Die Hall-Referenz!

Audio Ease hat sein Vorzeigeprodukt, das Faltungshall Plug-in Altiverb, überarbeitet. Ob die aktuelle Version 7 ein noch enthusiastischeres Loblied auf diesen Software-Hall verdient?

Von Harald Wittig

Gut vier Jahre sind seit dem Test des Altiverb 6 in der Ausgabe 5/2007 von Professional audio ins Lang gegangen. Zwischenzeitlich beglückte die niederländische Softwareschmiede die Pro-Audio-Welt mit den Plug-ins Speakerphone (letzter Test in Ausgabe 8/2009) und Cabinet, wobei sich das einzigartige Speakerphone zu heißgeliebten Favoriten in der Film-Postproduction und bei Sounddesignern entwickelt hat. Bei aller gebotenen Zurückhaltung darf schon beinahe von einem Industriestandard gesprochen werden. Auf das Vorzeigeprodukt der Niederländer, das Faltungshall Plug-in Altiverb trifft diese Bezeichnung jedoch in jedem Fall zu. Immerhin ist Altiverb bei professionellen Anwendern weltweit im Einsatz und gilt als Referenz eines verblüffend natürlich klingenden Halleffekts, der auf dem mathematischen Prinzip der Faltung basiert. Auch bei Professional audio hat Altiverb Referenzstatus und jeder Halleffekt muss sich an ihm messen lassen.
Seit Ende 2011 ist jetzt Altiverb 7 erhältlich. Derzeit allerdings nur für den Mac, eine Windows-Version ist in Vorbereitung. Wer den Altiverb 6 in der Windows-Version 2010 oder 2011 ehrlich erworben hat, kann bei Zeit kostenlos upgraden – ein sehr faires Angebot des Herstellers. Neukunden müssen für Altiverb 7 jedoch über eine gut gefüllte Brieftasche verfügen: Die 5.1-Surroundsound-fähige XL-Version reißt mit gut 1.000 Euro ein ansehnliches Loch ins Portemonnaie, die fast 900 Euro teure Stereo-Ausführung kaum weniger. 

Hinzu kommt gegebenenfalls noch der Erwerb eines iLok-Keys, denn die Zeiten der „Call and Response“-Aktivierung des Plug-ins sind mit Altiverb 7 passé. Angesichts der insgesamt fallenden Preise für Audio-Software liegt Audio Ease mit seinem Vorzeige-Plug-in nicht eben im Trend. Gleichwohl wollen wir nicht nörgeln, denn in  Altiverb 7 steckt, wie wir sogleich sehen werden, eine Menge Arbeit, die auch bezahlt sein will. Beide Ausführungen (XL/Regular) enthalten die komplette Library von Impulsantworten (IRs), die inzwischen fette drei Gigabyte groß ist. Zum Vergleich: Beim Altiverb 5 war die IR-Library noch rund 800 Megabyte groß, Altiverb 6 stockte dann auf 1,2 Gigabyte auf. Die IR-Library ist das Herzstück dieses Hall Plug-ins und der eigentliche Grund, Altiverb zu kaufen. Audio Ease-Chef Arjen van der Schoot unterstreicht dies: „Unser Erfolg gründet sich auf die Library, die wir ständig erweitern. Seit 2002 sampeln wir die weltbesten Konzertsäle und Räume und haben dafür eine spezielle Software entwickelt und die Aufnahmeverfahren perfektioniert. Diese lange Erfahrung, gepaart mit anhaltender Begeisterung für unsere Arbeit macht uns beim aktiven Sampeln von Räumen zu den Besten.“ Angesichts des bekannt exzellenten Klangs der gesampelten Räume respektive IRs – insoweit sei nur auf unseren Altiverb 6-Test in Ausgabe 5/2007 verwiesen – lässt sich diese selbstsichere Aussage zumindest nicht als überzeichneter Werbesprech abtun. Letztlich sind es auch die IRs, die Altiverb so wertvoll, aber auch so teuer machen. Dazu van der Schoot: „Inzwischen haben wir gut 400 Reisen rund um den Globus gemacht, um diese IRs zu bekommen. Wobei es nicht damit getan ist, ein bestimmtes Gebäude aufzusuchen, das Equipment aufzubauen und die Aufnahmen zu machen.“ Beispielsweise finden sich in der aktuellen Library Samples der Todd AO Scoring Stage in Californien, eine der wenigen großen Aufnahmesäle der USA, in der über 60 Jahre lang große Orchester Film-Soundtracks einspielten. Der Erbauer und frühere Inhaber dieses Saals, Republic Pictures, bekam 1945, für die Leistung, einen exzellenten Aufnahmeraum geschaffen zu haben, einen Oscar. Inzwischen ist dieser Prachtbau bedauerlicherweise geschlossen. Aarjen van der Schoot: „Wir hatten uns lange um eine Erlaubnis zum Sampeln des Saals bemüht, schließlich, kurz vor der Schließung, kam sie. Allerdings hatten wir kaum Zeit. Es galt mehr oder weniger jetzt oder nie. Wir packten also unser Equipment und machten uns auf den Weg. Zusammen mit den Tontechnikern von Todd AO machten wir dann unsere Aufnahmen. Anscheinend allemal gut genug, denn Todd AO verwendete unsere IRs der Scoring Stage, bevor wir sie für Altiverb-User anboten, zwei Jahre lang für Ihre Postproductions.“ Es sei ganz typisch, gerade wenn es um Studios und ihre Aufnahmeräume ginge, die kurz vor der Schließung stünden, dass das Audio Ease-Team noch am selben Tag, an dem die Genehmigung eingeht, ihre Aufnahmen zu machen hätten. „Das war so im Falle des SARM Studios von Trevor Horn, denn das Anwesen stand kurz vor dem Verkauf. Wir mussten wirklich sehr fix sein, um den Schlagzeug-Aufnahmeraum mit seinen Klinkerwänden, die für einen ganz eigenen Sound sorgten, sampeln zu können.“ Inzwischen ist Trevor Horns Studio geschlossen und den markanten Drumsound, der unzählige Hit-Alben des britischen Produzenten prägte, lebt im Altiverb weiter. Alte Altiverb-Hasen wissen selbstverständlich, dass auch den indischen Tempel Gol Gumbaz seit Ende 2007 die Library mit seinem eindrucksvollen Hall, der beispielsweise Solobläser-Aufnahmen eine neue Dimension verleiht, bereichert.

Die Entstehungsgeschichte dieser IR ist recht abenteuerlich: „Wir bemühten uns ein ganzes Jahr bei den indischen Behörden, um unsere Genelec 1037-Lautsprecher, die wir für die Sampling-Aufnahmen verwenden, durch den Zoll zu bringen. Als endlich die Genehmigung kam, ging das Abenteuer erst los. Nach einer zehnstündigen, alles andere als komfortablen Busfahrt kam ich am Tempel an. Aber an Arbeiten war nicht zu denken, denn ein Reisebaus nach dem andern karrte Touristen an, die im Inneren von Gol Gumbaz herumschrien, um die eindrucksvolle Akustik des Tempels zu testen. Die Behörden gewährten mir zwei Stunden, um die Aufnahmen in Ruhe – unter Ausschluss der Besucher – zu machen. In Begleitung des stellvertretenden Ministers und sechs Soldaten schleppte ich die Lautsprecher auf den schmalen Pfaden noch oben in die Türme. Ich hatte ernsthafte Zweifel, ob ich es schaffen würde. Aber es hat dann doch geklappt und das Ergebnis ist allemal die Mühe wert.“ Es ist also dieser enorme Aufwand, der hinter der IR-Library steckt und Altiverb teuer macht. Würden sich die Niederländer auf einige wenige Räume vor Ort und das Sampeln von Hall-Effektprozessoren beschränken, wäre dieses Plug-in bestimmt sehr viel günstiger zu haben – allerdings ohne seine eigene klangliche Opulenz. Wer Altiverb 7 erwirbt, bekommt die aktuelle IR-Library, die neben den Räumen für die Musikproduktion – darunter so namhafte Namen/Räume wie das Teldex Studio Berlin, die Berliner Philharmonie, das Concertgebouw in Brügge, der Live-Raum und die Hallkammer des Studios von Frank Zappa – auch jede Menge abgefahrene IR-Sets wie „Planes und Helicopters“ oder „Outdoor Streets & Alleys“ die in erster Linie für die Postproduktion im Filmbereich, beispielsweise für die Dialogbearbeitung gedacht sind und weidlich genutzt werden. Die Impulsantworten von analogen oder digitalen Hallgeräten wie der EMT 140 Hallplatte, dem Roland Space Echo oder dem legendären Lexicon 224 XL-System finden sich auch in der Library, sind aber trotz sehr guten Klanges nicht so herausragend wie die Samples der real existierenden Räume. Stichwort Lexicon 224: Da hat uns die Emulation für die UAD-2-Plattform (siehe Ausgabe 6/2011) weitaus nachhaltiger beeindruckt, was auch für den Software-Nachbau der EMT 250 aus dem Hause Universal Audio gilt. Die Altiverb-Samples haben klanglich durchaus Oberklasse-Format, aber es gibt eben schlichtweg besser und authentisch klingendere Software-Abbilder. Das widerspricht im Grunde auch gar nicht dem Selbstverständnis der Niederländer. Wie hießt es doch so schön im Handbuch: „Betrachten Sie Altiverb als einen klassischen Hallraum.“ Folglich dienen die gesampelten Räume dazu, in diese trockene Aufnahmen aufzuspielen und hernach zu mischen. Soviel zur IR-Library. Wer sich ganz allgemein für den Herstellungsprozess der Impulsantworten interessiert, dem seien die Videos auf der Website von Audio Ease, www.audioease.com, nachhaltig empfohlen. Wir wollen uns jetzt mit dem Plug-in selbst und den Neuerungen der Version 7 befassen. Das Benutzer-Interface zeigt sich runderneuert, anstelle der früheren champagner-farbenen Oberfläche dominiert jetzt tiefes Schwarz, was die Erkenn- und Ablesbarkeit deutlich begünstigt. Der neue IR-Browser ist nicht mehr in das Plug-in integriert, stattdessen öffnet sich bei Klick auf den IR-Button links oben in der GUI ein separates Fenster. Der Abschied vom Ein-Fenster-Plug-in ist sehr leicht zu verschmerzen, denn der neue Browser ist ungleich komfortabler, da er eine sehr viel bessere Übersicht über die zur Verfügung stehenden Impulsantworten gibt.

Außerdem erleichtert das brandneue Feature, das sich hinter dem Button „similar“ verbirgt, die praktische Arbeit ungemein: Bekanntlich klingen Räume sehr unterschiedlich und es kann immer mal vorkommen, dass der üblicherweise favorisierte Raum für eine spezielle Aufnahme nicht so recht passt. Ist „similar“ angeklickt, bietet der IR-Browser augenblicklich eine Auswahl von Alternativ-Räumen an, die direkt durch einen weiteren Mausklick auszuwählen  und anzuhören sind. Uns gefällt diese Neuerung sehr gut, denn damit haben wir für eine unserer Aufnahmen mit dem Wissenloord Studio 1 sehr schnell die klanglich überzeugendere Alternative zum Westlake Studio gefunden. Ebenso überzeugend ist die Keyword-Suche im Browser: Wer für einen Dialog eine authentisch klingende Wohnraum-Athmo benötigt, gibt einfach „Bedroom“ oder „Living Room“ ein – ja, Englisch muss es schon sein. Schließlich ist auch der „news“-Button eine willkommene Ergänzung, denn hierüber lässt sich, eine Internet-Verbindung vorausgesetzt, direkt aus dem Plug-in heraus die IR-Library ergänzen oder auf den neuesten Stand bringen. Für Altiverb-Neulinge sei noch ausdrücklich ergänzt, dass die IRs für registrierte Altiverb-User gratis sind. Das GUI ist nicht nur besser lesbar, dank der aufgeräumteren Oberfläche, die nur die am Häufigsten benötigten Parameter-Regler, unter anderem die Eingangs- Ausgangs Gain-Regler, den Dry/Wet-Regler oder die Regler des Baxendall EQs für Tiefen und Höhen, zeigt, auch noch intuitiver bedienbar. Weitere Funktionen wie beispielsweise der parametrische Equalizer in der EQ-Sektion finden sich in Ausklapp-Menüs. Das erinnert ein wenig an den Experten-Modus in Guitar Rig und kann überzeugen, denn das Verbiegen des Hall-/Raum-Klangs ist bei einem Faltungshall immer eine zweischneidige Sache: Einerseits bedarf es in der Praxis immer mal wieder Feinanpassungen der Hallfahne, andererseits führt derlei auch zur Verfälschung, denn die IRs stellen den klanglichen Fingerabdruck eines Raumes dar. Klar, letztlich entscheiden klangästhetische Gesichtspunkte, weswegen kein Faltungshall Plug-in der Welt auf diese Eingriffsmöglichkeiten verzichten darf.
Audio Ease ist sogar noch weiter gegangen: Hinter den unscheinbaren virtuellen Drehreglern „bright“ und „size“ steht nicht etwa ein weiterer Equalizer, sondern ein algorithmischer Hall, der gewissermaßen als neue Ebene über den gesampelten Raum legbar ist, um mittels des „bright“-Reglers mehr Höhen hinzuzufügen oder über „size“ den ausgewählten Raum zu verkleinern oder zu vergrößern. Bei der virtuellen Manipulation der Raumgröße sorgt der Algorithmus automatisch für eine Anpassung der Raummoden und –resonanzen, passt die Erstreflektionen an und verlängert oder verkürzt die Hallfahne. „bright“ simuliert die fehlenden Höhen eines realen Raumes beziehungsweise seiner Impulsantwort. Das kann kein Equalizer der Welt leisten, denn der Klangsteller kann nur auf die Frequenzen einwirken, die auch tatsächlich vorhanden sind. Das dabei ein sehr ausgeklügelter und aufwändiger Algorithmus am Werk ist, ist in der Praxis nicht zu merken: Die Klangergebnisse sind sofort in Echtzeit nachhörbar und tatsächlich lässt sich über diese unscheinbaren Regler das Klangverhalten eines hochwertigen digitalen Hall-Prozessors nachbauen. Wer sich darauf einlässt, wird bei der Arbeit mit Altiverb 7 kaum mehr zur IR-Library „Gear“ greifen.

Ein Fest für Klangschrauber, die jedwedem Purismus zugunsten von Kreativ-Experimenten abgeschworen haben, bietet die generalüberholte Funktion „IR import“ einen besonderen Leckerbissen: Neben der schon länger eingeführten Möglichkeit auf klassischem Wege hierüber eigene IRs zu generieren, sind nun auch völlig schräge Hall-Effekte herstellbar. Praktisch jede denkbare Aufnahme – Klavierakkord, Gewitterdonner, Händeklatschen – einfach einladen, der „IR import“-Prozessor macht den Rest und flugs ist ein eigenwillig-einzigartiger Custom-Effekt geschaffen. Gut, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Einmal mehr seien Interessierte auf www.audioease.com verwiesen. Auf der Website des Herstellers erläutert Arjen van der Shoot in gut gemachten und instruktiven Videos den Workflow. Altiverb 7 ist voll automatisierbar und hat sich zum „Total-Recall-Plug-in“ gemausert, weswegen es den in früheren Versionen benötigten sogenannten Snapshots nicht mehr bedarf. Gleichwohl erkennt Altiverb 7 diese Snapshots – eigentlich handelt es sich um projektbezogenen User-Presets – und stellt sich darauf automatisch ein. Das ist immer dann praktisch, wenn ein älteres Projekt wieder aufgerufen wird, bei dem eine ältere Altiverb-Version weidlich zum Einsatz kam. Die Arbeit mit Snapshots ist ebenfalls weiterhin möglich, mittels Automation erfolgt die Umschaltung dieser Presets. Gerade bei großen Projekten wo Altiverb in vielen Instanzen zum Einsatz kommt, ist dies ein Segen. In diesem Zusammenhang ein Wort zur Performance von Altiverb 7: Wir haben das Plug-in in der – wichtig, die erste Version vertrug sich nicht mit Logic – aktuellen Version 7.0.3 unter Logic Pro 9 auf einem MacBook Pro mit 2,53 Gigahertz Intel Dual-Core-Prozessor und vier Gigabyte Arbeitsspeicher gestestet und dürfen verkünden, dass das Plug-in in puncto Echtzeitfähigkeit gegenüber der Vorversion noch eine gutes Stück besser, soll heißen schneller geworden ist und insgesamt vergleichsweise Ressourcen-schonend arbeitet. System-Überlastungen oder gar Abstürze gibt es bei 24Bit/96 Kilohertz-Projekten auch bei vier Instanzen keine, wenngleich der Rechner dabei schon schwer am Schuften ist. Gegenüber der Version 5 und  – weniger deutlich – der Ausgabe 6 eine spürbare Verbesserung. Was die Klangqualität angeht können wir es kurz machen: Diese ist nach wie vor überragend. Damit Sie noch etwas Hörstoff haben und weil Audio Ease derzeit keine Demoversion anbietet, gibt es zur Ergänzung einige Soundfiles auf unserer Website, www.profesisonal-audio-magazin.de. Sie hören die Aufnahme eines Konzertgitarren-/Stahlsaitengitarren-Duos, die wir mit Altiverb 7 bearbeitet haben. Damit erhalten Sie einen ersten Eindruck vom exzellenten Klang dieses Referenz-Hall Plug-ins.

 

Fazit

Altiverb 7 ist ein Meisterstück und zementiert dank neuer, teilweise innovativer Features und Funktionen seine Spitzenposition unter den Hall Plug-ins. Die Klangqualität  ist und bleibt überragend, sodass unterm Strich ein überzeugtes Loblied auf Audio Ease Hall angebracht ist.

 

Erschienen in Ausgabe 02/2012

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 894 € (Regular)/1.010 € (XL)
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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