Weg mit der Maus

Was kommt dabei heraus, wenn ein Audio-Interface, ein DAW- und ein MIDI-Controller in ein Gerät gepackt werden? Richtig, das Project Mix I/O.

Von Georg Berger

Der erste Anschein trügt. Denn das Project Mix I/O ist kein kompaktes Digitalmischpult. Der Schwerpunkt ist ein anderer. In erster Linie empfiehlt es sich als Controller für Computer-Sequenzer und macht es attraktiv für diejenigen, die die Bedienung eines Sequenzers mit der Maus als Behinderung empfinden. Die Kommunikation erfolgt über Firewire mit Hilfe des Mackie Control- beziehungsweise HUI-Protokolls. Zur Zeit kann es mit Pro Tools, Cubase, Logic, Live 5, Sonar und Digital Performer kommunizieren. Es lässt sich deshalb nur im Verbund mit einem Computer betreiben. Ein standalone-Betrieb ist nicht möglich.
Darüber hinaus enthält es noch ein ausgewachsenes Audio-Interface – die Technologie des Firewire 1814 aus dem gleichen Hause wurde hier integriert – mit jeweils acht analogen und digitalen Eingängen. Damit empfiehlt sich das Project Mix als Komplettlösung und perfekte Schnittstelle zwischen analoger und digitaler Welt. Mit einem simplen Knopfdruck wandelt sich das Gerät überdies noch zu einem waschechten MIDI-Controller zur Ansteuerung von Hard- und Software-Synthesizern oder -Effektgeräten. Wer denkt, er müsse jetzt einen hohen Preis für diese Funktionalität bezahlen, der irrt. Mit knapp 1400 Euro ist es auch für den schmaleren Geldbeutel äußerst attraktiv.

Um das Project Mix I/O ans Laufen zu bringen ist zunächst die Installation des entsprechenden Treibers, sowie zweier Programme erforderlich. Die Control-Panel Software kümmert sich dabei um das Routing und Monitoring der analogen und digitalen Audio-Signale und die Project-Mix-Control Software – die Bedienungsoberfläche des Gerätes wird dort noch einmal abgebildet – erlaubt die Zuweisung von MIDI-Controllern auf die einzelnen Bedienelemente für den Betrieb im MIDI-Modus. Ist das erledigt, muss das Pult nur noch dieselbe Sprache wie der Sequenzer sprechen.
Durch Druck auf einen der Aux-Taster beim Einschalten lädt sich die Voreinstellung für einen der oben genannten Sequenzer. So gerät das Pult etwa in den Cubase-Modus über Aux-Taste zwei und in den Logic-Modus über Taste drei.

In allen Modi besitzen die Transport-Taster, das Jog-/Shuttle-Rad, sowie die Taster und Regler der Kanalzüge dieselben Funktionen.  Die Taster Solo, Mute, Auswahl und Aufnahme, sowie die Transporttaster sprechen da für sich. Mit dem Jog-Rad lässt sich der Positions-Cursor im Arrangier-Fenster bewegen oder Spuren können damit durchfahren und abgehört werden.
Die Endlos-Drehregler übernehmen je nach Anwahl von Funktions-Tasten auf der rechten Seite unterschiedliche Aufgaben zur Werteveränderung. Das zwei Zeilen Display zeigt korrespondierend dazu in zwei Zeilen unterschiedliche Übersichten und Werte der gerade angewählten und verfügbaren Parameter. Sind im Sequenzer mehr als acht Spuren vorhanden, reicht ein Druck auf die Bank-Tasten um weitere Kanäle anzusprechen. Über die Aux-Tasten werden im Betrieb primär Funktionen des Sequenzer-Mischpults aufgerufen. Equalizer, Effekt-Send und -Return Einstellungen, sowie Auswahl und Editierung von VST-Instrumenten und –effekten lassen sich damit ansteuern. M-Audio hat sich nach allen Regeln der Kunst darum bemüht, das Project-Mix so universell einsetzbar zu machen wie möglich. Dennoch sind, je nach Sequenzer-Modus, Taster entweder mit keiner Funktion versehen, oder besitzen unterschiedliche Funktionen mit entsprechenden Parametern. Beispiel: Im Pro Tools Betriebsmodus dienen die Aux-Taster zur Anwahl und Editierung der Aux-Sends. Im Cubase- oder Logic-Modus lassen sich nach Betätigung unter anderem Equalizer, oder Effekt-Sends aufrufen.

Dies ist nicht die Schuld von M-Audio, sondern liegt an den Konzepten der Sequenzer und der Einbindung der Mackie-Protokolle in die Software. In Konsequenz heißt das jedoch, dass auf die Computer-Maus nicht verzichtet werden kann. Aber das Project-Mix erleichtert dem Nutzer die Arbeit mit dem Sequenzer erheblich. Wer einmal damit gearbeitet hat, will es bestimmt nicht mehr missen. Aber die Eingriffsmöglichkeiten gehen noch weiter. Die bisherige Kommunikation erfolgt lediglich über das Firewire-Protokoll. Ein Druck auf den MIDI-Taster erlaubt es, völlig unkompliziert VST-Instrumente und –effekte mit dem Project Mix zu editieren. Über den MIDI-Learn-Modus der Plug-ins sind zumindest auf digitaler Ebene keine weiteren Einstellungen am Pult erforderlich. Ein weiterer Druck auf den MIDI-Taster versetzt das Pult wieder in den DAW-Modus.   

Bei allem Lob muss das Professional audio Magazin trotzdem meckern: Das Handbuch ist gerade in Bezug auf die Dokumentation der möglichen Funktionen in den einzelnen Sequenzer-Modi äußerst dürftig. Eine Auflistung der wichtigsten Funktionen und Bedienungen ist zwar vermerkt. Aber wir hätten uns doch bei den tiefer greifenden Funktionen – etwa die Ansteuerung von VST-Instrumenten-Parametern – zumindest ein Beispiel gewünscht. So wird im Handbuch lediglich die Möglichkeit genannt, der Nutzer danach jedoch im Dunkeln gelassen.
Anlass zur Kritik gibt auch die Bedienung der Programmierung im MIDI-Modus. So vorbildlich wie sich in der Project-Mix-Control Software Controller programmieren lassen, so sehr mangelt es an den üblichen Datei-Funktionen. Denn die Software erlaubt lediglich die Übermittlung vorgenommener Einstellungen ins Gerät, hält jedoch keinerlei Möglichkeit bereit diese zu speichern und zu verwalten. Das müsste beizeiten beseitigt werden.

Was lässt sich mit einem DAW-Controller anfangen, wenn es keine Aufnahmen gibt? Gar nichts. Die Existenz eines Audio-Interfaces, ist äußerst bequem und komfortabel. Allerdings ist die Bedienung etwas anders gehalten. Die Erwartungshaltung, mit den Kanalfadern die Eingangssignale zu regeln wird nicht erfüllt. Diese sind nur zum Abmischen der Sequenzer-Spuren vorgesehen. Die Haupt-Bedienelemente des Audio-Interfaces finden sich daher lediglich am oberen Ende des Pultes in Form der Eingangs-Empfindlichkeitsregler und der Eingangs-Wahltaster. Das Routing erfolgt schließlich über die anfangs erwähnte Control-Software. Wer jetzt denkt, dass die Audio-Funktionen angesichts des konzeptionellen Schwerpunkts eher eine Art Dreingabe sind, der täuscht sich.
Die Messungen im Professional audio Magazin-Testlabor bescheinigen dem Audio-Interface des Project Mix exzellente Ergebnisse. Dies korrespondiert auch mit den Eindrücken des Hörtests.
Der Gesamklang ist als eher weich und samtig zu umschreiben. Der klangliche Gesamteindruck ist dadurch nicht unangenehm. Vokal-Aufnahmen klingen warm, vornehm und trotzdem brillant. Instrumental-Aufnahmen von einer Gitarre verwischen die klanglichen Charakteristika des Instrumentes nicht und hinterlassen insgesamt den Eindruck, dass hier ein sehr teurer Wandler am Werk war. Der Eindruck könnte entstehen, dass im Mitten- und Bassbereich der Klang vielleicht ein wenig zu zahm ist. Hohe Frequenzanteile müssten jetzt überproportional hervortreten. Das tun sie aber nicht, was unsere Messungen auch bestätigen: Das Interface besitzt einen wunderbar linearen Frequenzgang. Die Frequenzanteile eines Klanges werden durch den gesamten Hörbereich sauber durchgereicht. Es lässt sich feststellen, dass im Project Mix keine abgespeckten Versionen von vorherigen Entwicklungen verbaut wurden, was im Umkehrschluss den Mehrwert des Gerätes erhöht.

Fazit

Das Project Mix I/O von M-Audio präsentiert sich als komfortable Komplett-Lösung fürs Computer-Recording-Studio. Drei Geräte in einem sorgen für Platz und Übersichtlichkeit im Studio. Daneben ist die universelle Einsetzbarkeit des Controllers auch für Nutzer mehrerer Sequenzer trotz der einen oder anderen Funktionseinschränkung im jeweiligen Sequenzer-Modus hoch interessant.

Erschienen in Ausgabe 06/2006

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 1399 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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