Dynamische Avantgarde

Dynamische Mikrofone taugen im Studio-Alltag in den seltensten Fällen für diffizile Anwendungen. Mit den Mikrofonen von Heil Sound könnte sich das ändern, denn diese sind Mikrofon-Gattung konstruktiv und klanglich wahre Avantgardisten.

Von Harald Wittig 

Der Amerikaner Bob Heil, Gründer des Mikrofonherstellers Heil Sound, ist eine Art Edison der Pro-Audio-Szene. Heil, der übrigens gelernter Musiker ist – er spielte fast 14 Jahre lang die berühmte Mighty Wurlitzer-Theater-Orgel im St. Louis Fox Theater –, hat seit den frühen 1960er Jahren hunderte Audio-Geräte entwickelt. Darunter beispielsweise den weltersten modularen 600 Watt-Vollverstärker sowie ein seinerzeit innovatives portables Mischpult. Am Bekanntesten ist der agile Tüftler vermutlich als Erfinder der sogenannten Talk Box, einem Effektgerät, das durch den Gitarristen Peter Frampton und sein enorm erfolgreiches Live-Album „Frampton Comes Alive“ unsterblich wurde.  1966 gründete Bob Heil sein Unternehmen Heil Sound, wobei er sich zunächst auf die Entwicklung und Konstruktion leistungsfähiger Beschallungsanlagen konzentrierte. Obwohl von Hause aus kein ausgesprochener Rock Musik-Fan, lernte Heil den neuen Sound von Bands wie Grateful Dead, The Who, Jeff Beck, Joe Walsh und selbstverständlich Peter Frampton – um nur eine kleine Auswahl zu nennen – schätzen und sorgte mit seinen Entwicklungen für den guten Live-Ton. Zum Mikrofonbau kam Heil erst relativ spät, Anfang der 1980er-Jahre. Unzufrieden mit dem Klang der damaligen Produktionen kam Heil auf die Idee, selbst Mikrofone zu entwickeln, die dem, wie er selbst sagt „unerträglich verwaschenen, unartikulierten Sound“  der damaligen Produktionen entgegenzuwirken. Nach den ersten, „sehr exotischen“ Prototypen, konstruierte Heil, indem er seine Erfahrung im Beschallungslautsprecherbau nutzte, ein dynamisches Sprecher-Mikrofon für den Amateurbereich, das zwar „nicht schön“, dafür aber sehr präsent und durchsetzungsfähig klang und mit 100.000 verkauften Einheiten sehr erfolgreich war.

Heils alter Freund Joe Walsh, der mit den Eagles zu Ruhm und Ehren gekommen war, regte den Tüftler aus Leidenschaft an, auf Basis des Amateur-Mikrofons ein völlig neues, dynamisches  Mikrofon zu entwickeln, das sich für den Bühnen- und den Studio-Einsatz gleichermaßen eignen sollte. Gemeinsam mit den Eagles als „Beta-Tester“ entwickelte Heil vor nunmehr rund 25 Jahren das erste dynamische Großmembranmikrofon überhaupt, das gewissermaßen als Blaupause für die aktuellen Modelle im Heil Sound-Katalog diente. Dieser umfasst heute über 20 Modelle, darunter sowohl Allrounder als auch Spezialisten, beispielsweise für die Schlagzeug-Mikrofonierung/-Abnahme –alles dynamische Mikrofone. Unsere beiden Testkandidaten, dass PR-30 und das PR-40 sind die Heil Sound-Topmodelle, schlagen mit jeweils rund 390 beziehungsweise 500 Euro zu Buche und genießen in ihrer Heimat bereits Kultstatus. In unseren Breiten sind Heil Sound-Mikrofone, die übrigens komplett in den  USA gefertigt werden, bislang kaum bekannt. Seit kurzem kümmert sich der Vertrieb Pro-Audio-Technik Ltd exklusiv um die eigenwilligen Schallwandler und hat Professional audio die beiden Demo-Mikrofone für einen ausgiebigen Test zur Verfügung gestellt. Ohne die ganze Spannung rauszunehmen, sei schon mal an dieser Stelle verraten, dass diese Mikrofone einiges zu bieten haben – nicht nur konstruktiv. Es handelt sich wie gesagt um dynamische Mikrofone, wobei der Aufbau des Wandlers aus dem Rahmen des Gewohnten fällt. Zunächst setzt Bob Heil aus Überzeugung auf Großmembranen, denn nur diese böten „eine bessere Artikulation, eine erweiterte Dynamik und einen ausgedehnteren Frequenzgang sowie einen für eine Vielzahl von Anwendungen optimierten Nahbesprechungseffekt.“ Im Falle des PR-30 misst die Membran immerhin 3,81 Zentimeter im Durchmesser, es handelt sich somit um eine, im Vergleich zu den gängigen Ein-Zoll-Großmembranen der Kondensator-Kollegen, neun Millimeter größere Membran. Als Membran-Material kommt sehr feine Aluminiumfolie zum Einsatz, wodurch ein Impulsverhalten auf dem Niveau von Kondensatormikrofonen erreicht werden soll. Aber Vorsicht, beim Tauchspulenmikrofon ist nicht allein die Membran für das Impulsverhalten verantwortlich: Bei dieser Konstruktion eines dynamischen Wandlers gehört notwendig auch eine Schwingspule und ein Magnet dazu. Das ist insoweit vergleichbar mit einem Lautsprecher-Chassis, wobei sich die Membran eines Tauchspulenmikrofons nicht nach außen, sondern, quasi spiegelbildlich nach innen bewegt. Die Schwingspule erhöht das Membrangewicht, weswegen dieser Mikrofontyp nie das Impulsverhalten eines Kondensatorwandlers oder eines Bändchenmikrofons haben kann. Gleichwohl soll die Schwingspule von PR-30 und PR-40, die aus reinem Kupfer besteht, das Membrangewicht nur vergleichsweise wenig erhöhen, so dass beide Mikrofone auf impulshafte Schallereignisse wesentlich besser reagieren als die meisten dynamischen Mitbewerber.  Der Membran-Durchmesser des RP-40 fällt mit 2,86 Zentimetern kleiner aus als beim Geschwister, ist aber immer noch rund drei Millimeter größer als die der meisten Großmembran-Kondensatormikrofonen. Der Hersteller schreibt seinem Topmodell äußerst selbstsicher ein Klangverhalten zu, das mit hochwertigen Kondensatormikrofonen konkurrieren kann, während das günstigere PR-30 angeblich wie ein Bändchenmikrofon klänge.

Hört, hört, das werden wir im Rahmen des Praxistests später selbstverständlich nachprüfen. Verweilen wir jetzt aber noch bei den weiteren Konstruktionsdetails. Die Schwingspulen beider Mikrofone tauchen in den Luftspalt eines Magneten ein – daher die Bezeichnung Tauchspulenmikrofon –, der sein starkes Magnetfeld dem Materialmix aus Eisen, Bor und Neodymium verdankt. Laut Hersteller sei das Magnetfeld der beiden Mikrofone zehnmal stärker als bei den gängigen Tauchspulenmikrofonen. Die Nennimpedanz gibt der Hersteller wahrheitsgemäß mit 600 Ohm an, also dreimal höher als der Quasi-Standardwert von 200 Ohm. Gemäß der Faustformel, dass die Eingangsimpedanz des Mikrofon-Vorverstärkers mindestens fünfmal so groß wie die Nennimpedanz des Mikrofons sein muss, ist angesichts der sehr hochohmig ausgelegten Eingänge zeitgemäßer Mischpulte und Preamps die Gefahr einer Unteranpassung, die zu einer Klangverschlechterung, namentlich der Dämpfung tiefer Frequenzen sorgt, grundsätzlich gebannt. Dennoch unser Tipp: Sehen Sie sich vorsorglich das Datenblatt Ihres Mischpults beziehungsweise Ihres Vorverstärkers an. Um den Einfluss von Störmagnetfeldern zu kompensieren, haben beide Mikrofone eine sogenannte Kompensationsspule eingebaut. Das ist bekannt von Tonabnehmern elektrischer Gitarren, die den instruktiven Namen „Humbucker“, also „Brumm-Unterdrücker“ tragen. Das ist heute per se alles andere als ein Alleinstellungsmerkmal der Heil Sounds, wenngleich das Datenblatt das suggeriert, und in jedem dynamischen Mikrofon zu finden. Allerdings verlangte eine wirksame Brumm-Unterdrückung eine exakt gleiche Wicklungszahl und Durchmesser von Tauch- und Kompensationsspule. Das lässt sich leicht selbst überprüfen: Sie halten das Mikrofon in unmittelbarer Nähe zu einem (Röhren-)Computer-Monitor. Hören Sie ein leichtes Britzeln oder gar Brummen, hat der Hersteller geschlampt. Im Falle der Heil Sounds ist insoweit alles im ganz grünen Bereich: Wir hören keinerlei Störgeräusche.

Dynamische Mikrofone sind in gewisser Weise die Brauerei-Pferde unter den Schallwandlern, weswegen der Anwender bei diesem Typ großen Wert auf Robustheit legt. Die Heil Sounds erfüllen dieses Kriterium ohne Weiteres, denn die Stahl-Gehäuse machen einen dermaßen soliden und unerschütterlichen Eindruck, dass wohl allenfalls gröbste Misshandlung – beispielsweise das Werfen aus dem fünften Stock –  diesen Schallwandlern ernsthaften Schaden zufügen dürfte. Elegant sehen sie, dank der mattierten, champagnerfarbenen Oberfläche, die gleichzeitig Reflexionen minimiert, außerdem aus. Die mitgelieferte starre Halterung ist ebenfalls von guter Qualität, wobei wir uns einmal mehr fragen, warum der Hersteller kein Reduziergewinde beilegt. Kostet doch nicht die Welt und der frischgebackene Heilsound-Eigner kann sich sofort an die Arbeit machen und erste Höreindrücke der dynamischen Avantgardisten gewinnen. PR-30 und PR-40 sehen zwar aufs flüchtige Hinsehen aus wie Großmembran-Kondensatormikrofone, sie werden aber wie alle Tauchspulenmikrofone von vorne besprochen. Sicherheitshalber hat der Hersteller die Einsprechrichtung auf den Gehäusen markiert, so dass nichts schiefgehen kann. Beide Mikrofone eignen sich konstruktionsbedingt für die Mikrofonierung lauter Schallquellen, beispielsweise für die Nahmikrofonierung von Gitarren-Verstärkern. Im Rahmen des Praxistests der beiden Heil Sounds gehen wir jedoch zunächst einen anderen Weg, immerhin verspricht der Hersteller eine Klangqualität, die der von Kondensatormikrofonen ebenbürtig ist. Wir nehmen folglich mit beiden Mikrofonen ein Duo für Konzertgitarre im Overdub-Verfahren unter Logic Pro 8 auf, damit die beiden ihre Kompetenz beim Einfangen eines sensiblen akustischen Instruments unter Beweis stellen können. Zusätzlich fertigen wir, insoweit der ausdrücklichen Empfehlung des Herstellers folgenden, auch Sprachaufnahmen an. Die Aufnahmen finden Sie zum freien Download auf unserer Website www.professional-audio-magazin.de, der zu hörende Hall auf den Gitarrenaufnahmen stammt vom Logic-Faltungshall Space Designer. Beginnen wir die Klangbeschreibung mit dem PR-30. Für ein dynamisches Mikrofon löst es ungewöhnlich fein auf, das Impulsverhalten ist durchaus auf dem Niveau von Großmembran-Kondensatormikrofonen. Auch wenn das PR-30 die Präzision einer Kleinmembran oder eines Bändchenmikrofons beim Folgen von impulshaften Schallereignissen konstruktionsbedingt nicht erreichen kann, übertrifft es in dieser Disziplin sicherlich die meisten Tauchspulenmikrofone und verdient sich beim Impulsverhalten ein gut. Die Kompensation des Nahheitseffekts ist sehr gut gelungen: Obwohl die bassstarke Gitarre aus nächster Nähe mit mikrofoniert ist, ist keinerlei Bassmulm zu hören – sehr gut. Das Klangbild des Mikrofons ist schlank und präsent, der ermittelte Frequenzgang hat mithin eine deutlich zu hörende klangliche Entsprechung. Das PR-30 klingt allerdings keineswegs nervig, ein wenig erinnert es uns an den Sound des eingebauten Kondensatormikrofons im Apogee One (siehe Test in Ausgabe 4/2010), allerdings klingt das Heil Sound eine Spur runder. Für uns nicht nachvollziehbar ist die vollmundige Behauptung von Heil Sound, das RP-30 klänge wie ein Bändchen. Denn den typisch warm-samtenen Klang eines Bändchenmikrofons bringt das RP-30 definitiv nicht. Damit Sie eine Bezugsgröße haben, gibt es einen Vergleichstake des Gitarren-Duos, diesmal aufgenommen mit dem MXL R144, einem reinrassigen Bändchenmikrofon (Test in Ausgabe 3/2010).

Das PR-40 klingt eine Spur frischer als sein kleineres Geschwister und überzeugt bei vergleichbarem Grundtimbre mit einem insgesamt klareren Klang. Das liegt daran, dass dieses Mikrofon zumindest nach dem Höreindruck und entgegen des gemessenen Frequenzgangs eine bessere Höhenwiedergabe als das RP-30 hat. Ansonsten ist der Grundklang ebenfalls eher schlank, da die Bässe – hier bestätigt sich wiederum die Frequenzgangmessung – wie beim Geschwister, wenn auch weniger stark, zurückgenommen sind. Das PR-40 hat also einen eigenen Klang, hinter dem die wenigsten Teilnehmer eines Blindtest allerdings ein Tauchspulenmikrofon vermuten werden, sondern höchstwahrscheinlich auf ein Kondensatormikrofon tippen. Dieser Eigencharakter passt gut zu betont warm abgestimmten Instrumenten und Gitarristen, die weder mit Plektrum noch im Nagelanschlag spielen, sollten das RP-40 auch für Solo-Gitarrenaufnahmen antesten. Auch wenn druckvolle, brillante Blechbläser verlangt sind, bietet sich dieses Mikrofon, zum Beispiel als Alternative zum Electro Voice RE-20, an.  Als Sprecher- und Gesangsmikrofone machen beide Heil Sounds eine gute Figur, wenngleich beide Mikrofone am besten zu tiefen Stimmen passen. Bei hohen Stimmen, die tendenziell schrill klingen, wünschen wir uns dagegen einen entschärften Präsenzbereich. In jedem Fall kommen Stimmen aber sehr direkt und druckvoll, was der Klangästhetik von Pop-Produzenten entgegenkommt. Schließlich gefallen beide vor einem Gitarren-Amp, wobei das RP-30 in dieser Disziplin nach unserem Geschmack die Nase vorne hat, denn der erzielte Sound liegt in etwa zwischen dem Shure SM 57- und dem Klang eines kernig-mittig Kondensator-Mikrofons, enthält also sowohl druckvolle Tiefmitten wie auch einen durchsetzungsstarken Präsenzanteil.

Fazit

Die Heil Sound-Mikrofone RP-30 und RP-40 sind außergewöhnliche Mikrofone, welche die Gattung dynamisches Tauchspulenmikrofon bereichern. Beide verbinden die Robustheit und Pegelfestigkeit dynamischer Mikrofone mit dem Impulsverhalten und Auflösungsvermögen auf dem Niveau von Großmembran-Kondensatormikrofonen. Vor allem als Sprecher- und Gesangsmikrofone, zur Verstärker- und Schlagzeug-Mikrofonierung, aber auch vor akustischen Instrumenten machen sie eine gute Figur. Wer eine Alternative zu Klassikern wie dem Electro-Voice RE-20 sucht, sollte beide Mikrofone einmal antesten.

Erschienen in Ausgabe 05/2010

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 392 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: sehr gut

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