Ehrlicher geht’s kaum

Schon Aristoteles wusste, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Aber wie ist dieses abstrakte Mehr in komplexen Lautsprechersystemen zu eliminieren? KS-digital will durch technische Innovation den Zeiger auf Null setzen und alle Verfälschungen des Originalklangs ausmerzen: Die Wunderwaffe heißt FIRTEC.

Von Harald Nötges

Toningenieure scheuen keine Kosten und Mühen auf der Suche nach dem optimalen Monitor. Firmen wie die in Saarbrücken beheimatete KS-digital suchen unentwegt nach neuen Ansätzen, um dieses wichtige Glied in der Soundübertragungskette zu optimieren. Geschäftsführer Johannes Siegler hat viel Erfahrung im Bau digitaler Monitorlautsprecher. So entwickelte er bereits vor Jahren den weltweit ersten Digital-Lautsprecher. KS-digital verwendet in ihren Produkten, dort wo die digitale Signalübertragung der analogen Technik an Präzision und Neutralität überlegen ist, Computertechnik. So auch im brandneuen Nahfeldmonitor ADM20, der mit einem Stückpreisvon rund 3.300 Euro hohe Erwartungen weckt.

Mit ihrer Zweiwege-Konzeption führt die ADM20 die Tradition der ADM2 fort, die als erster digital entzerrter Lautsprecher für den Studiobetrieb gilt. Die lackierte, längs gemaserte Front aus Kirschholz wertet jeden Regieraum optisch auf. Die beiden Chassis befinden sich übereinander auf einer Achse. Diese ist leicht aus dem Zentrum der Front verschoben, um Interferenzen, also sich überlagernde Reflexionen an den Gehäusekanten, zu verringern. Das Bass-Midrange-Chassis besitzt eine Carbonfaser-Membran, die selbst bei hohen Pegeln so formstabil bleibt, dass keinerlei Aufbrüche in Partialschwingungen zu befürchten sind. Beide Treiber sind in Deutschland gefertigte Spezialanfertigungen; besonders der Hochtöner hat es in sich.

Der sichtbare Teil des Chassis – die Membran liegt hinter einem engmaschigen Drahtgitter verborgen – schmiegt sich mit sanften Rundungen an die Front und wird vom Hersteller als Wave-Guide bezeichnet. Das soll das Abstrahlverhalten optimieren. Das wirklich Besondere des Hochtöners bleibt dem Auge allerdings verborgen. Der genaue Aufbau des Ringradiators ist Betriebsgeheimnis. Laut Siegler handelt es sich um eine Membran, deren Zentrum quasi ausgestanzt ist und die sich am Ende einer kurzen Röhre bewegt. Der Kompressionstreiber mit seiner ringförmigen 44-Millimeter-Membran soll so eine möglichst plane Abstrahlung der Schallwellen in Kombination mit hohen, unverzerrten Schalldrücken liefern.

Die ADM20 verfügt über analoge und digitale Ein- und Ausgänge im XLR-Format. Im analogen Betriebsmodus gelangt das Signal über die Eingangsbuchsen zu einem hochwertigem 27-Bit-Gainstaging-Sigma-Delta-Wandler, der das analoge Signal mit einer Dynamik von 130 Dezibel wandelt. Ab hier übernimmt die komplexe digitale Weiterverarbeitung inklusive Frequenzweiche ein Sharc-DSP [G] mit 60 MHz-Taktung. Am Ende der Verarbeitungskette wird das Signal über 24-Bit-Wandler und die Endstufe mit zwei MOSFETs an die Chassis weiter geleitet.

Der DSP mit seiner Floating Point Unit (FPU) [G] arbeitet mit Gleitkommazahlen. Er ist somit bestens gerüstet das Audiomaterial zu verarbeiten und übernimmt drei Aufgaben: Er dient als Frequenzweiche, er entzerrt das Übertragungsverhalten der einzelnen Komponenten des Lautsprechers und schützt das System vor Übersteuerung.

Die Innovation der ADM-Serie von KS-digital ist nennt sich FIRTEC (Finite Impulse Response Technology) zur bestmöglichen Entzerrung des Gesamtsystems. Die Theorie dahinter: Werden analoge Signale wie sonst üblich durch Frequenzweichenfilter oder sonstige Amplitudenentzerrungen verändert, wandelt sich außer dem Amplitudenfrequenzgang auch das Impulsverhalten eines Systems. Kurze Impulse sind dann so verzögert, dass am Ausgang eines derart korrigierten Systems ein Nachschwingen in der Impulsantwort auftritt. Die Massenträgheit der Lautsprechermembranen verursacht eine zusätzliche Laufzeitverzerrung und somit Nachschwingen.

Die FIRTEC-Entzerrung soll angeblich solche Laufzeitverzerrungen völlig vermeiden. Vereinfacht ausgedrückt verändert sie das Eingangssignal für die ADM20 (in der Zeitebene) vorausschauend auf korrekte Impulstreue, „was physikalisch einer Linearisierung von Frequenzgang in Betrag und Phase gleichkommt“, so Siegler. Das ist deshalb sinnvoll, weil das Impulsverhalten eines Lautsprechers für die Präzision bei der räumlichen Ortung und Tiefenstaffelung verantwortlich ist. Ein zusätzliches Laufzeitglied gleicht den geometrischen Versatz zwischen den Schwingspulen der Chassis exakt aus. Ziel ist ein optimales Abstrahlverhalten und die Möglichkeit des interferenzfreien Abhörens.

In seiner Funktion als digitale Frequenzweiche arbeitet der DSP als Differenzfilter mit FIRTEC-Technik. Er fungiert zunächst einmal als Tiefpassfilter mit einer Flankensteilheit von 90 Dezibel pro Oktave. Außerdem erzeugt er die Hochpassfilterung für den Hochtöner, indem er die Tiefpassfilterung vom Eingangssignal mathematisch subtrahiert. Die Pegeladdition von Tief- und Hochpass entspricht somit immer exakt dem Eingangssignal und damit dem einer theoretisch perfekten Frequenzweiche. Ist im Parameter-Menü der ADM20 (siehe weiter unten) die Funktion Subwoofer aktiviert, berechnet der DSP einen dritten Signal-Weg zur Ansteuerung eines externen Subwoofers. Das entsprechende Signal liegt dann an einer speziellen XLR-Buchse auf der Rückseite der Box an. Der Subwoofer benötigt so keine eigenen Filter und arbeitet bis zu einer unteren Grenzfrequenz von 25 Hertz.

Um die individuellen Fertigungstoleranzen der eingebauten Chassis und des Gehäuses auch individuell korrigieren und entzerren zu können, wird jede ADM20 separat eingemessen. Die dabei ermittelten FIRTEC-Parameter sind im jeweiligen DSP gespeichert. Dieses Verfahren erlaubt sogar das individuelle Einmessen der Monitore vor Ort im Abhörstudio. Das Lautsprechersystem lässt sich so an die jeweilige Studiosituation – vorhandene Raumakustik und Abhörposition – anpassen. Das vorausschauende künstliche Gedächtnis mit den eigenen Impulsdaten ist dann Teil des programmierten DSPs.

Die ADM20 ist auch manuell auf die jeweiligen Raumbedingungen abstimmbar. Hierfür stehen ein Hoch- und Tiefpassfilter und drei zusätzliche vollparametrische Filter zur Verfügung. Die Einstellmöglichkeiten: entweder über den auf der Rückseite des Monitors installierten Drehregler (Digital Remote Control / DRC) nebst zweizeiligem hintergrundbeleuchteten LCD-Display, über eine spezielle Software (PC Remote Control) oder eine analoge Fernsteuerung (Analog Remote Control / ARC). Als DRC wird die direkte Manipulation der Parameter mittels des dafür installierten Drehreglers bezeichnet. So lassen sich die Einstellungen der Filter (Frequenz, Amplitude, Bandbreite) und die Lautstärke konfigurieren. Unser Tipp: Am komfortabelsten gelingt die Einstellung Dank der übersichtlichen Bedienoberfläche mit der beigelegten Software. Besonders praktisch ist das, wenn das System für wechselnde Produktionen öfters umkonfiguriert wird. Einmal auf dem Laptop oder PC installiert und über die serielle Schnittstelle mit der RC-in-Buchse des Monitors verbunden – schon kann es losgehen.

Die ARC dient ausschließlich der einfachen Kontrolle der Lautstärke. Ist die Box digital angeschlossen, lässt sich der Pegel nur unkomfortabel am Drehregler auf der Rückseite der Box ändern. Über die ARC ist ein Potentiometer per Netzwerkkabel an den dafür vorgesehenen RC-Input anschließbar. Dies kann auch ein Fader des Mischpultes sein, wenn das Pult über eine solche Funktion verfügt. Da die ADM20 jeweils über einen RC-Ein und RC-Ausgang verfügt, ändern sich immer die Einstellungen aller miteinander vernetzten Lautsprecher.

Im Test von Professional audio Magazin zeigt die Frequenzgangmessung der ADM20 einen sehr linearen Kurvenverlauf mit einer leichten, breiten Absenkung bei zirka 250 Hertz. Dies entspricht unserem Höreindruck in Neutralstellung aller Filter, nämlich dem einer leichten Schwäche in den unteren Mitten. Doch dieses Problem lässt sich mittels der Raumanpassung einfach beseitigen, wie die beiden Kurven auf Seite 76 zeigen: Eine leichte Anhebung bei 250 Hertz um zwei Dezibel mit einem Q-Faktor von 0,8 trimmt den Frequenzgang auf linearen Kurs. Der Hersteller verspricht Paargleichheit in Bezug auf den Frequenzgang. Unsere Messungen bestätigen das: Die Diagramme beider Boxen zeigen eine fast deckungsgleiche Kurve.

Die ADM20 zeigt sich im Testlabor als souveräner Schallübertrager. Nach ausgiebigen Hörversuchen mit verschiedenen Musikstilen und Signalen, auch im Vergleich mit Monitoren anderer Hersteller und Preisklassen, fallen besonders die Ausgewogenheit des Klangbildes, das exzellente Impulsverhalten und die exakte Ortbarkeit der ADM20 auf. Die Signale erscheinen gestochen scharf und hoch aufgelöst, so dass der Monitor kleine Veränderungen in der Räumlichkeit besonders exakt wiedergibt.

Das Klangbild ist enorm offen und transparent. Auch in den oberen Höhen- und im unteren Bassbereich bleibt die ADM20 immer sauber und kontrolliert. Selbst bei höheren Lautstärken ist der Klang klar und präzise. Allerdings beginnt die blaue Kontroll-LED bei heftigen Impulsen sample-genau zu flackern und signalisiert: Das waren sechs Dezibel unter Full-Scale. Besonders deutlich zeigt sich die Souveränität der ADM20 bei Aufnahmen von Kontrabass und Gitarre: Sogar tiefste Frequenzen bleiben sehr trocken und direkt, Schwammigkeit ist der ADM20 völlig fremd. Das wiedergegebene Contrabass-Gitarrenduo ist quasi dreidimensional im Raum positioniert; zuweilen entsteht der Eindruck, man könne drum herum schauen. Der Klang bleibt immer griffig und differenziert, kleine Nuancen des Anschlags der rechten Hand oder das Atmen des Bassisten klingen realistisch und naturgetreu. Beim Hören von großen Orchesteraufnahmen spielt die ADM20 ihre Fähigkeit, auch komplexe Signale zu differenzieren, voll aus. Im virtuellen Halbkreis erscheinen die Instrumentengruppen klar voneinander getrennt – je nach Aufnahme in der Breite und Tiefe –, so dass die Positionen, sowohl im Stereopanorama als auch in der räumlichen Staffelung, klar nachvollziehbar sind.

Im Härtetest mit extrem impulsartigen Signalen, wie das Zerbersten von Glas oder wuchtig geschlagene chinesische Trommeln, machen wir keine Schwäche aus. Das feinste hochfrequente Knacken bei hohen Lautstärken wird ehrlich und rücksichtslos vermittelt.

Im Vergleich mit der ADAM S3A wird deutlich, dass KS-digital in Bezug auf Impulsverhalten die Nase vorne hat. Das Gesamtbild wirkt eine Spur runder und noch ausgeglichener als bei der ohnehin schon sehr guten S3A. Das Impulsverhalten in den Bässen zeigt sich bei KS-digital bei höheren Lautstärken ein wenig differenzierter. Hier haben wir bei der S3A den Eindruck, dass der Bassbereich etwas an Kantenschärfe verliert, während die ADM20 stets die Kontrolle behält. Dafür ist die ADAM S3A in der Lage, insgesamt höhere Abhörpegel zu liefern und außerdem reicht sie im Tiefbass etwas weiter hinunter. Auf solch hohem Niveau fällt es schwer, eine absolute Wertung vorzunehmen. Eines ist jedoch klar: Die letzten Meter auf dem steinigen Weg in den Klangolymp erfordern einen hohen Kraftaufwand. Die Entwickler von KS-digital beweisen, dass sich durch hohen technischen Aufwand immer noch ein Quäntchen mehr erreichen lässt. Die ADM20 ist das eindrucksvolle Resultat.

Fazit

Klanglich ist die ADM20 von KS-digital ihr Geld wert und verdeutlicht, dass sich innovative Verbesserungen nach wie vor auszahlen. Sie arbeitet absolut präzise und überzeugend – ein Job, für den sich rund 3.300 Euro lohnen.

Erschienen in Ausgabe 09/2006

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 3306 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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