Der Erbfolger

Eine Nagra war für mobile Aufnahmen in hoher Qualität lange Jahre des Non plus Ultra. Mobile Festplatten-Recorder haben ihr in vielen aber nicht allen Disziplinen den Rang abgelaufen. Dies will der Winzling von Sound Devices nun endgültig ändern. 

Von Hans-Günther Beer 

Als Matt Anderson und Jon Tatools im Sommer 1998 ihr neues Unternehmen gründeten, hatten sie zwar noch keinen richtigen Namen dafür aber schon ein klares Mission Statement. Sie wollten, so die Zielsetzung, Field-Production Audio-Geräte entwickeln und bauen, die die Lebensqualität ihrer Kunden in deren Arbeit deutlich verbessern. Das klingt zwar sehr menschfreundlich, entwickelte sich aber zu einem harten Stück Arbeit für die Mannen um die beiden Ingenieure. Denn als Kunden hatten sie sich ausgerechnet die Tontechniker und Ingenieure ausgesucht, die entweder bei Wind und Wetter Originaltöne von  Newsproduktionen oder Dokumentarfilmen für Film und Fernsehen einfangen oder bei Livekonzerten die bestmögliche Klangqualität aufzeichnen mussten. Und diese ENG[G]-Kunden diktierten sehr widersprüchliche Anforderungen in die Produktroadmap des in Reedsburg, Winsconsin, auf halber Strecke zwischen Minneapolis und Chicago ansässigen Unternehmens: größtmögliche Zuverlässigkeit selbst in hitzigsten Recordingsituationen, kleinste Abmessungen für optimale Mobilität, einfache Bedienbarkeit selbst unter widrigsten Bedingungen und möglichst großen Funktionalität, um auch unterschiedlichste Anforderungen im Produktionsalltag erfüllen zu können. Doch diese Herausforderung schafften Anderson und Tatools auf Anhieb.

Furore machten die Entwickler in ENG-Kreisen sehr schnell mit ihren kompakten Field-Mischern sowie Mikrofon- und Kopfhörer-Verstärkern, die alle geforderten Attribute erfüllten. Da die Entwickler ihr Ohr ständig am Markt haben und die Bedürfnisse ihrer Kundschaft genau kennen, komplettierten sie ihr Angebot vor wenigen Jahren durch die Mobilrecorder-Serie 7, die inzwischen vier Modelle umfasst. Professional audio Magazin nahm sich das Modell 722 für einen ausgiebigen Praxis- Labor- und Hörtest vor.

Schon rein äußerlich unterscheidet sich der knapp 3000 Euro teure 722 von den meisten seiner Mitbewerber, die entweder ihre Aufzeichnungen auf eingebaute Festplatten oder Compact Flash-Karten speichern. Denn der 722 benutzt wahlweise beide Medien, die interne 40 Gigabyte Festplatte oder eine auf der Rückseite einsteckbare CF-Card (Typ I, II Microdrive). Denn vergleichsweise hohen Preis rechtfertigt der Zigarrenschachtel große 722 schon einmal durch seine wirklich exzellente Verarbeitung und die ausgesuchte Materialwahl – Kunststoff sucht man – außer bei den beleuchteten Tasten auf der Front vergebens. Alles besteht aus Metall, vornehmlich aus in verschiedenen Grautönen eloxiertem Aluminium. Die dunkelgrauen, penibel gefrästen Boden- und Deckenplatten sind zudem so dezent gebürstet, dass es einen unwillkürlich dazu verleitet, mit der Hand darüber zu streichen. Die an verschiedenen Stellen in die Platten bündig eingelassenen Fünfkant-Schrauben-Muttern signalisieren dem Kenner die professionelle Konstruktion des 722 – keine Befestigungsgewinde in Alu zu schneiden sondern dafür rostfreien Stahl zu wählen. Die Vorderfront des mit knapp 1,5 Kilogramm für seine Größe recht schweren Recorders wird dominiert durch eine äußerst kontrastreiche und, wie sich im Test zeigte, in jeder Beleuchtungssituation bestens abzulesende LCD-Anzeige: Die ist beleuchtet, so groß wie drei Briefmarken nebeneinander und bildet die Kommandozentrale für sämtliche der vielfältigen Einstellmöglichkeiten. Umrahmt wird das Display von vier weißen, hinterleuchteten Tasten, mit denen sich die Beleuchtung, der eingebaute Tongenerator  – einstellbare Frequenzen von 100 Hz bis 10 kHz – das Einstellmenü oder direkt das Verzeichnis der Harddisk anwählen lassen. Rechts vom Display ist als Aussteuerungsanzeige eine 19-stufige LED-Kette bündig eingelassen, die sich entweder im VU- oder Peak- Modus oder als Kombination von beiden umschalten lässt. Die Skalierung ist in dBFS ausgelegt (siehe auch Seite XX). Über  der unteren Kante der Front sitzen in großen Abständen zueinander die griffigen Laufwerkstasten, allesamt dadurch sehr gut zu bedienen und natürlich hinterleuchtet. Links tauchen nach kurzem Antippen zwei griffige Aussteuerungsregler aus geriffeltem Aluminium aus ihrer Versenkung auf. Daneben informiert eine Kette von Status-LED über die verschiedenen Betriebszustände des 722 – durch die Vielzahl der eng beieinander liegenden LEDs allerdings etwas unübersichtlich.

Auch auf der linken Seite des kompakten Gehäuses drängen sich Schalter und Buchsen, so als wollten die Entwickler wirklich jeden Quadratzentimeter sinnvoll nutzen. Zwei vollwertige XLR-Buchsen mit Entriegelungstasten für die Eingänge dominieren hier, begleitet von zwei TA3M-Schraubanschlüssen für die symmetrischen Line-Out-Eingänge – eine selten anzutreffende Buchsenart, für die der deutsche Vertrieb Ambient-Recording aber Adapterkabel anbietet. Eine 3,5 Millimeter Klinkenbuchse als zusätzlicher Tape-out-Line-Ausgang (unsymmetrisch) und eine Kopfhörerbuchse im gleichen Format nebst satt laufendem Lautstärkeregler komplettieren diese Seite. 

Die beiden XLR-Anschlüsse lassen sich durch etwas fummelige Schiebeschalter, direkt über den Buchsen angeordnet, zwischen Mikrofon, Lin-In und AES/EBU (linke Buchse) umschalten. Entriegelt man allerdings beim Abziehen des Steckers eine Buchse, läuft man Gefahr, den entsprechenden Schiebschalter zu verstellen – das kann im Eifer des Gefechts fatale Folgen haben. Die Rückseite bietet einen sehr gut zugänglichen Schacht für die Aufnahme der CF-Card und den Anschluss-Schacht für den mitgelieferten Lithium-Ionen-Akku mit 1500 mAh Kapazität. Die Akkus entsprechen übrigens dem Sony L- oder M-Typ und sind kompatibel zu denen der Sony-Camcorder, für ENG-User eine große Vereinfachung. Im Testbetrieb liefert der serienmäßige Akku Energie für knapp vier Stunden Aufnahmezeit – mit eingeschalteter Beleuchtung und aktivierter Phantomspeisung für die Kondensatormikrofone. Akkus bis 7000 mAh können eingesetzt werden. Auf der rechten Gehäuseseite des 722 finden sich vier BNC-Anschlüsse, zwei davon für Word-Clock In und Out und zwei weitere für die unsymmetrischen AES/SPDIF Ein- und Ausgänge – spezielle Adapterkabel sind lieferbar. Außerdem finden sich hier die Bajonett-Anschluss-Buchse für das mitgelieferte Netzgerät, das den eingesetzten Akku lädt, und zwei als C-Link bezeichneter Western-Buchsen, wie man sie von den Anschlusskabeln der ISDN-Telefone her kennt. Über diese Buchsen lassen sich zwei Recorder aus der 7er Serie miteinander koppeln, die arbeiten dann absolut synchron miteinander. Ein Firewire-Anschluss stellt die Verbindung zu einem Mac oder Windows-PC her, der dann den 722 als zusätzliche, externe Festplatte erkennt. 

Das Kopieren der aufgezeichneten WAV-Files auf die Computer-Festplatte oder direkt in den Sequenzer wird so zum Kinderspiel. Ein Highlight, zumindest aus haptischer Sicht, stellt der Menue Select Dreh-/Druckknopf dar. Er ist gut erreichbar links unten angeordnet und ermöglicht die einfache, fast intuitive Bedienung des umfangreichen Einstell-Menüs, das man nach einem Druck auf die Menu-Taste erreicht. Durch Drehen blättert und durch Drücken bestätigt man die Auswahl einer der 78 Menü-Punkte. Diese hier alle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen, die Spanne reicht jedoch vom Quick-Setup, dort kann man eines der vordefiniertes Settings  Factory-Preset beziehungsweise eines für Music-Recording, Reporter-Einsatz oder Filmaufnahmen wählen, eigene Settings auf Festplatte oder CF-Card abspeichern oder aufrufen oder individuelle Einstellungen aller wichtigen Parameter bis hin zu Testroutinen für Festplatte oder Karte. Übrigens umfasst jedes Preset fast 60 verschiedene Einzelparameter. Einstellbar sind grundsätzlich die Samplingfrequenzen von 33 kHz bis 192 kHz, auch die für die Film- und Fernseh-Industrie wichtigen, „krummen“ Werte von 48,048kF oder  96,096 kHz sind vorhanden.  Die Bit-Breite kann man zwischen 16 und 24 Bit und beim Datenformat seit dem Firmware-Update 1.74 nicht mehr unter verschiedenen mp3-Formaten sondern nur noch zwischen mono- oder polyphonem WAV-Format wählen. Für Profis ist der Verzicht auf das mp3-Format allerdings aus Qualitätsgründen und vor allem angesichts der langen Aufnahmezeiten kein Beinbruch. 

Unter den vielen Besonderheiten und Wahlmöglichkeiten, die das Menü anbietet ist  die einstellbare, so genannte Pro Roll-Time erwähnenswert die der 722 vor jedem Aufnahmefile hinzufügt, um den Beginn einer Aufnahme nicht zu verpatzen. Oder die Möglichkeit Timer- Start- und Stopp-Zeiten zu definieren oder die programmierbaren Monitorfunktionen für die Kopfhörer und Tape-Out-Ausgänge, oder der einschaltbare Limiter, die Low-Cut-Filter, die programmierbare Eingangsempfindlichkeiten der Mikrofoneingänge, die wählbare Delay-Zeit für jeden Eingang oder oder oder. Selbstverständlich lassen sich einzelne Tracks, auf Wunsch wird bei jedem Druck auf die Aufnahmetaste während einer Aufnahme automatisch ein neuer angelegt,  zwischen Hard-Disk und CF-Card kopieren. Man kann auch aus Sicherheitsgründen auf beide Medien gleichzeitig aufzeichnen.  Die Tracks und die übergeordneten Szenen, in denen mehrere Tracks zusammengefasst werden können, lassen sich mit individuellen Namen versehen. Tut man das nicht, versieht der 722 alle Szenen beziehungsweise Folder mit dem aktuellen Datum als Namen und nummeriert die in den Foldern liegenden Tracks. Alle Tracks sind nämlich in einer Baumstruktur, wie sie aus der Computerwelt bekannt ist angeordnet und lassen sich so sehr schnell finden. Festplatte und CF-Card sind im vom PC her bekannten FAT32-file-System formatiert und organisiert.  Auf die File-Struktur hat man per Druck auf die HDD-Taste direkten Zugriff und kann dann per Menü-Drehrad oder auch mit Hilfe der beiden n Tasten links neben dem Display darin blättern.

Wichtige Funktionen, wie etwa die fürs einschalten der Phantomspeisung, der Filter oder das Blockieren aller Knöpfe auf der Front können per Shortcuts , also das kombinierte Betätigen zweier Tasten  on-the-fly angewählt werden. Dies geht noch einer Weile des Übens auch in  hektischen Aufnahmesituationen wie im Schlaf von statten. Das Bedienkonzept des 722 bewährt sich, so zeigt der Test, als ausgeklügelt und praxisorientiert. Dazu trägt auch das Display bei, das alle wichtigen Informationen liefert ohne überladen zu wirken. Die Tester hatten jedenfalls großen Spaß bei der Arbeit mit dem 722. Dank seiner kompakten Abmessungen und der Möglichkeit, mit dem kleinen Kästchen völlig autark Stereoaufnahmen in hoher Qualität zu produzieren, begleitet der 722 die Redakteure währen der letzten Wochen bei vielen externen Aufnahme-Sessions. Und dort schlägt er sich mit Bravour. Es gibt keinen einzigen Fall von Fehlbedienung zu verzeichnen, alle Aufnahmen, vorwiegend im 24 Bit 96 kHz Format aufgezeichnet sind gelungen. Übrigens beträgt die Gesamtaufzeichnungsdauer der Festplatte in diesem Modus fast 20 Stunden. Nicht unerwähnt bleiben soll auch, dass man die interne Festplatte bei Bedarf gegen Modelle mit größerer Kapazität im Werk in Wisconsin austauschen lassen kann. 

Beim obligatorischen Gang ins Messlabor macht der Sounds Devices 722 am Audio Precision 2722 insgesamt eine gute Figur. Die Fremdspannungsabstände für die Mikrofoneingänge, bezogen auf +4 dBu, also -11 dBFS, betragen sehr gute 85 dB, Verzerrungen kennt der 722 so gut wie nicht, tadellose 0,01 Prozent ermittelte das unbestechliche Messgerät. Die Frequenzgänge ähneln in jeder Betriebsart dem erwarteten Linealstrich. Lediglich die Gleichtaktunterdrückung beträgt „nur“ 50 dB, ein immer noch guter Wert, wenn auch der eine oder andere separate Mikrofon-Vorverstärker oder Audio-Interface schon etwas bessere Werte liefert. In der Praxis spielt das aber so gut wie keine Rolle. Man sollte lediglich darauf achten, dass die Mikrofonkabel nicht sehr viel länger als 30 Meter sind. Falls größere Länge benötigt werden, schaffen hier mehrfach geschirmte Kabel hoher Qualität Abhilfe, die dann eventuell entstehende Einstreuungen von Störsignalen wirksam unterdrücken. 

Klanglich überzeugt der 722 in jeder Aufnahmesituation. Die Mikrofonverstärker lassen sich sehr feinfühlig auf die verwendeten Kondensatormikrofone einstellen und bringen die volle Klanggüte beispielsweise einiger sich schon im Praxiseinsatz befindlichen Testkandidaten für den großen Mikrofontest, den Professional audio Magazin gerade vorbereitet, sehr deutlich in die Aufnahme – mehr darüber in der nächsten  Ausgabe. Die Mikrofonverstärker klingen insgesamt sehr offen und luftig, könne winzige Details in hoher Auflösung weitergeben und haben genügend Verstärkungsreserve, um auch leise dynamische Mikrofone rauschfrei zu verstärken. Lediglich im untersten Bassbereich zeigen sie eine leichte Schwäche, die aber selbst bei Orgelaufnahmen kaum eine Rolle spielen dürfte, zumal die Charakteristik der angeschlossenen Mikrofone hier deutlich stärker ins Gewicht fällt. Das gleichzeitige Abhören währen der Aufnahme über Kopfhörer gelingt sehr gut, da der maximale Ausgangspegel ausreicht, auch eher leise Kopfhörer zu bedienen. Wer will kann den Menü-Drehwähler so einstellen, dass er einzelne Spuren mono oder beide Spuren in stereo „Vor- oder Hinterband“, abhören kann. Als große Vereinfachung zeigte sich in der Praxis das Kopieren der aufgezeichneten Tracks per Copy and Past in den Sequenzer, nachdem die Verbindung via Firewire hergestellt wurde.

Fazit

In der Praxis überzeugte der Sound Devices 722 die Testredakteure voll und ganz. Die Aufnahmequalität ist ausgezeichnet die Bedienung nach Studium der gut gemachten Bedienungsanleitung einfach und fast intuitiv. Verarbeitung und Materialwahl sind hervorragend und versprechen ein langes Recorderleben. Damit bringt der Sound Devices 722 alle Vorraussetzungen mit sich, um in die Fußstapfen des Vaters aller mobilen Recording-Maschinen, der legendären Nagra IVS zu treten.

Erschienen in Ausgabe 10/2006

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 2993 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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