei starken Manipulationen im Vergleich zu den anderen Modi aber erheblich reduziert.

Werden Samples importiert, versucht das Programm, den Rhythmus des Samples zu erkennen und die Warp-Marker entsprechend zu setzen. Im Test funktioniert das bei sauber geschnittenem Material mit einem klar definierten Rhythmus relativ gut, so dass nur minimale Nachbesserungen notwendig sind. Bei weniger klar erkennbaren Grooves müssen Sie sich auf etwas mehr Nacharbeit einstellen. Dazu stehen verschiedene Befehle zur Verfügung, so dass die Aufnahmen immer mit einem vertretbaren Aufwand in ein Projekt zu integrieren sind.
Insgesamt erlauben es die Warp-Marker, Audio-Aufnahmen nahezu MIDI-ähnlich in rhythmischer Hinsicht zu manipulieren. Die Klangqualität der Timestretching-Algorithmen reicht zwar nicht ganz an die Qualität spezialisierter Programme heran, wir finden Sie aber absolut zufriedenstellend. Schön ist auch, dass es in Version 6 möglich ist, Warp-Marker über mehrere Clips hinweg gemeinsam zu ändern. Hat die ganze Aufnahme an ei-ner Stelle einen Hänger, ist dies nun leicht zu korrigieren.
Simpler ist ein einfacher Sample-Player zur Wiedergabe mitge-lieferter Instrumentenklänge. Die Instrumente verfügen jeweils nur über eine Velocity-Zone, was zur naturgetreuen Wiedergabe akustischer Instrumente nicht ausreicht. Konsequenterweise decken die mitgelieferten Samples auch eher den elektroni-schen Bereich ab. Im Lieferumfang sind zwar auch ein paar a-kustische Instrumente enthalten, uns erscheint deren Auswahl aber etwas willkürlich. Zwar gibt es ein Piano und eine Orgel, einen Akustikbass suchen wir aber vergeblich. Stattdessen stehen zahlreiche Flächen und atmosphärische Sounds zur Verfügung. Wir meinen, dass sich die mitgelieferten Presets für Simpler durchaus als Effektsounds oder im Rahmen von Projektskizzen einsetzen lassen. Zu mehr taugen Sie aber nicht.
Simpler spielt erst mit dem Kauf der geboxten Version von Live seine wirkliche Stärke aus. Dann ist nämlich die Essential Instrument Collection (EIC) im Lieferumfang enthalten, eine Ansammlung hochklassiger Instrumentensamples von SONi-VOX. Die zwei DVDs umfassende Library deckt viele wichtige akustische Instrumente in überwiegend hervorragender Qualität ab.
Im Hörtest gefällt auch die präzise und durchsetzungsfähige Version des Rhodes Mark I. Angereichert mit Flanger- und Cho-rus-Effekten von Live können wir schnell die Rhodes-typischen Sounds realisieren. Überzeugend finden wir auch die Guitars & Plucked-Rubrik mit verschiedenen akustischen Gitarren. Sie sind auch auf einem Keyboard gut spielbar, was keine Selbst-verständlichkeit ist. Die Bass-Sektion enthält zwei gezupfte und einen Upright-Bass. Neben diesen Standardsounds sind zahlreiche Samples für Holzbläserinstrumente wie Saxophon, Oboe, Klarinette und Flöte enthalten. Allerdings ist die Auswahl der Instrumente auf klassische Bandproduktionen fixiert. Akustische Saiten-, Holz- und Blechbläserinstrumente bestim-men das Bild. Multisamples aktueller Synthesizer fehlen dagegen. Auch das ein- oder andere akustische Drumset mit Multilayer-Sounds würde der EIC gut zu Gesicht stehen. Dennoch ist die EIC eine gelungene Zugabe zu einem fairen Preis, die wir denjenigen empfehlen, die noch nicht über die entsprechenden Klänge verfügen oder auf eine reibungslose Integration der Klanglibrary in Live Wert legen.
Drumsounds sind das Spezialgebiet von Impulse, einem kleinen, aber im Kontext von Live sehr effektiven Drumsampler. Impulse stellt acht Pads zur Verfügung, die jeweils nur ein einzelnes Sample laden können. Multilayers sind nicht möglich. Anwender, die Wert auf die möglichst naturgetreue Wiedergabe von Drumsets legen, gehen also leer aus.
Schön an Impulse ist, dass man sofort loslegen kann. Im Lieferumfang sind zahlreiche akustische und elektronische Drumsets enthalten, die zum überwiegenden Teil direkt mit den passenden Effekten verdrahtet sind und einfach per Drag and Drop ins Projekt eingefügt werden. Die Einbindung der Sets ist vorbildlich, sie klingen gut und es macht einfach Spaß, Ideen damit zu verwirklichen. Effektiv sind auch die Möglichkeiten, einzelne Sounds zu verzerren, zu transponieren oder zu verzögern. Zusätzlich verfügt jedes Pad über eine Filtersektion mit insgesamt acht Filtertypen und individueller Panorama- und Lautstärkeneinstellung. Letzteres ist sinnvoll, weil die Anwendung des Filters oder der Sättigung die Lautstärke der einzelnen Pads zueinander verändert, was sich so mühelos ausgleichen lässt. Eine Parameteränderung ist allerdings erst bei erneutem Triggern des Drumsounds zu hören. Während das bei Panoramafahrten weniger stört, sollten Filter-Sweeps besser über Insert-Effekte realisiert werden.
Ergänz wird das Paket durch insgesamt 23 Audio- und sieben MIDI-Effekte, die ausschließlich in Live zur Verfügung stehen und nicht mit anderen Programmen zusammenarbeiten. Im Lieferumfang sind Standards wie Hall, Kompressor, Delay und Equalizer ebenso wie eher spezielle Klangtools. VST- und AU-Effekte lassen sich ebenfalls einbinden. Grundsätzlich bieten alle Effekte eine gute Klangqualität, wir möchten aber beispiel-haft zwei besondere Kandidaten vorstellen.
Unser Favorit ist das Filter Delay. Der Effekt arbeitet mit drei unabhängigen Delays, jeweils für die beiden Kanäle einer Ste-reo-Spur und ihrer Summe. Für jedes Delay lässt sich unabhängig voneinander die Verzögerung synchronisiert zum Songtempo, sowie Feedback und Panoramaposition bestimmen. Jedes Delay hat zudem ein eigenes Filter. In der Praxis erweist sich das Filter Delay als prima Auffrischer für überschaubare Drum-, Bass- oder auch E-Piano-Grooves, die damit merklich an Dynamik und Spannung gewinnen. Gut gefällt uns auch, dass das Delay hilft, interessante eigene Grooves mit vertretbarem Aufwand zu programmieren: Einfach Simpler auf mehrere Spuren für Bass, Snare und dergleichen aktivieren, und jede Spur mit einem Filter-Delay versehen, damit die Instrumente unabhängig voneinander bearbeitet werden kön-nen.
Etwas Besonderes ist auch der Effekt Beat Repeat, den Ableton als Remix-Tool konzipiert hat. Der Effekt ermöglicht es, Se-quenzen eines Clips nach einem bestimmten Muster zu wiederholen, zu filtern und in Echtzeit neu zusammenzubauen. Über die verschiedenen Parameter erhält der Anwender unmittelbar Zugriff auf den zu wiederholenden Ausschnitt eines Loop, die Anzahl der Wiederholungen und die Filtereinstellungen. Damit lassen sich auch eher langweilige Grooves zu neuem Leben erwecken. Besonderen Spaß macht dieser Effekt, wenn er über einen MIDI-Controller gesteuert wird. Von den mitgelieferten MIDI-Effekten gefallen uns besonders der Effekt Chord und der Arpeggiator gefallen.

Mehrere Effekte lassen sich zudem in so genannten Effekt-Racks zusammenfassen, die sich über Drag and Drop einfach in ein Projekt einbinden lassen. Im Lieferumfang sind zahlreiche Racks enthalten. Sie lassen sich aber auch selber erstellen, abspeichern und über das Internet austauschen.
Ein Rack kann mehrere Effekt-Kombinationen oder auch einfach weitere Racks enthalten. Wie der Signalfluss diese Ketten durchläuft, legen Sie in einem Editor fest, der an einen Keymap- und Velocity-Editor eines Samplers erinnert. Eingehende MIDI-Daten lassen sich dort abhängig von ihrer Tonhöhe und Lautstärke auf verschiedene Effekt-Ketten routen. Die Idee besteht darin, Sounds abhängig vom musikalischen Geschehen mit unterschiedlichen Effekten zu bearbeiten. So lassen sich beispielsweise auf einfachste Art verschiedene Sounds über eine Klaviatur spielen: Im unteren Bereich der Tastatur spielt die linke Hand einen Bass-Sound oder Flächenklänge, im oberen Bereich spielt die rechte Hand das Solo über einen Klavier-, Orgel oder Synthi-Sound.
Besonders beeindruckend finden wir die Variante, die Auswahl der aktivierten Ketten von eingehenden MIDI-Controller-Werten abhängig zu machen. Beispiel: Bei einem Gig sollten dem Keyboarder verschiedene Sounds per Knopfdruck zur Verfügung stehen. Dazu muss man lediglich ein Instrumenten-Rack erstellen, Simpler mit Presets beispielsweise für Rhodes und Piano auf das Rack ziehen und unterschiedliche Controllerwerte zuweisen. Sofort lassen sich die Presets über einen externen Controller umschalten. Dass dies bei Software-Synthesizern genauso reibungslos funktioniert, wie wir es von Hardware-Synthesizern in Kombination mit Program-Change-Befehlen kennen, ist durchaus keine Selbstverständlichkeit. Zudem lassen sich über damit ganze Ketten aus Instrumenten, Effekten und eingebundenen Instrumenten-Racks umschalten.  
Auch die Integration der Racks macht deutlich, wie konsequent sich Ableton am Thema Usability orientiert. Da eine Kombination aus Effekten zahlreiche Bearbeitungsparameter zur Verfügung stellt, diese aber in der Regel nicht alle von musikalischem Interesse sind, bietet jedes Effekt-Rack acht so genannte Macro-Controller, die einzelne oder mehrere Parametern einer Effekt-Kette steuern. Werden die Effekte der Kette dann eingeklappt, kann sich der Anwender auch optisch voll auf die musikalisch wichtigen Parameter konzentrieren.
Zwei Dinge sind auffällig: Effekt-Parameter, die gleichzeitig einem Makro-Controller zugewiesen werden, nehmen immer exakt denselben Wert an. Es ist nicht möglich, mehrere Parameter über einen Makro-Controller relativ zueinander zu steuern, beispielsweise um die Flankensteilheit eines Filters an die Filterfrequenz zu koppeln und beide Parameter relativ zueinander über einen einzigen Makro-Controller zu steuern. Zudem stört gelegentlich, dass ein zugewiesener Parameter nur noch ausschließlich über den Makro-Controller, nicht aber am Effekt selbst steuerbar ist. Das fällt besonders dann ins Ge-wicht, wenn man zwei Parameter eines Effektes editieren will, von denen nur einer einem Makro-Controller zugewiesen ist. Die Beschränkung auf acht Makro-Parameter erscheint uns in Hinblick auf die Übersichtlichkeit nachvollziehbar. Für aufwändige Setups hätten wir aber gerne die Möglichkeit, zusätzliche Makro-Controller aktivieren zu können.
Live entfaltet sein volles Potential hinsichtlich Spielspaß und Kreativität besonders dann, wenn man die wichtigsten Parame-ter über einen externen MIDI-Controller steuert. Sie lassen sich auf zwei Arten einbinden: Im manuellen Modus muss der An-wender jedes zu steuernde Element über die MIDI-Learn-Funktion mit einem Regler verbinden. Live erkennt auch relative Parameteränderungen. Zur Einbindung eignen sich damit insbesondere Controller mit Endlosreglern, was die sprunglose Steuerung aller Parameter ermöglicht. Controller, die nur absolute Werte senden, können auf Wunsch softwareseitig abgeholt werden. Das ist zwar nicht ganz so komfortabel, hilft aber unerwünschte Parametersprünge zu vermeiden.
Wir finden beispielsweise das Zusammenspiel von Live mit einem Controller wie dem 10-Control von IBK-Midi überzeugend, der über zehn Endlosregler, zehn Taster und ein hintergrundbeleuchtetes Display verfügt. Auch die leider nur noch gebraucht erhältliche Pocket-Dial von Doepfer eignet sich prima. Allerdings müssen wir bemängeln, dass einige aus unserer Sicht wichtige Funktionen in Live nicht über MIDI-Controller angesprochen werden können. So fehlt zum Beispiel die Möglichkeit, Spuren per Knopfdruck in ein Projekt einzufügen oder den Browser zur Preset-Auswahl zu aktivieren.
Im automatischen Modus ist eine Anpassung des Anwenders nicht nötig, da sich die Regler des Controllers immer auf das gerade aktive Plug-in beziehen. Auf diese Weise lassen sich alle Plug-ins eines Projekts fernsteuern, auch wenn der Controller nur über eine begrenzte Anzahl von Reglern verfügt. Für viele marktübliche Controller sind bereits Definitionen für den automatischen Modus vorhanden. Die Liste der unterstützten Geräte ist aber nicht vollständig. So vermissen wir beispielsweise Zuweisungen für die beiden erwähnten Controller. Wenig überzeugend ist auch, dass die Anpassungen oft nur einen Teil der vorhandenen Regler und Taster des eingebundenen MIDI-Controllers berücksichtigen. Bei der Korg-Kontrol stehen im automatischen Modus beispielsweise nur acht der 16 vorhandenen Pads zu Verfügung, der Rest ist manuell einzubinden.
Eine besondere Unterstützung gibt es für die Mackie Control. So lässt sich beispielsweise das Routing über die Mackie Control verändern oder alle eingebundenen Effekte, Instrumente oder Send-Kanäle nachbearbeiten. Praktisch ist, dass die Mackie Control am Gerät über zahlreiche LEDs Rückmeldung über den Status von Live gibt. Auch die Steuerung der Clipauswahl in der Session-Ansicht mit Hilfe der Pfeiltasten, über die man direkten Zugang auf alle Clips einer Session erhält, ist gelungen. Leider gibt es an der Mackie Control aber keine Rückmeldung über die aktuellen Koordinaten in der Session-Ansicht, was die Navigation erheblich erleichtern würde.
Unschön ist, dass sich nicht alle Plug-ins vollständig über die Mackie Control steuern lassen. Die Schalter der Plug-ins sind in der Regel nicht an die Mackie Control gebunden, so dass wir bei der Bedienung häufig zwischen Maus und Mackie Control wechseln müssen. Auch ist es nicht möglich, einzelne Effekte oder Instrumente per Knopfdruck auf Bypass zu schalten oder mit der Preset-Auswahl zu verbinden. Zudem ist es nicht mög-lich, Plug-ins oder Spuren auf Knopfdruck in ein Projekt zu laden. Die Einbindung der Mackie Control hinterlässt damit ein nicht in allen Aspekten überzeugendes Bild.

Fazit

Das klare und durchdachte Bedienkonzept in Kombination mit der guten Einbindung von externen MIDI-Controllern und einer überragenden Audio-Engine, die alle Wünsche des Musikers zuverlässig erfüllt, macht Live zum Tool Nummer eins, wenn es um computerbasierte Improvisation geht. Dies wird ergänzt durch hervorragende Audio- und MIDI-Effekte sowie eine gelungene neue Klangbibliothek. Auch wer die Anschaffung eines Sequenzers erwägt, sollte Live und sein herausragendes Bedienkonzept einmal genauer unter die Lupe nehmen.

Erschienen in Ausgabe 02/2007

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 549 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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