Tiefgängig

Die Klangvielfalt spricht für den Faltungshall, die Flexibilität für den algorithmischen Hall. Beide Eigenschaften in einem Plug-in kann es nicht geben? Der HOFA IQ-Reverb will das Gegenteil beweisen.

 Von Harald Wittig

Faltungshall Plug-ins sind schon eine tolle Sache, bieten sie dem Tonschaffenden doch das Nachhall-Verhalten real existierender Räume als Impulsantwort – häufig kurz IR genannt –, um den eigenen Mischungen eine authentische Tiefenwirkung zu verleihen. Die Referenz in Sachen Faltungshall ist nach wie vor der Altiverb von Audio Ease, der vor allem mit seiner grandiosen IR-Library punktet. Aber auch die Faltungshall Plug-ins des Software-Bundles einiger Sequenzer-Programme, beispielsweise der Perfect Space in Sonar oder der Space Designer in Logic können sich hören lassen. Allerdings hat Faltungshall einen großen Nachteil: Prinzipbedingt ist er im Vergleich zu echten Räumen oder algorithmischem Hall statisch. Außerdem bieten die einschlägigen Plug-ins in der Regel nicht die bekannten Effekte aus Hardware-Hallgeräten.

Genau an hier setzt das neuste HOFA Plug-in, der IQ-Reverb an. Es handelt sich nämlich um eine Faltungshall Plug-in, das Ausstattungsmerkmale von Hardware-Hallgeräten oder algorithmischem Software-Hall mit dem Prinzip des Faltungshalls kombiniert. Dank einer intuitiv zu bedienenden Benutzer-Oberfläche sei, so die HOFA, die „Tiefenstaffelung im Mix so einfach wie noch nie“, wobei die Ergebnisse auch anspruchsvolle Tonschaffende glücklich machen sollen. Wie es sich gehört, ist Teil des IQ-Reverbs eine umfangreiche Bibliothek mit Impulsantworten, die allesamt von den HOFA-Toningenieuren generiert wurden. Dabei finden sich nicht nur die Impulsantworten von etlichen Naturräumen. Es gibt auch Impulsantworten von (Vintage-)Hallgeräte wie Hallplatten. Trotzdem ist der Anschaffungspreis des Plug-ins mit knapp 130 Euro sehr moderat.

 

Nach einer einfachen Installation und Aktivierung mit Hilfe des HOFA Plug-in Managers laden wir den IQ-Reverb in den Send-Bus eines Sonar X2-Projekts und betrachten zunächst mal das Benutzer-Interface. Im Zentrum sehen wir die aktuell geladene Impulsantwort, graphisch sowohl als Wasserfall-Diagramm und als Wellenform dargestellt. Diese Ansicht lässt sich mit der Maus beliebig drehen und skalieren, was sehr nützlich ist, denn die Ansicht enthält Bedienelemente zur Anpassung der Impulsantwort an das zu verhallende Material. Ausgefuchste Hall-Experten haben wahrscheinlich schon beim Blick auf das Aufmacherbild bemerkt, dass sich die Entwickler für einen unüblichen Blickwinkel entschieden haben: Bei der Spektrumsansicht der Impulsantwort verläuft die Zeit von rechts nach links, tiefe Frequenzen sind hinten, hohe vorne im Bild – sonst ist es eigentlich genau umgekehrt. Tatsächlich ist diese Ansicht aber übersichtlicher, wenn die Hallzeit einer IR verändert werden soll. Neben der Möglichkeit, die Hallzeit mittels Dämpfung und Streckung zu verändern, bietet das Plug-in auch die Option, die Länge des Halls in drei verschiedenen Frequenzbändern – also Tiefen, Mitten und Höhen – zu modifizieren. Das geschieht am Einfachsten, indem mit der Maus direkt das 3D-Spektrum im gewünschten Bereich gepackt und – buchstäblich – verkürzt oder verlängert wird. Dabei handelt es sich übrigens nicht etwa um einen Equalizer, denn das Gesamtspektrum des Signals bleibt erhalten. Zumindest mit der Maus macht das gezielte Editieren einer Impulsantwort direkt in der Spektrumansicht richtig Spaß – das kennen wir so von keinem anderen Faltungshall Plug-in.Ebenfalls alles andere als alltäglich ist das Vorhandensein von „Cut“ und „Gate“, was beides Mal eine Reminiszenz an den eigentlich Faltungshall-untypischen „Gated-Reverb“-Effekt ist. Wie der Name schon sagt, dient „Cut“ zum Abschneiden der Impulsantwort mit selbst definiertem Fade-Out. Ja, richtig der Gated Reverb-Effekt funktioniert anders. Dafür gibt es „Gate“: Das im IQ-Reverb integrierte Noisegate wir vom trockenen Eingangssignal getriggert und regelt das Hallsignal. Selbstverständlich gibt es Hold-, Release- und Schwellenwert-Buttons, wo die gewünschten Werte einzugeben sind. Virtuelle Drehregler hat das Plug-in nicht, was aber kein Nachteil ist, da sich das Verstellen mit der Maus mittels „Drag and Drop“ oder, sofern vorhanden, Scroll-Rad erledigen lässt. Laptop-User müssen allerdings etwas üben – oder sich vielleicht doch eine Maus gönnen.Eingangs wurde bereits erwähnt, dass der Faltungshall wegen des Momentaufnahmen-Charakters einer Impulsantwort schon mal die Lebendigkeit eines realen Hallraums vermissen lässt. Um dynamische Veränderungen simulieren und den Impulsantworten mehr Leben einhauchen zu können, ist der IQ-Reverb mit einem Modulations-Effekt ausgestattet. Ausgestattet mit den üblichen Reglern „Rate“ und „Depth“ handelt es sich um einen Chorus-Effekt, der behutsam eingesetzt den statischen Faltungshall, genauer die Impulsantwort ein wenig in Bewegung versetzt. Aber Vorsicht: Wie auch sonst beim unbeschwerten Einsatz von Modulationseffekten können Sie, anstatt das trockene Signal zu verhallen, dieses auch böse durch den Hallraum eiern lassen.Ein weiteres Hilfsmittel zur Tiefenstaffelung ist der sogenannte Positioner. Damit ist es dem Anwender möglich, das Signal im virtuellen Raum dorthin zu verschieben, wo es zu hören sein soll. Das funktioniert für Mono- und Stereo-Signale gleichermaßen und klingt m Endeffekt verblüffend natürlich. Ein exklusives Ausstattungsmerkmal des IQ-Reverb ist der Positioner nicht, denn der Altiverb bietet eine vergleichbare Funktion schon seit Jahren. Allerdings kennen wir kein Hall Plug-in in der Preisklasse des HOFA Plug-ins, der damit aufwarten könnte.

Ein Faltungshall Plug-in, machen wir uns nichts vor, steht und fällt mit der Qualität der IR-Library. Das wissen auch die HOFA-Verantwortlichen und haben deswegen besonderen Wert auf die Erstellung der Bibliothek gelegt. Neben den zweikanaligen Standard-IRs gibt es sogar vierkanalige True Stereo-IRs, was nicht nur in dieser Preisklasse außergewöhnlich ist. Gerade die im Internet zum freien Download angeboten Impulsantworten sind oftmals von mäßiger Qualität, enthalten „Schmutz“ und sind von allenfalls mittelmäßiger Klangqualität. Die mit dem IQ-Reverb mitgelieferten Impulsantworten sind dagegen in HD Audio-Qualität und können wirklich überzeugen: Die Naturräume klingen auch ohne Schrauben sehr gut – egal, ob als Insert- oder als Send-Hall, sodass erfahrene Anwender ihren Mischungen sehr schnell Tiefe mit hohem Authentizitätsfaktor verleihen können. Weniger Erfahrene dürfen sich am Positioner erfreuen, der, wie schon erwähnt, buchstäblich sehr effektiv ist. Neulinge sind auch nicht alleine gelassen: Wie bei allen HOFA IQ-Plug-ins gibt es eine umfangreiche Sammlung von Voreinstellungen, die von den erfahrenen HOFA-Toningenieuren stammen. Diese Presets sind  richtig klasse und liefern für die unterschiedlichsten Stilrichtungen das, was der IQ-Reverb verspricht: Tiefenstaffelung im Mix, die richtig gut, sprich professionell klingt.

Fazit

Der HOFA IQ-Reverb ist ein sehr gutes Faltungshall Plug-in, das in der Tat die Flexibilität des algorithmischen Halls mit dem Klang des Faltungshalls kombiniert. Angesichts des sehr günstigen Anschaffungspreises ist das Plug-in nachhaltig zu empfehlen.

Erschienen in Ausgabe 09/2013

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 130 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut – überragend

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