Vollfetter Sound

Wenn die Strat mal so richtig fett und funky klingen soll, dürfen Sie schon mal einige üppige Soundpfunde auf den schlanken Leib packen. Der Fat Funker hilft mit einigen Kalorienbomben beim Aufspecken. 

Von Harald Wittig  

Hinter dem feuerwehrroten Pre-amp mit dem viel versprechenden Namen steht der britische Hersteller TL Audio, bekannt für seine hochwertigen analogen Studiogeräte. Die Briten setzen auch im Digital-Zeitalter konsequent auf puristische Röhrenschaltung und verwirklichen damit ihre ganz eigene Klangphilosophie (siehe auch die Tests TL Audio PA-1 und TL-Audio M 4 in Ausgabe 6/2006). Mit der Marke „Fatman“ wollen die Röhrenspezialisten vor allem junge Musiker ansprechen, die auf den Klang von Glaskolben nicht verzichten wollen, für die TL Audio-Geräte aber noch unerschwinglich sind. Zusammen mit dem brandneuen DJ-Mixer Fat Fiddler ergänzt der Fat Funker die Produktlinie. Konzipiert ist er als einkanaliger Instrumenten Vorverstärker in erster Linie für (E-)Gitarren. Allerdings ist er ganz auf Cleansounds eingestellt: Wer High-Gain-Distortion oder auch nur Crunch-Sounds braucht, muss sich anderswo umsehen.

Die Frontseite des gut verarbeiteten Gehäuses aus Stahlblech mit seinem zahlreichen Reglern und dem TL Audio-typischen VU-Meter verrät schon, dass der Dicke einiges an Ausstattung mitschleppt. Natürlich ist ein Kompressor dabei – für knallharte Funk-Riffs ist der unverzichtbar. Auch ein Equalizer zur individuellen Klangformung fehlt nicht: Er hat vier Frequenzbänder mit jeweils vier einzeln anwählbaren Frequenzbereichen, die über einen eigenen Drehregler im Bereich von -12 bis +12 Dezibel eingestellt werden können. Ein von der Equalizer-Sektion unabhängiges Hochpassfilter, das ab einer Einsatzfrequenz von 90 Hertz arbeitet ist direkt hinter der Verstärker-Vorstufe angeordnet. Auf der Front ist natürlich die Klinkenbuchse zum Anschluss der Gitarre angebracht. Auf der rechten Seite gibt es einen Drehschalter, über den der Eingang auf die Signalquelle angepasst werden kann – Line, Instrument und Mikrofon. Der Fat Funker ist also nicht auf den Anschluss von E-Gitarren beschränkt: Ebenso können beispielsweise Keyboards oder Mikrofone – dank Phantomspeisung auch Kondensatormikrofone angeschlossen werden. Die passenden Eingänge (XLR und unsymmetrische Klinke) sind auf der Rückseite angebracht. Der Dicke kann also auch für die Kombination Akustikgitarre/Mikrofon und wenn es sein muss sogar für Gesangsaufnahmen verwendet werden.
Auf der Rückseite finden sich die Ausgänge (ebenfalls XLR und unsymmetrische Klinke) und ein Druckschalter für die Eingangsempfindlichkeit (-10 bis +4 dB oder +4 dB bis 18dB): Sollte der Fat Funker zur nachträglichen Signalverarbeitung eingesetzt werden, können so auch Signale mit hohem Pegel, zum Beispiel von Digital-Recordern verarbeitet werden. Zur Bearbeitung von Stereosignalen können über den so genannten „Link“-Schalter auf der rechten Vorderseite zwei Fat Funker miteinander verbunden beziehungsweise „verlinkt“ werden.
Schließlich fehlt auch ein so genannter Sidechain Insert Point nicht: Hier kann ein externes Effektgerät, beispielsweise Hall, Delay, Chorus oder auch ein zusätzlicher Equalizer eingeschleift werden, der speziell bei Gesangsaufnahmen die Funktion eines De-essers übernehmen könnte. Trotz dieses dicken Ausstattungspakets gilt aber: Der Fat Funker ist zwar ausgestattet wie ein Mono Channel Strip, soll aber doch in erster Linie die E-Gitarren-Fraktion ansprechen, insoweit ist auch das Fehlen eines De-essers und eines Phasenumkehrschalters nur konsequent.

Der Fat Funker arbeitet wie seine Fatman-Geschwister mit einem hybriden Schaltungskonzept: Das Eingangsignal durchläuft zunächst eine Transistor-Stufe, danach eine Röhren-Vorstufe. Insgesamt drei selektierte russische Sovtek 12AX7-Triodenröhren sollen für den warmen Sound, der allgemein der Röhre zugesprochen wird, sorgen. Die Röhrenstufe wird mit 150 Volt betrieben, was gegenüber niedrigeren Betriebsspannungen theoretisch für einen besseren Rauschabstand sorgt.

Im Gegensatz zu ähnlich aufgebauten Vorverstärkern, kann die Röhrenstufe nicht aus dem Signalweg genommen werden: TL Audio bleibt auch beim Fat Funker konsequent, die Glaskolben sind unverzichtbarer Bestandteil bei der Verwirklichung der eigenen Klangphilosophie. Dieses setzt sich auch beim Equalizer fort, denn jedes Filter hat eine Trioden-Röhren-Stufe. So soll auch der Equalizer den Klang der Vorstufe mit zusätzlicher Röhrensättigung andicken können. Auf Wunsch kann der Equalizer auch über den „EQ PRE“-Schalter im Singnalweg vor den Kompressor geschaltet werden, was zusätzliche Klangoptionen ermöglicht.
Der Kompressor basiert auf einem so genannten Transkonduktanz Verstärker im Gegensatz zu den üblichen, klassischen VCAs (Voltage Controlled Amplifiers/Spannungsverstärkern). VCAs sind bei Kompressoren und Limitern durchaus Standard und vergleichsweise preiswert, wohingegen die spezielle Verstärker-Einheit des Fat Funkers teuerer und aufwändiger ist. Ob er dem Kompressor zu dem versprochenen besonders weichen und offenen Klang verhilft, wird der Praxistest zeigen.
Das gut ablesbare und zuverlässige VU-Meter kann je nach Vorwahl sowohl zum Einpegeln des Eingangssignals, zur Regelung des Kompressor-Levels über „Gain Make-Up“ und zur Einstellung des richtigen Ausgangspegels genutzt werden. Je nachdem, wie weit der Eingangsregler nach rechts gedreht wird, leuchten zwei LEDs auf: Das mit „Drive“ beschriftete Lämpchen informiert dabei über den Verzerrungsgrad der Vorstufenröhre, während „Peak“ bestenfalls gar nicht oder wenigstens nur bei kurzen Hochtonimpulsen, so genannten Transienten, aufleuchten sollte. Leuchtet „Peak“ konstant, stehen noch höchstens 5 dB Austeuerungs-Reserven zur Verfügung, also Vorsicht, denn jetzt besteht die Gefahr von hässlichen Verzerrungen.

Der Fat Funker soll und darf klingen, deswegen sind die ermittelten Messwerte nicht absolut zu betrachten. Natürlich liegt der Klirrfaktor mit 0,4 % deutlich über dem eines True System P2analog (siehe Test auf Seite 86)- hier macht sich die Röhren-Vorstufe bemerkbar. Nur: Der Fat Funker soll überhaupt nicht neutral und absolut sauber klingen. So gesehen ist er nämlich ebenfalls ein Musikinstrument, das dem Primärton der Gitarre zusätzliche Farben verleihen soll. In diesem Licht ist auch der Frequenzgang zu sehen: Der Abfall der Kurve ab 20 Kilohertz und 70 Hertz lässt auf ein spezielles Sounddesign der Briten schließen: Der Fat Man ist ein Gitarren-Pre-Amp und kein Mikrofon-Vorverstärker ist, denn dieser Kurvenverlauf ist charakteristisch für den Lautsprecher eines Gitarrenverstärker, bei dem Höhen und untere Mitten naturgemäß unterrepräsentiert sind. Dass er ein echtes Studiogerät ist, beweist er bei der Gleichtaktunterdrückung: Die Werte bleiben nahezu konstant von 20 Kilohertz bis hinunter zu 20 Hertz unter -70 Dezibel, womit gewährleistet ist, dass Störgeräusche wie Brummeinstreuungen von Dimmern oder Trafos nicht zu befürchten sind. Auch die Fremd- und Geräuschspannungsabstände sind gut und können mit den Werten von Transistor-Geräten mithalten und kommen denen des TL Audio PA-1 Mikrofon-Vorverstärkers sehr nahe. Die Kompressorkennlinie offenbart eine sehr sanft und gleichmäßig einsetzende Kompression, die erst ab -25 Dezibel steil abfällt. Insgesamt verheißen die Messwerte einiges für den Praxistest.

Was liegt näher, als eine Strat in den Fat Funker einzustöpseln? Folgerichtig nehmen wir mehrere Spuren mit einer American Standard, Baujahr 1995, auf, wobei die Gitarre stets voll aufgedreht bleibt und nur der Halstonabnehmer aktiviert ist.
Zunächst wird eine kurze Ballade im Curtis Mayfield-Stil eingespielt, wobei sowohl Kompressor als auch Equalizer auf Bypass stehen. Beim Einpegeln achten wir ganz bewusst darauf, dass die „Drive„-LED konstant leuchtet – immerhin wollen wir hören, was die Sovteks dem Grundsound hinzuaddieren. Tatsächlich klingt das Stück warm und voll, bereichert um dezente harmonische Verzerrungen der Röhren, die den Ohren schmeichelt. Der Fat Funker färbt, aber er verfälscht nicht die Charakteristik des Instruments – genau das soll ein guter Gitarren-Pre-Amp tun. Beim Teststück wird die Melodie auch mit künstlichen Flageoletts gespielt.

Das bedingt erhebliche Dynamik- und Lautstärke-Schwankungen, also ein Fall für den Kompressor. Der wird auf „Soft-Knee“ gestellt, damit die Kompression besonders weich und unauffällig einsetzt – alles andere wäre für das Stück unpassend. Der Kompressor glättet die Dynamikunterschiede musikalisch, dabei ist sein Klang groß und warm und nie künstlich oder steril. Insoweit bestätigen sich die Messergebnisse: Ein richtig guter Kompressor also – was nebenbei erwähnt auch für das einfache Noisegate gilt: Auch wenn es nur möglich ist, den Schwellenwert einzustellen, arbeitet es im besten Sinne unauffällig. Auch über Kopfhörer lässt sich nicht sagen, ob es zugeschaltet ist oder ob der „Treshhold-Regler“ auf „Off“ steht, es unterdrückt wirkungsvoll die Nebengeräusche in Spielpausen, ohne abrupt den Klang abzuschneiden.
Damit der Fat Funker seinem Namen Ehre machen kann, wird jetzt eine typische Funk-Akkordsequenz regelrecht eingedroschen: Der Pre-Amp reagiert dynamisch auf die Spielweise, der Klang wird richtig fett und erinnert an den Sound von Funk-Großmeister Nile Rodgers – ohne dass es nötig ist, extra-dicke Saiten aufzuziehen. Damit es ordentlich knallt steht der Kompressor jetzt natürlich auf „Hard Knee“, Ratio, Attack und Release sind entsprechend angepasst. Das ist Funk, wie er sein soll: Akkorde und eingestreute Single-Note-Licks springen aus den Lautsprechern, dabei bleibt der Eindruck einer gewissen vintage-mäßigen Wärme. Der Fat Funker liefert also mit wenig Einstellarbeit schöne, authentische Klänge, die vergessen lassen, dass hier kein Gitarren-Vollverstärker für den Sound sorgt.
Der Equalizer darf sich bei der Verwirklichung eines besonderen Sound-Konzepts bewähren. Aufgabe ist es, der Strat den Ton einer dicken Jazz-Gitarre zu verleihen. Unmöglich? Keineswegs. Versuchen Sie selbst folgende Einstellung:
Band 1 auf 500 Hertz, der Regler steht auf zwei Uhr
–     Band 2 auf ein Kilohertz, Regler auf zehn Uhr
Band 3 auf drei Kilohertz, Regler ebenfalls auf zehn Uhr und schließlich
Band 4 auf 8 Kilohertz, Regler steht auf neun Uhr.
Der Ton ist jetzt wesentlich mittenbetonter und runder, besitzt dabei aber immer noch die Durchsichtigkeit des Einspulers – fast klingt es ein wenig nach George Benson, wenn der Balladen mit dem Daumen spielt. Dabei spricht es sehr für den Fat Funker, dass es nicht nach dumpfem, undynamischen „Handschuh-Ton“, sondern wunschgemäß warm und rund klingt.

Fazit

Der Fat Funker ist ein überzeugender, sehr lebendiger Vorverstärker, der gerade Funk-, Soul- und auch Jazz-Gitarristen Spaß macht. Seine Domäne sind schöne, satte, durchsetzungsfähige Cleansounds mit Vintage-Charakter. Er empfiehlt sich damit vor allem für Musiker, die auf einen Gitarrenamp bei Aufnahmen verzichten und troztdem Wert auf authentische Sounds legen

Erschienen in Ausgabe 09/2006

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 879 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: gut

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