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Toontracks unumstrittener Bestseller EZdrummer ist erstmals einem Major-Update unterzogen worden, wobei der Simpel-Drumsampler komplett neu aufgesetzt wurde, viele neue Features besitzt und mit einer faustdicken Überraschung aufwartet.

Von Georg Berger

Dass sich der Drumsampler EZdrummer dereinst zum Bestseller mausern würde, hatten die Entwickler des schwedischen Software-Spezialisten Toontrack bei seiner Markteinführung 2006 wohl bestimmt nicht gedacht. Trotzdem hatten sie mit ihrem Konzept, ein gleichzeitig einfach zu bedienendes und exzellent klingendes Instrument zu entwickeln, voll ins Schwarze getroffen. Mittlerweile offeriert der Hersteller ungleich mehr Expansion-Packs für den EZdrummer, mit denen sich das Sound-Arsenal modular erweitern lässt, als für die Profi-Variante DFH/Superior Drummer aus eigenem Hause. Selbst die seinerzeit angemerkten Mängel an der Ausstattung und Funktionalität auf Seiten der Fachpresse konnten den Siegeszug des EZdrummers nicht aufhalten. Doch Toontrack hat sich die Kritik zu Herzen genommen und endlich mit EZdrummer 2 ein erstes Major-Update vorgelegt, das nicht nur die Kritikpunkte der Vorversion vom Tisch fegt. Die Entwickler haben gleich Nägel mit Köpfen gemacht und die Software in den letzten vier Jahren von Grund auf neu programmiert, eine komplett neue Audio-Engine entwickelt und dabei aus EZdrummer 2 nicht mehr nur einen schnöden Klanglieferanten mit beigeordneter MIDI-Groove-Library gemacht. EZdrummer 2 hat sich vielmehr jetzt zu einer eigenständigen Kompositions- und Arrangierlösung für amtliche Drum-Tracks gemausert. Denn ab sofort lassen sich die mitgelieferten MIDI-Grooves über den neuen, ständig sichtbaren Song-Track-Editor nach allen Regeln der Kunst, ganz so wie in einer DAW, zu ganzen Songs verketten, wobei sich die Entwickler einige pfiffige Features ausgedacht haben, um bei nach wie vor denkbar einfachster Handhabung, ein hohes Maß an flexiblen Eingriffsmöglichkeiten zu bieten. Sicherlich, etwas revolutionär Neues ist das jetzt nicht. FXpansions Lösung BFD bietet so etwas bereits seit der zweiten Version an. Doch Toontracks Ansatz, soviel sei schon verraten, besitzt einen ganz eigenen Workflow. Näheres dazu ganz unten.

 

Damit nicht genug, haben die Entwickler der neuen Version gleichzeitig auch eine komplett neue, rund fünf Gigabyte starke Werks-Library verpasst, die eigens in Mark Knopflers British Grove Studio mit hochfeinem Studio-Equipment vom bekannten Produzenten Chuck Ainley angefertigt wurde. Nunmehr finden sich fünf Drumkits im Lieferumfang, wobei drei dem modernen Klangbild verpflichtet sind und zwei auf historisch analogen Pfaden wandeln. Kostenpunkt: Ersteinsteiger zahlen rund 140 Euro. Besitzer der Erstversion können für knapp 80 Euro upgraden, was angesichts des getriebenen Aufwands nicht zuviel ist. Die Werks-Library der Vorversion ist übrigens jetzt als eigenständiges Expansion-Pack erhältlich. A pro pos Expansion Packs: Damit alle bisher erhältlichen Librarys auch in EZdrummer 2 anstandslos laufen, müssen Updates auf der Hersteller-Homepage kostenfrei bezogen und installiert werden. Doch genug der Vorrede, schauen wir uns den EZdrummer 2 einmal näher an:

Der Erstaufruf zeigt sich schon einmal eine weitere Neuheit: EZdrummer 2 kann ab sofort auch Stand-alone eingesetzt werden, was mit Sicherheit E-Drum-Instrumentalisten zu schätzen wissen. Eine kleine aber feine Auswahl an Routings für Modelle von Alesis, Roland oder Yamaha ist im Lieferumfang enthalten. Ansonsten sieht alles zunächst wie gewohnt aus. Wir blicken auf ein Drumset aus der Perspektive des Instrumentalisten. Ein Klick auf die Instrumente löst den entsprechenden Sound aus. Am Fuß ist erwartungsgemäß die Transportleiste eingelassen. Neu ist der bereits erwähnte Song-Track-Editor, der direkt über der Transportleiste integriert ist. Neu sind jetzt auch Reiter am Kopf über die sich der Mixer, der Browser und der neue Search-Dialog im Wechsel zur Drum-Ansicht aufrufen lassen. Der Search-Dialog bietet dabei eine gemischte Funktionalität aus Browser mit intelligenter Such-Funktion und Arrangier-Tool. Das Austauschen einzelner Drum-Instrumente erfolgt nach wie vor durch Klick auf das kleine Pfeil-Symbol am Rand der Trommel. Doch anstelle einer Auswahlliste zeigt sich jetzt ein Popup-Menü über das sich erstmals die Instrumente vorhören, in der Lautstärke und sogar der Tonhöhe einstellen lassen. Der Clou: Endlich lassen sich Instrumente verschiedener Expansion Packs munter miteinander mischen, so dass der Anwender die Möglichkeit hat, sich sein eigenes Wunsch-Drumset zusammenzustellen. Damit ist ein Haupt-Kritikpunkt der Vorversion schon einmal pulverisiert und macht EZdrummer 2 zu einem noch flexibler einsetzbaren Instrument.

 

Oft zu hören war zudem auch, dass der erste EZdrummer ohne Effekte auskommen musste. Auch das haben die Entwickler, wenngleich auf eigenwillige Weise, beherzigt und EZdrummer 2 eine Effekt-Sektion verpasst, die sich über eine Parameter-Sektion am Fuß des Mixer-Dialogs einstellen lässt. Dabei haben die Entwickler, wen wunderts, auf das Multi-Effekt-Plug-in EZMix aus eigenem Hause zurückgegriffen. Allerdings ist es dabei Essig mit der Möglichkeit, Effekte und Effektketten nach eigenem Gusto auf Kanäle zu insertieren. Die Effekte sind fest an die Presets – 29 an der Zahl – gebunden, die sich somit aus Effektketten plus Instrumenten-Kombinationen zusammensetzen. Folglich lassen sich die Effekte auch nicht separat laden oder austauschen. Ganz dem EZMix-Konzept verpflichtet, stehen je nach Preset und Willen der Programmierer nur die wichtigsten Parameter einer Effektkette im direkten Zugriff. Sehr schön: Beim Drehen an einem Parameter werden die Kanalzüge, die von diesem Effekt beeinflusst werden, automatisch orange hinterlegt, so dass wir direkt wissen, auf welche Einzelkanäle oder Busse sich dies auswirkt. Parameter-Fetischisten werden das zwar belächeln, doch mit diesem Konzept liefert Toontrack eine rasche Lösungsmöglichkeit, die den Blick auf das Wesentliche hält. Schade ist aber dennoch, dass die Effektketten nicht austauschbar sind. Im Test müssen wir daher immer wieder in den Drum-Dialog und uns die gewünschten Instrumente nachträglich laden, was schon lästig ist. Denn obwohl es nur wenige Eingriffsmöglichkeiten gibt, lässt sich damit eine Menge anstellen, wobei die Klangqualität ohne Wenn und Aber im Oberklasse-Bereich anzusiedeln ist. Wem das trotzdem nicht genügt, kann die Signale der Kanalzüge nach wie vor separat aus dem Plug-in in die DAW routen. Dafür stehen jetzt 16 Stereokanäle zur Verfügung, doppelt soviel wie zuvor. Auffällig: Durch das Integrieren von Effekten finden sich je nach Preset jetzt auch Effekt-Busse, wobei die Sends im Hintergrund realisiert wurden und so weitere Möglichkeiten zur Klangveredlung bieten. Das Einstellen von Sendanteilen ist hingegen nicht möglich.

Einzige Neuheit im Browser-Dialog ist ein neues schickes Design. An der Funktionalität hat sich soweit nichts geändert bis auf die Möglichkeit, Grooves direkt im Dialog vorzuhören und die gewünschte MIDI-Datei einfach per Drag-and-drop aus dem Browser auf den Song-Track zu ziehen. Die eigentlichen Highlights finden sich im neu hinzugefügten Search-Dialog und dem Song-Creator, die zusätzliche teils geniale Features zum Suchen, Finden und Verwalten von Grooves bereitstellen.

 

Im Hör- und Praxistest haben wir EZdrummer 2 bereits nach kurzer Zeit in seinen Möglichkeiten komplett erfasst, wobei uns das übersichtliche Handbuch die neuen Features auf ebenso schnelle Art und Weise vermittelt. Das Handling im Song-Track geschieht auf denkbar einfache Weise, nicht zuletzt dank Drag-and-drop. Dabei vermissen wir im Vergleich zur Arbeit im Sequenzer so gut wie nichts. Clips einsetzen, kopieren, löschen, trimmen, schneiden, verbinden geht flüssig von der Hand. Über ein dezidiertes Ausklapp-Menü können die Clips im Tempo verdoppelt, halbiert und auch quantisiert werden und es ist sogar möglich, einzelne Clip-Teile farblich zu codieren, um Songteile visuell abzugrenzen. Einzig der Eingriff in die Grooves selbst per Pianorollen-Editor ist nicht vorgesehen. Dafür haben sich die Toontrack-Entwickler einen simplen wie genialen Kniff einfallen lassen: Nach Anwahl eines Clips zeigt das Ausklapp-Menü des Song-Tracks einen Eintrag, in dem es möglich ist, die Noteneinsätze der einzelnen Instrumente bei Bedarf zu entfernen. Schön wäre es jetzt noch, diese Einsätze auch kopieren und in andere Clips einsetzen zu können. Im Test haben wir damit einen Groove bis auf die Bassdrum- und Hihat-Figur rasch entkernt und erhalten ein Groove-Rudiment für einen C-Teil. Abseits dessen ist das Produzieren eines lebendig klingenden Drum-Arrangements gerade mit Hilfe des neuen Search-Dialogs, dem Edit Playstyle-Menü und dem Song-Creator eine wahre Freude. Das lästige Herumsuchen und Ausprobieren von Groove-Clips reduziert sich beim Erstellen eines Songs tatsächlich auf drastische Weise. Die dahinter werkelnden Analyse-Algorithmen sind geniale Entwicklungen, die dem Anwender in seinem Workflow unterstützen und sogar auch inspirieren.

Klanglich überzeugt EZdrummer 2 auf nicht minder glanzvolle Weise. Die drei Modern-Kits gehen kraftvoll ans Werk mit ordentlichem Punch und gut durchhörbaren Höhen, was ihnen die notwendige Vordergründigkeit gerade für Rock und Pop verleiht. Durch die integrierten Effekte lässt sich sogar noch das eine oder andere Schippchen an Kraft herausholen oder zügeln. Die beiden Vintage-Drumkits lassen es klanglich kontrastierend ungleich räumlicher krachen. Der Ambience-Anteil ist deutlicher im Vordergrund, was den Trommeln mehr Leben, Volumen und eine gewisse schmutzige Rotzigkeit verleiht, perfekt für Prog Rock, Garage-Punk und dergleichen mehr. Je nach Preset und Effekt, weichen aber die Grundsounds sämtlicher Drumkits von ihrem Ursprungsklang teils deutlich ab, so dass wirklich für fast jeden Musiktstil etwas dabei ist.

Fazit
EZdrummer 2 hat in allen Teilen eine ordentliche Frischzellen-Kur erhalten und sich zur großen Überraschung zu einer waschechten Produktionsumgebung zum Erstellen ganzer Drum-Arrangements gewandelt. Zusätzlich wartet er mit willkommenen neuen Features auf, allen voran der geniale Search-Dialog und Song-Creator, die den Klopfgeist reifer, professioneller und flexibler aussehen lässt, ohne dabei das Postulat des simplen Handlings aufzugeben.

 

 

Songwriting in EZdrummer 2

Mit dem Search-Dialog, dem Song-Creator und dem Edit Playstyle-Dialog haben sich die Toontrack-Entwickler drei Helferlein in Ezdrummer 2 einfallen lassen, die das Produzieren eines Drum-Arrangements auf ein gerüttelt Mindestmaß reduziert. Der Search-Dialog ist dabei zunächst eine weitere Browser-Variante, in der über mehrere Spalten mit Schlagworten, der gewünschte Groove eingegrenzt werden kann. Die Ergebnisse werden anschließend in einer Liste darunter angezeigt. So weit so gut. Richtig mächtig wirds aber, wenn der „Tap2Find“-Button gedrückt wird. Ein neuer Dialog öffnet sich, indem der Anwender jetzt einen Rhyhtmus mit seinem Keyboard/Controller einspielen, im Tempo definieren und quanitisieren kann. Ist dies erfolgt, analysiert Ezdrummer den Groove und zeigt nach Druck auf den „Show result“-Button anschließend die ermittelten Treffer inklusive einer Prozentangabe, die Auskunft über die Ähnlichkeit des zuvor Eingespielten gibt. Wer einen Groove in der Datenbank gefunden hat, der mit weiteren Alternativen erweitert werden soll, zieht diesen Groove im Search-Dialog einfach per Drag-and-drop auf die sogenannte „MIDI Drop Zone“ unterhalb des Tap2Find-Buttons und schon geht der gleiche Analyse-Prozess über die Bühne. Im Test funktioniert das mal ganz hervorragend, das andere Mal sind wir nach Einspielen eines eigenen Grooves eher enttäuscht, was die ermittelte Auswahl anlangt. Doch das legt sich rasch, denn die Ergebnisse oberhalb von 30 Prozent wirken letztlich wieder inspirierend und bringen uns teils auf ganz neue Ideen.
Eine weitere pfiffige Kompositions-Hilfe verbirgt sich im sogenannten Song-Creator, der sich durch Druck auf den gleichnamigen Button unabhängig vom gerade aktiven Haupt-Dialog herausklappt. In der Song-Structures-Spalte lassen sich verschiedene Songformen en bloc auswählen und per Drag-and-drop auf den Song-Track ziehen. Das Speichern eigener Strukturen ist selbstverständlich möglich, so daß sich Konstrukte mit Intro, Strophe, Refrain und so weiter nach eigenem Gusto rasch aufrufen lassen. Doch das ist erst die halbe Miete. Auch der Song-Creator verfügt über eine MIDI Drop Zone mitsamt der gleichen intelligenten Analyse-Funktion. Wird dort ein Groove hineingezogen, zeigen sich spaltenweise schließlich verschiedenste Songteile, so daß sich der Inhalt der zuvor eingesetzten Song-Struktur mit Leichtigkeit austauschen lässt. So wird aus einem Rock-Arrangement in Windeseile ein Reggae- oder Country-Song. Dieses Beispiel sollte ohne Wenn und Aber Schule machen, denn Toontrack zeigt damit eine praxisgerechte Lösung, die den Workflow merkbar beschleunigt. Dafür gibts ein Sonderlob.
Mit dem Edit Playstyle Dialog findet sich schließlich ein weiteres Highlight in Ezdrummer 2, der jenseits vom Clip-Handling für ein merkbar lebendiges Ausgestalten einzelner Groove-Clips sorgt. Der Dialog öffnet sich durch Doppelklick auf den gewünschten Clip. Jedes Instrument kann anschließend separat bearbeitet werden. Per Velocity-Regler werden dabei anteilig zufällige Änderungen an der Anschlagsdynamik vorgenommen. Ähnliches macht der Amount-Regler. Je nachdem wie weit er aufgezogen ist, werden zufällig weitere Noten in den Groove eingefügt, die ihn anreichern und für ansprechend klingende Variationen sorgen. Mit der Power-Hand-Funktion kann schließlich ein Instrument im Groove-Clip hervorgehoben werden, das sich akzentuiert in den Vordergrund spielt. Dabei sind sogar Spielvarianten wie Sidestick oder Rimshot wählbar. Einfach das Power-Hand-Label auf das gewünschte Instrument ziehen, die entsprechende Artikulation wählen, und fertig. Mit der deaktivierbaren Open Hit-Funktion wird ebenso verfahren. Ist sie aktiv wird bei Beginn eines Grooves ein zusätzlicher Akzent-Schlag des zuvor gewählten Instruments ausgeführt, was bei Songteil-Wechseln für subtile aber nachhaltige Lebendigkeit sorgt.

Erschienen in Ausgabe 07/2014

Preisklasse: Mittelklasse
Preis: 79 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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