Der gewisse Unterschied

Oktava-Mikrofone genießen einen gewissen Kultstatus – und werden gleichzeitig am häufigsten von Tüftlern getunt. Auch TestYourMic.com bietet getunte Oktavas an, allerdings mit dem gebotenen Respekt vor den Schallwandlern aus dem russischen Tula.    

Von Harald Wittig

Zu den beliebtesten Mikrofonen für den schmalen Geldbeutel gehören die Schallwandler des russischen Herstellers Oktava. Was wenige wissen: Oktava, nicht umsonst angesiedelt im zentralrussischen Industriezentrum Tula, ist ein Unternehmen  mit einer langen Tradition. Gegründet im Jahre 1927 ist Oktava auch heute noch der größte Hersteller von elektro-akustischen Übertragern Russlands. Dabei machen Mikrofone nur einen, wenngleich heute bedeutenden Teil des  umfangreichen Produktsortiments, zu dem unter anderem auch Telefone gehören, aus. In der Vergangenheit kamen aus dem Oktava-Werk auch Lautsprecher, Radios beziehungsweise Bauteile für Radios sowie Kopfhörer.

Das allererste Mikrofon, seinerzeit ein Tauchspulenmikrofon wurde bereits 1936 in großen Stückzahlen produziert. Kondensatormikrofone eigener Entwicklung stellte Oktava ab den 1950er Jahren her, es dauerte allerdings bis in die 1990er Jahre, dass sich Oktava-Mikrofone auch im Westen namentlich im benachbarten Europa, vor allem und interessanterweise in den USA eine eingeschworene, über die Jahre immer größere Fangemeinde erspielten. Viele professionelle Anwender schätzen den eigenen markanten, etwas kernigen Klang der Schallwandler aus Tula. Außerdem gelten die Oktavas als Preis-Leistungs-Stars, die für vergleichsweise wenig Geld gute Qualität bieten.
Das Oktava-Programm ist sehr umfangreich und reicht von Kleinmembranen, über Mittel- und Großmembranmikrofone bis hin zu Bändchen-Mikrofone und Impedanzwandler in röhrentechnik für die Modular-Systeme. Dabei schafft es der Hersteller die Preise auch bei den Spitzenmodellen standhaft unter 1.000 Euro zu halten, was angesichts der Tatsache, dass Oktava kaum Bauteile zukauft, erstaunlich ist. Wer sich näher über das Oktava-Programm informieren möchte, dem sei die Website der deutschen, in Aalen ansässigen  Repräsentanz www.oktava-online.com empfohlen.
Wegen ihrer nach wie vor sehr günstigen Preise einerseits und den anerkannt guten Kapseln andererseits, sind die Oktavas schon seit einigen Jahren beliebte Kandidaten für Tuning-Maßnahmen. So hatten wir beispielsweise in den Ausgaben 12/2006 und 4/2007 die von United Minorities überarbeiteten Großmembran-Modelle MK-102 getestet, wobei vor allem die zweite Variante seinerzeit einen hervorragenden Eindruck hinterließ, ohne dass sich  das Original-Oktava hätte verstecken müssen.
TestYourMic.com, ein Unternehmen des Tonstudios Rauschenberg (siehe hierzu das Interview mit Andreas „Igl“ Schönwitz in Ausgabe 2/2010), bietet in Zusammenarbeit mit dem Studio-Ausstatter Magis Audiobau ebenfalls getunte Oktavas an. Diese überarbeiteten Mikrofone sind – abgesehen von dem Aufkleber  auf dem Gehäuse (siehe Aufmacher-Foto) – von den Original-Oktavas äußerlich nicht zu unterscheiden. Tatsächlich beschränken sich die Tuning-Maßnahmen wie auch im Falle von United Minorities – und anderen seriösen Oktava-Tunern – auf eine Überarbeitung der Elektronik, das Herzstück, also die Kapsel bleibt unverändert. So geht es letztlich darum, das in den Kapseln steckende Potenzial auszuschöpfen, da die Originalbauteile russischer Herkunft den im Allgemeinen sehr guten Kapseln nicht gerecht werden könnten und zudem eine relativ große Serienstreuung bedingen. In der Vergangenheit gab es bei den Oktavas immer wieder Probleme mit der Serienkonstanz, was auch Professional audio beim allerersten Mikrofonvergleichstest in Ausgabe 5/2006 feststellte. Allerdings waren unsere jüngsten Erfahrungen mit den Schallwandlern aus Tula stets positiv (siehe die großen Vergleichstest „Kostengünstige Mikrofone“ in den Ausgaben 9 und 10/2009), was zumindest ein Indiz dafür ist, dass die alten Probleme dank des sehr zuverlässigen Vertriebs anscheinend behoben sein könnten.

So erweist sich das uns für diesen Test von Oktava-online zur Verfügung gestellte MK-105 messtechnisch als tadellos: Bei einer durchschnittlichen Empfindlichkeit von 16,4 mV/Pa und einem sehr guten Geräuschpegelabstand von 81,3 Dezibel ist störendes Rauschen auf der Aufnahme – sofern der Vorverstärker insoweit auf vergleichbar hohem Niveau ist – kein Thema. Das getunte Oktava erreicht diese Werte nicht ganz, mit 13,5 mV/Pa ist es weniger empfindlich, der – selbstverständlich immer noch sehr gute – Geräuschpegelabstand ist mit 78,1 Dezibel geringfügig schlechter. Allerdings erweist sich auch das TestYourMic.com-Oktava in der Praxis als praktisch rauschfrei – etwaige Bedenken können wir getrost zerstreuen.

Die Verarbeitung beider Mikrofone ist gut, wirkt allerdings bei näherer Betrachtung ein wenig hausbacken: So ist der rückseitige, beidesmal schwarz lackierte Drahtschutzkorb beim Originalmikrofon nicht ganz exakt montiert, außerdem verblasst die goldenen Farbe im eingravierten Nierensymbol auf der Front. Sicher, dass sind angesichts des sehr günstigen Preises für das MK-105 Marginalien, zumal es sich um ein Demomodell handelt, was voreilige Kurzschlüsse auf Serienstreuungen verbietet. Beim getunten MK-105 gibt es indes rein gar nichts zu meckern. Anscheinend ist der Aussage von TestYourMic.com, dass nur selektierte, also einwandfrei gefertigte Mikrofone für die Updates Verwendung finden, zu glauben.

Jetzt ist es an der Zeit, das eigentliche Elektronik Update näher zu spezifizieren. Wie bereits erwähnt, ist Magis Audiobau, in der Szene unter anderem bekannt und geschätzt für Sonderanfertigungen und professionelle Wartung von Pro-Audio-Geräten, zuständig für die Verbesserung der Oktava-Elektronik, wobei TestYourMic.com und Magis Audiobau das Konzept der Überarbeitungen gemeinsam entwickelt haben. Konkret werden bei den Updates klangbestimmende Bauteile nach Aussage von Andreas „Igl“ Schönwitz durch „audiophile Pendants mit engsten Toleranzen“ ersetzt. So   kommen beispielweise auch im Falle des MK-105 anstelle der Original-Kondensatoren die sogenannten „Magis Cabs“, die der Studioausstatter aus Hannover in kleinen Stückzahlen anfertigen lässt, zum Einsatz. Auch die interne Verkabelung wird runderneuert, die ab Werk verwendeten Kabel werden durch hochwertige Silberkabel ersetzt, die Feinabstimmung erfolgt sowohl messtechnisch als auch nach Gehör. Das angestrebte Ziel soll ein Mikrofon sein, dass einerseits feiner und „audiophiler“, sprich angenehmer für die Ohren klingt, andererseits auch durchsetzungsfähiger und druckvoller sowie deutlich präziser bei der Transientenwiedergabe ist.

Vor diesem Hintergrund liest sich die Klangbeschreibung des originalen MK-105 von Oktava selbst sehr interessant: Der Hersteller betont nämlich, dass die Bohrungen in der Gegenelektrode der Kapsel mit ihrer vergleichsweise großen 27,4 Millimeter-Membran in Verbindung mit der Gestaltung des Schutzkorbs eine Höhenanhebung im Bereich von vier bis zwölf Kilohertz bewirken. Diese führe zu mehr Präsenz und Höhenglanz und lasse besonders Gesangsstimmen luftiger und offener klingen, ohne unschöne Überbetonung von Zischlauten (Sibilanten). Der vom Professional audio-Messlabor gemessene Frequenzgang belegt und illustriert die Herstelleraussage: Das Messdiagramm lässt die gleichmäßige Anhebung bei etwa vier Kilohertz                             
erkennen, trotz der leichten Senke zwischen sieben und neun Kilohertz, die aber dem MLS-Messverfahren geschuldet ist, bleibt diese Anhebung wie angegeben bis 12 Kilohertz erhalten. Demgegenüber verläuft der Frequenzgang für das getunte MK-105 (siehe Messdiagramm auf Seite 60 rechts) anders. Hier ist eine Senke ab drei Kilohertz erkennbar, der ansonsten gleichmäßige Anstieg erfolgt erst knapp unterhalb fünf Kilohertz. Außerdem ist die Höhenanhebung ausgeprägter als beim Original-Oktava. Der Frequenzgang des TestYourMic-Oktavas erinnert ein wenig an den charakteristischen Neumann-Frequenzgang. Bemerkenswert ist aber in jedem Fall, dass hier möglicherweise eine – gehörrichtige – Anpassung an die Fletcher-Munson-Kurve vorgenommen wurde. Jedenfalls machen diese Indizien auf den Klang der beiden zweieiigen Zwillinge neugierig.

Dass beide Mikrofone nahe verwandt sind, wird insoweit ohrenfällig, als dass beide MK-105 ein gut bis sehr gut auflösen – immerhin handelt es sich jeweils um die gleiche Kapsel. Beides mal gefällt das insgesamt ausgewogene, gleichzeitig kräftige Mittenband, auch die Basswiedergabe ist für Druckgradienten überdurchschnittlich und jeweils auf Oberklasse-Niveau. Angesichts seines sehr günstigen Preises zeigt das Original-Oktava insoweit eine reife Leistung und muss sich auch vor erheblich teureren Mikrofonen nicht verstecken.
Der Hersteller hat, das ist uns schon beim Soundcheck für die obligatorischen Testaufnahmen sofort klar, den Klang des MK-105 sehr treffend beschrieben: Die Höhenanhebung sorgt nämlich wirklich für einen gewissen Glanz in den Höhen, der zumindest bei akustischen Gitarren – ganz gleich, ob es sich um Stahl- oder Nylonsaiten-Gitarren handelt – nicht jedermanns Sache sein dürfte, allerdings bei Gesangsaufnahmen durchaus gefällt. Wer einen luftigen Klang beispielsweise für die Sologesangsstimmer bevorzugt, wird das Oktava mögen.
Das getunte Mikrofon setzt sich dennoch klanglich vom Original ab. Um es auf den Punkt zu bringen: Das TestYourmic.com-Oktava klingt edler und feiner, Anschlagsgeräusche bei der Konzertgitarre sind weniger vordergründig, gleichzeitig wirkt der Mitten und Höhenbereich eine Spur detaillierter. In gewisser Weise können wir die Aussage von TestYourMic.com nachvollziehen, dass die Überarbeitung der Elektronik das Auflösungsvermögen der anscheinenden sehr guten Kapsel ausreizen soll. Die Oktava-typische Kernigkeit, die allerdings beim MK-105 weitaus weniger ausgeprägt ist als bei den supergünstigen – vor allem den Kleinmembranen – Modellen, ist dem getunten MK-105 nicht zueigen. Damit klingt es insgesamt ausgewogener. Interessanterweise ist das getunte Mikrofon auch in puncto Impulsverhalten ein Quäntchen besser als das Original, es scheint impulshaften Schallereignissen, sprich Transienten, zum Beispiel den Obertönen bei perkussiven Signalen wie einem geslapten Akustik-Bass, besser zu folgen. Wobei beide Mikrofone grundsätzlich ein gutes Impulsverhalten haben, was uns angesichts der vergleichsweise übergroßen Membranen positiv überrascht.
Das überarbeitete Mikrofon gibt Stimmen und Instrumenten mehr Kontur, was sich nicht unbedingt bei Solo-Instrumentalaufnahmen auszahlt, wenn es aber darum geht, komplexe Arrangements zu mischen, ist diese Eigenschaft Gold wert, denn Instrumente und Stimmen erklingen bereits naturbelassen, also ohne Dynamik-Effekte druckvoller und setzen sich besser durch. Das ist für viele Anwender ein Argument, den 200 Euro-Aufpreis für ein TestYourMic.com-MK-105 zu zahlen. Gleichwohl ist auch das Original-MK-105 ein guter Kauf, denn für einen sehr moderaten Preis erhält der Käufer ein gutes Oberklasse-Mikrofon mit Eigencharakter, das, sofern seine Höhenpräsenz gefällt. Begleitend zum Test gibt es wie üblich auch Klangbeispiele, die Sie, um sich einen Ersteindruck zu beiden Mikrofone zu verschaffen, in der Soundbank kostenlos herunterladen können.

Fazit

Sowohl das originale Oktava MK-105 als auch das getunte TestYourMic.com-MK-105 können überzeugen. Das Original überzeugt mit seinem markanten Eigenklang, der sein Gepräge von der speziellen Höhenpräsenz erhält. Wer gerade diesen Klang sucht, bekommt ein Mikrofon, das universell einsetzbar ist und zudem sehr kostengünstig ist. Das getunte Mikrofon ist wegen seines feineren Klanges, der hohen Ausgewogenheit und des besseren Impulsverhaltens ein echter Allrounder für alle Aufnahmegelegenheiten und damit den Mehrpreis von 200 Euro allemal wert.

Erschienen in Ausgabe 03/2011

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 329 €
Bewertung: gut – sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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