Doppelt durchdacht1

Nein, es ist kein weiterer Kompressor. Vielmehr ist der Nvelope von Elysia ein vielseitiger Impulsformer, der sich auf die Bearbeitung des Attack- und Sustain-Anteils eines Signals fokussiert. Das kennt man schon? Aber sicher nicht mit neuartigen Spezialfeatures wie dem durchdachten Dual-Band-Modus.

Von Michael Nötges  

Meistes sind es die richtigen Ideen zur richtigen Zeit, die zu bahnbrechenden Entwicklungen führen. Die hat aber bei weitem nicht jeder und es gehören jede Menge Fachwissen und Kreativität gepaart mit Branchenkenntnis und Engagement dazu, Produkte, auf die die Welt gewartet hat, tatsächlich an den Start zu bekommen. Am laufenden Band gelingen auch Elysia-Chefentwickler Ruben Tilgner solche Clous nicht. Aber mit der Idee und der Umsetzung eines Transientdesigners  zur pegelunabhängigen Bearbeitung der Hüllkurven von Audiosignalen hat er wohl die Welt der Dynamikbearbeitung revolutioniert. Mittlerweile ist jede Menge Wasser bis zum Niederrhein hinabgeflossen und Tilgner gründete zusammen mit Dominik Klaßen 2005 die Pro Audio-Firma Elysia.

Genau diese – das zeigen auch die bisherigen Professional audio-Tests des mpressors (Ausgabe 11/2007) und des xpressors (Ausgabe 11/2011) – überzeugt seither nicht zuletzt durch kompromisslose Klangqualität, sondern auch immer wieder durch überraschend innovative Funktionen. Deswegen wundert es nicht wirklich, dass mit dem neuen Nvelope, der als zweikanaliger Impulse Shaper für 1.177 Euro ins Rennen geht, auch neue Maßstäbe in der Bearbeitung von Attack und Sustain, sprich dem Einschwing- und Ausschwingverhalten von Audiosignalen gesetzt werden sollen.

Auf der diesjährigen Tonmeistertagung treffe ich Firmengründer Dominik Klaßen und Ruben Tilgner, um mit Ihnen über das neue Elysia-Produkt zu sprechen: Klaßen erklärt: „Für die Umsetzung des Nvelope war eine komplette Neuentwicklung notwendig, die weitaus komplexer und kompliziertes war, als bei unseren bisherigen Produkten.“ Dabei habe sich beim Nvelope alles um die Frage gedreht, wie die bisher übliche Transientenbearbeitung auf die nächste Stufe gebracht, also grundsätzlich optimiert werden könne. Das Impulse-Shaping 2.0 fußt auf einer ebenso einfachen wie genialen Idee: Anteile eines Signals, die für den Attack zuständig sind, finden sich überwiegend in höheren Frequenzbereichen, während solche, die für das Sustain verantwortlich sind, in tieferen Sphären angesiedelt sind. Ein Kick-Drum-Signal beispielsweise bekommt mehr Biss, wenn der Frequenzbereich oberhalb 800 Hertz (Anschlagsound des Schlegelkopfs) betont wird. Um mehr oder weniger Sustain des Kessels zu bekommen, hilft die Bearbeitung der Frequenzen unterhalb 800 Hertz. Bisher bezog sich die Bearbeitung der Hüllkurve auf die Beschleunigung und Verlangsamung der Transienten beziehungsweise der Verlängerung oder Verkürzung der Ausschwingzeiten des kompletten Signals. Grundlage der Attack- und Sustain-Bearbeitung war also immer der gesamte Frequenzbereich. Genau da setzt der Dual-Modus des Nvelope an. Tilgner erklärt mir am Messestand stark vereinfacht: „Der Dual-Modus bietet für Attack und Sustain einen zusätzlichen Frequenzregler, womit die Startfrequenz für die Attack-Bearbeitung und die Endfrequenz für das Sustain bestimmt wird.“ Durch die sich weit überlappenden Frequenzbänder (Freq A: 20 Hertz bis acht Kilohertz und Freq B: 50 Hertz bis 15 Kilohertz) ergibt sich eine sehr flexible und gezielte Bearbeitungsmöglichkeit der Transienten. Steht beispielsweise der Freq A-Regler auf ein Kilohertz und der Freq B-Regler auf 300 Hertz wird der Mittenbereich für die Bearbeitung des Signals sozusagen außen vor gelassen. Gerade bei komplexeren Signalen, beispielsweise beim Mastering, kann das von großem Vorteil sein und vermeidet je nach Einstellung nervende Artefakte.

„So eine aufwendige Class-A-Schaltung macht man nicht mal eben“, erklärt Klaßen und ergänzt: „Natürlich haben wir auch wieder versucht, die klanglich besten Bauteile zu verwenden, was auch zeitintensives Gegenhören erfordert. Die komplette Entwicklung bis zum fertigen Produkt hat ungefähr ein Jahr gedauert.“ Um die Kritik mancher Traditionalisten an der SMT  direkt zu entkräften erklärt Klaßen: „Durch die Verwendung von SMDs  werden die Schaltungen deutlich kleiner und leichter. Wir sind außerdem der Überzeugung, dass die maschinelle Bestückung der Platinen auf diesem Weg präziser ist als der traditionelle Weg und deswegen mehr Vorteile als Nachteile bringt. Die Bauteile sind schließlich die gleichen, nur das Montageverfahren ist ein anderes.“ Skeptiker werden die Nachteile, wie geringere mechanische Belastbarkeit der Lötstellen, komplizierte Überprüfung von Lötstellen, die sich direkt unterhalb des Bauteils befinden oder die hohen Temperaturen beim Reflow-Löten , welche die Bauteile bei der Montage belasten können, bemängeln. Am Ende bleibt es ein Abwägen der Vor- und Nachteile wozu auch die nicht unwichtige Frage der Produktionskosten zählt. Diese sind eben bei der traditionellen Fertigung (THT) höher.

Der Nvelope ist ein 19-Zoll-Gerät auf einer Höheneinheit, der trotz seines aufwendigen und komplexen Schaltungsdesigns mit einem Gewicht von 1,9 Kilogramm angenehm und fast schon unnatürlich leicht ist. An dieser Stelle macht sich mit Sicherheit auch die SMT positiv bemerkbar. Die Verarbeitung ist ohne Fehl und Tadel auch wenn die eher unscheinbare Frontplatte im Gegensatz zu den hochpreisigen Geschwistern (Alpha Compressor: 9.499 Euro, Mpressor: 3.999 Euro, Museq: 4.498 Euro) etwas vom edlen Boutique-Glanz eingebüßt hat. Wie auch beim Xpressor (UVP: 1.180 Euro), versucht Elysia eben neuerdings Produkte zu lancieren, die sich auch der „normale“ Studiobesitzer leisten kann, ohne das Anschaffungs-Budget für die nächsten Jahre in einem Produkt zu versenken. Also sind kleine Abstriche hier und da nötig. Nicht aber bei der Bedienung, die mit den gleichen hochwertigen Potis und Reglern vonstatten geht, wie wir es von Elysia gewohnt sind. Auch die Buttons für Modi-Auswahl und Verlinkung sind zwar nur fingerspitzengroß, verfügen aber über einen hervorragenden Druckpunkt und eine kleine aber jeder Zeit gut erkennbare Status-LED. Eine Signal-Status-LED sucht man allerdings vergeblich, was in manchen Situationen – es ist kein Signal zu hören aber man weiß nicht wo der Fehler liegt – hilfreich sein kann, um schnell zu prüfen, ob der Nvelope überhaupt angesteuert wird.

Alle Anschlüsse liegen auf der Rückseite und sind mehr an der Zahl, als von einem Zweikanaler zu erwarten wäre. Neben den symmetrischen Ein- und Ausgängen im XLR-Format bietet der Nvelope je einen alternativen Ein- und Ausgang, der als 6,35-mm-Klinken-Buchse vorliegt. Damit ist es aber immer noch nicht genug, denn mit dem Ext1- und Ext2-Ausgang liegt jeweils eine weiterer Output pro Kanal vor, um das bearbeitete Signal parallel an unterschiedliche Folgegeräte schicken zu können.

Jeder der beiden Kanäle hat einen Attack- und Releaseregler. Beide sind fließend verstellbar (-15 bis +15 Dezibel), verfügen über Mittenrastung und bestimmen über die Betonung und Reduzierung des Ein- und Ausschwingverhaltens. Zusätzlich stehen zwei Frequenzwahl-regler (FreqA und FreqB) mit feiner Rastung zur Verfügung, die wie bereits erwähnt im Dual-Band-Modus die Start- (Attack) und Endfrequenz (Sustain) bestimmen. Der Nvelope verfügt aber auch über einen Full-Range-Modus. In diesem wirken sich die Einstellungen von Attack und Sustain direkt auf den ganzen Frequenzbereich aus. FreqB hat dann keine Funktion und FreqA bestimmt das Ansprechverhalten der Attack-Bearbeitung, um den Einfluss energetischer Bassfrequenzen – ähnlich eines HPF im Sidechain eines Kompressors – auf den Shaping-Prozess zu verringern. Befindet sich der Nvelope im Stereo-Link-Modus, steuern die Bedienelemente des linken Kanals die des rechten mit. Aber natürlich kann der Nvelope auch als Dual-Mono-Prozessor verwendet werden, wobei für beide Kanäle sowohl der Full-Range- als auch Dual Band und EQ-Modus zur Auswahl stehen. Apropos EQ-Modus: Der Nvelope ist ganz nebenbei auch als Zweiband-Shelving-EQ zu verwenden. Der Shaping-Prozess ist dann sozusagen ausgeschaltet und mit den weit überlappenden Bändern (FreqA, FreqB) sind interessante Filterungen möglich. „Das mit dem EQ-Modus war zunächst nicht geplant und hat sich im Grunde einfach ergeben. Genauso wie die Tatsache, dass der EQ tierisch gut klingt“, erklärt Klaßen und Tilgner ergänzt etwas nüchterner: „Da es technisch recht einfach umzusetzen war, haben wir den unabhängigen EQ-Modus kurzerhand integriert.“ Da der Nvelope mitunter starke Manipulationen zulässt, kann es besonders im Full-Range-Modus zu unerwünschten Pegelsprüngen oder Verzerrungen kommen. Mit der Auto-Gain-Funktion haben die Entwickler aber auch in diesem Fall das Heilmittel parat, was die Processing-Wogen elegant glätten soll. Im Dual Band-Modus steht diese Funktion nicht zur Verfügung, wird aber laut Hersteller auch nicht benötigt. Schlussendlich verfügen beide Kanäle über einen Hardwire-Bypass (Left-, Right-Button), um A/B-Vergleiche komfortabel vornehmen zu können. Übrigens sind der kreativen Nutzung des Impuls Shapers keine Grenzen gesetzt und der Möglichkeiten gibt es viele. Beispielsweise kann ein Signal zunächst im linken Kanal (Dual Band-Modus) nach allen Regeln der Kunst profiliert werden, um es dann mit einem kurzen Patch-Kabel an Kanal Zwei weiterzureichen und dort im EQ-Modus etwas aufzumotzen.

Die obligatorische Messroutine fällt dem heftigen Wintereinbruch in manchen Höhenlagen NRWs zum Opfer in denen der Ressortleiter Messtechnik zum Redaktionsschluss eingeschneit ist. Selbstverständlich reichen wir die Messwerte in der nächsten Ausgabe nach.

Im Hör- und Praxistest nehme ich mir unterschiedliche Einzelsignale vom Gesang über A- und E-Gitarren, E-Bass, Saxophon und natürlich auch Schlagzeug-Signale vor, schrecke aber auch keinesfalls for Subgruppen (Drums) und ganzen Mixen zurück. Zunächst überzeugt das grundlegend hohe Klangniveau des Nvelope, der offen, transparent angenehm edel die ihm anvertrauten Sounds veredelt. Dabei kann er sehr zurückhaltend vorgehen aber auch extrem zupacken, je nachdem was gerade gefragt ist. Bei den Vocals überzeugt mich vor allem die Möglichkeit, die Stimme im Mix, ohne die Lautstärke zu verändern, nach vorne zu bekommen, indem ich den Attack betone. Dabei ist selbstredend der Dual Band-Modus eine wahre Wunderwaffe, da durch die Frequenzauswahl sehr zielgerichtete Eingriffe möglich sind. Schön ist auch, dass im Nachhinein der Hallanteil einer Aufnahme – das funktioniert auch bei den Akustikgitarrenaufnahmen – erhöht oder verringert werden kann, indem das Sustain betont oder abgesenkt wird. Auch wenn bei einfachen Signalen der Full Range-Modus zu sehr guten Ergebnissen führt, möchte ich nach kurzer Zeit keinen Transienten-Designer mehr ohne Dual Band-Modus bedienen. Die Präzision und klangliche Flexibilität  ist äußerst praxisgerecht und führt komfortabel zu optimalen Klangergebnissen. Bei einem Steelstring-Signal lassen sich sehr schön die Anschlaggeräusche herausarbeiten und je nach Geschmack der Nachklang etwas verkürzen – die Gitarre kommt knackiger – oder verlängern, wodurch sie etwas voluminöser und mächtiger erscheint.

Bei E-Gitarren-Singlenotes kommt die Attackierung und sanfte Endsustainisierung besonders frisch und vordergründig, ohne dass sich die Lautstärke wirklich ändert. Das Klangbild wird einfach scharf und setzt sich im Mix hervorragend durch.
Einen E-Bass bekomme ich sehr schön zum knurren, indem ich mir zunächst die Anschlagfrequenz suche. Dafür stelle ich den FreqA-Regler auf +15 und sweepe durch die Frequenzen. Nach erfolgreicher Frequenzfindung regele ich den Attack etwas zurück, bis der Anschlag angenehm frisch erscheint. Dann verfahre ich mit dem Sustain- und FreqB-Regler genauso, um dem Sound noch den passenden Nachhall-Anteil zu verleihen.
Ich glaube, wer einmal seine Drums mit dem Nvelope bearbeitet hat, möchte kaum noch einen anderen Dynamic-Prozessor verwenden. Bei Einzelsignalen (Snare, Bass-Drum oder Toms) sind die möglichen Klangvariationen fast unbegrenzt. Von der ultraknackigen Snare bis zur fetten Bass-Drum ist eigentlich alles drin, was man sich wünscht. Kesselt das Tom zu sehr, nehme ich etwas Sustain heraus und verleihe ihm noch ein bisschen mehr Attack – schon kommt es trocken und direkt. Aber auch auf Submixen macht  sich der Nvelope ausgezeichnet. Ich schalte ihn in den Stereo-Link-Modus und probiere ihn an ein paar Drum-Tracks aus. Zunächst im Full-Range-Modus bekomme ich schon sehr gute Ergebnisse hin, wobei mir auffällt, dass gerade bei der Sustain-Betonung Vorsicht geboten ist. Bei Werten über 8.0 kommt es schnell mal zu heftigen Artefakten und Verzerrungen, die teilweise sogar ganz interessant klingen, aber im Grund nicht wirklich gewollt sind. Wie war das noch mit der Auto-Gain? Ich drücke den Button und unmittelbar kommt das bearbeitete Signal sauber und ohne Trash-Charakter. Sehr hilfreich ist auch der FreqA-Regler im Full-Range-Modus, der gerade bei starkem Bass-Drum-Einsatz hilft, den Fokus der Bearbeitung mehr auf die Snare zu lenken. Noch besser und vor allem flexibler wird es dann aber wieder im Dual Band Modus, der präzises Eingreifen ermöglicht, um eine Drumaufnahme so richtig in die Spur zu bekommen.
Einen fertigen Live-Mitschnitt bekommt der Nvelope auch noch zwischen die Regler. Besonders für leichte Änderungen im Klangbild gefällt mir der Full-Range-Modus sehr gut. Beispielsweise eine Anpassung des Raumanteils durch Verlängerung des Sustains oder leichte Schärfung des Gesamtklangbildes. Soll beispielsweise die Stimme oder der Bass etwas mehr in den Vordergrund gerückt werden, lässt sich eine passende Frequenz anwählen und profilieren. Das geht natürlich nur in Maßen, lässt aber durchaus interessanten Gestaltungsspielraum beim Mastering.

Am Ende des Tests hätte ich beim Herumschrauben fast den EQ-Modus vergessen. Das wäre ein großer Fehler gewesen, wie sich herausstellt. Der EQ klingt tierisch gut und bringt jedes angebotene Signal auf eine höhere Stufe. Ein Mix klingt plötzlich kompakter und direkter, nur weil ich Höhen (15 Kilohertz) und Bässe (200 Hertz) ein wenig angehoben habe. Ich kann es erst kaum glauben, aber der EQ-Modus ist mit Sicherheit kein Nebenprodukt, sondern ein sehr gut klingendes Zusatzfeature. Besonders wenn ich zunächst ein Gitarrensignal im ersten Kanal im Dual Band-Modus bearbeite und das Ergebnis dann zusätzlich im zweiten Kanal mit dem EQ verfeinere. Das ist weit mehr, als mit einem herkömmlichen Impulse Shaper machbar ist. Vor allem klingt es mit dem Nvelope absolut erstklassig.

Fazit

Mit dem Nvelope ist Elysias Mission geglückt, die Zunft der Impulse Shaper auf die nächste Stufe zu katapultieren. Grund dafür sind nicht nur der transparente und edle Grundsound, die Auto-Gain-Funktion, der mehr als clevere Dual Band-Modus sowie der Zweiband Shelving-EQ, der mir persönlich sehr ans Herz gewachsen ist.

Erschienen in Ausgabe 01/2013

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1177 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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