Die Box macht ´s

Gitarristen auf der Suche nach dem goldenen Ton sollten sich Cabinet, das neue und Plug-in von Audio Ease, gönnen, denn es verkürzt die Sufür wenig Geld die Suche. 

Von Harald Wittig

Nicht umsonst bezeichnet der Hersteller Cabinet als „die ungültig letzte Stufe für den Gitarrenton.“ Das Plug-in ist ein Derivat von Speakerphone 2, enthält deswegen eine Auswahl von fünf Gitarren-Lautsprechern, die es auch im Atmo-Plug-in gibt, zuzüglich einiger spezifischer Ausstattungsdetails, welche die praktische Arbeit mit Cabinet kinderleicht machen. Wer Speakerphone 2 bereits hat, braucht Cabinet nicht, es sei denn, er legt gesonderten Wert auf eine noch einfachere Bedienung. Wer dagegen in den Genuss der hervorragend gesampelten Original-Boxen kommen möchte, sich das rund 470 Euro teure Atmo-Plug-in aber nicht leisten kann und dessen Funktionsumfang selten bis nie braucht, muss nicht viel Geld anlegen: Cabinet ist für gerade mal knapp 60 Euro zu haben, eine 30-tägige Testversion ist unter www.audioease.com/Pages/Cabinet/cabinet_download.html herunterladbar.
Das Herzstück des Plug-ins sind die fünf virtuellen Gitarrenboxen, die, wie es sich für Audio
Ease gehört, auf Impulsantworten, also auf echten Samples basieren. Dabei sind ein Marshall SLP Jimi Hendrix MKII, ein Fender Hot Rod Deville, ein Vox 100-Stack, ein Orange-Combo und – für alle, die es zeitgemäßer und heavier wollen – ein Mesa Triple Rectifier. Wichtig: Es handelt sich jeweils nur um die Lautsprecher, komplette Verstärker enthält Cabinet nicht. Folglich muss das E-Gitarrensignal bereits klanglich aufbereitet sein. Entweder beispielsweise via Hardware-Preamp oder eine Amp-Simulation. Überzeugte Software-Nutzer, die zum Beispiel Guitar Rig 4 Pro oder Amplitube 3 (beide Editors Choice 2010, siehe Ausgabe 1/2011) einsetzen, könnten Cabinet zusätzlich zur klanglichen Abrundung der Amp-Simulation nachschalten, wobei dann in der Regel die virtuellen Boxen/Lautsprecher aus dem Signalweg der Komplett-Lösungen zu nehmen ist. Das muss aber gar nicht sein, denn der Klang lässt sich mit Cabinet auch zusammen mit vollständigen Rigs formen. Auch DI-Signale, vorzugsweise von E-Bässen, lassen sich mittels Cabinet klanglich anreichern.
Nachdem die Auswahl aus dem Boxen-Kabinett getroffen ist, lässt sich der Klang fein abstimmen. Dazu dient das Reglerfeld unten in der Bedienoberfläche (siehe Screenshot auf dieser Seite). Der linke Regler dient zur Wahl und/oder Zusammenmischen der Signale der beiden virtuellen Abnahme-Mikrofone: Mic 1 (rechts) ist ein dynamisches Mikrofon, klingt daher etwas dumpfer und mittiger, während Mic 2 (rechts) als Kondensatormikrofon einen höhenreicheren und klareren Klang liefert. Der Abstand der Mikrofone ist stufenlos über den „Narrow/Wide“-Drehregler nach Gusto abzustimmen, wer noch ein zusätzliches Bass-Pfund braucht, dreht um „Bass“-Regler. Das mittig angeordnete, virtuelle VU-Meter informiert präzise und unter Logic 9 im Verbund mit  einem MacBook Pro mit 2,66 GHz Intel Dual Core-Prozessor praktisch in Echtzeit über den aktuellen Pegel. Allerdings hat Cabinet keine Regler für Ein- und Ausgangspegel. Deswegen muss die Anpassung entweder über den Kanalfader oder den Master-Volumen-Regler des vorgeschalteten Amp-Plug-ins erfolgen. Das ist grundsätzlich einfach, kann aber im Einzelfall ein wenig Fingerspitzengefühl und genaues Hinhören erfordern. Sehr schön: Cabinet liefert auch klanglich überzeugend die typische „Pappenzerre“ eines übersteuerten Lautsprechers mit.

Ebenfalls sehr gut klingt der virtuelle „Spring Reverb“, also Federhall, der gerade für Fender-mäßige Sounds eine willkommene Ergänzung ist. Spring Reverb ist ein Faltungshall, die zugrundeliegende Impulsantwort stammt von einem röhrengetriebenen Federhall, der Klang ist, wie bei Audio Ease zu erwarten, ausgezeichnet und authentisch. Gleichzeitig verhält sich Spring Reverb erfreulich Ressourcen-schonend – dennoch sollte der Hostrechner die empfohlenen Voraussetzungen (siehe Steckbrief) erfüllen. Dass „Room Mic“ den Anteil eines Raummikrofons regelt, liegt auf der Hand und auch insoweit bleibt es dem Anwender überlassen, ob er diese zusätzliche Klangfarbe haben möchte. Wichtiger, weil ein wesentliches Element für den Cabinet-Sound: Die Boxen beziehungsweise Combos stehen in einem virtuellen, selbstverständlich ebenfalls gesampelten Aufnahmeraum, der den Klang mit dezenter Lebendigkeit unterstützt. In gewissen Grenzen lässt sich auch der Raumklang an den eigenen Geschmack anpassen, denn der letzte Regel, „Damp“ genannt, sorgt – Nomen est Omen – für eine mehr oder weniger starke Bedämpfung.
Klanglich lassen sich bei Cabinet keinerlei Schwächen entdecken, wegen der sehr guten Klang-Basis der fünf Boxen ist, je nach Eingangssignal, praktisch jeder Sound von jazzig-warm bis hin zu bassig-brutal möglich. Am klanglich Vielseitigsten erweist sich aber die virtuelle Marshall-Box, die sogar mit einer akustischen Nylonsaiten-Gitarre interessante Avantgarde-Klänge für experimentelle Zupfer liefert. Übrigens sollten auch passionierte Klangschrauber, die weniger mit Gitarre im Engeren am Hut haben, Cabinet ausprobieren und beispielsweise mit Synthies oder Stimmen kombinieren. Die Ergebnisse können sich nämlich hören lassen. Damit Sie selbst einen ersten Klangeindruck von Cabinet  bekommen, gibt es begleitend zwei Klangbeispiele in der Soundbank zum freien Download. Ansonsten gilt: Demo-Version runterladen, in Ruhe testen und in den Plug-in-Fundus übernehmen.       

Erschienen in Ausgabe 02/2011

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 59 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut – überragend

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