Den Teufel im Gepäck

Dass weniger oft mehr sein kann, will der amerikanische Hersteller Studio Devil mit seinem virtuellen Gitarren-Verstärker Amp Modeler Pro beweisen und den Platzhirschen gehörig Konkurrenz machen. Dabei verfolgt der Hersteller einen ganz eigenen Ansatz in Sachen Gitarren-Sound. Was sich dahinter verbirgt und wo der (Studio) Teufel im Detail steckt, haben wir im Test für Sie herausgefunden.  

Von Tim O’Connell

Das sachgemäße Aufnehmen von E-Gitarren ist unbestritten eine Wissenschaft für sich und kann in Ermangelung von Equipment und Know-how nur allzu leicht in die Hose gehen. Rettung naht jedoch in Form virtueller Gitarrenverstärker, die diesen kniffligen Job deutlich bequemer erledigen. Abseits namhafter Hersteller wie etwa Line6, Native Instruments oder IK Multimedia tummeln sich viele kleinere Unternehmen am Markt, die es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht haben, in den Tiefen des Röhrenklangs zu forschen und ihn bis ins kleinste Detail nachzubilden. Eines dieser Unternehmen ist die amerikanische Software-Schmiede Studio Devil, die seit einiger Zeit mit dem Virtual Guitar Amp (VGA) für viel Aufsehen in der Saitenfraktion sorgt und auch in unserem Vergleichstest virtueller Gitarrenverstärker seinerzeit überzeugen konnte (siehe Test in Heft 10/2008). Im Zentrum des VGA steht dabei die Emulation des Klangs einer 12AX7 A Triode. Marc Gallo, seines Zeichens Chefentwickler des VGA, arbeitet bereits seit 1989 an einer Softwareumsetzung dieser Röhre, die vorwiegend in alten Marshall-Gitarrenverstärkern verwendet wurde. Mit dem Amp Modeler Pro präsentiert der Hersteller jetzt das Flaggschiff seines Produkt-Portfolios, das mit mehr Features und flexibleren Klanggestaltungsmöglichkeiten als der VGA aufwartet. Das jüngste Kind enthält dabei die Amp-Simulation des VGA und will mit einer ausgefeilten Endstufen-Sektion, einer Cabinet-Emulation und Effekten auftrumpfen. Grund genug also, sich den Amp Modeler Pro einmal näher anzuschauen. Als erstes fällt der günstige Verkaufspreis auf. Der Amp Modeler Pro geht für gerade einmal 149 US-Dollar ausschließlich über die virtuelle Ladentheke. Je nach aktuellem Euro-Kurs macht das etwas über 110 Euro aus. Bemerkenswert ist auch die uneingeschränkte Lauffähigkeit auf 64-Bit-Systemen. Das hat immer noch längst nicht jedes Plug-in zu bieten.

Beim Aufruf des Testkandidaten fällt uns die rundum gelungene graphische Umsetzung der Bedienoberfläche ins Auge. Sie ahmt ein Gitarren-/Endstufen-/Effekt-Rack nach, das, ähnlich wie der VGA, äußerst schlicht und schnörkellos gehalten ist. Sämtliche Parameter stehen im direkten Zugriff, das teils mühselige Klicken durch weit verzweigte Menüs entfällt dadurch. Einzige Ausnahme stellt das virtuelle Stimmgerät dar, das nur durch ein Popup-Menü beim Starten der Software zu erreichen ist.  Als erstes widmen wir uns der Verstärker-/Endstufen-Sektion, die mit einigen bemerkenswerten Features aufwartet. Den Anfang macht der Hi-Fi-Kippschalter, der das Plug-in bei Bedarf in den High-Resolution Modus versetzt. In dieser Betriebsart arbeitet der Amp Modeler Pro mit einer internen Sampling Rate von 192 Kilohertz, was sich, ausweislich unseres Tests, merkbar auf die Klangqualität auswirkt. Rechts daneben findet sich ein Lo-Cut-Kippschalter, der das Signal mit drei fest eingestellten Flankensteilheiten (12, 24 und 36 Dezibel pro Oktave) bei etwa 80 Hertz absenkt. Damit lässt sich das Plug-in auch hervorragend für E-Bass-Aufnahmen nutzen. Leicht zu übersehen sind hingegen die beiden Schalter für den Deep- und Bright-Modus, die sich als Status-LEDs kostümieren, in Wahrheit aber hinterleuchtete Buttons sind. Beide Modi werden vor allem Kennern von Fender Gitarren-Verstärkern bekannt vorkommen. Der Deep-Modus fügt dem Signal breitbandig Tiefmitten hinzu, während Bright einen Highshelf-Filter aktiviert, der das Signal mit Hochmitten und Höhen auffrischt. Daneben wartet die Verstärker-Sektion mit den üblichen Parametern auf, also Gain, Bass, Middle, Treble und Presence. Eine aktivierbare Boost-Funktion beschließt den Ausstattungs-Reigen mit der das Eingangssignal nochmals vorverstärkt werden kann. Dieses praxisgerechte Feature findet sich übrigens in einigen Engl- und Marshall-Amps und kommt vor allem den Gitarristen zugute, deren Gitarren entweder leistungsarme Pickups, also Single Coils, besitzen oder die absichtlich ein gehöriges Plus an Verzerrung einsetzen wollen. Die Endstufen-Sektion wartet mit spartanischer Ausstattung auf, die jedoch äußerst effizient ans Werk geht. Mit Hilfe des Drive-Reglers übersteuern wir im Test feinfühlig die virtuelle Endstufe. Per Schalter offeriert die Sektion zudem Emulationen einer Class A, Class AB und FET Endstufe. Damit gewährt der Amp Modeler Pro Zugriff auf ein sehr Klang entscheidendes Feature, was übrigens noch längst nicht zur Selbstverständlichkeit im weiten Rund virtueller Gitarren-Amps zählt. Hintergrund: Röhren-Amps erhalten gerade aus der gezielt steuerbaren Vor- und Endstufenverzerrung ihren charakteristischen Klang. Wie sich dies im Studio Devil-Plug-in anhört, erläutern wir später.

Zuvor werfen wir einen kurzen Blick auf die wählbaren Verstärker-Modelle: Mit der Palette an Modellen lässt sich so ziemlich jeder Musikstil realisieren, wobei ein deutlicher Schwerpunkt auf amerikanischen Amps wie Mesa Boogie und Fender liegt, doch auch englische Klassiker wie Marshall und Vox AC 30 kommen ausreichend zum Zuge. Unterhalb der Verstärker-/Endstufen-Sektion findet sich das eigentliche Highlight des Amp Modeler Pro: Die Lautsprecher-/EQ-Sektion. Anders als bei den Mitbewerbern setzt Studio Devil in dieser Sektion auf die Technik der Faltung und Nutzung von Impulsantworten. Ab Werk bietet das Plug-in 75 Speaker-Impulsantworten, die ebenfalls für jeden musikalischen Stil das Passende liefern, wobei 14 Modelle eigens für den Amp Modeler Pro angefertigt wurden. Mit an Bord sind überdies 32 Impulsantworten des Herstellers Recabinet (www.recabi.net). Genial: Wem das Angebot nicht reicht, kann wahlweise eigens erstellte Impulsantworten seiner Lieblings-Speaker in Form von WAV- oder AIFF-Files ins Plug-in importieren oder weitere Impulsantworten von Recabinet für kleines Geld erwerben. Doch zurück zur Speaker-Sektion: Mit dem Filter-Size-Parameter verkürzen wir die Dauer der Impulse, was sich in der Praxis gerade bei staccato gespielten Riffs als sehr nützlich erweist, da diese bei Beschneidung der Impulse im Nachklang weniger durch übermäßiges Low-End oder durch einen zu großen Raum im Attack beschnitten werden. Zudem kann mit dem Fast-Schalter die Latenz des Impulses deutlich verringert werden, was einer näheren Mikrofonplatzierung am Speaker gleichkommt. Sollten die Impulse ein wenig zu harsch klingen, lässt sich dies mit dem Sizzle Regler beheben, der ein wenig Schärfe aus dem Signal nimmt. Dahinter arbeitet eine aktive Höhenblende, bei der gleichzeitig die unteren Mitten ein wenig verstärkt werden, was sich in ähnlicher Form auch im bx_shredspread-Plug-in findet (Test in Heft 9/2010). Mit dem beigeordneten Sieben-Band-Graphik-EQ erledigen wir anschließend den klanglichen Feinschliff. Besonderheit: Drei Typen – Bottom, Middle und Top – sind wählbar, die verschiedene Frequenzbereiche abdecken und dem Anwender ein zielgerichtetes Entzerren des Sounds ermöglichen. Sozusagen als Retter in der Not steht für kniffliges Sounddesign zudem ein semi-parametrischer Mitten-Filter zur Verfügung. Luxuriöser kann ein Gitarren-Amp-Equalizer eigentlich kaum sein.

Eher unscheinbar hat Studio Devil seinem Flaggschiff auch ein Wah-Wah Filter spendiert, das zwar rudimentär ausgestattet, aber immerhin per MIDI steuerbar ist. An weiteren Effekten offeriert der Amp Modeler Pro einen auf Gitarrensounds zugeschnittenen Kompressor, ein Noise Gate, eine Modulationssektion, bestehend aus Chorus, Flanger, Phaser sowie ein Tremolo. Raumsimulationen wie Delay und Reverb fehlen ebenso wenig. Besonderheit: Sowohl die Modulationseffekte, wie auch das Delay lassen sich vor und hinter den Verstärker schalten, das Noise Gate ist hingegen fest hinter den Verstärker integriert, was schade ist.   Klanglich vermag der Studioteufel durchaus zu gefallen, wenngleich sich auch einige Kritikpunkte zeigen. Im Hör- und Praxistest fällt zunächst die Höhenlastigkeit vieler Presets auf. Was bei den Simulationen der ohnehin schon sehr knalligen Fender Amps als „amerikanisch“ durchgeht, wirkt bei den Marshall- und Vox-Amps jedoch unappetitlich spitz. Die Presets des Mesa Rectifier-Amps erinnern eher an einen mit Anabolika gedopten Rasierapparat, als an einen Highend-Verstärkerboliden. Um ein ansprechendes Ergebnis zu erhalten, müssen wir mit Hilfe des Graphik-EQs kräftig nachbessern. Auffällig ist auch das Rauschverhalten der High-Gain-Sounds. Das Noise Gate sorgt zwar in den Spielpausen wirkungsvoll für Abhilfe, aber während des Spiels ist eine deutlich hochfrequente Rauschfahne zu vernehmen, die leicht störend wirken kann. Eindeutig punkten kann der Amp Modeler Pro aber bei den angezerrten und crunchigen Sounds. Durch geschicktes Austarieren der Vor- und Endstufen-Übersteuerung wärmen überzeugend schmatzende und jederzeit authentische Röhrenklänge das Ohr des Anwenders. Als Hardware-Vergleich ziehen wir einen Marshall JCM 800 heran, der mit moderater Gain-Einstellung über eine Marshall 1960 A 4×12 Box läuft. Das Ergebnis kann sich hören lassen. Bei entsprechender Entschärfung mit Hilfe des effizienten Sizzle-Reglers ist selbst bei den kritischen „Palm-Mutes“ (mit dem Handballen abgestoppte Riffs) kaum ein nennenswerter Unterschied zwischen Original und Simulation zu hören. Gerade bei dieser Spieltechnik scheitern selbst Amp-Simulationen namhafter Hersteller und quittieren den Dienst bei moderaten Gain-Einstellungen mit körnig, digitalen Artefakten. Sehr schön: Das charakteristische “Klingeln“ der 12 AX7 A Röhre ist im Hörtest ein ständiger Begleiter. Gemeint ist eine leicht träge Peak-Kompression der Röhre, die sich je nach Anschlagsstärke durch ein prägnant schnalzendes Attack mit mittlerem Release äußert. Gerade bei bluesigen Solo-Linien aber auch bei Highspeed-Soli a là Ritchie Blackmore weiß dieser Effekt durchweg zu gefallen.

Die Clean-Sounds sind ebenfalls sehr überzeugend, wenngleich auch im Klangbild sehr deutlich auf Fender ausgerichtet. Die VOX AC 30- und Matchless-Emulationen kommen zwar in puncto Grundklang in die Nähe der genannten Vorbilder, lassen aber im Vergleich zur Hardware einiges an Druck und Durchsetzungsfähigkeit vermissen. Mit Hilfe der effizient arbeitenden und sehr gut ausgestatteten EQ-Sektion kann der Anwender dieses Manko aber sehr gut ausgleichen.   Ein klangliches Highlight offenbart sich im Test beim Ausprobieren des Endstufen-Wahlschalters. In Class A-Stellung kommt die virtuelle Endstufe deutlich schneller ins Schwitzen, was sich in einer angenehm dichten Kompression vor allem in den Clean-Sounds äußert. Funkige Licks bekommen in dieser Einstellung richtig Pfeffer. Die Class AB Stellung nimmt die Kompression etwas zurück und erhöht den Dynamikumfang ein wenig. Diese Einstellung verleiht einer Stratocaster oder Telecaster den richtigen Twang, ohne das gleich die Ohren bluten. Auch saftige Hardrock-Riffs fühlen sich in dieser Stellung am wohlsten. Der Mosfet-Modus bietet wiederum sehr wenig Kompression und eignet sich am besten für druckvolle High-Gain- sowie für jazzige Clean-Sounds, die auch bei stärkerem Anschlag unverzerrt bleiben sollen. Mit den integrierten Effekten bieten sich dem Anwender weitere Möglichkeiten zur Klangformung. Der rudimentär ausgestattete Kompressor enthält dabei zielgerichtet die wichtigsten Parameter und verrichtet einen tadellosen Job. Gleiches gilt für die integrierten Modulationseffekte, die zwar hinsichtlich Funktionsumfang und Klang zwar ebenfalls nicht herausragend, aber dennoch zufriedenstellend sind. Beim Delay hätte die Ausstattung allerdings schon ein wenig üppiger ausfallen können. Klanglich weiß die Einheit vor allem in den analogen Tape-Delay-Emulationen zu gefallen. Doch der Anwender hat weder die Möglichkeit, die Verzögerungszeit mit dem Host-Tempo zu synchronisieren, noch erhält er Auskunft über die eingestellte Delay-Zeit. Dieser Blindflug sollte in einem künftigen Update alsbald der Vergangenheit angehören. Die Reverb-Einheit ist mit einem Regler und einem Schalter ebenfalls sehr spartanisch ausgefallen und verdient eher das Prädikat „nette Dreingabe“, wobei die Klangqualität des Halls durchaus in Ordnung geht. Zur Ehrenrettung sei jedoch angemerkt, dass beispielsweise die Amp-Simulationen der Line6 Amp Farm auch nicht wirklich mehr Funktionsumfang bei den Delay- und Halleffekten zu bieten haben.  Last but not Least muss sich der Amp Modeler  Pro im Test mit anderen Gitarren-Amp-Simulationen messen. Dabei schlägt er sich erstaunlich gut. Der Vintage Amp Room von Softube (Test in Heft 1/2009) hat zwar die überzeugenderen Vox- und Marshall-Klänge an Bord, aber die Fender-Emulation lässt sich durchaus als ebenbürtig bezeichnen. Das erwartet man nicht unbedingt von einem Plug-in was weniger als die Hälfte kostet. IK Multimedias Amplitube und Native Instruments Guitar Rig schneiden verständlicherweise in puncto Sound und Gestaltungsmöglichkeiten besser ab, sind aber nicht nur wesentlich teurer, sondern verhalten sich auch weitaus Speicher-intensiver. Unabhängig davon haben wir bislang kein Plug-in getestet, das die klanglichen Eigenschaften der 12 AX 7 Röhre, gerade hinsichtlich Ansprache und Reaktion derart authentisch wiedergibt. Das muss man erst einmal schaffen. 

Fazit

Der Studio Devil Amp Modeler Pro wartet trotz überschaubarer Ausstattung mit einer Riesenfülle an Klanggestaltungsmöglichkeiten auf.  Das Plug-in deckt problemlos unterschiedliche Stilrichtungen ab wie Pop, Rock, Hard Rock, Jazz und Blues, wobei der Fokus eindeutig auf höhenreichen, amerikanischen Sounds a là Fender liegt. Die detailgetreue Reproduktion der 12AX7-Röhre und die Speaker-Cabinet Sektion mit seiner Masse an mitgelieferten Impulsantworten wertet das Plug-in deutlich auf. In diesem Punkt hat der rote Teufel selbst gegenüber deutlich kostspieligeren Plug-ins die Nase vorn. Dennoch zeigen sich auch einige Makel, die den ansonsten tadellosen Eindruck trüben, jedoch per Update hoffentlich alsbald der Vergangenheit angehören.

Erschienen in Ausgabe 11/2010

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 149 $
Bewertung: gut – sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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