Akkurat

Im Idealfall zeichnet sich ein Studio-Monitor durch eine hochpräzise, akkurate Wiedergabe und bestmögliche Linearität aus. Der ATC SCM25APro soll eben dies in Referenzqualität bieten.  

Von Harald Wittig

Das von dem gebürtigen Australier Billy Woodman, seines Zeichens Musiker und Toningenieur, vor fast 35 Jahren gegründete britische Unternehmen A(coustic) T(ransducer) C(ompony) hat sich ganz dem Bau von hochwertigen Lautsprechern verschrieben. Die ersten Eigenentwicklungen waren von Hand gefertigte Lautsprecher-Chassis für professionelle Anwender. Ende der 1970er Jahre präsentierte ATC die ersten passiven Lautsprecher, die zwar für den HiFi-Markt konzipiert waren, gleichwohl, insoweit Woodmans ureigner Überzeugung und Philosophie entsprechend,  mit den Tugenden von Studio-Monitoren aufwarten konnten. Um 1985 herum war ATC endgültig im Pro-Audio-Bereich etabliert, Groß-Studios auf der ganzen Welt – beispielsweise die BBC, die Abbey Road Studios, die Sony Music Studios, Paramount und Warner Brothers – installierten ATC-Abhöranlagen. Daneben produzierten die Briten weiterhin – wie die meisten Lautsprecherhersteller – für den Consumer-/HiFi-Bereich. Interessanterweise waren auch die Profi-Lautsprecher bis Mitte der 1980er Jahre Passiv-Systeme. Ein Auftrag des dänischen Rundfunks an ATC, ein transportables Aktiv-System anzufertigen, brachte die entscheidende Wende: Die Briten konstruierten einen aktiven Drei-Wege-Lautsprecher mit drei separaten Endstufen, die ebenfalls aus eigener Entwicklung und Fertigung stammten. Auf Basis dieses Custom-Modells entstand der SCM50A, der nach Aussage von ATC bis heute einer der größten Erfolge in der Unternehmensgeschichte ist.

Seit dem ist die Produktpalette über die Jahre kontinuierlich angewachsen. ATC bietet neben kompakten Nahfeldmonitoren wie dem Modell SCM16A, Mittelfeld- und Großmonitore wie dem gewaltigen Flaggschiff SCM300 ASL Pro sowie üppig dimensionierte 5.1-Systeme an. Obwohl ATC auf aktive Lautsprechersysteme schwört, gibt es auch eine Reihe von passiven Kompakt-Monitoren, von der separaten HiFi-Linie ganz abgesehen. Allerdings bietet der Hersteller für die passiven Lautsprecher maßgeschneiderte Verstärker aus eigener Entwicklung und Herstellung an.  Hierzulande sind die ATC-Monitore – im Gegensatz zu den Lautsprecher-Chassis, die vereinzelt auch namhafte deutsche Lautsprecher-Manufakturen verwendet haben – trotz ihres unbestreitbaren Kultstatus im Ausland noch wenig bekannt. Seit Anfang 2009 sind die englischen Lautsprecher im Vertrieb von S. E. A. und nun auch in Deutschland problemlos erhältlich. Neuzugang im Sortiment ist der SCM25 APro, unser Testkandidat, der auf der diesjährigen Musikmesse präsentiert wurde. Der aktive, von den Gehäuseabmessungen her ungewöhnlich kompakte Drei-Wege-Lautsprecher, soll mit überragenden Klangeigenschaften und einer hohen Belastbarkeit aufwarten. Damit stehe der Neue großen Systemen nicht nach und biete klanglich – so die selbstsichere Aussage der Briten – absolute Referenz-Qualität. Das werden wir selbstverständlich genau untersuchen, immerhin tritt ATC gegen ernstzunehmende, inländische Mitbewerber an wie KS Digital, ADAM, Geithain und Manger – um nur einige kompetente Hersteller zu nennen – an.    Getreu der alten Volksweisheit, dass das Gute in der Regel auch seinen (hohen) Preis hat, gibt es den SCM25 nicht zum Discounterpreis. Mit rund 7.000 Euro Paarpreis rangiert er jedenfalls preislich in der gehobenen Klasse für Studio-Monitore und trifft auf ernstzunehmende Konkurrenz wie den KS Digital ADM20 oder den Manger MSMc1.

Der SCM25 ist ein aktiver Drei-Wege-Lautsprecher, wobei das Design des Herstellers drei separate Verstärkerblöcke beinhaltet. Das ergibt eine Leistung von 150 Watt für den Tiefton-, 60 Watt für den Mitten- und 26 Watt für den Hochtonkanal – mithin ein kräftiges Leistungspfund, das auch bei sehr hohen Pegeln mit sehr niedrigen Verzerrungen und überdurchschnittlicher Dynamik glänzen soll. Interessanterweise sind die Entwickler um ATC-Chef Woodmann felsenfest davon überzeugt, dass nur aktive Systeme in der Lage seien, den Anforderungen der Tonschaffenden hinsichtlich höchster Akkuratesse, Detailgenauigkeit und Neutralität verbunden mit Dynamik und einem hohen Wirkungsgrad gerecht werden.  So überwinde die eingesetzte elektronische Filterschaltung – es handelt sich um Filter vierter Ordnung mit Phasen-Kompensation – die typischen Nachteile einer passiven Frequenzweiche. Tatsächlich ist da etwas dran, denn die vergleichbar teureren und komplexen Aktiv-Systeme haben zumindest in der Theorie einige Hauptvorteile, wie geringere Intermodulations-Verzerrungen infolge der verringerten Bandbreite, einen vergrößerten Dynamikbereich und ein besseres Impulsverhalten.  Apropos Verzerrungen: Bei den traditionell selbst entwickelten und gefertigten Lautsprecher-Chassis kochen die Briten seit einiger Zeit ihr eigenes Süppchen. Alle ATC-Lautsprecher sind mit der sogenannten Super Linear Technology ausgestattet. Dabei handelt es sich faktisch um einen Ring um die Schwingspule aus einem besonderen Material, dessen Zusammensetzung allerdings geheim bleibt, das die üblichen Stahlringe des Membranantriebs ersetzt. Diese sogenannten SLMM-Ringe –- die Abkürzung steht für „Super Linear Magnetic Material“ also sinngemäß „außergewöhnlich lineares magnetisches Material“ – was unharmonische Verzerrungen zwischen 100 Hertz und 3 Kilohertz um zehn bis 15 Dezibel reduzieren soll. Das Ergebnis sei eine besonders klare, transparente und präzise Wiedergabe ohne Verzerrungsartefakte. Das klingt zumindest verheißungsvoll, ob sich die ATC-Chassis klanglich damit besonders profilieren können, klären wir im Hörtest.  Sehen wir uns die weitere Ausstattung des SCM25 an: Neben dem laut Hersteller besonders verzerrungsarmen Tieftöner mit seiner Carbon-Papiermembran, die geringe Masse mit Verwindungssteifheit verbinden soll, ist der Monitor mit einem Mitteltöner mit Gewebe-Kalotte und einem Hochtöner mit integriertem Schallführungselement ausgestattet. Während der Hochtöner, der ebenfalls eine Gewebekalotte hat und von einem starken Neodymium-Magneten angetrieben wird, nicht von ATC selbst gefertigt wird, stammen Tief- und Mitteltöner aus eigenem Hause. Bei dem Mitteltöner handelt es sich sogar um einen echten ATC-Star, denn dieses Lautsprecher-Chassis hat maßgeblich zum guten Ruf der Briten beigetragen und findet sich auch in vielen Lautsprechern anderer Hersteller. Das häufig strapazierte Eigenschaftswort „legendär“ trifft auf diesen Mitteltöner sicherlich zu.

Die Chassis sind bei einem SCM25-Paar spiegelbildlich angeordnet, was ein optimales Klangbild an der Abhörposition gewährleisten soll, wobei die Mittelton-Kalotte den Referenzpunkt der Schallquelle definiert. Soll heißen: Der SCM25 ist so aufzustellen, dass sich die der Mitteltöner möglichst genau auf Ohrhöhe des Anwenders befindet. Die beiden aktiven Frequenzweichen übernehmen die Trennung bei 380 Hertz beziehungsweise 3,5 Kilohertz und sorgen laut Hersteller zudem, wie schon angedeutet, für eine zeitrichtige und phasenoptimierte Wiedergabe. Dass dies ein ganz sensibles Thema ist, wissen Lautsprecher-Kenner nur zu gut und jeder Hersteller, der sein Handwerk versteht, bietet eine eigene Lösung an – entweder traditionell analog oder modern digital. Von Digitaltechnik halten die Briten allerdings gar nichts und lehnen darauf basierende Optimierungen ausdrücklich ab. Das gilt darüber hinaus auch für eingebaute digitale Raumanpassungssysteme, wie sie beispielsweise JBL oder Equator (siehe hierzu den Test des Equator Q8 in Ausgabe 3/2010).  Allerdings bietet ATC auch in puncto analoger Raumanpassungs-Möglichkeiten rein gar nichts. Der auf der Rückseite, oberhalb des großen Kühlkörpers angebrachte winzige Drehregler namens „Bass Boost“ dient nur zur Feinabstimmung des Bass-Pegels, nicht zu Kompensation für eine ungünstige, wandnahe Aufstellung. ATC empfiehlt ausdrücklich die Montage auf die optional erhältlichen Stahl-Stative und die Aufstellung des SCM25-Paares hinter dem Mischpult oder Arbeitstisch.  Trotz seiner geringen Ausmaße – der Quader ist nur rund 40 Zentimeter breit – bringt der SCM25 satte 30 Kilogramm auf die Waage und verlangt daher nach einem erdbebenfesten Untergrund. Praktisch sind die beiden stählernen Tragegriffe auf der Gehäuse-Rückseite, die den Monitor zwar nicht leichter, aber besser transportierbar machen. Ebenfalls rückwärtig finden sich der XLR-Eingang und der Drehregler für die Eingangs-Empfindlichkeit – mehr gibt es nicht, bei ATC herrscht Purismus.

Jetzt ist es an der Zeit, dem SCM25 mit den Ohren auf den gedrungenen Leib zu rücken. Spontan beeindruckt das ATC-Paar mit einer  sehr guten Abbildung von Signalen im Stereopanorama.  Die Wirkung von Richtungsmischern oder einfach  schlicht die Verteilung von Instrumenten im Panorama via Pan-Regler ist mühelos zu überprüfen. Tatsächlich scheint das Gehörte sichtbar zu werden, wenn beispielsweise zwei Instrumente im Panorama jeweils um 30 Grad nach rechts beziehungsweise links verschoben sind, kann auch ein ungeübter Hörer punktgenau auf die Stellen im Abhörraum deuten, wo die Instrumente erklingen. Das besitzt wirklich klasse. Nicht ganz auf diesem Niveau ist die Tiefenstaffelung: Aufs erste Hinhören ist auch sie exzellent, im direkten Vergleich mit dem ADAM S3X-H fehlt beispielsweise bei großen virtuellen Räumen, die via Send zur trockenen Aufnahme hinzugefügt sind, feine Nachhallnuancen. Der Raum an sich ist zwar sehr schön dargestellt, allerdings scheinen die Instrumente bei einem Bossa Nova-Arrangement nicht vollständig im Raum zu erklingen und diesen anzuregen, sondern wirken wie draufgesetzt.  ein wenig, als wären sie draufgesetzt. Nicht falsch verstehen: Der ATC macht in dieser Disziplin seine Sache sehr gut und wer keine Vergleichsmöglichkeit hat, wird mit dem Briten vermutlich wunschlos glücklich. Es geht aber schlichtweg noch ein wenig besser, das haben Top-Monitore wie der ADAM S3X-H. der Geithain MO-2, der KS Digital ADM20 und vor allem der bisher ungeschlagene Manger MSMc1 in zurückliegenden Tests unter Beweis gestellt. Der SCM25 spielt sehr dynamisch und impulsstark auf, dabei darf es auch sehr laut sein, denn der Monitor hat genügend Reserven. Die Bässe sind tief und vollmundig. Bass-Drums beispielsweise erklingen dank des überdurchschnittlichen Impulsverhaltens – sofern der Schlagzeuger metronomisch exakt spielt – sehr punktgenau, wenn auch nicht so staubtrocken wie bei einigen Mitbewerbern.  Den wichtigen Mittenbereich stellt der SCM25 grandios dar, also gnadenlos ehrlich, ohne zu beschönigen. Der Monitor enthält sich jeder Schönfärberei und klingt nüchtern-sachlich, so dass auch winzige Details wie nicht hundertprozentig exakte Lagenwechsel auf E-Bass und Gitarre oder ein leicht rauer Bogenstrich auf der Violine nicht vertuscht werden. Im Vergleich zum ADAM erscheint uns bei der ersten von insgesamt  drei Hörsitzungen der Präsenzbereich geringfügig angehoben, so dass zum Beispiel Atemgeräusche ein wenig deutlicher hervortreten.  Tatsächlich benötigt der ATC wie jeder Monitor eine gewisse Einspielzeit, außerdem müssen auch wir uns erst auf den Monitor einhören. Nach dieser Einarbeitungsphase wissen wir: Mit dem Briten ist gut mischen und es lassen sich punktgenaue Korrekturen, um beispielsweise via Equalizer Schnaufer dezenter in den Hintergrund zu stellen.  Der Hochtöner des SCM25 löst fein auf, sein Impulsverhalten ist sehr gut, so dass er auch Transienten sehr gut folgen kann. Allerdings erreicht er die Geschwindigkeit und Präzision des – allerdings gänzlich anders konstruierten – X-ART-Hochtöners des ADAM S3X-H nicht. Außerdem klingt der ADAM eleganter und geschmeidiger, was aber nicht nach dem Geschmack jedes Tonschaffenden ist. Gleichwohl ist auch die Höhendarstellung des SCM25 auf sehr hohem Niveau.

Fazit

Der ATC SCM25 APro ist sicherlich ein Monitor der Spitzenklasse, der keine echten Schwachstellen aufweist, so dass der professionelle Anwender mit dem Briten glücklich werden wird. Vor allem der wichtige Mittenbereich ist dank des erstklassigen Mitteltöners kaum besser darstellbar.     

Erschienen in Ausgabe 05/2010

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 3450 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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