Cocktailbar

Wer seinen kristallklaren Digital-Aufnahmen den gewissen analogen Goldschimmer verleihen möchte, benötigt beim Mix eine gut ausgestattete Cocktailbar mit hochwertigen Plug-ins. Focusrite haben mit dem neuen Liquid Mix eine im Angebot.

Von Harald Wittig

Der Liquid Mix entstand in enger Zusammenarbeit von Focusrite mit den Software-Tüftlern des portugiesischen Unternehmens Sintefex Audio. Gedacht ist er für alle, die ihren Hostsequenzer um den Klang von teilweise sündhaft teurer analoger Hardware erweitern möchten – und das für vergleichsweise wenig Geld, denn Liquid Mix ist schon für rund 860 Euro zu haben.
Liquid Mix besteht aus zwei Komponenten: Einem Hardware-Interface, das über Firewire mit dem Hostrechner verbunden wird und ei-nem Plug-in. Das Plug-in umfasst eine umfangreiche Bibliothek von insgesamt 40 Kompressoren und 20 Equalizern, allesamt Nachbildungen klassischer Hardwaregeräte, unter anderem von Neve, SSL, Avalon und Focusrite selbst. Es sind die gleichen Modelle, die auch in Focusrites High-End-Channelstrip, dem Liquid Channel, enthalten sind. Für die Emulation vertrauten die Entwickler einmal mehr auf die patentierte Dynamic Convolution oder Dynamische Faltung, eine Erfindung der Softwaretüftler von Sintefex Audio. Die mathematische Faltung wird vor allem bei Hall-Plug-ins verwendet, um über Impulsantworten den Klang realer Räume nachzubilden (einge-hend beschrieben im Hall-Schwerpunkt, Ausgabe 9/2006). Auch der spezifische Klang von Effektgeräten, wie zum Beispiel eines Kompressors, lässt sich auf diese Weise nachbilden. Nur: Für einen virtuellen Kompressor-Nachbau muss auch sein Regelverhalten abgebildet werden. Dies ist mit der dynamischen Faltung möglich, indem für jede Dynamikstufe eine eigene Impulsantwort generiert wird. Im praktischen Einsatz wird nun für jedes unterschiedlich laute Sample eine Impulsantwort gefaltet. Allerdings ist es praktisch fast unmöglich, so viele Im-pulsantworten zu sampeln – außerdem reicht die Rechenleistung heutiger DSPs nicht aus, um die Faltung durchzuführen. Deswegen kann die dynamische Faltung letztlich nur eine Annäherung bleiben, ein exaktes Abbild des analogen Vorbilds ist streng genommen nicht möglich.
Dem Liquid Channel ist ein anhaltender Erfolg bei den Profis beschieden, der Liquid Mix erbte gewissermaßen die Gene des Liquid Channels und bringt einen Großteil der Klangfarbenpalette des Profi-Geräts zum erschwinglichen Preis in die Projekt-Studios. Allerdings ist Liquid Mix bisher nur für den Mac verfügbar. PC-User müssen sich gedulden: Die Windows XP Version wird voraussichtlich vier Wochen nach Erscheinen dieser Ausgabe er-hältlich sein.

Das Hardware-Interface benötigt nicht mehr Platz als ein Mouse-Pad und passt somit auf jeden Desktop. Das solide Kunststoffgehäuse ist sehr sauber verarbeitet und hübsch gestaltet. Mit seinen 11 Endlos-Drehregler und den beleuchteten 14 Druck-Tasten sieht es aus wie ein hochwertiger Controller. Tatsächlich kann die Software hierüber maus-unabhängig gesteuert werden – die Bedienelemente entsprechen exakt denen auf der Oberfläche des Plug-ins. Doch das Interface hat weit mehr zu bieten: Im Inneren des schicken Kistchens werkelt ein DSP, der sämtliche Berechnungen für die dynamische Faltung in Echtzeit, unabhängig vom Hostrechner, durchführt. Die DSP-Leistung reicht aus, um bei einer Sampling-Rate von 44,1 Kilohertz wahlweise 32 Mono- oder 16 Stereo-Instanzen zu berechnen. Hiermit wäre auch die leistungs-fähigste Computer-CPU hoffnungslos überlastet. Bei höherer Auflösung gerät auch der DSP ins Schwitzen, die Instanzen-Zahl verringert sich: Bei einer Sampligrate von 48 Kilohertz stehen 24, bei 96 Kilohertz immerhin noch 12, bei der höchstmöglichen Auflösung von 192 Kilohertz allerdings nur noch zwei Instanzen zur Verfügung zu Verfügung. Wem das zu wenig ist, kann dem Liquid Mix noch mehr Rechen-Power spendieren: Es gibt eine DSP-Erweiterungskarte zum Preis von rund 270 Euro. Mit den zwei zusätzlichen Sharc-DSPs verdoppeln sich die Plug-in-Instanzen bei höherer Auflösung: Bei 96 und 192 Kilo-hertz sind es maximal 16 beziehungsweise vier. Bei 44,1 und 48 Kilohertz erhöht sich die Instanzen-Zahl jedoch nicht.

Das gut ablesbare LCD-Display hat zwar eine etwas grobe Auflösung, informiert gleichwohl zuverlässig über die gewählte Emulation und alle vorgenommen Einstellungen. Es stellt einen guten Kompromiss zwischen Größe und Übersichtlichkeit dar. Dass beispielsweise bei der Arbeit mit den Equalizern zur Überprüfung der Einstellungen bei verschiedenen Frequenzbändern mit dem Regler „EQ Band Select“ umgeschaltet werden, stört in der Praxis überhaupt nicht. Indem das Display immer nur eine Ebene anzeigt, kann es klein ausfallen – auf der Oberfläche verbliebt somit genügend Platz für die Regler, Tasten und sonstigen Anzeigen.

Vier Pegelmeter informieren mit ihren 12-stufigen LED-Ketten über Eingangslevel, Pegelreduktion bei Kompressoreinsatz, den Pegel zwischen Kompressor- und EQ-Stufe („Mid“-Meter) und das Ausgangslevel. Allerdings ist die Skalierung beim „Input“-, „Mid“ und „Output“-Meter zumindest irritierend: Diese reicht nämlich jeweils bis +3 dBFS. Es gibt aber in der digitalen Audiotechnik keine Werte größer als 0 dBFS. Der wahrscheinliche Grund für diesen Widerspruch: Der Hersteller wollte die Pegelanzeigen der analogen Vorbilder nachempfinden und wählte deswegen diese Skalierung. Gut gemeint, leider ganz schlecht in der Praxis, denn die Anzeige ist dadurch nicht besonders hilfreich. Die „Clip“-LED über dem „Output“-Meter leuchtet im Praxistest bereits bei einer Aussteuerung deutlich unterhalb der Nullmarke des Level-Meters und warnt vor einer Übersteuerung, obwohl weder die Anzeige von Logic, noch die des angeschlossenen Rosetta 800-Wandlers Clipping melden. Die Aussteuerungsanzeige gibt also eher grobe Richtlinien, ein echtes Arbeitsmittel ist sie nicht.
Von diesem kleinen Wermutstropfen abgesehen lässt sich mit der Hardware-Einheit sehr gut arbeiten, zumal die Bedienung ein Kinderspiel ist. Der Anwender hat buchstäblich alle Parameter im Griff, die präzise Rastung der Drehregler ermöglicht Feineinstellungen, die ansonsten nur von Maus-Virtuosen auf Anhieb zu erledigen sind. Überhaupt: Ein Wechsel zur Maus ist eigentlich nur beim Laden des Plug-ins in die jeweilige Spur notwendig.

Die Oberflächen-Graphik des eigentlichen Software Plug-in entspricht in ihrer Übersichtlichkeit der Hardware-Einheit: Auf der linken Seite finden sich Display-Anzeige und Einstellelemente für die Kompressoren, auf der rechten die der Equalizer. Die Entwickler verzichteten zugunsten einer einheitlichen Bedienung auf graphische Spielereien wie aufwändige Vintage-Optik. Das ist durchaus anwenderfreundlich: Viele Hardware-Klassiker haben Bedienelemente, deren Funktion sich nicht sofort erschließt. Aus der festen Parame-ter-Zuweisung des Plug-ins und der Hardware folgt aber auch, dass Liquid Mix auf Kompressoren und Equalizer beschränkt sein wird. Insofern bieten andere DSP-gestützte Effekt-Plattformen wie die Power-Core oder das UAD-1 mehr Effekt-Vielfalt.

Die Impulsantworten aller gesampelten Hardware-Geräte werden in das Plug-in über zwei Drop-Down-Listen eingeladen. Pro Instanz kann das Signal mit jeweils einem Kompressor und einem Equalizer bearbeitet werden, wobei die Reihenfolge im Signalweg über den Schalter „Post EQ“ umkehrbar ist: Der Kompressor liegt dann hinter dem Equalizer.
Die Auswahl der emulierten Modelle wird bei Kennern für leuchtende Augen sorgen: Bei den Equalizern sind zum Beispiel mit Neve 1073 und 1058, Pultec EQP-1, EAR 822Q und den Pult-EQs aus den E- und G-Serien von SSL analoge Schätzchen an Bord, die Legendenstatus haben. Ebenso bei den Kompressoren, wo unter anderem Modelle von Fairchild, Urei, SSL, Avalon und Manley zum Ausstattungspaket gehören. Wem das noch nicht reicht: Es werden in Zukunft noch weitere Modelle folgen, das Update der Bibliothek ist kostenfrei per Download möglich.
Obwohl das Plug-in an die Parametrisierung der Vorbilder angepasst ist, erlaubt der so genannte „Free“-Schalter den Zugriff auf alle gewohnten Kompressor-Parameter – was gerade beim Einstellen älterer Kompressoren wie dem Urei 1176 oder dem Fairchild 670 die Klangmöglichkeiten erweitert. Beispielsweise kann beim Fairchild im Free-Modus Ratio und Attack stufenlos verstellt werden. Dem eigenen Sounddesign sind somit kaum Grenzen ge-setzt.
Für Klangtüftler ist die EQ-Sektion sogar noch interessanter: Liquid Mix verfügt über insgesamt sieben freie Frequenzbänder. Die meisten Equalizer bieten jedoch nur drei oder vier Bänder. Anstatt mehrer Equalizer einzuschleifen – was ohne weiteres möglich ist – geht Liquid Mix noch einen Schritt weiter: Der Anwender kann jedes der sieben Bänder mit einem anderen Equalizer belegen und somit den eigenen Traum-EQ designen. Warum nicht mal das Bass-Band eines Pultec MEQ5, „HF shelf/bell“ eines SSL EQ der E-Serie und „MF Bell“ eines Neve 1073 kombinieren? Erlaubt ist was gefällt und als Hardware gibt es solche Eigenzüchtungen nicht zu kaufen.

Wir testen den Liquid Mix unter Logic Pro 7.2 auf einem Mac G 5 Quad. Die Installation der Treiber und des Plug-ins ist zügig erledigt. Mitinstalliert wird auch der so genannte „LiquidMix Manager“, ein einfache Kontrollsoftware, das über die installierte Version informiert und über die der Benutzer ein paar grundlegende Voreinstellungen vornehmen kann: Zum Beispiel die Einstellung der Samplingrate von 44, 1 Kilohertz bis 192 kHz und die maximale Spurzahl. Sobald die Hardware-Einheit über Firewire mit dem Rechner verbunden ist kann es losgehen, das mitgelieferte Netzteil wird zur Stormversorgung nur benötigt, wenn kein vollwertiger Firewire 400 Port mit großem Stecker zur Verfügung steht.
Wie klingen die Emulationen des Liquid Mix? Dazu könnte man die Software-Emulationen mit den Hardware-Vorbildern vergleichen. Das ist in der Praxis allerdings kaum machbar: Zum einen sind kaum alle analogen Vorbilder kaum verfügbar, außerdem unterscheiden sich gera-de Vintage-Geräte innerhalb Serie, abhängig vom Baujahr, bedingt durch Alterungsprozesse oder Modifikationen oft beträchtlich. Dies sorgt dafür, dass gleiche Geräte zwar einen typischen Grundcharakter haben, sich in klanglichen Feinheiten aber hörbar unterscheiden können. Ein Vergleich Software-Emulation gegen Hardware hätte also nur eine sehr bedingte Aussagekraft. Deswegen gehen wir einen anderen, praktikableren Weg: Um herauszufinden, wie Liquid Mix den Klang einer Aufnahme prägen kann, nehmen wir ein kurzes Gitarren-Duo mit einer Lakewood D 8 Steelstring auf. Die Gitarre wird bewusst nicht über Mikrofon, sondern über den nachträglich eingebauten Piezo-Tonabnehmer aufgenommen. Der ist klanglich wegen seiner unangenehmen Höhenpräsenz sogar für Demo-Aufnahmen ungeeignet. Die unbearbeiteten Spuren klingen dementsprechend höhen-lastig und kalt. Kann Liquid Mix die Aufnahme retten?
Nach langem Herumprobieren und teilweise heftig geführten Diskussionen entscheiden wir uns bei der Begleit-Gitarre für den „Vintage 3“-Equalizer. Hinter dem Decknamen verbirgt sich die Emulation des britischen Röhren-Klassikers EAR 822Q, ein passiver Equalizer der die Bearbeitung von Bässen und Höhen erlaubt. Noch vor der eigentlichen Einstellarbeit fällt uns auf, dass der Equalizer bereits den Klang beeinflusst. Eine ganz leichte Pegelanhebung im Bereich von 500 Hertz bis zehn Kilohertz sorgt für eine Klangfarbe, die erstaunlicherwei-se dem Klang der Gitarre gut steht. Ein wenig erinnert der Sound an den Fat Funker (Test Ausgabe 9/2006), da diesem eine gewisse analoge Wärme anhaftet. Dieser Eindruck verstärkt sich durch die vorgenommenen Klangkorrekturen: Mit der Gaineinstellung auf jeweils 5 für den „LF Boost“ bei 60 Hertz und sechs Kilohertz für den „HF Cut“ wird der Klang nicht nur angedickt. Stattdessen besitzt er jene Wärme und Sättigung, die gemeinhin mit der Röhre verbunden wird.
Für die Melodiestimme suchen wir uns den Focusrite ISA 115 aus. Hier stört der Tonabnehmer weniger, da die zweite Gitarre meistens einstimmig in den hohen Lagen gespielt wird. Der Klang neben einem Quänt-chen Wärme aber noch etwas mehr Präsenz um sich gegen die erste Stimme durchzusetzen. Auf der Suche nach der endgültigen EQ-Einstellung, beweist der Liquid Mix-DSP wie schnell er ist. Die klanglichen Auswirkungen diverser Einstellungen können wir tatsächlich in Echtzeit hören, was die Arbeit erheblich entstresst. Hier nun die endgültige Einstellung:
„LMFx1“ bei 40 Hertz, Gain auf -5, „Q“ auf 1; „HMFx1“ bei 600 Hertz, Gain auf 8,1; „Shelf HF“ bei 6,8 Kilohertz, Gain 6,9. Für den letzten Schliff gibt der Altiverb 5 noch ein wenig Hall von einer gesampelten EMT 140 hinzu. Fertig ist eine Aufnahme, die tatsächlich eine analoge Vintage-Qualität besitzt. Es ist zwar kein natürlicher Gitarren-Sound zu hören, das klanglich dürftige Basismaterial lässt sich eben nicht zurechtbiegen. Dafür hat die Aufnahme mit ihrem eigenständigen Sound Charakter bekommen, die Klangfarbenpalette liefert zu einem Gutteil Liquid Mix. Dabei macht die Klangschrauberei auch noch richtig Spaß: Es fühlt sich einfach anderes und besser an, wenn das Zielen mit dem Mauszeiger auf virtuellen Regler wegfällt. Stattdessen erlaubt Liquid Mix, an sämtliche Parameter buchstäblich Hand an zu legen.

Fazit

Obwohl Liquid Mix nur Kompressoren und Equalizer an Bord hat, ist er doch eine reichhaltig ausgestattete und kostengünstige Cocktailbar, der Klangtüftlern dabei hilft, die eigenen Mixes mit einem analogen Goldschimmer zu überziehen.

Erschienen in Ausgabe 11/2006

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 857 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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