Markantes Erbe

Hall-Prozessoren gehören zur Kategorie von Standard-Effekten, die in Hardware-Gestalt tendenziell immer noch ein höheres Ansehen genießen als ihre mittlerweile zahlreichen Software-Pendants. Dass dies nicht immer gerechtfertigt ist, beweist der Hersteller Exponential Audio mit seinem Plug-in-Bundle aus PhoenixVerb und R2. Denn in ihnen schlummert die DNA eines legendären Algorithmus‘. 

Von Carina Schlage

Eines gleich vorweg: PhoenixVerb und R2 sind keine ausgewiesenen Remakes bereits vorhandener Hardware, sondern vollständige Neuentwicklungen. Neu am Markt ist auch der amerikanische Hersteller Exponential Audio, von dem bisher die wenigsten gehört haben dürften und der mit beiden Hall-Plug-ins seine Premiere am Markt feiert. Auf den ersten Blick erinnert daher auch nichts an irgendwelche bekannten Hardware-Pendants, denn auch die graphische Benutzeroberfläche ist eine Eigenkreation. Auf den zweiten Blick allerdings zeigen sich jedoch einige Auffälligkeiten: Die Parametrisierung und die Nomenklatur von PhoenixVerb und R2 erinnern in gewisser Weise doch an berühmte Hardware-Pendants, nämlich die PCM-Serie von Lexicon, die mittlerweile ebenfalls in Teilen als virtuelle Umsetzungen am Markt existieren. Diese Ähnlichkeit lässt jedenfalls aufmerken. Sie kommt aber nicht von ungefähr, wie einige Recherchen zum Unternehmen offenbaren: Der Kopf hinter Exponential Audio ist Michael Carnes, seines Zeichens einer der Schöpfer der Hall-Algorithmen, die in Lexicons PCM 80, 81, 90 und 91 implementiert wurden. Kein Wunder also, dass seine ersten Eigenkreationen ein gewisses Maß an Lexicon-Erbgut zu besitzen scheinen und das nicht nur an der Oberfläche. Doch dazu später mehr. Grundsätzlich will Michael Carnes mit Exponential Audio die Pro-Audio-Welt mit Algorithmen und Prozessoren ausstatten, die nicht nur allerhöchsten Klangansprüchen genügen, sondern darüber hinaus auch einfach zu bedienen sind. Solche ambitionierten Aussagen machen neugierig und schrauben unsere Erwartungen an die Debüt-Plug-ins damit entsprechend nach oben. Der PhoenixVerb sorgt laut Hersteller für eine realistische Räumlichkeit und offeriert flexible Eingriffsmöglichkeiten in den Hallklang. Für einen charakteristischeren Hall, der mehr Teil des Sounds sein soll, ist dagegen der R2 prädestiniert, dem zusätzlich zu den üblichen Parametern noch ein Chorus und ein Gate spendiert wurden. Dies stellt auch schon den wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Prozessoren dar. Sowohl PhoenixVerb als auch R2 verfügen über vier eigenständige Hall-Algorithmen: Halls, Plates, Chambers und Rooms. Diese sind in einer Fülle von Presets eingefasst und können über Schlagwörter, so genannte Keywords aufgerufen werden. Doch auch dazu später mehr. Zuvor lohnt sich noch ein Blick auf die Preisgestaltung der beiden Plug-ins. Diese fällt nämlich überraschend günstig aus: Der PhoenixVerb ist für circa 170 Euro zu haben, für den R2 sind moderate, knappe 250 Euro fällig. Das Bundle mit beiden Plug-ins kostet rund 360 Euro, was ein fairer Preis ist.

 

Kann der Mischtonmeister nicht nur mit einem Blick überschauen, in welchem Betriebszustand sich der Hall gerade befindet, sondern auch auf denkbar einfache Weise in die wesentlichen Variablen eingreifen und so seinen Wunschhall gestalten. Nachhallzeit und Predelay sind so mit einem einzigen Klick den jeweiligen Bedürfnissen angepasst, ebenso das Verhältnis zwischen ersten Reflexionen (Early Reflections) und der Hallfahne.Dem Überblick dient auch das graphische Echtzeit-Display, das Aufschluss über Ein- und Ausgangspegel, das Frequenzverhalten des Halls sowie die eingestellte EQ-Kurve gibt. Apropos EQ: Die Möglichkeiten, den Hallklang mittels Filtern zu beeinflussen sind im PhoenixVerb und R2 für die meisten Anwendungen erfreulicherweise ausreichend, sodass Sie sich einen nachgeschalteten EQ sparen können, um beispielsweise den Höhenbereich zu bedämpfen. Selbstverständlich lassen sich die Frequenzeigenschaften von Early Reflections und Hallfahne separat beeinflussen. Helle Erstreflexionen bei gleichzeitig dunklem Nachhall sind somit überhaupt kein Problem.Wem die vier Hauptregler zum Ausformen des Halls nicht ausreichen, dem stehen in den drei Subpages eine Fülle weiterer Parameter zur Verfügung, um dies perfektionieren zu können. Einige dieser Parameter sind altbekannt oder selbsterklärend, wie beispielsweise Reverb Type, Reverb Size oder Roll-off. Die Bedeutung anderer Funktionen erklärt sich hingegen nicht unbedingt von selbst. Abhilfe schafft in dem Fall das hervorragende Manual, das detailliert Aufschluss über sämtliche Features und Funktionen gibt. Über die erste Subpage Reverb Attack (RvbAtt) lässt sich steuern, mit welcher Energie das Audio-Signal den Hall-Prozessor erreicht. Der Anwender erhält darin Zugriff auf die innere Struktur des Halls (Plate, Chamber, Hall) und kann sowohl die Größe des Oberflächenmaterials bestimmen (Diffuser Size), als auch wie stark dieses Material den Nachhall beeinflusst (Diffusion). Außerdem lässt sich regeln, wie schnell der Hall ausgelöst wird (Attack) und wie sich der Frequenzgang über die Zeit verhält (Slope). Auf der Subpage Reverb Tail (RvbTail) sind hingegen Parameter versammelt, die ausschließlich die Eigenschaften der Hallfahne regeln und somit den charakteristischsten Teil des Halls beeinflussen. So finden sich zum Beispiel die üblichen Verdächtigen wie die Größe des Hallraums (Size) und die Stärke der Dämpfung hoher Frequenzanteile (Hi Roll-off). Die dritte Subpage widmet sich den Early Reflections, die gleichfalls äußerst detailreich angepasst werden können. Sie beeinflussen unsere räumliche Wahrnehmung auditiver Ereignisse zu einem wesentlichen Teil und lassen uns beispielsweise auch die Größe eines (Klang-)Raumes erkennen, ohne dass wir diesen gesehen haben müssen. Sie stellen folglich einen wesentlichen Bestandteil eines professionellen Hall-Algorithmus‘ dar. Die Subpage bietet Parameter zur Steuerung der zeitlichen Verteilung der Reflexionen und zum Austarieren des Pegelverhältnisses zwischen frühen und späten Reflexionen (Early Attack). Außerdem lässt sich bestimmen, wie lang Erstreflexionen zu hören sein sollen (Early Time).

 

Wie üblich können beide Plug-ins über die VST-, RTAS- oder AU-Schnittstelle eingebunden werden. Löblicherweise wurde auch das neue AAX-Format implementiert. Für den Betrieb zwingend erforderlich ist jedoch ein iLok-Dongle der zweiten Generation, der iLok 1 ist mit den Lizenzen bedauerlicherweise nicht kompatibel.Betrachten wir das Bedienkonzept der beiden Hall-Neulinge zunächst einmal näher: PhoenixVerb und R2 besitzen die gleiche Ausstattung, sieht man von den erwähnten Gate- und Chorus-Sektionen des R2 ab. Auch das Layout des GUI ist bis auf die unterschiedliche Farbgebung in beiden Plug-ins identisch. Frei nach dem Motto: Kennst du den PhoenixVerb, kannst du auch den R2 bedienen, muss sich der Anwender nicht zeitaufwändig umgewöhnen. Nebenbei bemerkt, wird sich der Lexicon-Erfahrene mit beiden Plug-ins ohnehin schnell wie zu Hause fühlen. Denn die Logik des Bedienkonzepts ähnelt auffallend dem der Lexicon-Geräte: Alle wichtigen Parameter des Halls befinden sich auf der obersten Ebene des GUI, während tiefer gehende Detail-Eigenschaften über sogenannte Subpages definiert und angepasst werden können. Dank großer, farbiger Regler  Ungewöhnlich ist hingegen der Early Slope-Parameter: Er steuert einen Filter, der den Klang der späteren Erstreflexionen beeinflusst. Hierbei gilt: Je tiefer die eingestellte Frequenz, desto dumpfer und matter erklingen die späteren Early Reflections. Damit wirkt der Parameter sozusagen wie die natürliche Luft-Absorption und er kann zum Beispiel zusammen mit dem Early Attack-Regler hilfreich sein, um harsche Höhen als Folge sehr naher Mikrofonierung zu mildern. Wie bereits erwähnt, verfügt der R2 zusätzlich über einen integrierten Chorus- und Gate-Effekt. Mit dem Gate lässt sich erwartungsgemäß der typische Gated-Reverb-Effekt erzeugen, Phil Collins‘ „In the Air tonight“ lässt grüßen: Unterhalb des gewählten Threshold-Werts schließt das Gate und die Hallfahne wird mehr oder weniger abrupt abgeschnitten, was einen sehr interessanten Klangeffekt ergibt.Der Chorus ist ein ebenfalls mächtiges Tool, das den eigentlichen Hall noch lebendiger gestaltet. Subtil angewendet, reichert er die Hallfahne an und lässt sie dicker erscheinen. Stärkere Effekt-Dosen erzeugen dagegen auffallende Tonhöhen-Modulationen. Diese können zum Beispiel unangenehme Raum-Moden, respektive stehende Wellen, die innerhalb eines Halls auftreten können, wirksam reduzieren.Das Subpages-Konzept stellt sich im Test als äußerst praktikabel gelöst dar. Es bewahrt den Anwender davor, sich durch einen Wust an irrelevanten Parameter zu klicken, um zu brauchbaren Ergebnissen zu gelangen. Aber – der Lexicon-Erfahrene ahnt es – diese Bedienführung ist nicht neu, sondern ebenso Teil des Konzepts der legendären PCM-Prozessoren. Im direkten Vergleich gestaltet sich das Einstellen und Justieren des Wunschhalls mit den Exponential Audio-Plug-ins allerdings deutlich einfacher und bequemer als beispielsweise mit der Plug-in-Version des PCM96. Michael Carnes beweist folglich ein großes Gespür für die Vereinfachung und Handhabbarkeit komplexer Variablen. Denn auf diesem Gebiet kann man den Lexicon-Geräten durchaus die eine oder andere Schwäche konstatieren – wer sich schon einmal durch die  zahlreichen Parameter und Edit-Banks eines PCM96 oder 960L gegraben hat, wird dem sicherlich zustimmen. Ebenfalls dem Lexicon-Erbgut entnommen, ist übrigens auch die Preset-Organisation, die von den üblichen Konzepten etwas abweicht, weswegen sie hier noch kurz Erwähnung finden soll: Die Werks-Presets sind dabei sogenannten Keywords untergeordnet. Ein Keyword fungiert wie eine Art Schlagwort und ruft eine bestimmte Kategorie von Presets auf. Unter dem Keyword „Rooms“ finden sich so beispielsweise alle Presets des gleichnamigen Hall-Typs. Vorteil: Im Vergleich zur herkömmlichen Preset-Indizierung bietet die Keyword-Organisation zum einen eine größere Übersichtlichkeit und Zeitersparnis, da alle nicht relevanten Presets ausgeblendet werden. Zum anderen können bestimmte Presets gezielter gesucht und gefunden werden. Selbstverständlich lassen sich auch eigene Keywords erstellen und darunter eigene oder Werks-Presets zusammenfassen. Außerdem kann ein Preset mehreren Keywords zugeordnet werden. Auf diese Weise können Sie zum Beispiel ihre Lieblingseinstellungen für Schlagzeug sowohl unter dem eigenen Keyword „Drum Ambience“ als auch unter dem Keyword „Produktion XY“ ablegen, was beispielsweise sehr hilfreich ist, wenn Sie einen konstanten Schlagzeug-Sound für verschiedene Tracks innerhalb ein und derselben Produktion erzeugen wollen. Für dieses durchdachte Konzept gibt es daher ein extra Lob.

Doch wie klingen beide Plug-ins jetzt? Diese Frage ist trotz der zahlreichen Parameter recht einfach zu beantworten. Ob subtile Räumlichkeit oder Kathedralen-Hallfahne: PhoenixVerb und R2 klingen exzellent. Dank der Expertise ihres Entwicklers Michael Carnes steckt auch im Sound der Exponential Audio Plug-ins eine ordentliche Portion Lexicon-DNA. Im Hörtest begeistert uns vor allem der Room-Algorithmus. Mit ihm ist es zum Beispiel möglich, sehr trockenen Signalen einen Hauch von Räumlichkeit respektive Ambience aufzuprägen, deren angenehme Wirkung erst dann so richtig deutlich wird, wenn das Plug-in stumm geschaltet wird. Gerade sehr kleine Räume und Raum-Ambience, die genau genommen fast ausschließlich aus ersten Reflexionen bestehen, sind eine Herausforderung für jeden algorithmischen Hall-Prozessor, denn sie klingen sehr schnell metallisch-künstlich oder nach mumpfigem Klassenzimmer. Nicht jedoch in beiden Exponential Audio Plug-ins. Ein weiterer wichtiger Indikator für einen sehr guten Hall ist die Fähigkeit, Signale wirklich räumlich erscheinen zu lassen ohne sie mit einer Hallfahne voll zu kleistern – und das weitestgehend unabhängig vom jeweiligen Hall-Anteil, der lediglich den Grad der Räumlichkeit beeinflusst. Auch in dieser Disziplin machen PhoenixVerb und R2 eine ausgesprochen gute Figur. Schon mit geringem Send-Anteil rutscht unsere Lead-Gitarre deutlich in den fiktionalen Raum ohne dabei ihre Vordergründigkeit zu verlieren. Je stärker wir den Send aufdrehen, desto mehr entfernt sie sich von uns. So muss das sein. Dabei nimmt der Medium Hall selbst bei extremen Pegeln der Gitarre niemals ihre Definition, Klangbrei ist ausgeschlossen.Durch detaillierte Eingriffe in den Klang der Early Reflections, dem Einfluss des Oberflächenmaterials (Diffusion) und den Frequenzeigenschaften des Room-Algorithmus‘ können wir durchaus auch extremere, weniger wohlklingende Räume gestalten: ein muffiges Schlafzimmer, eine klaustrophobische Telefonzelle, sogar ein unangenehm resonantes Badezimmer mit extremen Chorus-Einstellungen sind ebenfalls möglich. Somit qualifizieren sich die beiden Plug-ins auch für den Einsatz in der audio-visuellen Postproduktion.Sehr schön: Der Klang des Halls bleibt auch beim Erzeugen solcher „Alltagsräume“ stets sehr natürlich, ebenfalls keine leichte Angelegenheit für einen Entwickler. Die in weniger ausgefuchsten Hall-Plug-ins oft eher harschen Plates klingen zudem ebenfalls angenehm luftig und schimmernd.Besonders viel Spaß macht im Test der Umgang mit dem Chorus des R2. Das Spiel mit den Parametern lässt immer wieder neue Klangfacetten entstehen, ohne dass wir die Hall-Parameter selbst modifizieren.Das Gate ist in der Handhabung hingegen etwas diffiziler. Hat man sich jedoch erst einmal in die ungewöhnlich benannten Parameter eingefuchst, lässt der erwartete Gated-Reverb-Effekt nicht lange auf sich warten. Hierfür empfehlen sich übrigens sehr lange Hallfahnen. Aber auch mit kurzer Nachhallzeit und entsprechend eingestelltem Threshold lassen sich interessante Effekte erzielen. 

Fazit

Exponential Audio ist mit dem PhoenixVerb- und R2-Plug-in das Kunststück tatsächlich gelungen, einen hervorragend klingenden Hall zu entwickeln, der trotz beeindruckender Detailtiefe der Parameter überraschend einfach zu bedienen ist. Der ehemalige Lexicon-Entwickler Michael Carnes hat nicht nur seine einschlägige Expertise in beide Plug-ins eingebracht, sondern die bekannten Konzepte auch ungemein sinnvoll weiter entwickelt und außerordentliches Fingerspitzengefühl für die Handhabung der zahlreichen Parameter bewiesen. Angesichts der sehr moderaten Preisgestaltung erhalten DAW-Anwender also künftig ein nahezu unschlagbares Angebot. Die Mitbewerber dürfen ab sofort mit einem neuen, ernst zu nehmenden Konkurrenten rechnen.  

Erschienen in Ausgabe 06/2013

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 359 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut – überragend

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