Gut gehört

Shure ist in der Pro-Audio-Szene in erster Linie als Mikrofon-Hersteller bekannt. Seit kurzem gibt es auch Kopfhörer für professionelle Anwender, die sich hören lassen können.

Von Harald Wittig

Das amerikanische Traditionsunternehmen Shure blickt bereits auf eine 85-Jährige Geschichte zurück und hat über viele Jahrzehnte immer wieder innovative Produkte entwickelt, die längst Klassiker-Status erreicht haben. Beispielsweise die immergrünen Tauchspulen-Mikrofone SM58 und SM57, die zur Grundausstattung eines jeden Profi-Studios gehören. Das Thema Studio-Kopfhörer hatten die Amerikaner bis 2009 noch nicht besetzt, wenngleich Shure als Hersteller von Ohrhörern im Consumer-Bereich seit einigen Jahren für Aufhorchen sorgt. So setzten die Amerikaner mit dem E500 In-Ear Ohrhörer, der drei Treiber hat, in puncto Klangqualität einen neuen Standard. Insoweit überrascht es nicht, dass Shure seit Mitte letzten Jahres eine Serie von ausgewachsenen, dynamischen Kopfhören anbietet, die in erster Linie für Musiker und Tonschaffende mit professionellen Ansprüchen konzipiert sind. Es gibt derzeit vier Modelle, die allesamt im Shure-eigenen Werk in China gefertigt werden. Drei davon haben wir uns für diesen Test ausgesucht: Den Anfang macht der SRH 440 für rund 100 Euro, den Shure für Aufnahme und Monitoring empfiehlt, gefolgt vom speziell auf die Bedürfnisse von Profi-DJs abgestimmten  SRH 750DJ, der für circa 130 Euro zu haben ist. Der dritte im Bunde nennt sich SRH 840, kostet etwa 200 Euro, ist das Flaggschiff der Serie und trägt den verheißungsvollen Beinamen „Referenz-Kopfhörer“.

Die drei Modelle eint, dass es sich um dynamische Kopfhörer in geschlossener, ohrumschließender Bauweise handelt. Die Abschirmung ist jeweils optimal, so dass sich die Shure-Kopfhörer ohne weiteres auch für laute Umgebungen eigenen, denn der Schall von außen ist sere wirksam abgeblockt. Gleichzeitig dringt so gut wie kein Schall nach außen, was beim Overdubbing im Studio – Stichwort Übersprechen – selbstverständlich Gold wert ist. Somit sind die Testkandidaten für Live- und Studio-Anwendungen gleichermaßen einsetzbar sind. SRH 440 und 840 haben jeweils einen 40-Millimeter-Neodymium-Treiber, der Treiber des  SRH 750DJ – ebenfalls mit starkem Neodynium-Magnet ausgestattet – ist dagegen mit Durchmesser von 50 Millimetern deutlich vergrößert, um die von DJs verlangten besonders druckvollen Bässe zu liefern. Außerdem soll der SRH 750DJ dank einer hohen Nennbelastbarkeit von 3000 mW auch sehr hohe Schalldrücke verzerrungsfrei übertragen können. Mit dem SRH 840 hat der SRH 750DJ zudem einen erweiterten Frequenzgang gemeinsam, der laut Herstellerangabe von fünf Hertz bis 30 Kilohertz reicht. Dagegen muss sich der „kleine“ SRH 440 mit einem Übertragungsbereich von 10 bis 22.000 Hertz begnügen, womit er allerdings im Bassbereich einiges tiefer hinunter reichen würde als viele Mitbewerber. Wie werden sehen, besser hören, was der SRH 440 und seine Geschwister wirklich leisten. Praktischerweise verfügen alle drei Kopfhörer über um 90 Grad drehbare Ohrmuscheln, so dass auch einohriges Hören problemlos möglich ist – eine Option, die DJs sehr oft, Toningnieure und Musiker hin und wieder benötigen. Für einen platzsparenden Transport im jeweils mitgelieferten Transportbeutel aus Kunstleder sind die Ohrmuscheln zusätzlich abklappbar, wie es auf ähnliche Weise beispielweise auch von Sony-Kopfhörern bekannt ist. Nicht minder praktisch sind die einfach austauschbaren Kabel, die wie üblich bei Profi-Kopfhörern einseitig geführt sind. Es kommt immer mal vor, dass im harten Arbeitsalltag ein Kabel kaputt geht, weswegen die Austauschbarkeit der Klangleiter eigentlich Standard sein sollte. Die drei Testkandidaten haben an den linken Ohrsmuschel eine Mini-Klinken-Buchse mit Bajonett-Verschluss. Ein kleiner Dreh und die Kabel haben sichern Halt. Während die Ohrpolster des SRH 440 aus Kunstleder sind, bekamen SRH 750 DJ und SRH 840 Echt-Leder-Ohrpolster spendiert, zudem finden sich im Lieferumfang der beiden teureren Hörer noch Ersatz-Polster, für den SRH 440 bietet Shure als optionales Zubehör aber ebenfalls Austauschpolster zum Paarpreis von rund 21 Euro an. Die Verarbeitung der drei Testkandidaten ist erfreulich hochwertig und auch der etwas filgraner wirkende SRH 750DJ macht wie seine beiden Brüder einen robusten, langzeitstabilen Eindruck. In puncto Tragekomfort können alle Modelle überzeugen, wobei der SRH 840 trotz seines vergleichsweise hohen Gewichts von 318 Gramm in dieser Disziplin Bestnoten erzielt: Er hat die angenehmsten und weichsten Ohrpolster, das aufwendig gepolsterte Kopfband tut ein Übriges, um ein langes, stressfreies Tragen zu gewährleisten. Dem günstigen SRH 440 gebührt in Sachen Tragekomfort der zweite Platz, dicht gefolgt vom SRH 750DJ, der geringfügig straffer sitzt. Allerdings sei in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen, dass keiner der Shures den überlegenen Tragekomfort der Professional audio-Referenz-Kopfhörer AKG K 271 MkII und K 702 übertreffen kann. Laut Hersteller haben SRH 440 und 840 eine Nennimpedanz von 44 Ohm, der SRH 750DJ hingegen nur 32 Ohm. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass der somit besonders niederohmige DJ-Kopfhörer auch der lauteste im Trio ist. Wir wollen das selbstverständlich genau wissen und haben nachgemessen.

Das Messlabor ermittelt für die Shures abweichende Impedanzen: Der SRH 750DJ bringt es in Wahrheit auf 38 Ohm, SRH 440 und SRH 840 jeweils auf 40 Ohm. Allerdings sind die Werte für beide Kanäle jeweils absolut gleich, was eigentlich von Kopfhörern für den gehobenen Anspruch zu erwarten ist. Allerdings haben wir im Rahmen  unseres großen Kopfhörertests in Ausgabe 6/2009 einige hochpreisige Ausreißer ermittelt, so dass sich die Shures insoweit einen Bonuspunkt verdienen. Interessanterweise ist der SRHZ 750DJ der leiseste Kopfhörer im Bunde, was kein Zufall ist, denn spezielle DJ-Mischpulte haben üblicherweise sehr laute Kopfhörerausgänge, damit der DJ in der oft brüllend lauten Umgebung problemlos vorhören kann. Der SRH 840 ist demgegenüber lauter und damit von Hause aus gut an die meisten Mischpulte und Kopfhörer-Verstärker angepasst. Der jeweilige Gain-Regler muss für einen optimalen Arbeitspegel nicht allzu weit aufgedreht sein, so dass etwaiges Eigenrauschen des Verstärkers –  einen sehr guten Geräusch- und Fremdspannungsabstand von mindestens 70 Dezibel vorausgesetzt – beim Abhören nicht stört. Der SRH 440 ist mit Abstand am Lautesten, weswegen wir bei dem zum Hörvergleich eingesetzten High-End-Kopfhörerverstärker HPA V200 von Violectric/Lake People Pre Gain um sechs Dezibel reduziert haben. Damit steht der Lautstärkeregler des V200 auf der nach unserer Erfahrung optimalen Reglerstellung zwischen zwölf und ein Uhr. Für den eigentlichen Hörtest haben wir verschiedene eigene Sonar-Projekte von leisen Akustik-Aufnahmen, über knackige Funky-Tracks  bis hin zum hard-rockenden Instrumental abgehört. Als Interface dient der Lynx Aurora 8-Wandler dessen Analogausgänge mit dem V200 verbunden sind. Kommen wir nun, beginnend mit dem SRH 440 zu den Ergebnissen des Hörtests im Einzelnen: Der SRH 440 spielt sehr dynamisch und impulsstark auf und liefert einen äußerst direkten Sound und folgt transienten Klängen, beispielsweise harten Akzenten der Snare-Drum oder einer sehr perkussiven Funk-Rhythmus-Gitarre mühelos.

Die Bässe sind präzise, allerdings auch etwas zurückgenommen, wohingegen der Mittenbereich etwas angehoben und damit vordergründiger erscheint, ohne allerdings anstrengend  und nervig zu sein. Im Höhenbereich löst der Kopfhörer gut auf, ohne die Feinauflösung eines AKG 702 K zu erreichen. Die Raumabbildung ist ein wenig flach, die Trennschärfe des SRH 440 ist dagegen richtig gut, so dass auch in dichten Arrangements die einzelnen Schall-/Klangereignisse gut unterscheidbar sind. Angesichts seines vergleichweise geringen Preises ist der SRH 440 durchaus Ein- und Aufsteigern als Allround-Kopfhörer zu empfehlen, seine Domäne ist aber die Aufnahme, genauer das Overdubbing, denn er bringt das Playback ganz nahe an die Ohren des Musikers. Der SRH 750DJ ist ein reinrassiger DJ-Kopfhörer. Er betont folgerichtig die Beats – beispielsweise Bass-Drum-Viertel oder Achtel-Bass-Begleitungen –, so dass der DJ mühelos verschieden schnelle Mixe im Tempo synchronisieren kann. Er bläst die Bässe anders als andere DJ-Kopfhörer nicht unnötig auf, anstelle von überlauten Pump-Bässen liefert er eher Akzente. Der Mittenbereich ist ausgewogen, im tatsächlich hörbar erweiterten Höhenbereich klingt der SRH 750DJ etwas präsent, was für den Live-Einsatz eher von Vorteil ist. Seine Raumabbildung ist eine Klasse besser als beim SRH 440, wegen seiner speziellen Ausrichtung, bei der es nicht um klangliche Ausgewogenheit geht, ist er aber weniger für die Arbeit im Tonstudio, genauer für Monitoring-Aufgaben,  geeignet.

Apropos Raumabbildung: In dieser Disziplin kann der SRH 840 restlos überzeugen, schlägt beispielsweise den AKG 271 MkII nach Punkten und ist auf dem  Niveau von Top-Kopfhörern wie dem AKG K 702 oder dem Beyerdynamic DT 880 Pro. Mit dem SRH 840 ist die Wirkung von Hall-Effekten bestens überprüfbar und eine feinfühlige Dosierung geht locker von der Hand. Klanglich ist das Shure-Topmodell sehr ausgewogen, von den tiefen, präzisen Bässen, über das stabile Mittenband  bis hin zu den fein aufgelösten Höhen ist alles da, was die Aufnahme hergibt – nicht mehr und nicht weniger. Zugegeben, die exzellente Höhenwiedergabe des AKG K 702 erreicht der SRH 8040 in letzter Konsequenz nicht. Dafür ist er dank der geschlossenen Bauweise wesentlich vielseitiger einsetzbar und eignet sich ohne Weiteres für Aufnahme, Monitoring und den Live-Einsatz. Schließlich ist er auch für Mastering-Aufgaben zu empfehlen, zumal – auch nicht ganz unwichtig – das Hören mit dem SRH 8040 richtig Spaß macht und zu keiner Zeit ermüdet.

 

FAZIT

Mit den Modellen SRH 440, SRH 750 DJ und SRH 840 hat Shure drei überzeugende Kopfhörer im Programm: Für vergleichsweise kleines Geld ist der SRH 440 Ein- und Aufsteigern als Allrounder zu empfehlen, seine Domäne ist aber die Aufnahme. Der SRH 750DJ erweist sich als sehr gut abgestimmter, spezieller DJ-Kopfhörer, der den Anforderungen dieser Zielgruppe absolut gerecht wird. Der SRH 8040 schließlich ist ein professioneller, sehr gut klingender  Allrounder mit hervorragender Raumabbildung, der auch anspruchsvolle Monitoring- und Mastering-Aufgaben meistert.

Erschienen in Ausgabe 04/2010

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 199 €
Bewertung: gut – sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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