Gut gemodelt

Der VSC-2 Kompressor (Test in Ausgabe 2/2009) des deutschen Outboard-Spezialisten Vertigo Sound gehört zweifelsohne zur Crème de la crème seiner Zunft. Das weiß auch die Plug-in-Schmiede Brainworx und bringt den begehrenswerten Boutique-Verdichter als virtuelle Simulation für rund 230 Euro auf den Markt. 

Von Michael Nötges

Für Dirk Ulrich, Gründer und Geschäftsführer der Software-Schmiede Brainworx startet das Jahr 2012 auf fulminante Weise. Mit seiner jüngst gegründeten Plugin Alliance hat er zum ersten Paukenschlag ausgeholt. Von diesem Unternehmen, das er mit Jahresbeginn der Weltöffentlichkeit vorgestellt hat, kündete Ulrich uns schon bei unserem Besuch voriges Jahr im Rahmen unserer zweiteiligen Reportage über Plug-in Produktion (siehe die Ausgaben 10 und 11/2011).  Doch das heißt nicht, dass dadurch die Plug-in-Produktion zum Erliegen gekommen ist. Mit dem ebenfalls jüngst präsentierten VSC-2 Plug-in folgt sogleich der nächste Paukenschlag des nicht unweit von Leverkusen beheimateten Unternehmens. Unter Federführung von Chef-Programmierer Michael Massberg hat sich Bainworx dieses Mal der exakten Nachbildung des gleichnamigen Boutique-Kompressors der Münchner Pro-Audio-Schmiede Vertigo Sound angenommen.
Dabei handelt es sich – wie die vollständige Produktbeschreibung Quad Discrete VCA Kompressor verrät – um einen Stereo/Dual-Mono-Dynamikprozessor auf VCA-Basis (siehe Spezialkasten). Als klangliches Vorbild dienen übrigens die Dynamikprozessoren analoger Konsolen der 1970er-Jahre. Wie üblich ist das Plug-in in allen gängigen Schnittstellen-Formaten, also VST, AU, RTAS und TDM erhältlich.

Dabei haben die Software-Spezialisten auch Avids jüngsten Streich, die Avid Audio Extension (AAX) gleich mit ins Format-Programm übernommen. Kompatibilitätsprobleme mit der eigenen DAW sollte es also nicht geben. Kostenpunkt für den universell einsetzbaren, virtuellen Stereo-VCA-Kompressor: 299 Dollar, sprich rund 233 Euro. Das stahlblaue GUI des Plug-ins zeigt eine erwartungsgemäß perfekte Nachbildung der Hardware-Frontplatte. Nur schade, dass man die virtuellen Bedienelemente nicht wie beim haptisch sehr überzeugenden Original anpacken kann. Dennoch zeigt sich die Bedienung mit Maus und Scroll-Rad ausgereift und komfortabel. Dabei ist es sehr angenehm, dass der Mauszeiger lediglich über dem jeweiligen Bedienelement ankommen muss, um die Parametereinstellung, oder das Umlegen eines virtuellen Kippschalters per Scroll-Rad zu bewerkstelligen. Anklicken und ziehen mit der Maus ist natürlich auch möglich. Das alleine ist aber noch keine Sensation und gehört heute eigentlich zum Plug-in-Standard. Sensationeller ist da schon die Tatsache, dass Brainworx die äußerst praktische Zoom-In-Funktion der Hardware-Regler für das Plug-in übernommen hat. Das heißt, in wichtigen Regelbereichen bieten der Threshold- und der Make-up-Gain-Regler eine höhere Auflösung. Dieser Lupen-Effekt tritt automatisch zwischen -6 und +6 Dezibel für den Threshold und im Bereich zwischen 0 und +6 Dezibel bei der Aufholverstärkung auf. Dort sind die Einstellungen wesentlich feiner und präziser realisierbar. Die weiteren Funktionen des VSC-2 sind auch sonst mit denen der Hardware identisch. Da hat Brainworx gut gemodelt. Das Plug-in kann zunächst am Power-Switch (Bypass) ein- und ausgeschaltet werden, um A/B-Vergleiche vorzunehmen. Außerdem bieten die roten System-Kippschalter zusätzlich die Möglichkeit, die Kompression für jeden Kanal einzeln zu überprüfen, sprich das bearbeitete mit dem unbearbeiteten Signal zu vergleichen. Der VSC-2 bietet dabei sowohl einen Dual-Mono als auch verlinkten Stereo-Betrieb an. Das Peak-Forward-Design (siehe Spezialkasten) lässt den Kompressor vorausschauend auf Pegelspitzen reagieren. Das Besondere daran ist, dass das Regelverhalten des VSC-2 im Stereo-Mode durch den höchsten Peak bestimmt wird. Dabei ist es ganz gleich, in welchem Kanal er auftritt. Das Plug-in verfügt zwar über keinen Sidechain-Eingang zum Einspeisen externer Signale in den Regelschaltkreis, um Spezialkompressionen à la De-Esser realisieren zu können. Brainworx sollte trotzdem über das Hinzufügen dieses Features nachdenken, denn es würde die Einsatzmöglichkeiten des VSC-2-Plug-ins deutlich vergrößern. Allerdings verfügt es aber über zwei Sidechain-Filter (60, 90 Hertz, off), um das Regelverhalten weniger durch tieffrequente Signalanteile zu beeinflussen. Bei Kompressionen von basslastigem Material oder auch Drum-Tracks kann auf diesem Weg heftiges Pumpen vermieden werden, falls der Kompressor zu stark auf die kräftigen, tieffrequenten Impulse reagiert. Die Flankensteilheit der Filter beträgt dabei sechs Dezibel pro Oktave.

Neben Threshold und Aufholverstärkung, die nicht nur den Ausgangspegel, sondern außerdem auch die Klangcharakteristik durch Hinzufügen harmonischer und unharmonischer Verzerrungen verändert, gibt es für jeden Kanal virtuelle Ratio-, Attack-, und Release-Drehschalter mit fest vorgegebenen Werten. Für die Ratio bietet der VSC-2 Kompressionsverhältnisse von 40:1 (Hard/Brickwall-Limiter), 10:1, 8:1, 4:1 und 2:1 an, wobei sich zusätzlich eine bemerkenswerte Besonderheit findet: Hinter der Position „Soft“ verbirgt sich ein spezieller Soft-Knee-Modus. Vertigo Sound bezeichnet ihn als Tiptoe-Kompression (to tiptoe: engl. schleichen), der mit einer intelligenten Schaltung bewirkt, dass sich bei steigendem Pegel oder sinkendem Threshold das Verstärkungsverhältnis dynamisch von 1:1 bis hin zu 8:1 ändert. Das Ergebnis: ein sehr weiches, musikalisches Regelverhalten. Es gibt fünf Ansprechzeiten: von blitzschnellen 0,1 Millisekunden bis gemächlichen 30 Millisekunden. Die Rückstellzeiten rangieren zwischen 0,1 und 1,2 Sekunden. Aber das ist noch nicht alles: Der zusätzliche Auto-Modus passt die Rückstellzeit ebenfalls dynamisch dem Programmmaterial an, was zu einem sehr musikalischen Regelverhalten führen soll. Im Hör- und Praxistest liefert das VSC-2-Plug-in eine sehr überzeugende Vorstellung ab. Nach unproblematischer Installation und Einbindung, lasse ich zunächst die Kompression außen vor (Threshold auf Rechtsanschlag) und konzentriere mich lediglich auf die klanglichen Auswirkungen durch bloßes Hinzuschalten des Plug-ins und durch Ändern der Ausgangsverstärkung. Ohne Pegelanhebung ist allerdings kein Unterschied auszumachen. Auch nach unzähligen A/B-Vergleichen klingt es gleich. Aber bereits eine leichte Anhebung des Ausgangspegels bringt nicht nur mehr Lautstärke, sondern eröffnet eine neue klangliche Dimension. Diese steigert sich mit zunehmender Verstärkung – es werden k2- und k3-Anteile hinzugefügt – und verleitet dazu, die Make-up-Regler immer zumindest ein wenig zu bemühen, um einen angenehm satten, offenen und irgendwie sehr reichhaltigen und griffigen Grundsound zu bekommen. Dezent eingesetzt führt der Effekt bei Vocal- oder Akustikgitarren-Tracks zu eleganter Veredelung, die kaum merklich am meisten auffällt, wenn das Plug-in ausgeschaltet ist. Das Klangbild sackt dann etwas kraftlos in sich zusammen. Soll es richtig rocken, kann der Make-Up-Regler auch bis an die Schmerzgrenze (+22 Dezibel) aufgerissen werden. Dabei bewahrt der VSC-2 jedoch stets die Contenance. Der Gentleman strotzt zwar vor flirrender Energie aber behält auch bei extremen Einstellungen die Kontrolle, ohne unangenehm klingend aufzufallen. Bei der Kompression starte ich mit einem nackten Vocal-Track, stelle den Soft-Modus ein, starte den Autopilot, sprich Auto-Release-Funktion, und wähle eine Attack-Zeit von drei Millisekunden. Den Threshold setze ich so, dass die Gain Reduction an der lautesten Stelle ungefähr vier Dezibel beträgt. Anschließend lehne ich mich etwas verwundert zurück. Die Kompression ist eigentlich nicht zu hören.

Irgendwie klingt die Stimme kompakter und konturierter aber der Einsatz des Regelverhaltens ist auch bei engagiert gesungenen Stellen so gut wie nicht zu hören. Jetzt ergänze ich das Ergebnis noch um eine Prise Make-up-Gain und bin restlos überzeugt. Das Klangbild wirkt fetter, kompakter und bekommt mehr Tiefe und Plastizität. Bei einem Akustikgitarren-Take kann das Plug-in seine Stärken erneut unter Beweis stellen. Dabei gelingt je nach Einstellung sowohl eine kaum merkbare Kompression mit leichter Transienten-Auffrischung, als auch eine starke Kompression, die Transienten-Peaks blitzschnell und unbarmherzig eliminiert. Sehr schön kommt hier auch der Einsatz der Aufholverstärkung, die dem Ganzen wieder die Krone aufsetzt und ein angereichertes aber immer noch sehr natürliches und organisches Klangbild hervorruft. Exzellent klingt das VSC-2-Plugin auch auf Drum-Subgruppen und einzelnen Schlagzeug-Sounds, wobei von heftigen Effektkompressionen mit ultraschnellen Attack- und Release-Zeiten bis hin zur sanften Peak-Kontrolle alles drin ist. Eingeschränkt fühle ich mich durch die fixen Parameter im Test übrigens nicht. Die fix eingestellten Zeitwerte sind klug gewählt und fallen ohne Wenn und Aber praxistauglich aus. Als sehr hilfreich bei der Bearbeitung zeichnen sich außerdem die beiden Sidechain-Filter aus, mit dessen Hilfe ich heftiges Pumpen erfolgreich eliminiere, um Signale anschließend kräftig komprimieren zu können. Einzelne Snare-Sounds bekommt man sehr schön knackig zum Singen oder klanglich sehr satt und breit komprimiert. Bass-Drums hat der VSC-2 immer im Griff und wer will, fügt ihnen mehr Bauch oder ein stärkeres Attack hinzu. Den eigenen klanglichen Vorstellungen sind da kaum Grenzen gesetzt. Mit diesen Qualitäten empfiehlt sich das Plug-in auch für Aufgaben im Mastering, wobei es sowohl als Klängfärber, als auch bei Bedarf als zupackender Dynamik-Zügler mit subtilen, organischen und fast unhörbaren Ergebnissen punkten kann. Auch in diesem Terrain zeigt der dezente Einsatz der Aufholverstärkung einmal mehr ein Plus an Griffigkeit und Kontur, was das Klangbild edler erscheinen lässt. Geradezu prädestiniert fürs Mastering ist der Soft-Modus, der bei dezentem Einsatz des Plug-ins mit einem wunderbar geschmeidigen Regelverhalten einsetzt, wodurch relativ starke und effektive Kompressionen möglich sind, ohne jedoch das Klangbild zu verzerren. Durch den Einsatz der Sidechain-Filter gelingt dies noch besser, da tieffrequente Anteile für das Regelverhalten keine Rolle mehr spielen. Auf diesem Weg erhält der Mix ein sehr schönes kompaktes Finish, ohne dabei hoffnungslos plattgebügelt zu werden oder zu pumpen. Doch der virtuelle VSC-2 kann auch anders: Wer extreme Kompressionssounds braucht, kann sie haben. Einen Dance-Track erwecke ich beispielsweise erst durch das Erzeugen von leichtem Pumpen und einer Portion Aufholverstärkung richtig zum Leben. Plötzlich wirkt der Track organisch und griffig. Problematisch ist am Ende eigentlich nur, sich selbst zurückzuhalten und den Einsatz des VSC-2-Plug-ins nicht zu übertreiben. Denn im Grunde will man ihn nur noch sehr ungern aus irgendeinem Kanalzug oder der Master-Sektion entfernen.

Fazit

Brainworx hat wieder einmal mehr gut gemodelt: Das VSC-2-Plug-in ist eine sehr gelungene Emulation des 4.000-Euro-Boutique-Outboards von Vertigo Sound. Es lässt sich nicht zuletzt durch praxisnahe Sonderfunktionen wie Soft- und Auto-Modus flexibel im Mix und Mastering einsetzen. Dabei klingt der virtuelle Klon insgesamt zurückhaltend edel bis kraftvoll organisch und hat von dezenter Klangschmeichelei bis heftiger Effekt-Kompression einiges auf dem Kasten.

Technischer Hintergrund der Emulationsvorlage

 

Der Vertigo Sound VSC-2 Outboard-Kompressor ist mit je zwei 1979-VCAs pro Kanal bestückt: einen für jeden Audioweg und je einen weiteren für die Regelelektronik der Kompression. Der Hersteller ist aber keinesfalls kategorisch gegen den Einsatz von ICs, sie müssen nur an den richtigen Stellen eingesetzt werden. Also verwendet Vertigo Sound Ausgangsverstärker des Typs 1646 (siehe kleine Abbildung im Kasten rechts) des renommierten amerikanischen Herstellers THAT Corporation. Die Bauteile verfügen über exzellente technische Werte (Klirrfaktor und Rauschabstand) und sind beim VSC-2 fast ausschließlich für die Symmetrierung der Signale zuständig. Alle anderen ICs dienen lediglich der Steuerung der VCAs und befinden sich nicht im Audio-Signalweg. Wesentlich wichtiger für den Klang sind allerdings neben den VCAs die Jensen-Trafos (JT-11P-17B) an den Eingängen (siehe Abbildung im Kasten links), die aufgrund ihrer klanglichen Eigenschaften und der hohen Gleichtaktunterdrückung auch gerne von anderen Pro-Audio-Herstellern wie Summit Audio, Brent Averill Enterprises, Pendulum oder Aphex genutzt werden.
Konzeptionell ist der VSC-2 genau genommen ein Limiter im sogenannten Peak-Forward-Design, dessen Gain-Reduction nicht wie bei vielen RMS-Kompressoren von einem Mittelwert (Root Mean Square) bestimmt wird, sondern von einzelnen Pegelspitzen. Der Grund: Durch das vorausschauende Peak-Schaltungsdesign soll das Einsetzen der Kompression, so Vertigo Sound, fast unhörbar bleiben und sehr musikalisch vonstattengehen, ähnlich der Arbeitsweise von Opto-Kompressoren. Selbst im Stereo-Modus – die Bedienelemente von Kanal eins regeln automatisch die Parameter von Kanal zwei – reagiert der Kompressor nicht etwa auf ein summiertes Sidechain-Signal (l plus r), sondern auf den jeweils höchsten Peak unabhängig davon, in welchem Kanal er auftritt. Da es sich beim VSC-2 um eine Dual-Mono-Konzeption handelt, können die beiden Kanäle auch völlig autark zur unabhängigen Bearbeitung von Einzelsignalen verwendet werden. Ansonsten verhilft das benutzerfreundliche Bedienkonzept (A steuert B) zu einer unkomplizierten Stereo-Bearbeitung.

 

Erschienen in Ausgabe 02/2012

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 233 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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