Audio-Wunder

Die musikalische Nachbearbeitung von Aufnahmen ist äußert schwierig, da Audiodateien keine Informationen über Tonhöhe, Rhythmik oder Intonationsformen enthalten. Melodyne schließt diese Lücke, indem es Audioaufnahmen MIDI-ähnlich aufbereitet und eine Vielzahl von Bearbeitungswerkzeugen zur Verfügung stellt.

Von Dr. Andreas Polk

Auch insgesamt gelungene Aufnahmen müssen in der Regel wiederholt werden, wenn sich kleine Fehler einschleichen, beispielsweise weil der Sänger an einigen Stellen zu viel Vibrato einsetzt oder der Groove der Klavieraufnahme hier und da hinkt. Das kostet nicht nur Zeit und Nerven, manchmal steht der Musiker für eine Wiederholung auch nicht mehr zur Verfügung. Melodyne verspricht Abhilfe zu schaffen, indem die Software Audioaufnahmen auf ihren musikalischen Inhalt hin analysiert und MIDI-ähnlich aufbereitet. Einzelnen Töne lassen sich in Hinblick auf Tonhöhe, Zeitbezug oder Ausdruck nachbearbeiten, oder Aufnahmen rhythmisch und tonhöhenbezogen quantisieren. Dabei bietet Melodyne eine hervorragende Audioqualität: Die Manipulationen lassen sich in der Regel nicht erkennen, Artefakte treten höchstens bei sehr weit reichenden Eingriffen auf.

Vor dem Lohn steht die Arbeit, dies ist auch bei Melodyne so. Zunächst muss Melodyne die Aufnahme analysieren um die einzelnen Töne, das Tempo, Timing und die Intonation zu identifizieren. Der Analyse kommt eine besondere Bedeutung zu, weil Melodyne nur bei der richtigen Interpretation des Klangmaterials in den anschließenden Bearbeitungsschritten klanglich überzeugende Ergebnisse liefern kann. Die Analyse startet automatisch, sobald wir eine Datei per Drag und Drop ins Arrangement ziehen. Melodyne identifiziert die Töne und stellt sie in Form so genannter „Blobs“ dar. Blobs sind vergleichbar mit der Darstellung einzelner MIDI-Noten in einem MIDI-Editor, repräsentieren aber Ausschnitte der Audiodatei. Die automatische Analyse arbeitet recht zuverlässig. Melodyne erkennt die Tonhöhen der einzelnen Blobs häufig richtig, und auch die Tempoerkennung arbeitet in der Regel korrekt, sofern die Audiodateien sauber geschnitten ist. Wir müssen aber häufig die Trennung der einzelnen Töne korrigieren. Auch das Tempo erkennt Melodyne dann häufig nicht, wenn das Audiomaterial nicht sauber geschnitten vorliegt. In manchen Fällen ist daher eine Nachbearbeitung der Analyse notwendig. Hierzu gibt es verschiedene Werkzeuge, die keine direkt hörbaren Auswirkungen auf die Aufnahme haben und zunächst allein dazu dienen, die Datei richtig zu interpretieren.

Als erstes müssen wir die Wahl des Analysealgorithmus überprüfen. Alle Versionen von Melodyne kennen die Modi „melodisch“ für monophone und „perkussiv“ für transientenreiche Aufnahmen. Der Algorithmus „melodisch“ passt am besten auf einstimmig eingespielte Melodielinien von Instrumenten wie Bass, E-Piano oder Gesang. Bei anderen Instrumenten wie bspw. Klavier hat der melodische Modus in den Tests oft kein zufriedenstellendes Ergebnis geliefert. In diesem Fall empfehlen wir die Studio-Version von Melodyne, die als einzige einen zusätzlichen „polyphonen“ Modus anbietet, der sich auch zur Bearbeitung von mehrstimmigem Material eignet. Leider zeigt Melodyne die Tonhöhe der Blobs ausschließlich im melodischen Modus richtig an. Im perkussiven und polyphonen Modus erscheinen alle Blobs unabhängig von ihrer tatsächlichen Tonhöhe auf einer Linie. Im nächsten Schritt überprüfen wir die Notenseparation. Ein wichtiger Parameter ist die Sensibilität, mit der Melodyne Noten automatisch trennt. Wir können stufenlos bestimmen, ob leichte Tonhöhenschwankungen als eigenständige Noten oder als Tonhöhenschwankung innerhalb einer Note zu interpretieren sind. Leider lässt sich die Sensibilität nur global für die gesamte Aufnahme, nicht aber für einzelne Abschnitte feststellen. In den Tests müssen wir die Notenseparation häufig nachbearbeiten, beispielsweise um kurze rhythmische Vorschläge mit dem Fender Rhodes als eigenständige Töne zu identifizieren.

Der Erkennungsalgorithmus lässt sich auf bestimmte Frequenzbereiche und Lautstärkepegel eingrenzen, was insbesondere der korrekten Tonhöhenerkennung dient. So kann Melodyne auch Aufnahmen zuverlässig interpretieren, die Rauschen oder Trittschall enthalten. Insgesamt arbeitet Melodynes Tonhöhenerkennung sehr zuverlässig. Wir mussten in seltenen Fällen höchstens einmal die Oktavlage einzelner Noten korrigieren. Bei der Tonhöhenerkennung lassen sich Blobs nur auf Tonhöhen verschieben, die logisch zu Melodynes Verständnis des Audiomaterials passen. Dies bewahrt den Anwender davor, der Software eine inkorrekte Tonhöhe aufzuzwingen, was die Klangqualität in den anschließenden Bearbeitungsschritten negativ beeinflussen würde. In unseren Tests bewährte sich dieses Konzept: Waren wir uns sicher, dass Melodyne auf einer falschen Tonhöhe bestand, stellte sich oft eine ungenaue Notenseparation als dafür ursächlich heraus. Nach der Korrektur der Separation erkennt Melodyne die Tonhöhe dann auch korrekt. Auch zur Tempoerkennung stehen verschiedene Analysewerkzeuge zur Verfügung. So kann der Anwender das Tempo im Transportfeld per Hand korrigieren oder Melodyne anweisen, die Tempoinformation aus dem Dateinahmen der Audiodatei zu übernehmen. Dies ist bei Dateien aus Sample-Libraries hilfreich, die die Tempoangabe im Dateinamen tragen. Positiv bewerten wir Melodynes Flexibilität bei der Tempoerkennung. Wir können das Tempo von frei eingespieltem Material mittappen und Tempoinformationen ableiten, die Temposchwankungen berücksichtigen. Auch Taktartwechsel lassen sich problemlos definieren. Die flexible Tempoerkennung legt den Grundstein für die anschließenden Bearbeitungsschritten, mit deren Hilfe sich beispielsweise ganze Arrangements an das variable Tempo einer frei eingespielten Aufnahme anpassen lassen. Der MDD-Editor stellt ergänzende Werkzeuge zur Analysekorrektur bereit. Hierzu zählen bessere Vorhörmöglichkeiten und ausgefeilte Tastaturkommandos. Beispielsweise lassen sich die Tonhöhen der gefundenen Blobs im MDD-Editor bei der Wiedergabe zufällig verändern, was hilfreich ist, um die Notenseparation zu überprüfen. Die identifizierten Tonhöhen lassen sich zudem besser mit dem Ausgangsmaterial abgleichen. Wir haben aber eine Möglichkeit vermisst, die Datei im MDD-Editor mit reduziertem Tempo vorzuhören, was die Kontrolle erheblich erleichtern würde. Dies ist nur möglich, wenn das Tempo des gesamten Arrangements geändert wird.

Auf der Basis einer korrekten Interpretation des Ausgangsmaterials stellt Melodyne mächtige Bearbeitungswerkzeuge zur Verfügung. Das Einsatzgebiet reicht von eher subtilen Klangkorrekturen hinsichtlich Timing oder Intonation bis hin zu starken Verfremdungen der ursprünglichen Aufnahme. Die Klangqualität ist überragend. Uns ist keine andere Software bekannt, die eine ähnlich flexible und musikalisch orientierte Nachbearbeitung von Audioaufnahmen und eine derart professionelle Klangqualität bietet. Beispielsweise können wir die Tonhöhen der einzelnen Blobs per Drag and Drop verändern, um schlecht getroffene Töne einer Vocalaufnahme nachträglich auszubessern. Mit dem Werkzeug zur Tonhöhenquantisierung lassen sich auch ganze Passagen im Nachhinein „geradebiegen“. Das Ausmaß der Tonhöhenquantisierung lässt sich stufenlos einstellen. Es ist ebenso möglich, Aufnahmen exakt in ein vorgegebenes Tonhöhenraster zu zwingen wie subtil nachzubearbeiten. Die Tonhöhenquantisierung arbeitet in Echtzeit, alle Einstellungen sind sofort hörbar. Uns wurde es damit zum Kinderspiel, die jeweils passende Einstellung zu finden. Die Tonhöhenkorrektur lässt sich auch kreativ einsetzen. Um beispielsweise mehrstimmige Chorsätze zu erzeugen, müssen wir lediglich die Gesangsspur duplizieren und die Tonhöhe der Kopie um ein gewünschtes Intervall transponieren. Auch ein perfekter Sänger würde aber niemals zweimal exakt das Gleiche singen. Damit die Täuschung perfekt ist, fügt Melodyne deshalb auf Wunsch automatisch minimale Tonhöhen- und Timing-Schwankungen hinzu.

Melodynes Tonhöhenkorrektur arbeitet musikalisch intelligent und ist in der Lage, die einer Aufnahme zugewiesene Skala bei der Transponierung zu berücksichtigen. Hierzu ein Beispiel: Soll die Tonfolge c und e in C-Dur um eine Terz nach oben transponiert werden, ist der erste Ton um vier (auf e) und der zweite Ton um drei Halbtonschritte (auf g) zu transponieren, sonst würden wir C-Dur verlassen. Eine einheitliche Transposition ohne Berücksichtigung der Skala würde aber zur Intervallfolge <c,e> und <e, gis> führen. Das Ergebnis klingt falsch, denn gis ist nicht in C-Dur enthalten. Melodyne berücksichtigt dies und transponiert musikalisch korrekt. Dieselbe Funktion setzen wir auch dazu ein, um Tonarten nachträglich von Dur in Moll zu wandeln oder Melodielinien eines E-Pianos durch die Anwendung entsprechender Skalen zu verjazzen. Auch Tonübergänge lassen sich mit einem eigenen Werkzeug nachbearbeiten. Hat ein Sänger die einzelnen Töne beispielsweise zu stark gebunden, trennt Melodyne die Töne klarer voneinander ab. Ebenso können wir ein Legato auch hinzufügen. Da Melodyne die Tonhöhenübergänge bei allen Bearbeitungen berücksichtigt, behalten Aufnahmen ihre Musikalität immer bei. Harte Schnitte und abrupte Übergänge zwischen einzelnen Tönen werden so vermieden, die Aufnahme klingt auch nach intensiver Nachbearbeitung immer noch natürlich.

Tonhöhenschwankungen innerhalb einer Note sind Teil des musikalischen Ausdrucks. Melodyne kann Tonhöhenschwankungen nachbearbeiten, also beispielsweise das Vibrato einer Stimme verstärken oder abschwächen. Auch Tonhöhenschwankungen innerhalb einer Note, die entstehen können, wenn ein Sänger den richtigen Ton sucht, lassen sich verstärken, abschwächen oder ganz ausmerzen. Uns fiel immer wieder auf, wie dezent diese Bearbeitungswerkzeuge arbeiten. Artefakte sind nicht hörbar, die Manipulation der Aufnahme kann im Nachhinein nicht mehr festgestellt werden. Die aufgeführten Bearbeitungswerkzeuge dienen nicht nur zur nachträglichen Korrektur von Fehlern. Wir haben sie auch kreativ eingesetzt und Aufnahmen gezielt verfremdet. So können wir beispielsweise in Windeseile den sogenannten Cher-Effekt nachbauen. Dabei wird eine Gesangsstimme vollkommen von natürlichen Tonhöhenschwankungen und sanften Notenübergänge befreit. Das Ergebnis entspricht dem Effekt, den Cher in ihrem Hit „Believe“ einsetzte, um die eigene Stimme unnatürlich und leicht roboterartig klingen zu lassen.

Sehr hilfreich finden wir die Werkzeuge zur Korrektur des Timings. Rhythmische Ungenauigkeiten lassen sich ausbessern, indem wir Blobs zeitlich etwas vor- und zurückschieben. Das Spektrum der Anwendungsmöglichkeiten reicht von einer sanften Korrektur einzelner Noten bis hin zur Neudefinition der Rhythmik. Das Timingwerkzeug erlaubt es beispielsweise, Audioaufnahmen zu quantisieren und an ein vorgegebenes musikalisches Raster anzupassen, wie man es bisher nur aus MIDI-Sequenzern her kennt. Das Ausmaß der Anpassung lässt sich frei wählen, das menschliche Element einer Aufnahme geht damit nicht verloren. Die Quantisierungsfunktion arbeitet in Echtzeit, sämtliche Parameteränderungen werden sofort wirksam. Wir konnten so in jeder Situation mühelos die passende Einstellung finden. Melodyne kann unerwünschte Temposchwankungen entfernen. Die Voraussetzung dafür ist, dass die Temposchwankungen Melodyne in der Analysephase möglichst exakt beigebracht werden. Der Rest ist ein Mausklick: Wir müssen die Spur mit dem Autostretch-Werkzeug in ein anderes Projekt importieren und im Transportfeld das gewünschte Tempo definieren. Von nun läuft die Aufnahme mit konstantem Tempo, die Temposchwankungen sind verschwunden. Auch die Werkzeuge zur Zeitkorrektur bergen kreatives Potential. Wir haben Aufnahmen nachträglich verswingt, indem wir die Quantisierung mit einem triolischen Rhythmus anwenden. Besonders gefallen hat uns aber die Möglichkeit, eine beliebige Spur des Arrangements als rhythmische Referenz für die Quantisierung heranzuziehen. So können wir mehrspurige Bandaufnahmen an taktgebende Spuren wie Schlagzeug oder Bass anpassen. Mögliche Temposchwankungen in der Referenzspur werden übernommen, die Dynamik der Band geht durch die Quantisierung nicht verloren.

Melodynes Stärken liegen in der professionellen Nachbearbeitung von Audioaufnahmen. Die aus der Analyse gewonnen Informationen lassen sich aber auch anders einsetzen. So konvertiert Melodyne quasi nebenbei einstimmige Audioaufnahmen in MIDI-Dateien. Für mehrstimmige Aufnahmen ist das nicht möglich. Die Software ist zudem eine reine Audioanwendung, MIDI-Daten lassen sich nicht nachbearbeiten oder als Noten ausdrucken. Die Audio-zu-MIDI-Konvertierung erledigt Melodyne mit der Analyse. Auf Wunsch lassen sich die Noten für jede Spur einblenden, in einer MIDI-Datei speichern und über externe Synthesizer oder VST-Instrumente wiedergeben. Melodyne überträgt Tonhöhenschwankungen als Pitchbend-Daten, so dass sich selbst feinste Nuancen der Aufnahme über MIDI wiedergeben lassen. In den Tests hat uns das kreative Potential dieser Funktion gefallen. Wir haben Audiospuren über MIDI-Instrumente gedoppelt, beispielsweise um Aufnahmen mit bestimmten Sounds mehr Druck zu verleihen, oder Gesangslinien von Synthesizern „nachsingen“ zu lassen. Gut gefallen hat uns auch die Möglichkeit, die Notendarstellung schon in der Phase der Analyse mit Hilfe des MDD-Editors zeitlich quantisieren zu können. Dies verbessert die Notendarstellung in Melodyne und vereinfacht die Weiterbearbeitung in einem externen Sequenzer. Wir haben die Audio-zu-MIDI-Konvertierung auch eingesetzt, um Grooves aus Audioaufnahmen zu extrahieren. Hierzu laden wir den Drumgroove in Melodyne, stellen sicher, dass alle Beats korrekt voneinander separiert sind und exportieren die Daten in eine MIDI-Datei. Sequenzer können die so Rhythmusinformationen nutzen, um Aufnahmen an das Timing anzupassen.

Wir können Melodyne über Rewire oder als PlugIn in die vorhandene Studioumgebung integrieren. Natürlich ist es auch möglich, die bearbeitete Audiodatei aus Melodyne zu exportieren und ins Arrangement des Sequenzers einzufügen. Melodyne exportiert Dateien im Wave-, SND- und AIFF-Format mit einer Auflösung von bis zu 32 Bit und 192 kHz, was professionellen Ansprüchen voll gerecht wird. Alle Versionen von Melodyne werden mit dem VST-PlugIn „Melodyne-Bridge“ ausgeliefert. Die Melodyne-Bridge dient als Verbindungsglied zwischen dem Audiosequenzer und der Melodyne-Anwendung. Sie arbeitet als virtuelles Audiokabel und stellt sicher, dass beide Anwendungen synchron zueinander laufen. Alternativ kann Melodyne auch direkt als VST-PlugIn im Sequenzer aufgerufen werden. Melodyne PlugIn ist als eigenständiges Produkt erhältlich, nur in der Studio-Version wird es kostenlos mitgeliefert. Die Integration über die Melodyne-Bridge und das PlugIn arbeiten ähnlich, so dass wir uns hier auf das PlugIn konzentrieren. Wir aktivieren Melodyne PlugIn am besten als ersten Insert-Effekt der zu bearbeitenden Spur, denn vorgeschaltete Effekte können Melodynes Analyse beeinträchtigen. Die Audiospur muss dem PlugIn zunächst vorgespielt werden, Melodyne kann die Analyse nicht in Echtzeit durchführen. Zudem kann das Timestretching dazu führen, dass die Spur im PlugIn schneller als im Original abgespielt wird, was ohne ein Vorspielen der Spur nicht möglich wäre. Wir empfehlen, das PlugIn erst dann einzusetzen, wenn die Spur im Arrangement nicht mehr grundlegend verändert werden soll. Ansonsten würden alle bisherigen Bearbeitungsschritte im PlugIn verloren gehen. Im PlugIn stehen die meisten der bereits dargestellten Bearbeitungswerkzeuge zur Tonhöhen-, Formant- und Timingkorrektur zur Verfügung. Über globale Parameter haben wir zusätzlich direkten Zugriff auf die Tonhöhe, die Lautstärke und die Formantlage der Spur. Melodyne PlugIn kennt nur den melodischen und perkussiven Modus, der polyphone Modus bleibt der Studio-Version vorbehalten.

Die Anwendungsmöglichkeiten für das Melodyne PlugIn sind vielfältig. Es ergänzt beispielsweise jeden Sequenzer um eine „elastic audio“-Funktion, das Tempo der übertragenden Spur folgt automatisch und in Echtzeit dem Tempo des Sequenzers. Auch Loops lassen sich in hoher Qualität und in Echtzeit an das Tempo des Arrangements in Sequenzer anpassen. Wir können Melodyne PlugIn auch einsetzen, um das Tempo des gesamten Arrangements nachträglich zu verändern. Dazu rufen wir das PlugIn als Insert-Effekt im Masterweg auf, spielen das Arrangement vor und definieren das neue Tempo im Transportfeld. Um die Änderung abschließend einzurechnen, empfehlen wir das PlugIn auf jede Spur separat anzuwenden, da dies zu klanglich besseren Ergebnissen führt. Melodyne PlugIn und der Host-Sequenzer kommunizieren intelligent miteinander. Die Wiedergabe aus dem PlugIn hat Vorrang, sofern es an der aktuellen Songposition Audiodaten enthält, ansonsten erklingt die Originalaufnahme der zugrunde liegenden Spur. Löschen wir Blobs im PlugIn, schaltet die Wiedergabe automatisch an dieser Stelle auf die Audiospur um. Schalten wir Blobs hingegen nur stumm ohne sie zu löschen, bleibt das PlugIn aktiv. So können wir exakt festlegen, unter welchen Umständen die bearbeitete Spur aus dem PlugIn erklingen soll. Das Umschalten zwischen Melodyne PlugIn und Wiedergabe im Sequenzer funktioniert automatisch, manchmal treten aber Knackser dabei auf. Wir sehen das Einsatzgebiet für Melodyne PlugIn als eigenständiges Produkt hauptsächlich dort, wo einzelne Spuren in Hinblick auf Tonhöhe, Intonation und Timing hin in einer Sequenzerumgebung nachbearbeitet werden sollen. Als Zusatzprodukt zu Melodyne uno oder cre8 sehen wir nur geringe Kaufanreize, weil die dort enthaltene Melodyne-Bridge für viele Aufgaben ausreichend ist.

Zur Auswahl und Verwaltung der Audiodateien dient der Melody Manager. Er stellt die Daten als Wellenform, Noten oder Blobs dar, was die Identifikation der richtigen Aufnahme erleichtert. Im Melody Manager können wir Aufnahmen vorhören, leider aber nicht synchron zum Tempo des Arrangements. Dies empfinden wir als störend, weil sich oft erst im Zusammenspiel mit dem gesamten Arrangement zeigt, ob eine Datei passt oder nicht. Wir haben zudem eine Suchfunktion vermisst, mit der sich Dateien schnell auffinden lassen. Der Melody Manager kann Audiodateien beim Einfügen in ein Arrangement automatisch an das Songtempo anpassen. Hierzu aktivieren wir die Autostretch-Funktion und ziehen die Datei per Drag und Drop auf die gewünschte Spur des Arrangements. Auf Wunsch lassen sich Audiodateien auch direkt an eine Skala anpassen und automatisch in die Harmonie des Arrangements einfügen. Mit dem Melody Manager können wir auch ganze Verzeichnisse in einem Rutsch analysieren. Die Batchkonvertierung eignet sich besonders gut, um Sampling-CDs mit sauber geschnittene Drumloops für Melodyne aufzubereiten. Melodynes Analysefunktion arbeitet bei solchen Dateien sehr zuverlässig und wir können die Aufnahmen häufig ohne weitere Korrekturenmaßnahmen in unsere Arrangements übernehmen.

Die Bedienkomfort der Software ist gut, die Optik könnte hier und da aber etwas modernisiert werden. Positiv fällt uns in den Tests die sehr direkt und klanglich hervorragend arbeitende Scrub-Funktion auf, mit deren Hilfe wir Passagen einer Aufnahme gezielt auffinden können. Melodyne lässt sich auch über MIDI-Controller fernsteuern, so dass wir beispielsweise das Tempo bei laufender Wiedergabe beeinflussen oder wichtige Programmfunktion per Knopfdruck aktivieren können. Einige Controller werden automatisch eingebunden, eine manuelle Anpassung ist möglich. Gut gefallen hat uns auch, dass wir Phrasen in Echtzeit umgestalten können, indem wir die Tonhöhen Note für Note über MIDI einspielen. Auch ganze Spuren lassen sich in Echtzeit über MIDI transponieren. Kritik richtet sich eher auf Details, wie beispielsweise die im Arrangement ungenutzte rechte Maustaste oder der etwas vernachlässigt wirkende Mixer. Die Bearbeitung würde zudem erleichtert, wenn wir per Knopfdruck auf die aktuelle Auswahl zoomen könnten. Leider werden auch Dateiverzeichnisse schnell unübersichtlich, da Melodyne zu jeder Audiodatei eine eigene Analysedatei erstellt und es nicht möglich ist, diese in ein separates Unterzeichnisse zu schreiben.

Celemony bietet verschiedene separat erhältliche Sample-Libraries für Melodyne an. Der Schwerpunkt liegt auf akustischen Instrumenten wie Gitarre, Bass, Vocalaufnahmen oder Blasinstrumenten. Alle Libraries enthalten eine Vielzahl fertig eingespielter und bereits analysierter Phrasen, die sich per Drag und Drop in eigene Projekte einfügen lassen. Die Melodyne Sound Library bieten ein hohes Maß an Flexibilität. Die Phrasen der Library lassen sich mit den Bearbeitungswerkzeugen hinsichtlich Timing, Tonhöhe, Harmonie und Intonation ans eigene Arrangement anpassen oder völlig neu zusammensetzen. Wir kennen keine andere Sample Library, bei der vorgefertigte Phrasen ähnlich flexibel eingesetzt werden können. Leider liegen die Samples nicht als Wave-Dateien vor. Sie stehen in anderen Audioprogrammen nur zur Verfügung, wenn sie aus Melodyne exportiert werden.
Die Klangqualität der Samples ist hoch. Die Phrasen und Loops liegen nach Genres sortiert vor, so dass wir uns trotz der ansonsten eher knappen Dokumentation schnell zurechtfinden. Angesichts der hervorragenden Klangqualität und der Flexibilität im Umgang mit den vorgefertigten Phrasen können wir die Libraries denjenigen empfehlen, die sich in den angebotenen Instrumenten wiederfinden und Wert auf den flexiblen Einsatz bei einer hervorragenden Audioqualität legen.

Fazit

Melodyne ist eine professionelle Software für die Nachbearbeitung akustischer Aufnahmen. Nebenbei setzen wir die Software auch als Kreativtool zum Remixen von Drumgrooves oder als leistungsfähigen Audio-zu-MIDI-Konvertierer ein. Die Klangqualität ist herausragend, und das Anwendungsspektrum für die fast MIDI-ähnliche Nachbearbeitung von Audiodateien ist enorm. Ein vollwertiger Sequenzer ist Melodyne wegen der fehlenden Automation und dem rudimentären Mischpult aber nicht. Melodyne ist attraktiv für Musiker und Studiobetreiber, die viel mit akustischen Aufnahmen arbeiten oder Audiomaterial kreativ nachbearbeiten wollen. Dank der relativ günstigen Einsteigerversion Melodyne uno und dem leistungsfähigen PlugIn ist das Programm auch für Anwender attraktiv, die diese Aufgaben nur gelegentlich wahrnehmen, dabei aber Wert auf eine außerordentliche Klangqualität legen. Eine Software, die Vergleichbares leistet, ist uns nicht bekannt.

Erschienen in Ausgabe 06/2007

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 699 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut

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