Distortion Deluxe

Der französische Software-Hersteller Ohmforce legt mit dem Ohmicide-Plug-in einen mächtigen Verzerrer-Effekt mit eigenwilliger Ausstattung vor. Was sich musikalisch damit anstellen lässt, erläutert der Test.  

Von Georg Berger 

Treten bei der Wiedergabe von Musik Verzerrungen auf, ist ein Aufschrei des Entsetzens zu hören, vor allem in Highend-Hifi-Kreisen. Bei der Musikproduktion verhält es sich jedoch ganz anders: Dort sind Verzerrungen durchaus erwünscht und sie bieten sogar hohes kreatives Potenzial, zu denken ist an Gitarrenverstärker mitsamt ihren hochgeschätzten klanglichen Charakteristika im verzerrten Betrieb. Das in Paris ansässige Software-Unternehmen Ohmforce hat sich mit dem Thema kreativer Umgang mit Verzerrungen besonders intensiv auseinandergesetzt. Das Ergebnis liegt in Form des Verzerrer-Plug-ins Ohmicide:Melohman vor, das mit einem eigenwilligen Sound-Design-Konzept aufwartet. Das strikt in stereo ausgelegte Plug-in zielt bewusst auf das Erzeugen drastischer Klangänderungen ab und es splittet, ähnlich wie ein Multiband-Kompressor, anliegende Signale in maximal vier Frequenzbereiche auf und gestattet ein gezieltes frequenzselektives Verzerren der Teilspektren. Damit lässt Ohmicide:Melohman Emulationen herkömmlicher Bodeneffekte weit hinter sich. Hinzu kommt eine opulente Auswahl von insgesamt 111 Verzerrer-Algorithmen, die somit eine breite Palette an Zerr-Sounds offerieren.

Sie beginnen bei angenehm subtilen Röhren-Klängen, also vornehmlich k2, und enden mit ausgesprochen scheußlich klingenden Sounds digitaler Machart und sogar rein synthetischen Effekten. Ein in jedes Band integriertes Noise Gate, ein Kompressor sowie eine Feedback-Sektion bieten weitere Sound-Design-Optionen. Zusätzlich findet sich pro Band eine aktivierbare M/S-Matrix. Überdies haben die Entwickler ihrer Schöpfung mit dem sogenannten Melohman-Feature ein Ausstattungsmerkmal mitgegeben, das unter Zuhilfenahme eines MIDI-Keyboards ein weiches Morphen zwischen verschiedenen Presets ermöglicht und eine leicht zu bedienende dynamisch lebendige Klangformung realisiert.  Beim Kauf hat man die Wahl zwischen zwei Varianten, die sich lediglich im Umfang der bereitgestellten Plug-in-Schnittstellen unterscheiden. Knapp 80 Euro kostet Ohmicide:Melohman mit nur einer Schnittstelle, wahlweise VST, AU oder RTAS. Rund 20 Euro mehr kostet die mit allen Schnittstellen ausgestattete Version. Eine Stand-alone-Version des Effekts ist übrigens auch als Freeware erhältlich, sie gestattet allerdings das ausschließliche Laden und Abspielen von Wav-Files.   Die Bedienoberfläche des Plug-ins zeigt sich übersichtlich und aufgeräumt. Witzig ist die Beschriftung der Regler mit einer Courier-Schreibmaschinenschrift, die absichtlich etwas schlampig wirkt und nicht einheitlich ausfällt, sowie einige Blutspritzer an der Seite des Ohmicide-Schriftzugs. Das Ganze wirkt eher wie eine Skizze und erinnert vom Design an den höchst eigenwilligen Vor- und Abspann des Filmes „Sieben“. Ohmforce möchte also auch optisch vermitteln, wo die Reise mit Ohmicide:Melohman hingehen soll. Hier geht es um drastische Eingriffe ins Klangmaterial, die eindeutig in Richtung Ästhetik des Hässlichen gehen soll. Doch später dazu mehr. Zurück zu den Bedienelementen: Jedes Frequenzband ist mit identischen Bedienelementen ausgestattet. Unterschiedlich große Drehknöpfe lockern das Layout auf und setzen gleichzeitig deutliche Prioritäten und Schwerpunkte auf die verschiedenen Parameter. Auffällig: Ist ein Bedienelement angewählt, erscheint eine blaue Umrandung, die einige Felder mit Werte-Angaben besitzt. Der Clou: Wem das Bedienen der Regler zu fummelig erscheint, legt den Mauszeiger über einen der Werte und hält anschließend die Maustaste gedrückt. Daraufhin bewegt sich der Regler wie von Geisterhand sehr gemächlich und weich in Richtung des angeklickten Werts. Lässt man die Maustaste vor Erreichen des Wertes los, bleibt der Regler in der Zwischenposition stehen. In der Praxis können wir uns dadurch voll auf die akustische Änderung konzentrieren.  Zentrales Anzeige-Instrument ist das Graphik-Display, das sich mit seiner schwarzen Hintergrundfarbe deutlich vom Rest der Oberfläche absetzt. Es gibt sehr gut lesbar Auskunft über die Einstellungen in den einzelnen Bändern, was in Form von leuchtend-roten Balken realisiert wird. Die Werte der gerade editierten Parameter werden zusätzlich angezeigt. Überdies legt sich ein Spektrogramm über die Balkendarstellung, die per Button wahlweise das Ein- oder Ausgangssignal oder beide Signale zusammen anzeigt. Im Test haben wir damit stets eine Kontrolle über die gemachten Eingriffe. Unschlagbares Bedienungs-Highlight ist allerdings das bereits erwähnte Melohman-Feature, das ein Morphen zwischen Presets gestattet. Vom Funktions-Prinzip her erinnert es an die Sound-Variations des Plug-in Hosts Kore 2 von Native Instruments (Test in Heft 2/2008). Ohmforce geht aber einen eigenen konzeptionellen Weg: In das Plug-in lassen sich ausschließlich Bänke laden, die aus jeweils zwölf Presets bestehen und die ihrerseits separat in der Bank speicher- und editierbar sind. Über die zwölf viel zu kleinen hinterleuchteten Buttons rechts neben dem Display sind einzelne Presets direkt aufrufbar. Auffällig: Die Preset-Buttons sind ähnlich wie die schwarzen und weißen Tasten eines Keyboards angeordnet und dienen gleichzeitig als Status-Anzeige für die Melohman-Funktion. In Konsequenz fungiert ein herkömmliches MIDI-Keyboard als zentrales Steuerinstrument, das, ähnlich wie bei der Key-Switch-Funktion in Samplern, durch Senden von Notenbefehlen das Morphen in neue Presets startet. Jedem Preset ist also ein fester Notenbefehl beziehungsweise eine Keyboard-Taste zugeordnet. Über den Setup-Dialog routen wir den MIDI-Port und -Kanal, an dem das Keyboard angeschlossen ist, auf das Plug-in und definieren den Tastaturbereich, einstellbar zwischen einer bis zehn Oktaven, in dem die Tasten das Morphing ausführen sollen. Genial: Über die aktivierbaren Sensitivity- und Density-Parameter reagiert das Morphing sogar auf Anschlagsdynamik und führt das Morphing unterschiedlich schnell und weich aus.

 

Oberhalb der zwölf Preset-Buttons gestatten es zwei Regler, die Morphing-Geschwindigkeit einzustellen sowie einen der fünf verschiedenen Melohman-Modi aufzurufen. So ist es möglich, ähnlich wie bei der First- und Last-Note-Priority von Synthesizern, nach Loslassen der Keyboard-Taste auf dem momentan angewählten Preset zu bleiben oder automatisch wieder auf das Ausgangs-Preset zurück zu morphen. Weitere Modi führen eine Morphing-Sequenz zwischen mehreren Presets aus und es lassen sich dynamisch immer neue Variationen eines einzelnen Presets erstellen. Insgesamt bieten die Modi alles, was das Herz begehrt und offerieren weit reichende Möglichkeiten zur Gestaltung lebendiger Effektverläufe. Im Test gerät das Morphen der Parameter folglich zu einem wahren Vergnügen. Je nach Anschlagsstärke und gewähltem Modus können wir Überblendungen mal blitzschnell und das andere Mal gefühlvoll und weich durchführen. Beim Loslassen der Taste noch vor Ende des Morphing-Durchgangs bleiben die Parameter auf halber Strecke stehen, so dass wir aus dem Morphen zwischen zwei Presets eine schier überbordende Fülle an Zwischenstellungen und Sounds generieren können. Die Morphings sind mit diesem Funktions-Prinzip logischerweise auch im Sequenzer speicherbar. Sehr schön: Die aufgezeichneten Noten-Informationen sind anschließend im Piano-Rollen-Editor nach altbewährter Art editierbar, was eine ganz und gar ungewöhnliche Art der Automations-Bearbeitung ermöglicht. Ohne lästiges Rumfummeln sind Morphings etwa per Quantisierung taktgenau angelegt oder durch Notenverlängerung in ihrem Verlauf präzise einstellbar. Die eigentlichen Automationsspuren sind nach wie vor den einzelnen Parametern vorbehalten, die sich simultan zum Morphing ebenfalls fernsteuern lassen.  Allerdings ist Ohmicide:Melohman in Sachen Fernsteuerung sehr leistungshungrig und erlaubt nur einen eingeschränkten Realtime-Einsatz in bereits bestehenden Arrangements, die mit weiteren eingesetzten Plug-ins gespickt sind. Im Test mit unserem Quadcore-Studio-Rechner, mit jeweils 2,4 Gigahertz-Taktung pro Kern, gerät der Abspielcursor von Nuendo 4 schon nach kurzer Zeit ins Stocken, obwohl das Arrangement ohne Aussetzer weiterspielt. Ein Blick auf das VST-Meter bestätigt, dass der Sequenzer in Sachen Prozessorlast teilweise ans Limit gebracht wird. Abhilfe schafft ein Schalten des leistungshungrigen Density-Parameters auf die niedrigste Einstellung. Dabei läuft Nuendo 4 dann immer noch auf Volllast. Ein Einsatz von zwei Ohmicide-Instanzen ist überhaupt nicht möglich. Einziger Ausweg: Nach dem Erstellen des Morphings sollte die Spur gebounct und das Plug-in anschließend entfernt werden, was doch mitunter lästig sein kann und den Workflow einschränkt. Keinen Grund zum Meckern gibt es in Sachen Schaltungskonzept (siehe Diagramm) und Eingriffsmöglichkeiten in die einzelnen Teileffekte. Vor dem Aufspalten des Signals in einzelne Bänder lässt es sich bereits mit einer Verzerrung leicht anrauen. Über drei Frequenzwahlregler sind anschließend die Frequenzbänder in einem Bereich zwischen 20 Hertz und 20 Kilohertz frei definierbar. In den einzelnen Bändern geht es danach opulent mit einem Noise Gate, Kompressor, dem Verzerrer, einer M/S-Matrix und der Feedback-Sektion zur Sache. Ähnlich wie in einem Mischpult ist jedes Band in Lautstärke und Panorama justierbar. Solo- und Mute-Buttons, die M/S-Matrix sowie ein Mix-Regler zum Austarieren des Effektsignals komplettieren die globalen Einstellmöglichkeiten. Nach der Summierung der Bänder erlaubt es ein resonanzfähiges Tiefpass-Filter, den Sound weiter zu verfeinern. Besonderheit: An den Output-Regler ist ein Limiter gekoppelt, der bei höher eingestellten Pegeln automatisch ans Werk geht. 

Das Repertoire an Einstellmöglichkeiten in den Teileffekten der Band-Sektion ist überschaubar, bietet aber dennoch einige teils bemerkenswerte Funktionen. So lässt sich über den Amount-Regler im Noise Gate der Effekt invertieren. Je nach eingestelltem Threshold schließt das Gate also nicht, sondern öffnet sich. Die Dynamics-Sektion kommt mit lediglich zwei Parametern aus. Über Shape wird das Regelverhalten eingestellt und Body steuert die Effektintensität. Der Shape-Regler steuert dabei gleichzeitig mehrere Kompressor-Parameter und offeriert eine breite Palette an Wirkungsweisen in Abhängigkeit zum anliegenden Signal. In Stellung „Phat“ (Linksanschlag) wird das Signal deutlich komprimiert und in der Lautstärke angehoben. Bei Rechtsanschlag des Reglers (Stellung „Sharp“) klingt das Signal luftiger, zarter und Transienten werden deutlicher herausmodelliert.    Die Hauptrolle innerhalb der Band-Sektion spielt natürlich die Verzerrer-Abteilung. Besonderheit: Sie ist von einer M/S-Matrix eingerahmt, die ein gezieltes Verzerren der Mitten- oder Seitensignale erlaubt, was nicht alltäglich ist. Der Panpot dämpft dabei je nach Stellung das Mitten- oder Seitensignal. Der Verzerrer-Effekt ist über drei Regler und ein Auswahl-Menü justierbar. Der Gain-Regler sorgt für die Effektstärke. Die unscheinbaren Bias-Slider und Alt-Regler erlauben einen nachträglichen Eingriff in die Klangfarbe der emulierten Verzerrung und sorgen für teils drastische Klangänderungen, die je nach gewähltem Algorithmus unterschiedlich ausfallen. Über das Auswahl-Menü sind jeweils 37 Algorithmen wählbar, die in den drei Variationen „Standard“, „Odd“ und „XXX“ vorliegen. Die Standard-Sounds repräsentieren dabei die Roh-Algorithmen. Bei Anwahl der beiden anderen Variationen sorgt ein Eingriff in die Bias- und Alt-Parameter für deutlich stärkere und teils überraschende Effektänderungen im Vergleich zum Standard-Algorithmus. Wem der Verzerrer bislang noch nicht das gewünschte Maß an Dekonstruktion liefert, kann mit der Feedback-Sektion seinen Signalen endgültig den Rest geben und in Extremstellungen puren Krach erzeugen. Die Sektion simuliert dabei den Feedback-Sound bei Abnahme eines Lautsprechersignals über ein Mikrofon, das seinerseits den eingefangenen Schall wieder an den Lautsprecher leitet, also einen waschechten Rückkopplungs-Effekt erzeugt. Mit den Frequency- und Spread-Reglern stehen auch dort zwei bemerkenswerte Eingriffsmöglichkeiten zur Verfügung. Der Frequency-Parameter simuliert die Distanz des aufgestellten Mikrofons zum Speaker und der Spread-Parameter erlaubt es, das Feedback von mono in stereo zu verwandeln sowie beide Stereokanäle über Kreuz zu routen. Im Test erzeugen wir mit dem Frequency-Parameter sehr schnell verschieden hohe Töne, ähnlich wie die eines resonierenden Filters oder einer einfachen Frequenzmodulation. Per Automation gestalten wir mit diesem Effekt im Test sogar kleine Melodien und stimmen das Feedbackpfeifen auf den Grundton des Arrangements ab. 

Im Hör- und Praxistest demonstrieren die mitgelieferten Preset-Bänke auf anschauliche Art, was sich alles mit Ohmicide:Melohman anstellen lässt. Dabei ist das Plug-in nicht auf eine bestimmte Art von Signal oder Instrument ausgerichtet. Es eignet sich hervorragend für Schlagzeug-Sounds und -Grooves, Basslinien, Synthesizerstimmen, Gitarren und es lassen sich sogar Stimmen ansprechend verfremden. Viele Bänke kommen ohne den Einsatz der Verzerrer-Sektionen aus und offerieren einen behutsamen Eingriff ins Material, der an einen Equalizer oder einen klassischen Multiband-Kompressor erinnert. Ohmicide besitzt also auch eine zarte Seite, die aber fast atypisch wirkt. Die Presets, die mit exzessivem Gebrauch von Verzerrer und Feedback aufwarten, zeigen Ohmicide:Melohman von seiner wahren, bösen Seite. Signale werden bis zur Unkenntlichkeit zerstört und Rausch-, Zerr- und Feedback-Spektren nehmen Überhand. Die japanische Noise-Musik-Szene dürfte Ohmicide:Melohman mit Sicherheit einhellig begrüßen. Presets mit moderater Verzerrung in Schlagzeug-Sounds eingesetzt, lassen den Klang deutlich vordergründiger und schärfer erscheinen und gehen deutlich in Richtung Hardcore-Techno und Industrial. Die Ergebnisse klingen folglich verdächtig nach Musik der Künstler Aphex Twin und Nine Inch Nails. In Stimmen eingesetzt erhalten wir Klänge, die an einen Telefon-Sound oder ein altes Röhren-Radio mit Interferenzen erinnern. Die für Gitarren prädestinierten Bänke haben allerdings nichts mit herkömmlichen Gitarren-Amp-Simulationen zu tun. Sie wollen vielmehr als zusätzliche Sound-Ingredienz für mehr Würze sorgen. Im Test erstellen wir aber dennoch erfolgreich einen klassischen Gitarren-Zerr-Sound, den wir durch die Möglichkeiten der frequenzselektiven Bearbeitung in unnachahmlicher Weise formen. Insgesamt hört sich der Sound an, als ob pro Gitarrensaite ein eigener Boden-Verzerrer arbeitet. Klanglicher Unterschied: Durch die individuell dosierte Verzerrung einzelner Frequenzbereiche klingt der Sound deutlich transparenter und durchsetzungsfähiger als mit einem herkömmlichen Boden-Effekt. 

Fazit 

Ohmicide:Melohman beweist erfolgreich, wie sich Verzerrungen kreativ einsetzen lassen. Techno- und Industrial-Anhänger werden den Effekt zwar primär dazu nutzen, um ordentlich auf den Putz zu hauen. Doch Ohmicide besitzt auch eine zarte und subtile Seite, die bei gefühlvollem Einsatz Signalen zu mehr Charakter, Brillanz und Durchsetzungskraft verhilft. Für ambitionierte Sound-Bastler mit experimenteller Ader ist Ohmicide:Melohman Pflicht.

Erschienen in Ausgabe 01/2009

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 99 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut – überragend

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