Nachbrenner

Schwachbrüstige Kopfhörer-Verstärker in MP3-Playern oder Preamps trüben das Hörvergnügen und beeinträchtigen die Musiker-Performance. Der Kopfhörer-Booster Estec P3 empfiehlt sich als Problemlöser.

Von Harald Wittig 

Leistungsschwache Kopfhörerverstärker sind ein Graus für Musiker und Toningenieure. Auch wenn, wie wir alle sehr gut wissen, lautes Hören auf Dauer unserem Gehör schadet: Ein bestimmter Pegel muss einfach sein, um beim Einspielen auch sauber spielen zu können. Der Ton-/Mastering-Ingenieur muss mit der akustischen Lupe Kopfhörer einer Mischung ganz nahe kommen, um Problemstellen zu finden oder Feinjustierungen vornehmen zu können. Schließlich sabotieren schwachbrüstige Kopfhörerverstärker auch das Gelingen von Live-Shows – wenn nämlich Musiker und Techniker In-Ear Monitoring-Systeme nutzen, impulsfeste Signale mit praktikablem Pegel aber partout nicht machbar sind.Um derlei Horrorszenarien zu vermeiden, bietet der deutsche Pro Audio-Vertrieb Audio Concepts, die Kopfhörer-Booster P2 und P3 an, die Audio Concepts-Chef Jens Seekamp gemeinsam mit Sonny Schneid von der in der Pro Audio-Szene bestens beleumundeten Estec Audio + Video gemeinsam erdacht und entwickelt hat. Jens Seekamp: „Ich arbeite mit Sonny schon lange zusammen. Audio Concepts hat schon 1990 die Signalprozessoren von Estec vertrieben. Daher weiß ich, dass Sonny gute Schaltungen baut. Die Grundidee stammt aber von mir.“ Der P2 soll und will nicht etwa mit High End-Kopfhörerverstärker wie sie von Lehmann Audio oder Lake People/Violectric angeboten werden, konkurrieren. Er soll zunächst mal ein „Nachbrenner“ für leistungsschwache Kopfhörerverstärker von Pro Audio-Geräten, aber auch MP3-Playern und Smartphones sein. Gleichzeitig soll der P2 aber auch nicht einfach nur laut machen, sondern auch gut klingen, laut Handbuch sei er gar ein „Klang- und Leistungsverbesserer für vorhandene System und auch als reiner Kopfhörerverstärker geeignet.Der P2 ist „Made in Germany“ und kostet rund 320 Euro und stellt das Basismodell dar. Der P3, unser Testkandidat, kostet mit knapp 360 Euro etwas mehr, hat ein schwarz eloxiertes Gehäuse und wird zusätzlich zum Netzteil noch mit Tragetasche und Anschlusskabeln geliefert. Ein auf den ersten Blick sehr reelles Angebot – sofern das Gerät hält, was Entwickler, Hersteller und Vertrieb versprechen.

Der P2/P3 ist hervorragend verarbeitet, das Edelstahl-/Aluminumgehäuse mit den fest verschraubten Anschluss-Buchsen steckt sicherlich einiges weg. So muss das sein, schließlich soll der Booster auch dem rauen Live-Betrieb gewachsen sein. Einzig der Anschluss für das externe Netzteil könnte sich als Achillesferse, sprich mögliche Sollbruchstelle erweisen. Aber eine andere Lösung für die Stromversorgung war nicht möglich, denn das Gerät ist gerade mal so groß wie eine DI-Box. Apropos: Schon beim ersten Auspacken des P3 hat uns das Gehäusedesign des Geräts an die passive DI-Box vom Atelier der Tonkunst (siehe Test in Ausgabe 7/2008) erinnert. Dazu Jens Seekamp: „Das ist kein Zufall, denn ich bin Vertrieb und Miterfinder der Tools von Atelier der Tonkunst, deren wertige Gehäuseform ich vor Jahren vorgegeben habe. Für den P2 nutze ich AdT als Gehäusepartner, zumal das Gerät als ähnliches Mitnahmetool erdacht ist.“Handgepäcktauglich ist der P2 jedenfalls, was insbesondere die MP3-Player-/Smartphone-User, für die der kleine Silberling schließlich auch gedacht ist, freuen wird. Mal abgesehen von den mitgelieferten Kabeln und dem Transportäschen, ist der P3 nämlich besonders passgenau auf diesen Anwender-Kreis zugeschnitten. Neben den beiden obligatorischen Kopfhörer-Ausgängen in Form der bekannten 6,3 mm Stereo-Klinkenbuchsen gibt es noch eine zusätzliche Mini-Klinkenbuchse zum Anschluss eines Ohrhörers. „Die haben wir auf Wunsch eines Kunden, selbst ein HiFi-Hörer, eingebaut. Der P2 ist auch eigentlich das Volumenmodell, der P3 ist in beiden Welten zu Hause: Der Pro Audio-Welt und der HiFi-Welt.“ Die HiFi-Hörergemeinde, die schon auch mal das Smartphone zum Hören verwendet, aber dazu gerne einen hochohmigen Spitzen-Kopfhörer einsetzt, kommt wegen der Leistungsschwäche der eingebauten Preamps kaum um ein Zusatzgerät herum. P2/P3 gestatten – das ist professionell – die Umschaltung der Grundverstärkung von den werksseitig eingestellten +6 auf +20 dB mit den internen Jumpern.
P2 und P3 haben nur unsymmetrische Eingänge: Es gibt zweimal Cinch und eine Stereo-Klinkenbuchse zur Verbindung des Geräts mit dem Kopfhörerausgang eines Preamps oder Audio-Interfaces, wo nicht nur in puncto Leistung sondern auch bezüglich der Klangqualität häufig schwache Kopfhörerverstärker verbaut sind. Aus Sicht von Jens Seekamp gäbe es „keinen leistungsfähigeren kleinen Headphone-Amp“, großen Anteil an der Power des Kleinen hätten eine Spezialhybridschaltung und das 2 x 15 Volt AC Netzteil. Ein erstes Indiz auf die gute Qualität des P2/P3 geben die im Messlabor von Professional audio ermittelten Messwerte: Mit Werten von 107,8 und 103,5 Dezibel für den Geräuschspannungs- beziehungsweise Fremdspannungsabstand ist der P3 schon mal sehr gut in puncto Rauscharmut aufgestellt. Auch das auf Seite 76 abgedruckte FFT-Spektrum sieht blitzsauber aus. Lediglich der Frequenzgang zeigt einen Bassabfall unterhalb 100 Hertz der sich möglicherweise hörbar auswirkt.

Wir haben den P3 in zweifacher Hinsicht in der Praxis getestet: Einmal als Booster für einen Preamp/-DI-Vorverstärker für E-Gitarre, den wir als Prototypen zur Verfügung gestellt bekommen haben und der mit einem sehr leistungsschwachen Kopfhörerverstärker ausgestattet ist: Gerade beim Üben mit einem mäßig lauten Kopfhörer ist Kopfhörerausgang des Preamps definitiv zu leise. Zum anderen haben wir den P3 auch als Signalverbesserer mit dem Echo Indigo 10x ExpressCard für Laptops, an dessen Ausgang sich Kopfhörer direkt anschließen lassen, wir aber mit dem Klang weniger zufrieden sind. Deswegen ist der Ausgang des Indigo 10X bei uns in der Regel mit einem Violectric HPA V100 verbunden. Damit klingt es einfach besser – vor allem mit Top-Kopfhörern wie unserer Referenz, dem AKG K702 65th Anniversary Edition.Als reiner Booster überzeugt der P3 erwartungsgemäß mit dem Preamp, wobei nach unserem Höreindruck auch die Signalqualität verbessert scheint. Jetzt können wir jedenfalls die Klangqualität des Preamps über unseren AKG K702 genießen. Auch am Smartphone überzeugt der P3, wobei wir diesmal mit dem neuen AKG K612 PRO (siehe Test auf Seite 62 dieser Ausgabe) hören. Der neue AKG ist aber mittelohmig und vergleichsweise leise. Dank der kräftigen Nachverstärkung lässt sich die Musik sehr viel besser genießen.Stellt sich die Frage, wie sich der P3 am Echo Indigo 10X im Vergleich zum Violectric HPA V100 macht. Grundsätzlich ist die Leistung des Kopfhörerverstärkers im DI-Box-Format auf einem guten Niveau, denn die Musik klingt detailreicher und gewinnt auch an Tiefe und Räumlichkeit. Allerdings scheint das Frequenzspektrum jeden Materials ein wenig in Richtung Höhen verschoben, alles bekommt eine ganz leichte Präsenz. Dieser Eindruck bestätigt sich beim Vergleichshören über den Violectric. Vermutlich ist der Tiefenabfall im Frequenzgang des P3 verantwortlich dafür, dass Hochmitten und Höhen stärker in den Vordergrund treten. Der P3 ist damit kein hundertprozentig neutraler Kopfhörer-Verstärker, aber da ist er in guter Gesellschaft. Das was er tun soll, tut er und insgesamt wirklich überzeugend.

Fazit

Der Estec P3 ist ein sehr gut verarbeiteter Kopfhörer-Booster und Kopfhörer-Verstärker, der die Signale schwachbrüstiger Kopfhörerverstärker wirksam nachverstärkt und auch mäßigen Klang verbessern kann. Damit hält der handgepäcktaugliche P3, was sein Hersteller verspricht und ist folglich als nützliches Hilfsmittel empfehlenswert.

Erschienen in Ausgabe 09/2013

Preisklasse: Oberklasse
Preis: 319 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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