Im Rampenlicht

Zehn Jahre ist es her, dass der deutsche Mikrofon-Spezialist Dirk Brauner das Röhren-Kondensatormikrofon Valvet auf den Markt brachte. Grund zum Feiern und Zeit für Neues, dachte sich die Verantwortlichen in der deutschen Edel-Manufaktur und erweitern jetzt mit dem Jubiläums-modell Valvet X das Produktportfolio um ein Röhrenmikrofon mit fester Nierencharakteristik. 

Von Michael Nötges 

Die Zeit drängt. Chaib EL Amrani, seines Zeichens Leiter der Mechanik-Abteilung bei Brauner Microphones, ist auf dem Weg von Hamminkeln an der holländischen Grenze zur Redaktion von Professional audio Magazin. Im Gepäck hat er einen schmucken Alukoffer, der nicht etwa mit zwei Millionen Euro in kleinen Scheinen gefüllt ist, sondern mit dem ersten Serienexemplar des Valvet X, das Mitte November auf den Markt kommen soll. Dank des fulminanten Endspurts schafft es der jüngste Spross tatsächlich pünktlich zum Foto- Mess- und Aufnahmetermin und damit auch in diese Novemberausgabe.

In Reminiszenz an das Valvet, ein Röhren-Großmembranmikrofon mit verstellbarer Richtcharakteristik (Kugel, Niere), trägt das neue Kleinod aus dem Hause Brauner das geheimnisvolle X hinter dem Namen, was für das zehnjährige Jubiläum steht und zunächst vermuten lässt, es habe funktionstechnisch mehr zu bieten als sein Vorgänger. Dem ist allerdings nicht so. Das Valvet X konzentriert sich vielmehr auf eine einzige Richtcharakteristik und zwar die Niere, die besonders bei Gesangs- und Solistenaufnahmen im Studio am häufigsten zum Einsatz kommt. Dem puristischen Ansatz des Neulings entspricht der Verzicht auf Trittschallfilter oder Dämpfungsschalter, um sich auf das Wesentliche, den reinen Klang, zu konzentrieren und diesen nicht durch zusätzliche Bauteile zu beeinflussen. 
„Wesentlich bei der Klanggestaltung eines Mikrofons“ erklärt uns Geschäftsleiter Dr. Benedikt Rösen, „ist die Selektion und Kombination aller Komponenten. Auf diesem Gebiet verfügen wir über langjährige Erfahrungen.“ Entscheidend seien aber die Hör-Sessions während der Entwicklung, bei denen die Mikrofone Schritt für Schritt ihren unverwechselbaren Charakter verliehen bekommen. Das technisch Machbare ist eben das eine, ein exzellenter Klang das andere. Dass die Schallwandler der Edelschmiede aber bisher auch in messtechnischer Hinsicht Meisterwerke waren und sind, belegen bereits die ausgezeichneten Werte, die der Messcomputer von Audio Precision im Labor von Professional audio Magazin bei den Modellen VM1, VMX (Test 11/2006) oder Phanthera (Test 6/2007) ermittelte. Ein Grund dafür ist mit Sicherheit die Firmenphilosophie. Dirk Brauner erklärt uns: „Wir bauen Mikrofone, weil wir Mikrofone lieben und nicht, weil der Markt nach Röhrenmikrofonen verlangt oder sich ein noch etwas weiter abgespecktes Sondermodell zum günstigen Preis besser verkaufen lässt. Unser Ziel ist es, die am besten klingenden und hochwertigsten Mikrofone der Welt zu bauen. Ob uns das gelingt, müssen unsere Kunden beurteilen und wie lange uns das noch gelingt, steht auf einem anderen Blatt, denn einfach ist das allemal nicht. Aber solange Menschen in der Lage sind, das Echte vom So-tun-als-ob zu unterscheiden, haben wir sicher eine Chance.“
Zum Lieferumfang des Valvet X gehören die typische, schwarz anodisierte und in Einsprechrichtung offene Brauner-Aluminium-Spinne, ein Vovox-Tubelink-Mikrofonkabel, das externe Netzteil und ein schmucker Alukoffer, in dem all das sicher verstaut ist. Brauner fertigt im Hochlohnland Deutschland und bezieht seine Bauteile außerdem ausschließlich von ausgewählten, deutschen Zulieferern oder solchen aus Nord- und Mitteleuropa, um bestmögliche Qualität zu sichern. Das hat bekanntlich seinen Preis. Das neue Valvet X bewegt sich aber, wie auch schon das Valvet (2.856 Euro), mit 2.529 Euro noch im Brauner-Mittelfeld. Übrigens, bis zum 30.6.2009 gibt’s das Valvet X wegen des Jubiläums für 2.199 Euro. 
In Sachen Design gehört das gut ein Pfund schwere Valvet X zur Linie Phanthera, Phantom und Co. Es ist 16 Zentimeter hoch und das schwarz beschichtete Messing-Gehäuse hat einen Durchmesser von fünf Zentimetern. Das Valvet X gehört wie das Phanthera und VMX übrigens auch, zu den klanglichen Charakterköpfen, so der Hersteller. Wohingegen das Valvet oder das Phantom in die Gruppe der sehr natürlich klingenden Brauner-Mikrofone gehört. 

„Bei der Kapsel des Valvet X handelt es sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger um eine feste akustische Niere“, erklärt Entwicklungsingeneur Michael Bönninghoff und fährt fort: „Erreicht wird die Nierencharakteristik durch eine ausgewogene Kombination aus Druckempfänger und Druckgradientenempfänger.“ Das habe unter anderem Vorteile in Bezug auf den Rauschanteil im Vergleich zur elektrischen Generierung, also der Addition von zwei Signalanteilen. Zur Erklärung: Reine akustische Druckgradientenempfänger haben konstruktionsbedingt eine Acht, Druckempfänger immer eine Kugel als Richtcharakteristik. Die Niere stellt gewissermaßen eine Kombination aus Druckgradienten- und Druckempfänger dar, wobei ein akustisches Laufzeitglied für die Richtcharakteristik verantwortlich ist. Für diesen Zweck wird bei Großmembranmikrofonen, so auch beim Valvet X, häufig eine zweite, nicht polarisierte Membran (Passivmembran) verwendet, die die polarisierte Membran rückseitig abschirmt. 
Die aus einem beschichteten Polymer bestehende und sechs Mikrometer dünne Membran hat einen für Großmembran-Mikrophone typischen Durchmesser von zirka 2,5 Zentimeter. Bönninghoff erklärt uns: „Die notwendige Impedanzanpassung und Verstärkung erfolgt beim Valvet X gegenkopplungsfrei. Die spe-zielle Auslegung unserer Schaltung ermöglicht eine kondensatorfreie Ankopplung an die Röhre. Darüber hinaus“ -ergänzt der Entwicklungsingenieur „kommt ein speziell konstruierter Ausgangsübertrager zum Einsatz.“ Der Trafo stammt vom schwedischen Bauteil-Spezialisten Lundahl, der weltweit einen sehr guten Ruf in Bezug auf die Qualität und die klanglichen Eigenschaften seiner Produkte genießt. Brauner verwendet für das Valvet X außerdem eine EF732 äquivalente Philips-Röhre (USA) in Militär-Langlebeversion, die aufgrund ihrer Rauscharmut auch in Messmikrofonen von Brüel und Kjaer (heute DPA) verwendet werden. 
Wie bei fast allen Röhren-Mikrofonen ist eine externe Stromversorgung unabdingbar. Das Netzteil hat etwa die Größe, Gewicht und Aussehen eines Kohlebriketts – aber natürlich eines der besonders edlen Sorte. Auf der Front findet sich ein silberner Power-Kippschalter, rückseitig ein achtpoliger Eingang für das Mikrofon-Signal und ein symmetrischer XLR-Ausgang, um das Signal an einen Mikrofon-Vorverstärker weiter zu leiten. Auffällig ist das besonders hochwertige Gewinde, mit dem das Vovox-Kabel sowohl am Mikrofon als auch am Netzteil verschraubt wird. Wackelkontakte wird es hier sicher nicht geben. „Das Netzteil ist ein wesentlicher Bestandteil innerhalb der klanglichen Abstimmung des Mikrofons“, erklärt uns Dr. Rösen und fügt hinzu: „Auch hier ist die Selektion und Kombination der Bauteile von entscheidender Bedeutung. Die Versorgungsspannungen werden durch klassisch ausgelegte Siebketten generiert.“ Dann wird es aber doch etwas geheimnisvoller: „Spezielle Komponenten, wie zum Beispiel der Transformator, sind von uns in Zusammenarbeit mit renommierten Deutschen Firmen entwickelt worden.“ Welche Firmen das genau sind, bleibt wohl Brauners Geheimnis, nicht aber die Messwerte die wir im Messlabor ermitteln.

In groben Zügen ähnelt der Frequenzgang des Valvet X dem des VMX: Die Bässe unterhalb von 150 Hertz sind mit einer Anhebung von zwei Dezibel bei 30 Hertz leicht betont. Für Großmembranmikrofone typisch, ist die Höhenanhebung: Der Frequenzgang des Valvet X weist zwei Peaks bei vier (zwei Dezibel) und neun Kilohertz (vier Dezibel) auf, die den Klangcharakter des Mikrofons mitbestimmen. Der Frequenzgang des Valvet verläuft für ein Großmembran-Kondensatormikrofon bemerkenswert glatt, ohne dass man von der Linearität eines Kleinmembran-Mikrofons sprechen kann. Das geht aber prinzipbedingt schon gar nicht. Die Empfindlichkeit des Valvet X ist mit 44,6 extrem hoch, was ihm besonders Pre-amps mit geringen Verstärkungsreserven Danken werden. Genauso wie der exzellente Geräuschpegelabstand von 85,3 Dezibel. Solche Werte erreichten selbst die Spitzenmodelle aus dem eigenen Hause, wie das VM1 (81,8 Dezibel) und VMX (76,9 Dezibel) seinerzeit nicht. Da haben die Entwickler mit den Vorteilen der reinen akustischen Niere nicht zu viel versprochen. Diese Traumwerte machen das Valvet X messtechnisch zu einem sehr universalen und in der Recording-Praxis herrlich anspruchslosen Mikrofon. Für den Hörtest wissen wir schon mal: Wenn etwas bei einer Aufnahme mit dem Valvet X rauschen sollte oder zu wenig Pegel kommt, liegt es sicher nicht am Mikrofon.
Das Valvet X ist wahrlich ein Brauner, das wird bereits beim ersten aufgenommenen Ton klar. Der Vocal-Track, den wir mit der Kölner Sängerin Ellen Schneider aufnehmen, klingt frisch, druckvoll, transparent und extrem fein aufgelöst. Dabei überzeugt besonders die Schnelligkeit des Valvet X und dessen Genauigkeit bei der Abbildung der Stimme. Besonders in den Höhen zeigt sich eine angenehme Seidigkeit, die dem Sound einen Hauch Intimität verleiht, ohne dabei künstlich oder unnatürlich zu klingen. Die Stimme kommt klar und direkt und man hat das Gefühl, dass sie über sich hinaus wächst und dem eigentlichen Klang eine besondere Magie einhaucht, die nur schwer in Worte zu fassen ist. Es ist das gewisse Etwas, der Faktor X oder das I-Tüpfelchen, das im direkten Vergleich zum ebenfalls hervorragenden Microtech Gefell M 930 hinzukommt. Das Valvet X hat seinen Charakter, keine Frage, aber die eigene Note kommt immer musikalisch und ausgesprochen natürlich. Das zeigen auch die Sprachaufnahmen. Nachrichtensprecher und –sprecherinnen werden sich freuen. Weibliche Stimmen kommen sehr detailliert und durchsetzungsstark mit allen filigranen Nuancen und Eigenheiten und immer sehr direkt und angenehm transparent. Das gilt auch für männliche Stimmen, die aber zusätzlich sehr kräftig und angenehm druckvoll, dabei aber trotzdem offen und stets plastisch erscheinen. 

Apropos plastisch: Die Aufnahmen einer Steelstring-Gitarre bekommen eine ganz besondere Griffigkeit. Das liegt nicht zuletzt an der feinen Auflösung und dem extrem guten Impulsverhalten. Besonders Anschlagsgeräusche (Plektrum, Fingernagel) werden sehr exakt abgebildet und führen damit zu einem gestochen scharfem Klangbild. Es entsteht ein wenig der Eindruck, als lägen ein Effekt zur Transienten-Bearbeitung und ein eleganter Exciter auf dem Signal. Das Valvet X liefert sehr subtil ein wenig mehr, als die eigentliche akustische Wirklichkeit hergibt. Auch die Basstöne kommen sehr genau, niemals verwaschen und führen insgesamt zu einem zwar kräftigen aber dennoch ausgewogenen und transparenten Klang, der angenehm und kunstvoll die Aufnahmen im goldenen Rampenlicht erstrahlen lässt.
 

Fazit

Das Valvet X ist keinesfalls das schwarze Schaaf der Brauner-Familie, sondern vielmehr ein weiterer charaktervoller Schallwandler, der durch exzellente Messwerte, überragendes Impulsverhalten und seine sehr feine Auflösung überzeugt. Schattenseiten hat das kleine Schwarze mit dem übernatürlichen Klang nicht und rund 2.530 Euro lassen sich mehr als rechtfertigen.

Erschienen in Ausgabe 12/2008

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 2529 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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