Chinesische Kapsel-Armada

sE Electronics kündigt mit dem RN17 ein neues Kleinmembran-Kondensatormikrofon der Rupert Neve-Serie an. Professional audio hat bereits vor offizieller Produkteinführung ein Stereo-Set auf Her(t)z und Nieren getestet.   

Von Michael Nötges 

Siwei Zou ist eigentlich klassischer Musiker, Komponist und Dirigent. Inspiriert durch sein zusätzliches Studium der Aufnahmetechnik an der California Sonoma State University, gründet der Schöngeist 2000 kurzer Hand die chinesische Mikrofonmanufaktur sE Electronics, um hochwertige, handgemachte Schallwandler feilzubieten. Auf sein Konto gehen seither Groß- und Kleinmembran-Kondensatormikrofone wie das sE 220, sE1A oder sE4. Aber auch vor der Entwicklung von Bändchenmikrofonen wie dem Voodoo VR1/VR2 (Test in Ausgabe 3/2011), oder dem R-1 Ribbon (Test in Ausgabe 2/2007) schreckt Zou nicht zurück und hat auch keine Berührungsängste Röhrenmikrofone à la Gemini und Gemini III zu produzieren (Tests in Ausgabe 11/2006 und 7/2010). Dabei haben die Tests gezeigt, dass sE Electronics ein Beispiel für chinesische Innovation und Qualität ist, womit das Unternehmen das gebeutelte Image des unter Generalverdacht stehenden Landes, sich bloß im Kopieren von Markenprodukten zu betätigen, positiv aufgehellt hat.  Ein Imageproblem hat Mr. Rupert Neve hingegen nicht. Sein Name steht seit Jahrzehnten für Qualität und analoge Schaltkreise mit exzellentem Sound. Aber der Senior scheint nicht müde zu sein und erschließt sich auf seine alten Tage durch die Zusammenarbeit mit sE Electronics ein neues Wirkungsfeld: Das Entwickeln von Übertrager-Designs für Kondensatormikrofone. Bereits der Schaft des Bändchenmikrofons RNR-1 (Test in Ausgabe 6/2009) zierte das geschwungene Ruper Neve-Signet und jetzt ist sein guter Name auch in das brandneue Stäbchen-Gehäuse des RN17 graviert. „Den Übertrager des neuen RN17 hat Rupert Neve entworfen, der von seiner Firma Rupert Neve Designs gefertigt und für jedes Mikrofon einzeln kalibriert wird“, erklärt uns James Ishmaev-Young vom internationalen Vertrieb MD Sonic Distribution in England. Er sei handgewickelt und das Design verschaffe dem Klang insgesamt mehr Headroom, so dass am Ende ein transparenter Klang mit seidenem Anstrich entstehe.

Das RN17 ist ein sogenanntes Pencil Condenser Microphone mit modularem Kapselkonzept. Zum Einsatz kommen goldbeschichtete 17-Millimeter-Mylarkapseln, welche einen internen Durchmesser von gerade einmal 15 Millimetern aufweisen. Dadurch, so Ishmaev-Young, soll sich das Ansprechverhalten hoher Frequenzen verbessern, ohne Abstriche beim Bass machen zu müssen. Ab Juni 2011 ist zunächst das RN17 mit Nierencharakteristik lieferbar, das rund 1.290 Euro kosten wird. „Das Stereo-Pärchen wird voraussichtlich unter einem Verkaufspreis von 2.500 Euro bleiben, wobei der genaue Endpreis noch nicht feststeht“, erklärt Ishmaev-Young und ergänzt: „Ab Juli sind dann auch die optionalen Kapseln lieferbar, deren Preis zwischen 300 bis 500 Euro pro Stück liegen wird.“ Zur Auswahl stehen dann alternativ zur standardmäßigen Nierenbestückung die Charakteristiken Superniere, Niere mit Hochpassfilter, Kugel und Acht. Die ersten Serienmodelle gibt es bereits und Professional audio hat einen Rundum-Sorglos-Koffer (Stereo-Set mit allen Kapseln) zur Verfügung gestellt bekommen, um jetzt schon zu testen, was bald erhältlich sein wird.   Gefüllt ist er mit einer edlen Holz-Schatulle, in der sich zwei Mikrofonschäfte finden, die ihrerseits in edlen Samtsocken vor Staub geschützt sind. Außerdem mit von der Partie sind je fünf Kapseln, die in elegant wirkenden, verschraubbaren Messingdöschen sicher verstaut sind. Außerdem beinhaltet der Koffer noch zwei aufwändig konstruierte Spinnen, um die Mikrofone optimal platzieren zu können.  Der rund 20 Zentimeter lange Body der Mikrofone besteht aus Messing, welcher mit einer mattschwarz gummierten Beschichtung versehen ist. Das ist nicht nur besonders griffig und vermeidet Fingerabdrücke, sondern macht das RN17 auch im Scheinwerferlicht auf der Bühne zu einem unauffälligen Schallwandler. Der schlanke Schaft des Stäbchens misst 18 Millimeter im Durchmesser, die rundliche Verdickung am Ende rund 35 Millimeter. Sie enthält den mächtigen Rupert Neve-Transformator. Ein aktivierbares Trittschallfilter sucht man indes vergebens. Eine Seite dieses zunächst etwas sperrigen Auswuchses ist auffälligerweise abgeflacht. Dadurch lassen sich zwei RN17 in einer Spinne bei Stereo-Mikrofonierungen sehr nah aneinander positionieren.

Apropos Spinne: Sie besteht aus drei sauber verarbeiteten, schwarz beschichteten Metallteilen. Auf einer Schiene sind zwei kreisförmige Halterungen installiert, die sich entlang der Schiene verschieben und anschließend arretieren lassen. Innerhalb der Halterungen sind jeweils zwei Gummibänder über Kreuz eingespannt, die den Mikrofonschaft in der Mitte am Kreuzungspunkt sicher lagern. Dank der justierbaren Halterungen lassen sich die Mikrofone flexibel und komfortabel ausrichten. Der Winkel der gesamten Spinnenkonstruktion lässt sich stufenlos über die Flügelmutter am Spinnengelenk einstellen. Sehr schön: Wenn die Flügelmutter angezogen ist, bleibt die eingestellte Neigung bombenfest fixiert und kann nicht mit der Zeit absacken. Das ist auch gut so, denn die RN17 bringen aufgrund des großen Übertragers stolze 250 Gramm auf die Waage und wiegen damit rund doppelt so viel wie die meisten Konkurrenten (siehe Vergleichstests in Ausgabe 5 und 12/2005 sowie 9/2009).   Die mitgelieferten Nierenkapseln sind äußerlich identisch und werden von vorne besprochen. Die Schlitze an der Seite sind typisch für Druckgradientenempfänger, da der Schall bei diesem Prinzip beide Membranseiten erreichen muss. Auf der Rückseite kommt er durch ein akustisches Laufzeitglied verzögert an. Die Membran folgt also nicht dem absoluten Schalldruck wie ein Druckempfänger, sondern dem Druckgradienten, also der aus dem akustischen Umweg resultierenden Druckdifferenz. Je nach Gestaltung des Laufzeitglieds lassen sich Charakteristiken von der Acht bis zur Niere erzeugen. sE Electronics hat so neben der klassischen Niere noch eine Superniere und eine sogenannte „Sprachniere“ im Kapsel-Portfolio. Letztere verfügt über eine Bassabsenkung unterhalb 300 Hertz. Hintergrund: Durch den Nahbesprechungseffekt bei Druckgradientenempfängern entsteht eine Bassanhebung, wenn sich das Mikrofon sehr nah an der Schallquelle befindet. Das kann aus klang-ästhetischen Gründen gewollt sein, führt aber zu einer unnatürlichen Überbetonung tiefer Frequenzen. Bei Sprachaufnahmen ist oft ein sehr direkter Klang gefragt, wofür sich der Sprecher im Abstand von rund 15 Zentimetern zum Mikrofon befinden sollte. Die Bassabsenkung der „Sprachniere“ dient dazu, die Bassbetonung zu kompensieren und einen ebenen Frequenzgang zu bekommen.  Während die Kugel als Druckempfänger mit geschlossener Kapsel standesgemäß keine Schlitze besitzt und wie die Nieren von vorne besprochen wird, ist die an Bord befindliche Achter-Kapsel von etwas anderer Statur als seine vier Geschwister. Sie ist rund 18 Millimeter länger und wird von der Seite besprochen. Die Membranstellung ist durch das dünne Korbgeflecht deutlich zu erkennen, außerdem verrät das eingravierte Achtersymbol die richtige Einsprechrichtung.

Im Messlabor von Professional audio zeigen sich alle Kapseln in Bezug auf den Geräuschpegelabstand in mehr als guter Form, wobei die Kugel mit 74,2 Dezibel den höchsten, die Sprachniere mit 66,5 Dezibel den niedrigsten Wert liefert. Zum Vergleich: Referenz-Druckempfänger wie das Schoeps MK 2 H/CMC 6Ug, Sennheiser MKH 800 P48 oder das DPA 4006-TL (Vergleichstest in Ausgabe 12/2006) weisen nur wenig bessere Werte auf (80,3/79,0/80,2 Dezibel). Die Geräuschpegelabstände der Druckgradientenempfänger sind etwas geringer, liegen aber immer noch oberhalb 65 Dezibel.  Die Empfindlichkeit der Kapseln ist hingegen sehr gering und für Kondensatormikrofone eher ungewöhnlich. Die Kugel schafft es noch auf 7,1 mV/Pa aber die Acht liegt mit 2,3 mV/Pa auf dem Niveau von dynamischen Mikrofonen. Ergo braucht das RN17 Preamps mit genügend Verstärkungsreserven, um auch leise Schallquellen mit Optimalpegel aufnehmen zu können. Der klare Vorteil ist im Gegenzug, dass sehr laute Schallquellen und nahe Mikrofonierungen für das RN17 kein Problem sind.   Für den Hör- und Praxistest von Professional audio haben wir glücklicherweise den Europa 1 von Dave Hill Designs (Test, Ausgabe 5/2011) zur Hand, der mit einer Eingangsempfindlichkeit von -65,5 Dezibel zu den sehr gut bestückten Preamps gehört. Zunächst nehmen wir mit allen Kapseln eine Konzertgitarre und dann Sprache auf, lassen es uns aber auch nicht nehmen einen Gitarren-Amp abzunehmen.  Die Auflösung des RN17 ist grundsätzlich sehr gut und das ebenso gute Impulsverhalten setzt die Transienten geschmackvoll in Szene. Dabei ist eine kaum merkliche Glättung zu hören, die den Klang sanft überzieht, ohne dabei unnatürlich zu klingen. Gleichsam kommt das Klangbild insgesamt druckvoll, sehr kompakt und bildet Sprache und Gitarre präzise und plastisch ab. Bei der Niere ist der Sound am offensten und ausgewogensten. Die leichte Anhebung bei neun Kilohertz macht sich besonders bei den Gitarrenaufnahmen angenehm bemerkbar, da Anschlagsgeräusche subtil betont werden. Die Superniere klingt etwas zurückhaltender und schlanker als die Niere, liefert dafür aber eine Portion angenehmen Raumanteil. Ansonsten unterscheidet sie sich klanglich kaum. Die „Sprachniere“ hält was sie verspricht: Klanglich der Niere gleich, wenn aus nächster Nähe aufgenommen wird, wirkt sie allerdings bei Mikrofonierungen aus größerer Entfernung zurückhaltend und schlank. Damit ähnelt sie klanglich der Superniere, wobei natürlich rückwärtiger Schall nicht in die Kapsel kommt.  Die Acht zeichnet sich durch kräftige, präzise Bässe, zurückhaltende untere Mitten und eine leichte Höhenpräsenz aus. Allerdings fehlt ihr die klare Offenheit der Niere. Sie hat ihren eigenen Charakter und empfiehlt sich als perfektes Seitenmikrofon bei M/S-Mikrofonierung. Vor einem Gitarrenverstärker macht sie ebenfalls eine sehr gute Figur. Rhythmus-Gitarren-Parts kommen satt und bekommen einen angenehm runden Ton, wobei die Höhen angenehm entschärft und veredelt wirken. Der rückwärtig eingefangene Schall ergänzt das eingefangene Signal außerdem mit einem angenehmen und natürlichen Raumanteil.  Wir nehmen die Konzertgitarre aber auch in unterschiedlichen Stereoverfahren (ORTF, X/Y, A/B, Blumlein) auf, was durch den unkomplizierten Kapselwechsel im Handumdrehen geschehen ist. Das Ergebnis des Blumlein-Verfahrens (zwei um 90 Grad gekreuzte Achtermikrofone) gefällt uns am besten. Es liefert eine sehr plastische Aufnahme, die durch ihre Räumlichkeit, Tiefe und Ausgewogenheit glänzt.  Zuletzt geben wir uns noch die Kugel: Bis auf die zurückhaltenden Höhen, klingt der Druckempfänger eher unauffällig. Die Aufnahmen klingen natürlich, zurückhaltend und wirken lediglich in den Höhen etwas begrenzt. Bei den Gitarrenaufnahmen vermissen wir etwas Offenheit und die Anschlagsgeräusche sind deutlich weniger zu hören als bei der Niere. Dafür überzeugt uns die präzise Wiedergabe und die kompakte Kraft der unteren Mitten.  

Fazit 

Das RN17 von sE Electronics ist für ein Kondensatormikrofon ungewöhnlich unempfindlich, bevorzugt also laute Schallquellen, nahe Mikrofonierungen und hochwertige Preamps. Der Grundklang ist fein aufgelöst, präzise und versprüht einen subtilen britischen Charme. Im Stereoset mit der Kapselvollausstattung sind komfortabel alle Möglichkeiten der professionellen Mikrofonierung auf hohem klanglichem Niveau gegeben. 

Erschienen in Ausgabe 06/2011

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 2500 € – 5000 €
Bewertung: gut
Preis/Leistung: gut – sehr gut

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