Auf der Suche nach dem analogen Gral

Dynamik Plug-ins gibt es mittlerweile in allen Formen, Farben und Geschmacksrichtungen. Wenn aber ein Software-Hersteller verspricht ein Kompressor-Plug-in-Bundle mit wahrhaft analogem Klang zu entwickeln, lässt das trotzdem immer noch aufhorchen, wie im vorliegenden Fall bei der CL Serie des Herstellers Artsacoustic. Ob die darin enthaltenen Plug-ins dem analogen Klang-Ideal gerecht werden und was sie im Stande sind zu leisten, klärt der wie immer detaillierte Test. 

Von Tom O’Connell

Dynamik Plug-ins gibt es mittlerweile in allen Formen, Farben und Geschmacksrichtungen. Wenn aber ein Software-Hersteller verspricht ein Kompressor-Plug-in-Bundle mit wahrhaft analogem Klang zu entwickeln, lässt das trotzdem immer noch aufhorchen, wie im vorliegenden Fall bei der CL Serie des Herstellers Artsacoustic. Ob die darin enthaltenen Plug-ins dem analogen Klang-Ideal gerecht werden und was sie im Stande sind zu leisten, klärt der wie immer detaillierte Test. 

Dynamik-Prozessoren mit dieser Technik arbeiten bekanntlich ein wenig träger als Geräte mit Halbleitertechnik und zeichnen sich gerade deswegen durch ihr behutsames und homogenes Eingreifen in die Dynamik aus, was bei vielen Anwendern nach wie vor sehr beliebt ist und auch den Artsacoustic-Plug-ins zur Ehre gereichen soll. Besonderheit: Alle drei Plug-ins emulieren überdies eine Röhrensättigung, die über den Input-Regler steuerbar ist und anliegende Signale bei Bedarf mit harmonischen Obertönen anreichert. Die Ausstattung wird erweitert durch in- und externe Sidechains, wobei separat einstellbare Hoch- und Tiefpass-Filter im internen Seitenweg für ein gezieltes Komprimieren von Frequenzbereichen sorgen, ein Dry-/Wet-Regler offeriert überdies die Möglichkeit zur Parallel-Kompression. Damit nicht genug, haben die Entwickler jedem Plug-in einen Brickwall-Limiter spendiert, der direkt hinter der Kompressor-Sektion zum Einsatz kommt und Signale auf einen Maximalpegel von -0,1 dBfs regelt. Alles in allem haben die Entwickler ihre Plug-ins also mit einer immensen Fülle an Funktionen und Features ausgestattet. Jedes Plug-in wartet darüber hinaus mit individuellen Ausstattungsmerkmalen auf, die es für bestimmte Einsatzzwecke prädestiniert. Den Anfang macht der CL-1 Kompressor, der sich primär für Mix-Aufgaben eignet und seit neuestem nicht nur in stereo, sondern jetzt auch in mono arbeitet und die üblichen Standard-Aufgaben eines Dynamik-Prozessors verrichtet. Seine größeren Brüder CLMS-1 und CLMS-1 XL verfügen zusätzlich über eine M/S-Matrix, die ein gezieltes Eingreifen in die Dynamik von Mitten- und Seitenanteilen ermöglichen. Die XL-Variante ist – Nomen est Omen – am opulentesten in Sachen Mitte-Seite ausgestattet. Für moderate 237 Euro erhält man also ein flexibel einsetzbares Software-Bundle, das gleichermaßen gute Dienste beim Abmischen leisten und sich auch für das Mastering eignen soll. Was die CL-Plug-ins wirklich leisten, wie sie klingen und ob sie den hohen Ansprüchen beim Mastern genügen, müssen sie im Test erst noch beweisen. Doch der Reihe nach. Sämtliche Plug-ins der CL Serie unterstützen Samplingraten bis hinauf 196 Kilohertz und Wortbreiten bis 64 Bit. Die Plug-ins bieten allerdings nur VST- und AU-Schnittstellen. Pro Tools Anwender müssen sich also mit einem Zusatz-Programm wie etwa dem VST to RTAS Wrapper von Fxpansion behelfen, um in den Genuss der Artsacoustic-Produkte zu gelangen. Zur Kontrolle des zu bearbeitenden Signals verfügt jedes Plug-in über eine groß dimensionierte und gut ablesbare Pegelanzeige,  die verlässlich Auskunft über die anliegenden Signalstärken gibt. Sehr schön sind die sehr groß dargestellten Drehknöpfe, die ein exaktes Justieren der Parameter selbst im virtuellen Bereich zu einem Vergnügen macht.

Den Test-Reigen eröffnet das CL-1 Plug-in, bei dem wir als erstes, stellvertretend für die beiden anderen Plug-ins des dynamischen Trios, die vom Hersteller versprochene Röhren-Emulation unter die Lupe nehmen. Wichtig: Eine rote Status-LED über dem Input Regler zeigt dem Anwender durch eine unterschiedlich starke Leucht-Intensität an, wann und wie stark die Röhrensättigung einsetzt. Schon bei leichter Drehung des Input Reglers im Uhrzeigersinn fährt das Signal bereits sanft in die Sättigung und wird mit subtil schimmernden Obertönen angereichert. Je weiter wir den Input Regler aufdrehen, desto stärker nehmen diese logischerweise auch zu bis hin zu stark hörbaren Verzerrungen bei Rechtsanschlag. Wohldosiert  eingesetzt, weiß diese Verzerrung trotzdem zu gefallen und überzeugt durch ein angenehmes  Knurren, dass weder harsch noch aufdringlich klingt. Somit bieten die Plug-ins eine willkommene und gut klingende Option zum Färben und Anrauen anliegender Signale, was ihnen überdies Charakter verleiht. In der Dynamikbearbeitung wartet der kleine olivgrüne Soldat, wiederum stellvertretend für das gesamte Bundle, mit ebenfalls beeindruckenden Qualitäten auf. Auch bei heftigem Einsatz des Treshhold wird das anliegende Signal weder matt, noch ist ein Pumpen oder eine Überbetonung zu vernehmen. Das Regelverhalten ist sehr subtil und organisch. Im Test müssen wir Threshold und Ratio schon sehr weit aufdrehen um Regelvorgänge wirklich deutlich hörbar zu machen, eine Qualität,  mit der sich selbst der kleine CL-1 fürs Mastering eignet. Auffälllig: Anders als von Opto-Kompressoren gewohnt, lassen sich in den Artsacoustic Plug-ins sehr kurze Attack Zeiten einstellen. Somit eignen sie sich hervorragend, um auch sehr perkussive Audioereignisse zu zähmen. Doch es geht noch weiter. Nicht alltäglich ist die Möglichkeit der Einstellung negativer Ratio-Werte, die eine zusätzliche kreative Option zur Klang- und Dynamikformung bietet und sozusagen unterhalb des Threshold-Wertes zu einem weiteren Eingrenzen der Dynamik führt. Der Mpressor von Elysia (Test in Heft 11/2007) verfügt über solch ein Feature, das sich messtechnisch durch eine nach unten abknickende, negative Kompressions-Kennlinie zeigt.   Als sehr angenehmes Feature zeigt sich im Test immer wieder die Möglichkeit der Parallelkompression, mitunter auch als NY-Kompression bekannt. Mit dem Dry-/Wet-Regler ist ein präzises Überblenden von Original und Effektsignal möglich. Als sehr gut brauchbar erweisen sich im Test auch die beiden Filter im internen Sidechain. Tieffrequente Anteile, die zu unbeabsichtigter Überkompression des Gesamt-Signals führen, lassen sich bequem aus der Dynamikbearbeitung herausnehmen und dank des Hochpass-Filters kann man präzise Frequenzbereiche einstellen, die besonderer dynamischer Aufmerksamkeit bedürfen, was nicht nur im Mastering gute Dienste leistet.

Die Limiter Sektion ist ebenfalls mit pfiffigen Einstellmöglichkeiten ausgestattet. Über den Attenuation-Regler ist der Wirkungsgrad des Limiters einstellbar, der zusammen mit dem Release-Regler ausreichende Möglichkeiten zum Zähmen allzu hoher Pegel bietet. Wer mag, kann in Extremstellung der Parameter anliegende Signale gehörig vor die Wand fahren, behutsam eingesetzt überzeugt der Limiter durch ein beherztes, jedoch klanglich unauffälliges Eingreifen in den Pegel.    Das Highlight der CL Serie kommt jedoch mit den beiden CLMS-Plug-ins zum Vorschein: Das Bearbeiten von Stereosignalen im M/S-Betrieb. Das Layout der Bedienelemente im CLMS-1 Kompressor ist annähernd identisch zum CL-1. Zusätzlich finden sich jetzt drei Regler, die Einfluss auf Mitten- und Seitenanteile nehmen. So lassen sich noch vor der Komprimierung die Mitten- und Seitenanteile ausbalancieren, die anschließend in die Kompressor-Sektion geführt werden. Wichtig: Das M/S-Signal wird vor der Komprimierung wieder in L/R dekodiert, es erfolgt also keine separate Dynamikbearbeitung von Mitten- und Seitenanteilen. Das ist dem Flaggschiff CLMS-1 XL vorbehalten. Genial ist überdies ein zweiter M/S-Mix-Regler, der im internen Sidechain arbeitet. Mit seiner Hilfe ist es möglich, je nach Stellung, das Steuern der Dynamik-Sektion dem Mitten-, dem Seitensignal oder einer Mischung von beidem zu überlassen. Nächstes Highlight ist ein Side-Pan-Regler, der nach erfolgter Komprimierung das Seitensignal beeinflusst und eine zusätzliche Möglichkeit bietet, das Stereopanorama zu beeinflussen. Der Anwender erhält dadurch die Möglichkeit, sein Signal extrem breit in das Stereopanorama zu ziehen, ohne dass die Stereomitte darunter leidet oder gar verschwindet, was bei einer Stereobasisverbreiterung durchaus passieren kann. Zusätzlicher Vorteil: Diese Bearbeitungsmöglichkeit nimmt wenig Einfluss auf die Monokompatibilität des anliegen Signals. Im Test wenden wir den CLMS-1 auf eine Drumgruppe an, die sich erheblich in der Räumlichkeit verbreitern lässt. Das bearbeitete Signal erklingt anschließend nach wie vor druckvoll, fügt sich aber noch besser im Mix ein. Eine verzerrte Gitarrenspur a là Rammstein drückt schön nach vorne im Mix ohne übermäßig aufdringlich zu „sägen“. Klasse, so muss es sein.

In Sachen M/S-Klangbearbeitung legt der CLMS-XL-1 allerdings noch ein Schippchen drauf. Anders als beim CLMS-1 bietet die XL-Version die Möglichkeit, das Mitten und Seitensignal vollkommen unabhängig voneinander dynamisch zu bearbeiten. Dementsprechend sind alle Parameter bis auf die Eingangs-, Ausgangs- und die Limiter-Sektion in doppelter Ausführung vorhanden. Das setzt natürlich beim Anwender viel Erfahrung im Umgang mit Mitten- und Seiten-Signalen voraus, garantiert aber eine höchstmögliche Flexibilität in der Klanggestaltung. Gerade bei sehr dichten Arrangements erweist sich das XL-Plug-in als äußerst nützlich, da auch Signale mit großer Stereobreite wie zum Beispiel atmosphärische Pads oder verhallte Effekte von einer gezielten Dynamikbearbeitung profitieren können, ohne sich im Mix zu vordergründig aufzudrängen. Dank gezielter Mitte-/Seiten-Bearbeitung verwandeln wir im Test eine schlapp klingende Bass-Drum in der Stereosumme wieder in ein rhythmisch, pumpendes Instrument, das den Song in seiner Lebendigkeit deutlich aufwertet. Damit eignet sich der CLMS-1 XL hervorragend für Mastering-Aufgaben, die er auf ganz eigene Art angeht. Denn während sehr viele Konkurrenten extrem analytisch vorgehen, hat man beim CLMS-1 XL niemals den Eindruck, dass die Musikalität zu kurz kommt, im Gegenteil: Es ist stets ein sehr unaufdringliches, analoges Flair zu vernehmen. 

Fazit 

Mit der CL Serie legt der Hersteller Artsacoustic ein flexibel einsetzbares Software-Bundle vor, das keine Fragen in puncto Klang und Bedienung offen lässt. Jedes Plug-in des Bundles überzeugt mit einem sehr angenehmen Klangcharakter. Allen gemeinsam ist ein durchweg behutsames Regelverhalten, welches jederzeit ein analoges Flair versprüht, ohne jedoch betont „vintage“ zu klingen. Der Anwender wird selbst beim luxuriösen CLMS-1 XL nicht mit unnötiger Parameterflut gestraft, sondern mit dem Wesentlichen konfrontiert. Wer auf der Suche nach hoher Flexibilität ist und dabei nicht auf vintage-orientiertes Klangdesign verzichten will, liegt bei diesem Bundle genau richtig, sozusagen: Best of both worlds.

Erschienen in Ausgabe 08/2010

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 237 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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