Quirliger Filtergigant

Mit WOW2 präsentiert Sugar Bytes ein Update seines beliebten Multimode-Filters, der in vielen Bereichen überarbeitet und mit neuen kreativen Features aufwartet, allem voran dem Wobbler-Modulator. Was die Neuheiten zu leisten im Stande sind und ob sich der Kauf lohnt, zeigt dieser Test.

Von Stefan Feuerhake 

Was war eigentlich zuerst da, die Henne oder das Ei? Diese Frage lässt sich getrost stellen, wenn der Berliner Software-Hersteller Sugar Bytes mit einem neuen Produkt im Markt auftritt. Denn es ist immer wieder auffällig, dass die Plug-ins dieser Software-Schmiede stets ganz nah am aktuellen Musikgeschehen sind. In Konsequenz drängt sich dabei die Frage auf, ob das Unternehmen bei der Veröffentlichung neuer Produkte einer schlau durchdachten Firmenstrategie folgt, die extrem schnell und flexibel auf aktuelle musikalische Trends reagiert. Denn mit den Sugar Bytes Plug-ins kann sich der User immer gleich den gerade angesagten Clubsound auf die heimische DAW holen. Oder ist es nicht vielmehr doch so, dass einige Clubhits, besonders aus den Bereichen Dubstep und Electro House, überhaupt erst durch die Produkte des noch recht jungen Berliner Unternehmens möglich gemacht werden? So jetzt einmal mehr geschehen mit dem jüngsten Wurf, dem upgedateten Multimode-Filter WOW2, das für rund 100 Euro erhältlich ist. Dennoch: Die Antwort auf diese Fragen müssen wir schuldig bleiben und verweisen stattdessen auf die eindrucksvolle Liste namhafter Produzenten, die WOW2 bereits in Ihren Produktionen eingesetzt haben. Große Namen wie Skrillex, Modeselektor, Boys Noize oder auch Mouse on Mars finden sich darin, die allesamt für innovativen, zukunftsweisenden elektronischen Sound stehen. Das lässt natürlich aufhorchen und wer schon einmal mit anderen Produkten des Herstellers wie etwa Cyclop, Turnado oder auch Consequence gearbeitet hat, wird wissen, dass bei Sugar Bytes nicht nur analoge Klassiker in Software gegossen, sondern vielmehr immer wieder neue Wege beschritten werden.

Filter im klassischen Sinne verändern den Frequenzgang eines Signals und sind aus der modernen Musikproduktion kaum mehr wegzudenken. Sie finden sich nicht nur in nahezu jedem Synthesizer, wo sie ein maßgeblicher Bestandteil der Klangformung sind. Mittlerweile ist aber auch jede DAW mit einem flexiblen Multimode-Filter ausgestattet, denn spätestens nach der Veröffentlichung der Sherman Filterbank Mitte der 90er Jahre wurde klar, dass sich das Filtern von Sounds nicht nur auf das stumpfe Wegnehmen von Obertönen beschränkt. Heute werden mit Hilfe von Filter, Distortion und verschiedenen Modulationsmöglichkeiten, mächtige Klänge erzeugt, die ganze Musikstile geprägt haben. Oder können Sie sich Dubstep ohne Cutoff-Modulation via LFO (besser bekannt als „Wobble“) vorstellen? Als nach wie vor aktuelles Beispiel demonstriert Dubstep also die wichtige Rolle, die das Filter ungebrochen in der Musikproduktion einnimmt. Doch genug der Vorrede, schauen wir uns WOW2 jetzt einmal näher an.
WOW2 kommt mit 21 Filter-Typen, wobei jede Filtercharakteristik auch zusätzlich im Vowel-Modus betrieben werden kann. Hinter dem Vowel-Modus steckt ein spezieller Formant-Filter, der eingespeiste Signale quasi sprechen lässt. Mit an Bord ist auch eine Verzerrer-Sektion, die mit sieben verschiedenen Distortion-Algorithmen aufwartet, davon drei analoge und vier digitale Modelle. Hinzu kommt ein ziemlich umfangreich ausgestatteter Modulationsbereich, indem sich sogar die einzelnen Modulatoren untereinander modulieren können. Das klingt schon einmal alles sehr vielversprechend, doch bevor wir dem Sound des Filters zu Leibe rücken, werfen wir zunächst einen Blick auf die Ausstattung.

Auffällig ist die komplett neu gestaltete Bedienoberfläche des Plug-ins, was ihm sehr gut zu Gesicht steht. Denn in der Vorversion wirkte das GUI recht unauffällig, was für Produkte von Sugar Bytes eigentlich recht untypisch ist. WOW2 ist, ausweislich unseres Tests, einfach und intuitiv zu bedienen und auch die Farbgestaltung gefällt. Ein wenig müssen wir trotzdem meckern. Denn die Sinnhaftigkeit des doch sehr großen schwarzen Rahmens um das Bedienfeld will sich uns bis zum Schluss nicht richtig erschließen. Insgesamt wirkt das Plug-in dadurch unnötig groß, um nicht zu sagen, dass es Platz verschwendet. Dem Bedienkomfort ist diese Lösung trotzdem nicht abträglich. Das Plug-in ist in zwei Teile unterteilt. Im linken Drittel findet sich der Preset Browser im permanenten, direkten Zugriff, was sich für die Arbeit als sehr praktisch erweist. Um einen ersten Eindruck von den Möglichkeiten des Effekts zu erhalten, empfiehlt sich ein Druck auf den Random-Button des Browsers. WOW wählt dann zufällig eines der knapp 250 mitgelieferten Presets aus. Im Test überzeugen die Presets übrigens durch Praxistauglichkeit und zeigen auf eindrucksvolle Weise, wie facettenreich das Filter klingen kann. Den Großteil des GUI nimmt jedoch das Bedienfeld ein, das mit einem markanten Layout aufwartet. Mittig eingelassen ist der große Cutoff-Regler, der von vier kleineren Drehgebern zum Einstellen der Filter-Resonanz, der Lautstärke, des Verzerrungsgrads und des Effektanteils umringt wird. Sehr schön fallen die Animationen in den Reglerknöpfen aus, die anschaulich Auskunft über den Filtertyp oder die Modulationen geben. Im unteren Drittel des Bedienfelds können vier verschiedene Modulatoren aufgerufen und eingestellt werden: Zur Wahl stehen ein Envelope Follower, ein LFO, ein Step Sequencer und der sogenannte Wobbler. Die Modulationsziele und -intensität werden über die kreisförmigen Elemente am Fuß der Modulationssektionen eingestellt, alternativ geht das aber auch über einen Rechts-Klick auf den gewünschten Parameter, der moduliert werden soll, praktischer geht es nicht. Hinsichtlich Bedienung heimst WOW2 also schon einmal eine sehr gute Note ein. Aber das ist bekanntlich nicht viel wert, wenn der Sound nicht überzeugt.

Im Hörtest stellt sich aber recht schnell heraus, das WOW2 klanglich überzeugen kann und seine Bezeichnung, das lautmalerische „Wow“ als Ausdruck der Anerkennung, ohne Wenn und Aber verdient. Dank Oversampling klingen sämtliche Filtertypen, unterteilt in die Kategorien High-, Low-, Bandpass und Special, verblüffend analog. An Bord sind einige zwei- und vierpolige SVF Filter, einige davon mit einer extra Portion Saturation versehen (als Sat bezeichnet). Sie sorgt dafür, dass selbst bei hohen Resonanzwerten der Input Level nicht leiser wird; eine sehr nützliche Funktion, denn sonst ergibt sich bei wilden Filterfahrten oft das Problem, dass einem der Sound förmlich wegbricht. Daneben wurden verschiedene analoge Klassiker emuliert wie unter anderem das Moog- und Korg MS 20-Filter. Im Test gefällt uns in der Kategorie Lowpass besonders das schön steile 8Pole-Filter, welches sich hervorragend für langsame Cutoff-Modulationen auf Basslines und Leadsounds eignet, wobei es gerade bei sehr niedrigen Cutoff-Werten richtig schön blubbert und schmatzt. Auch die Sugar Bytes Eigenentwicklung 030 – ein Lowpass, angelehnt an einen 18dB TB-303 Filter – weiß zu gefallen. Allerdings muss bei seinem Einsatz der Pegel im Auge behalten werden, denn selbst in der Grundeinstellung, also ohne dass an einem Regler gedreht wurde, wird das Signal mal eben um 4 dB lauter. Die Filter-Resonanz verhält sich in allen Typen grundsätzlich sehr angenehm und klingt insbesondere bei den Lowpass-Filtern, auch bei sehr hohen Werten, nie zu scharf. Die Auswahl unter den Highpass-Filtern fällt übrigens etwas kleiner aus. Bemerkenswert: Der Vowel-Modus empfiehlt sich besonders für die Bandpässe empfehlen und die daraus resultierenden Talking-Sound Effekte. Mehr dazu gleich noch. Einige Schmankerl finden sich schließlich noch in der Special-Kategorie. Hier gefällt besonders das Peakfilter, das einen kleinen Peak auf der Cutoff-Frequenz produziert, ähnlich der Resonanz, aber ohne dabei dem Signal Frequenzen abzuziehen. Im Test steigt dieses Filter sogleich zu unserem neuen Liebling auf, wenn es um Filter-Sweeps oder lange Cutoff-Automationen bei Synthesizern geht. Nicht minder uninteressant ist auch das Comp-Filter, eine Lowpass/Bandpass-Kombinationen, das mit einer Feedback-Delayline, angepasst an den Cutoff, daher kommt und unter Verwendung hoher Resonanzwerte im Vowel-Modus sehr intensive Chorus- und Flanger-Effekte produziert, die aktuell gerade in vielen Clubproduktionen zu hören sind. 
Abseits dessen wuchert WOW2 gehörig mit weiteren Pfunden sobald der Vowel-Modus aktiv ist. In dieser Betriebsart wird der Cutoff-Regler umfunktioniert, so dass mit seiner Hilfe zwischen zwei verschiedenen Vokal-Frequenzen überblendet werden kann, was den speziellen singenden/sprechenden Sound überhaupt erst ausmacht. Dabei handelt es sich übrigens um sogenannte Formanten, die beispielsweise in den Resonanzspektren von Musikinstrumenten oder unserer menschlichen Stimme entstehen. Bei der menschlichen Sprache charakterisiert die Lage der Formanten die Bedeutung verschiedener Laute, so dass wir dadurch insbesondere verschiedene Vokale voneinander unterscheiden können. Im WOW2-Plug-in stehen insgesamt neun verschiedene Frequenzen zur Auswahl, die jeweils einen Vokal repräsentieren. Wie man damit einen typischen Talkingbass erstellt, erläutern wir im Kasten auf Seite 89.

Damit ist der Reigen an Features und klanglichen Facetten noch nicht ganz zu Ende. Wie erwähnt, verfügt WOW2 auch über eine Distortion-Sektion mit sieben verschiedenen Algorithmen, fünf davon werkeln im vierfachen Oversampling für harmonische Verzerrungen ohne jegliches Aliasing, die sich wahlweise pre oder post Filter routen lassen. Insgesamt klingen alle Modelle sehr gut. Sie besitzen einen jeweils eigenen klanglichen Charakter und decken eine große Bandbreite ab von hart bis zart. Im Test probieren wir den Hyperbolic-Algorithmus auf einer rollenden Bassline ohne viele Obertöne. Dabei entsteht bei etwas höheren Werten eine Art Hall, vergleichbar mit einer kleinen Ambience, was dem Sound sehr gut tut. Gespannt sind wir schließlich auf den Bitcrusher, den Sugar Bytes im Handbuch als „der Crusher den Du schon immer gesucht hast“ vollmundig ankündigt und uns zu Vergleichen herausfordert. Das Ergebnis: Uns wurde nicht zu viel versprochen. Der WOW Crusher klingt ausgezeichnet. Großer Pluspunkt ist, dass er selbst bei hohen Werten zu keinem Anstieg der Lautstärke neigt, wie das seine Kollegen ansonsten zu tun pflegen. Vorteil: Das lästige Automatisieren der Lautstärke bei entsprechend dynamischem Einsatz kann getrost eingespart werden, was ein echter Gewinn ist. Wir haben den WOW-Crusher jedenfalls sofort in unser Herz geschlossen und wollen ihn auch künftig nicht mehr missen. Im Test schauen wir schließlich auch noch auf den Ressourcen-Hunger von WOW2. Guter Sound geht natürlich oft zu Lasten der CPU. Doch auf unserem Testrechner mit einem i5 2,7 GHz Prozessor verbrauchen fünf Instanzen von WOW2 gerade einmal rund 12 Prozent der CPU. Das geht für die gelieferte exzellente Sound-Qualität auf jeden Fall voll in Ordnung.

Fazit

Die jüngste Plug-in-Neuheit von Sugar Bytes heißt nicht nur WOW, sondern hinterlässt im Test auch ein echtes „Wow“-Gefühl. Alleine schon der Sound der Filtertypen und der Distortion-Einheit machen das Plug-in zu einem mächtigen Werkzeug, wenn es darum geht, einem anliegenden Signal das gewisse Etwas zu verleihen. Mit Hilfe des Vowel-Modus und den einzigartigen Modulationsmöglichkeiten sind auf die Schnelle die gerade angesagten Clubsounds völlig problemlos erstellt. Aber auch Gitarristen werden bestimmt eine Menge Freude an dem Plug-in haben. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist aufgrund der flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten und des exzellenten Sounds nur als sehr gut zu bezeichnen. So hat Sugar Bytes in der zweiten Version seines WOW-Filters alles richtig gemacht und aus einem ohnehin schon großartigen Filter einen echten Filter-Giganten geschaffen.

alking Bass erstellen

Für einen typischen Talking Bass nutzen Sie den Bandpass-Filter LADDER MG und drehen den Cutoff auf circa neun Uhr. Damit der Talkeffekt gut rauskommt, brauchen Sie eine hohe Resonanz (Poti in Drei-Uhr-Stellung). Nutzen Sie zusätzlich etwas Verzerrung, die dem Effekt sehr gut tut und die später noch moduliert wird, um den Vokal-Effekt noch zu verstärken. Rufen Sie den Parabolic-Verzerrer auf und drehen das Poti auf 12 Uhr. Jetzt müssen Sie natürlich noch den Vowel-Modus aktivieren und sich für zwei unterschiedliche Formanten entscheiden. Wir empfehlen a und i. Damit der Bass jetzt auch anfängt zu singen, modulieren Sie den Cutoff mit Hilfe des LFO. Stellen Sie den Sync auf Songposition und das Tempo auf 1/2 Takt und drehen Sie den Cutoff bei den Modulationszielen ganz auf. Zusätzlich sollte der LFO auch die Distortion modulieren. Hier genügt es aber den Drive-Modulations-Regler bis +25 aufzudrehen. Am besten klingt das Ergebnis, wenn Sie Dry/Wet auf 12 Uhr stellen, damit sich der Orginal-Bass organisch mit dem Talking Bass-Effekt mischt.

Perfekt für Drum-Breaks: Flanging Sweep-Sound 
Für einen brachialen Sweep-Sound auf Ihren Drums, der sich hervorragend in Breaks macht, rufen Sie im WOW2-Plug-in zuerst das Comp-Filter auf und drehen zunächst den Cutoff-Regler ganz zu. Das Volume-Poti sollten Sie ebenfalls fast ganz runter drehen, denn gleich wird es sehr laut. Der LFO soll insgesamt drei Ziele modulieren: Den Cutoff  (+64), die Resonanz (-20) und den Verzerrungsgrad (Drive +50). Stellen Sie die LFO Synchronisierung auf Songposition und wählen Sie 4/1 als Geschwindigkeit aus. Da die Filter-Resonanz moduliert wird, muss Sie noch bis etwa auf die elf-Uhr-Position aufgedreht werden. Als Distortion-Modus nutzen Sie Parabolic. Am Ende haben Sie einen vier Takte langen Sweep erzeugt, der sich wunderbar eignet ein Break auf dramatische Art ein- oder auszuleiten. Alternativ dazu sollten Sie auch einmal den Vowel-Modus aktivieren. Es lohnt sich.

 

Erschienen in Ausgabe 11/2013

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 99$
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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