Das fehlende Glied

Wer für seinen zweikanaligen High-End-Wandler ohne Firewire-Option ein passendes Bindeglied zum Audio-Rechner sucht, findet eine interessante Lösung mit dem Weiss INT 203.

Von Harald Wittig

Das Schweizer Unternehmen Weiss Engineering wurde vor einem guten Vierteljahrhundert von Daniel Weiss gegründet, der sich zunächst in der Pro-Audio-Szene mit der modularen, fürs High-End-Mastering entwickelten 102-Serie den Ruf eines Digital-Gurus verdiente. Das war schon Ende der 1980er-Jahre und der studierte Elektro-Ingenieur, der übrigens auch zu den Mitentwicklern der POW-R-Dithering-Algorithmen gehört und bis heute Präsident des POW-R-Konsortiums ist, hat seitdem eine Vielzahl von Geräten geschaffen, die namhafte Kenner und Könner, wie beispielsweise Bob Katz für das Beste vom Besten halten: Katz nennt beispielsweise den Wandler DAC1 aus Weiss´ Gambit-Serie den „Holy DAC“ und vertraut auf diesen Wandler bei seiner täglichen Mastering-Praxis. Mit dem DAC2 hatten wir bereits in Ausgabe 8/2009 eine Schöpfung von Weiss Engineering im Test: Der zweikanalige Digital-Analog-Wandler konnte messtechnisch und klanglich rundum überzeugen und verdiente sich das Prädikat „Spitzenklasse sehr gut“ redlich. Den DAC2 gibt es auch als HiFi-Ausführung, da nennt er sich Minerva, kostet als solcher bei der gleichen Elektronik einiges mehr und erspielte sich bei High-Endern einen der vordersten Startplätze. 

Tatsächlich kam der DAC2, also die Profi-Version, nach dem Minerva-Wandler, was insofern nicht überrascht, da die Schweizer ihr Hauptgeschäft mit den Consumer-Geräten macht. Das Beispiel DAC2/Minerva ist gleichwohl irreführend, denn in der Regel entwickelt das zehnköpfige Unternehmen zunächst für den Pro Audio-Markt. Aus den Geräten für (Mastering-)Profis entstehen dann die Geräte für den HiFi-Markt. Im Falle unseres heutigen Test-Kandidaten, dem Firewire-Interface INT 203, das seit kurzem erhältlich ist, verhält es sich jedoch etwas anders: Dieses kleine, gerade mal handtellergroße und gut 1.000 Euro teure Kistchen ist für HiFi-Enthusiasten gedacht, die einen Rechner (Mac oder PC) oder Netzwerk-Player verwenden, um Musik, vor allem sogenannte HD-Files mit einer maximalen Auflösung von 24Bit/192Kilohertz genießen. Dabei wandelt das INT 203 zwei Kanäle Firewire auf AES/EBU und S/PDIF, die konvertierten Signale gehen dann an einen D/A-Wandler. Klar, wer bereits über einen Wandler mit integriertem Firewire-Interface hat – beispielsweise den Weiss DAC2 oder den Minerva – benötigt das INT 203 nicht. Als Ergänzung für Wandler anderer Hersteller wie beispielsweise Apogees Rosetta 200 wäre das Weiss-Interface eine denkbare, allerdings gegenüber der Apogee-eigenen Firewire-Karte eine rund zweimal so teure Erweiterung. Im Unterschied zum früher vorgestellten und fast gleichteueren INT 202 ist die Firwire-Schnittstelle des INT 203 aber bidirektional ausgelegt, was es, sofern zwei Kanäle ausreichen, für den professionellen Anwender interessanter macht. Das INT 203 hat ein robustes Aluminium-Gehäuse, die beiden Firewire-Anschlüsse zur Verbindung mit dem Rechner finden sich auf der angenehm unprätentiös gestalteten Front, auf der Rückseite sind die digitalen Ein-und Ausgänge angebracht: Es gibt jeweils eine RCA-Buchse für das S/PDIF- und zwei XLR-Buchsen für das AES/EBU-Format. Sowohl am S/PDIF- als auch am AES/EBU-Ausgang liegt das gewandelte, vom Rechner kommende Firewire-Signal im Single-Wire-Modus an. Wer einen Wandler hat, der im Dual-Wire-Modus arbeitet, benötigt das Interface-Geschwisterchen INT 202. Das INT 203 wandelt S/PDIF- und AES/EBU-Stereo-Signale gleichzeitig, so dass dem Anwender vier, genauer gesagt 2×2 Kanäle zur Verfügung stehen. Allerdings ist es in der Praxis doch nur ein digitales Stereo-Signal, das verwertbar ist. Folgerichtig gilt es sich zu entscheiden und den Schalter auf der Rückseite, der mit „IN2“ (S/PDIF) und „IN1“ (AES/EBU) beschriftet ist, je nach Eingangsformat einzustellen. Werfen wir, bevor wir uns wieder mit der augenscheinlichen Ausstattung befassen, einen Blick ins Innere des Geräts. Wie auch beim DAC2 vertraut Daniel Weiss beim INT 203 und dem eindirektionalen INT 202 auf den TCD2220 DICE-Chip von TC Applied Communications. Dieser Chip enthält neben einem 32-Bit-Mikroprozessor, einem IEEE 1394e-(Firewire-)Controller auch eine fortschrittliche Phase-Locked-Loop-Schaltung (PPL) zur Verringerung des gefürchteten Sampling-Jitters. Diese nennt sich J(itter)E(limination)T(echnology) PLL und verwendet wie jede PLL eine Rückkopplung, um einen Oszillator auf eine Referenz zu synchronisieren.

Die JET PLL verwendet aber zwei PLLs: Eine digitale mit einer tiefen Eckfrequenz bei etwa zehn Hertz und eine analoge mit einer viel höheren Eckfrequenz bei 100 Kilohertz. In der digitalen PLL generiert ein sogenannter N(umber)C(ontrolled)O(scillator) Jitter, der durch Spektrumsformen in die hohen Frequenzen verlagert wird, wo die analoge PLL den Jitter jetzt unterdrückt. Daniel Weiss ist von diesem Verfahren felsenfest überzeugt – alle Weiss-Wandler arbeiten danach – und zumindest ausweislich unserer Messungen ist auch das INT 203 mit einem Jitter-Wert von unter einer Nanosekunde praktisch Jitter-frei. Ebenfalls ins Gerät, um genau zu sein in die Firmware, sind auch eine digitale Lautstärkeregelung inklusive Dithering sowie eine Möglichkeit zur Phasenkontrolle integriert. Die digitale Lautstärkekontrolle entspreche in der Qualität einer analogen, was wir allerdings nicht nachprüfen können. Denn um Pegel und Phase einstellen zu können, bedarf es der optionalen Fernbedienung, die sich mit satten 256 Euro bezahlen lässt. Einsteigen wir dem Inneren des INT 203 wieder und wenden uns aufs Neue der Frontplatte zu. Eine interessante Funktion verbirgt sich hinter dem Schalter, der mit „TRSP Check beschriftet ist. Dieser dient dazu, die Überprüfung der Bittranparenz des Musikwiedergabe-Programms, beispielsweise von iTunes anhand der auf der mitgelieferten CD zu findenden Audiodateien zu aktivieren. Im Gegensatz zum DAC2, der sehr umfangreiche Informationen auf seinem LCD liefert, ist die Anzeige des INT 203 bei ansonsten gleicher Funktion schlichter: Blinkt die LED bei Schalterstellung „On“, ist alles im grünen Bereich. Leuchtet sie indes dauerhaft, ist die PlayerSoftware nicht bittransparent, das heißt die Musikdateien werden im Pfad zwischen Festplatte und INT 203 verändert. Im Falle von iTunes stellen wir fest, dass bei vorheriger Einstellung über Audio-Midi-Setup lediglich Dateien mit 16 und 24 Bit bei 44,1 und 48 Kilohertz bittransparent an den INT 203 gelangen, bei hohen Abtastraten, namentlich 96 und 192 Kilohertz leuchtet die LED dauerhaft. Auf Empfehlung von Daniel Weiss haben wir deswegen den Softwareplayer Amarra von Sonic Studio (siehe www.sonicstudio.com/amarra/productoverview.html), der an iTunes andockt, die Abtastfrequenz jedes Musikstückes direkt erkennt und diese im Audio-Midi-Setup und damit auch für den INT 203 automatisch anpasst, installiert und einem Hörvergleich mit iTunes unterzogen. Der von uns getestete Amarra Mini-Player erweist sich schon nach sehr kurzer Testphase als die ganz klar besser klingende Lösung: Die Musik gewinnt, unabhängig vom Format wohlgemerkt, an Durchhörbarkeit, Detailreichtum und Dynamik. Wenngleich Amarra recht teuer ist – der 192 Kilohertz-fähige Mini-Player kostet rund 250 Euro – so können wir ihn doch für die audiophilen Hörer unter den Mac-Usern wegen der sehr guten Engine empfehlen. Bezugsquellen und Händler in der Bundesrepublik finden Interessierte unter www.sonicstudio.com/amarra/amarradealers.html. PC-User sollten zum Hören auf jeden Fall den ASIO-Treiber, der sich auf der beiliegenden CD findet, auch im Zusammenhang mit der Player-Software nutzen.

Zumindest für die Freeware-Programme Winmap und Foobar gibt es ebenfalls kostenlose Plug-ins, die es erlauben, den Ausgang auf ASIO zu setzen. Der Windows-eigene Media Player ist ansonsten Gift für audiophile Ohren und sollte tunlichst nicht mit INT 203 oder jedem anderen hochwertigen USB- oder Firewire-Wandler/Interface benutzt werden. Die Bedienung des INT 203 ist ansonsten völlig unproblematisch: Nach der Treiber-Installation läuft das Kistchen ohne zu murren, die Stromversorgung erfolgt zumindest beim Test an einem älteren MacBook Pro über den Firewire-Bus. Nur wer einen Laptop mit der 4-poligen Firewire-Schnittstelle hat, benötigt das mitgelieferte externe Netzteil. Für den Test vergleichen wir den sehr guten Wandler DAC V800 von Violectric mit dem INT 203. Dafür verwenden wir die Mischungen, die wir mit dem in dieser Ausgabe auf Seite 18 getesteten SPL Neos erstellt haben. Einmal ist der DAC V800 via USB direkt mit dem MacBook Pro verbunden, einmal empfängt er AES/EBU-Signale vom Weiss-Interface. Ein solcher Test ist vergleichsweise schwierig, da es nicht möglich ist, hin und her zu schalten. Stattdessen gibt es immer einen längeren Zeitversatz, da die Geräte im Systemeinstellungsdialog jedes Mal neu angemeldet werden müssen. Dennoch kristallisiert sich vergleichsweise schnell ein Ergebnis heraus: Der Violectric klingt als reiner D/A-Wandler mit dem Weiss-Interface besser. Der Klang wirkt sauberer, die Dynamik ist besser und die Rauminformationen sind präziser. Unserem Eindruck nach läuft der DAC V800, gewissermaßen befreit von seinem sicherlich guten USB-Interface, erst zu großer Klang-Form auf. Auf einem anderen Blatt steht, wie sich das INT 203 im Vergleich zu einem anderen Firewire-Wandler macht. Tatsächlich sind im Verbund mit dem Apogee Symphony I/O, dem Mytek 8×192 ADDA und dem Lynx Aurora 8, die den Violectric nacheinander mit AES/EBU-Signalen versorgen, allenfalls winzigste Unterschiede zu hören. Diese sind nicht einmal sinnvollerweise beschreibbar, da wir je nach Tagesform mal unterschiedliche Klangcharakteristika feststellen, mal nicht. Das liegt primär daran, dass der D/A-Wandler und die hochwertigen analogen Ausgangsstufen für den Klang sorgen. Deswegen unser Urteil: Wer über einen Spitzenwandler mit Firewire-Interface verfügt, benötigt das INT 203 nicht, zumal die Wandler/Interfaces von Mytek und Lynx jeweils Achtkanaler sind und auf beiden Plattformen – Mac und PC – heimisch sind. Wer aber nur einen hochwertigen Stereo-Wandler der High-End-Klasse ohne optionales Firewire-Interface hat, der sollte das INT 203 zumindest einmal antesten. Gut ist es allemal, das Kistchen, denn es wandelt sauber Firewire nach AES/EBU und S/PDIF.

Fazit

Das Weiss INT 203 ist eine sinnvolle Erweiterung für hochwertige Stand-alone-Wandler ohne Firewire-Option. Es ist einfach zu bedienen und arbeitet sehr sauber zuverlässig. Allerdings ist es vergleichsweise teuer, auf zwei Kanäle beschränkt und bietet unterm Strich keine deutlich bessere Qualität als A/D-D/A-Wandler mit Firewire-Karte.

Erschienen in Ausgabe 11/2011

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1012 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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