Weiss goes 500

Weiss Audio präsentieren mit dem brandneuen A1 nicht nur ihren allerersten, hauseigenen Mic Preamp, sondern machen damit auch gleich den Vorstoß ins überaus  praktische API 500 Format. Professional Audio Autor und „Geräte-Fan“ Johannes Dicke hat das Gerät auf Herz und Nieren getestet.

Von Johannes Dicke 

Dass die Schweiz nicht nur Wintersport und  Bergromantik, sondern auch präzises High End Studioequipment zu bieten hat, ist in Fachkreisen hinlänglich bekannt. Eine der führenden Firmen in diesem Zusammenhang ist Weiss Digital Audio, welcher durch ihre Wandler und diverse, digital arbeitende Mastering Prozessoren ein exzellenter Ruf vorauseilt. Mastermind hinter allen Projekten ist Firmengründer und Chef-Entwickler Daniel Weiss, der seit Jahren  mit seinen Geräten, wie dem Dynamikprozessor DS1 oder dem Equalizer EQ1 immer wieder herausragend präzise Werkzeuge zur Klangbearbeitung erschafft. Kein Wunder also, dass internationale Audio-Autoritäten wie Mastering-Guru Bob Katz auf die weißen 19-Zöller  schwören und sie bei ihrer Arbeit nicht mehr missen wollen.Mit solchen Produktqualitäten möchten die Schweizer Konstrukteure nun auch Recording- sowie Live-Ingenieure begeistern und präsentieren mit ihrem neusten Werk eine praktische API 500 Aufnahmekombi aus Mic/Line Class-A Preamp, De-Esser und Ausgangsverstärker. Mit diesem Konzept hat das Team aus dem Kanton Zürich gleich zwei neue Wege auf einmal beschritten: Nicht nur, dass der A1 gegenüber dem Rest seiner Geräteverwandtschaft sozusagen das erste reinrassige Analoggerät darstellt, sondern er ist gleichzeitig auch das erste in einem bisher noch nicht angebotenen  Gehäuseformat, berichtet uns Daniel Weiss höchstselbst über seinen neusten Geniestreich: „Das API500 Format wird immer populärer, vor allem in den USA, so dachten wir, wir könnten mal schauen ob wir in diesem Markt auch mithalten können – preislich vor allem. Dazu kommt, dass wir gerne auch mal etwas analoges machen, neben den A/D und D/A Wandlern.“ Gemessen an den Preisen der  bisherigen Weiss-Produkte, kann der A1 in der Tat am betreffenden Markt mithalten: Für 1349,- Euro [UVP] verspricht das Modul nicht nur die gewohnte erstklassige Weiss-Klangqualität, sondern bietet mit dem integrierten De-Esser so einiges an Zusatzfeatures obendrauf.

Funktionsseitig wartet das Gerät mit drei Bediensektionen auf, nämlich der ersten für den Class-A Mikrofonvor-, beziehungsweise Lineverstärker, der zweiten für den oben genannten De-Esser und einer letzten Sektion für den Ausgangsverstärker. In der ersten Bediensektion für den Vorverstärker lässt sich dessen Leistung mit einem in drei dB-Schritten gerasteten Gain Poti von +15 bis zu +60 Dezibel einpegeln, wobei eine dreistufige LED-Aussteuerungsanzeige für die nötige Orientierung sorgt. Ist das Eingangssignal einmal wieder Erwarten und trotz niedrigster Poti-Position zu laut, ermöglicht eine per Kippschalter aktivierbare Pad-Dämpfung die nochmalige Absenkung um 24 Dezibel. Darüber hinaus steht bei Bedarf ein integriertes Hochpass-Filter zur Verfügung, welches mit Eckfrequenzen von 40 sowie 80 Hertz zwei Low Cut Möglichkeiten liefert, mit denen beispielsweise gegen Trittschall vorgegangen werden kann. Last but not least stehen für Kondensatormikrofone noch die als Lebensader üblichen 48 Volt Phantomspeisung zur Verfügung.In Sektion zwei kann das Signal bei Bedarf den De-Esser durchlaufen, welcher übrigens im Hinblick auf größtmögliche Präzision als Hybrid mit digitaler Sidechain bei weiterhin analogem Hauptsignalweg entwickelt wurde. Mithilfe von insgesamt drei stufenlosen Drehreglern, und zwar für Filtergüte, Filterfrequenz und Treshold, sowie Zusatzschaltern für Bypass- und  Listen-Funktion, lässt sich die Dynamiksektion detailliert einstellen. Die verfügbare Filterbandbreite reicht von zwei bis 16 Kilohertz, was einen besonders großen Bereich zur Bedämpfung von Zischlauten oder anderen höhenlastigen Signalen, wie Becken oder ähnlichem bereitstellt. Im Anschluss daran folgt als letzte die Sektion mit dem Ausgangsverstärker, welcher gemeinsam mit der obligatorischen Phasendrehungsoption das Ende der Signalkette bildet. Hat beispielsweise der De-Esser zuvor Pegelverluste verursacht, lässt sich dieser per stufenlosem Drehregler um bis zu 12 Dezibel wieder aufholen.So weit bieten bereits alle Hauptfunktion alles, was das Herz begehrt, doch wer denkt, wir wären schon am Ende aller Einstellungsmöglichkeiten angelangt, der irrt: Zusätzlich hält der A1 nämlich noch einige Extrafeatures bereit, die frontseitig betrachtet allerdings zunächst im Verborgenen liegen. Wird das Modul nämlich einmal aus seinem API 500-Rahmen herausgezogen, kommen auf der Unterseite versteckt gleich acht weitere Schalter, sogenannte DIP-Switches zum Vorschein, welche zusätzliche Feineinstellungen an den De-Esser Parametern ermöglichen. Bei Bedarf können damit die Werte für Ratio, Attack-, sowie Release-Zeit auf verschiedene Festwerte eingestellt werden. Des weiteren lässt sich die Phantomspeisung für eventuelle Umstände dauerhaft deaktivieren, beispielsweise als Vorsichtsmaßnahme während ständiger Spannungsversorgung des Mikrofons von außen.

Bei solch einem Umfang an Funktionen, stellt sich nun natürlich die Frage, wie sich die Weiss´sche Kombination von Mic-Preamp und De-Esser in der Praxis macht. Da das Spezialgebiet des A1 ob seines De-Essers offensichtlich im Bereich von Sprache und Gesang liegt, habe ich für meinen Klangtest zwei anwendungstypische Großmembrankondensatormikrofone mit jeweils unterschiedlichem Charakter gewählt: Ein Brauner Phantom AE kommt als Erstes zum Einsatz, danach folgt mit dem Jade Tube ein Röhrenmikrofon der australischen Edelmarke Beesneez. Parallel dazu höre ich mir die beiden Mics zusätzlich an meinen Universal Audio Vollröhren Channelstrip LA-610 an, um weitere Hörvergleiche zu erhalten. Als Testsignal fungiert schließlich des Autors Stimme höchstselbst, abwechselnd als Sänger und Sprecher agierend.Zu allererst widme ich mich allein der Klangkombination von Phantom AE und A1 Preamp, ohne weiteres Zutun des De-Essers. Von Haus aus wartet unser erstes Testmikrofon bereits mit einer überragenden Präsenz- und Höhenabbildung auf, von der gerade Stimmen enorm profitieren. Weiter unten im Bassbereich hingegen, ist der Mic-Sound eher neutral, jedoch bei gleich bleibender Transiententreue. Am A1 angeschlossen, ändert sich erst einmal nichts an diesem Klangbild und der Preamp arbeitet bei moderater Aussteuerung tadellos neutral, sowie rauschfrei. Als ich dann jedoch den Pegel weiter bis zur  Vollaussteuerung erhöhe, verändert sich die Situation auf einmal und der A1 macht richtig „Sound“: Überraschenderweise klingt er nun schön kernig, mit etwas mehr Charakter und  Punch im Gepäck. Diese Tatsache lässt mich freudig aufhorchen, denn nicht nur für Aufnahmen von Gesang und Sprache sind gerade solche Klangformungsmöglichkeiten oftmals genau die richtige Zutat. Der Grund liegt im Schaltungsdesign des Preamp, das ganz bewusst mit der Option zur Klangfärbung konzipiert wurde, wie Firmenchef Daniel Weiss verrät: „Wir haben absichtlich Ein- und Ausgangstrafos eingebaut, um bei entsprechender Aussteuerung etwas an „Klang“ reinzubringen. … Wir wollten beides: Möglichst neutral und rauscharm bei niedrigen Pegeln, aber durchaus mit Charakter bei hoher Aussteuerung.“Im weiteren Verlauf unseres Tests bringen diese beiden Schachzüge auch die Eigenschaften von Testmikrofon Nummer zwei, dem Beesneez Röhrenmikrofon Jade Tube optimal zur Geltung: Anders als bei dem überaus akkuraten, präsenten Phantom, ist sein Grundcharakter wärmer, gepaart mit angenehmer Weichzeichnung im Präsenzbereich und in den Höhen, sowie leichten Röhrenobertönen. Dieses Grundklangbild wird auch in diesem Fall wahlweise exakt oder eben mit bereits beschriebener mittig-kerniger Färbung übertragen. Vor allem die klangfärbende Vollaussteuerung des A1-Preamp bereichert meiner Ansicht nach den Gesamtklang des Jade und es hat dabei  den Anschein, dass die röhrigen Obertöne noch besser zur Geltung kämen.Um die Klangqualitäten des A1 nun noch besser einordnen zu können, lasse ich die beiden Test-Mics anschließend noch mit unserem Vergleichsvorverstärker des Universal Audio LA-610 zusammenarbeiten. Dem Grundcharakter von Testmikrofon Nummer eins, dem Phantom AE fügt die Röhren-Schaltung des 610 Preamps ihre typische Note hinzu: Das Signal erhält im Vergleich zum A1 etwas mehr „Wärme“, also größere Bassanteile und bekommt röhrentypische Obertöne mit auf seinen Weg. Ähnlich verhält es sich mit unserem zweiten Testobjekt, dem Jade Tube, das bereits von Haus aus angenehm warm klingt. Sein Klang wird ebenfalls mit etwas mehr Zusatzwärme versehen, zudem vermehrt die 610-Schaltung die bereits hausgemachten, eigenen Obertöne hörbar. Dies veranschaulicht nun sehr plastisch die Unterschiede zwischen den beiden Vorverstärkern verschiedener Bauweisen: Zwar klingt auch der LA-610 Preamp von Grund auf transparent, bringt jedoch noch ein wenig mehr Wärme und vor allem eine Portion Obertöne mit, deren Anteil im Übrigen durch Zuschalten des im Channelstrip ebenfalls enthaltenen Röhrenkompressors noch einmal weiter vergrößert werden kann. Im Gegensatz dazu erscheinen die Stärken des A1 nun noch deutlicher, liegen diese doch vor allem transparenter und absolut neutraler Klangverstärkung, kombiniert mit der Fähigkeit zur Klangfärbung im Transistorcharakter.

Nachdem wir uns ein umfassendes Bild vom Klangpotential der Preamp-Sektion des A1 gemacht haben, widmen wir uns nun dem De-Esser und seiner Einstellung in der Praxis. Als Testmikrofon dient mir abermals das Phantom AE, welches sich mit seiner oben genannten, hervorragenden Höhenwiedergabe als überaus geeigneter Signallieferant für die Bedämpfung von Zischlauten anbietet.Nach Aktivierung der Sektion drehe ich zunächst den Treshold-Regler bis auf volle -60 Dezibel auf, in diesem Fall  gegen den Uhrzeigersinn, damit der De-Esser ein volles Signal zum Arbeiten bekommt. Zusätzlich drehe ich auch den Bandwidth-Regler ganz nach links auf, damit bei der anschließenden S-Frequenzeinstellung das Filter möglichst schmalbandig arbeitet und eine präzise Suche gewährleistet. Nun geht es sozusagen ans Eingemachte und ich aktiviere die Listen-Funktion. Wir erinnern uns: Dieses äußerst sinnvolle Feature ermöglicht es, einzig und allein das vom De-Esser bearbeitete Frequenzband solo abzuhören, wodurch sich die genaue Zischfrequenz später besser identifizieren lässt. Mit einem wirklich hilfreichen Trick, den ich ihnen selbstverständlich nicht vorenthalten möchte kann dieser Vorgang erleichtert werden: Produzieren Sie einfach dauerhaft einen S-Laut, denn auf diese Weise lässt sich mit aller Ruhe genau die exakte Frequenz suchen, in der das Zentrum des Zischens liegt. Nachdem ich das meinige gefunden habe, stelle ich den Bandwidth-Regler so breit ein, dass das Filter wirklich nur den abzudämpfenden Bereich erfasst. Anschließend  deaktiviere ich die Listen-Funktion wieder, um nun die Arbeit des De-Essers in der Summe beurteilen zu können. Abschließend muss ich lediglich noch den Treshold-Regler nachjustieren, so dass meine S-Laute nicht zu stark bedämpft werden und sich meine Stimme anhört, als ob ich lispeln würde. Das Endergebnis klingt schließlich wunderbar angenehm und weich, weiß jedoch immer noch durch Transparenz, wie Präzision zu überzeugen. Wer nun noch mit Detaileinstellungen weiter in die Tiefe gehen möchte, den laden die unterseitigen, wenn auch umständlich zu erreichenden Zusatzschalter zum Feintuning ein. Denn wer zum Beispiel möchte, dass das Dynamikwerkzeug deutlich knackiger zu Werke geht, kann auf diesem Wege den Ratiowert erhöhen, sowie zu kürzeren Attack- und längeren Releasezeiten greifen. Wie auch immer jeder Einzelne den De-Esser an seinem eigenen A1-Exemplar einstellen wird, mit einem derart hervorragenden Bearbeitungswerkzeug an Bord lassen sich vor allem Vokalaufnahmen hervorragend abrunden: Das Signal wird nicht nur wohlklingender, sondern gewinnt aufgrund der Dynamikreduktion mit anschließender Aufholverstärkung auch mehr Lautheit.

Fazit

Nachdem wir uns von den praktischen Qualitäten des A1 überzeugen durften, ist klar, dass das API 500 Modul hält, was der Ruf seiner Erbauer verspricht – und sogar noch etwas mehr: Sein Class-A  Preamp bietet von super neutraler Signalübertragung bis hin zu kernig-charaktervoller Trafo-Färbung gleich mehrere Klangfacetten und versteht es blendend, die getesteten Mikrofone entsprechend zu hofieren. Parallel dazu liefert der nachfolgende analog-digitale Hybrid De-Esser einfach nur hervorragende, angenehm klingende Ergebnisse und lässt mit seinen zahlreichen, präzisen Einstellungsmöglichkeiten keinerlei Wünsche mehr offen. Am Ende stimmt dann auch noch der Preis, denn für die aufgerufenen 1349,- Euro kommt nichts als einwandfreie, waschechte Weiss-Technik ins 500 Rack, mit der sich mühelos mixfertiger Sound schrauben lässt. Summa Summarum haben Daniel Weiss und sein Team mit dem A1 ein absolut stimmiges Gerät vorgelegt und beweisen, dass ihnen der Gang auf´s neue API 500 Terrain bestens, nämlich in gewohnter Spitzenqualität, gelungen ist.

Erschienen in Ausgabe 12/2013

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1349 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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