Die reine Klanglehre

Die Hersteller hochwertiger Lautsprecher beschreiten jeder ihren eigenen Weg, bei der Konstruktion des idealen Studio-Monitors. Oft sind hier Überzeugungstäter in Sachen reiner Klanglehre am Werk. So auch im sächsischen Geithain.   

Von Harald Wittig

In der auf halbem Weg zwischen Leipzig und Chemnitz gelegenen Kleinstadt Geithain hat die Lautsprecher-Manufaktur Musikelectronic Geithain, kurz MEG, ihren Firmensitz. Die Unternehmensgeschichte reicht bis ins Jahr 1960 zurück, als es noch zwei deutsche Staaten gab. MEG-Inhaber und Chefentwickler Joachim Kiesler, Jahrgang 1941, begann damals mit dem Bau elektronischer Orgeln für Kirchen und Konzerthallen. Die dabei gesammelten Erfahrungen bildeten die Grundlage für die Entwicklung von Lautsprechern. Anfang der achtziger Jahre entwickelte MEG den ersten aktiven Monitor, den RL 900, einen Drei-Wege-Lautsprecher in Koxial-Bauweise. Der RL 900 war ab 1985 in den Rundfunkhäusern der DDR der Hauptregielautsprecher schlechthin – und nach der Wende konnte er auch in den alten Bundesländern überzeugen: MEG gewann mit dem RL 900 einen von der ARD und ZDF ausgeschriebene Lautsprechertest. Inzwischen stehen in vielen Rundfunkanstalten Monitor-Anlagen aus Geithain, weltberühmte Opernhäuser und Konzerthallen wie die Semperoper, das Gewandhaus und die Berliner Philharmonie – um nur drei zu nennen – vertrauen ebenfalls auf die Monitore aus Sachsen.
Grund genug für Professional audio Magazin, ein Lautsprecher-Paar aus Geithain unvoreingenommen einem Test zu unterziehen. Wir entschieden uns für den MO-2, der zu den jüngsten Entwicklungen der Lautsprecher-Manufaktur gehört. Konzipiert ist er als Nah- und Mittelfeldmonitor für den Einsatz in kleinen Projektstudios und im Ü-Wagen.

Der OM-2 ist zunächst ein aktiver Zwei-Wege-Bassreflexlautsprecher. Was ihn und alle Lautsprecher aus Geithain kennzeichnet: Die Sachsen schwören bei der Anordnung von Hoch- und Tiefmitteltöner auf eine koaxiale Kombination. Joachim Kiesler ist überzeugt, dass nur mit dieser Konstruktion ein stressfreies Hören möglich sei: „Wenn Sie eine Sängerin im Theater hören, können Sie punktgenau sagen, wo diese steht. Hören Sie die Stimme über einen Lautsprecher, der nach dem konventionellen Mehr-Wege-System gebaut ist, wird die Stimme nach Oben und nach Unten aufgeteilt. Der abgestrahlte Schall erreicht Ihre Ohren und das Gehirn muss die einzelnen Teile erst wieder zusammensetzen. Das stresst. Mit einem System wie dem unseren, fällt dies weg. Sie können folglich sehr viel stressfreier hören.“ So weit die Theorie des MEG-Chefs, die auch von Herstellern wie KEF und Tannoy getragen wird. Doch viele Wege führen nach Rom, wie die Monitor-Tests in Professional audio Magazin immer wieder zeigen. KS digital ADM 20 (siehe Test Ausgabe 9/2006) oder Dynaudios Air 6 (Test Ausgabe 5/2006) und auch der gute Emes Quartz (Test Ausgabe 7/2006), um nur einige zu nennen, ermöglichen stressfreies Hören. Es kommt eben letztlich vor allem darauf an, wie sorgfältig ein Entwickler sein Konzept umsetzt. Absolute Wahrheiten gibt es nicht.
Auffällig ist beim MO-2 – wie übrigens bei allen Geithain-Lautsprechern -, dass der Hochtöner einige Zentimeter auf dem Lochgitter des Tiefmitteltöners montiert und vom Zentrum weg ein wenig nach oben versetzt ist. Diese asymmetrische Anordnung ist eines der Markenzeichen der Geithain-Lautsprecher. Hierdurch soll der so genannte Kammfilter-Effekt vermieden werden, ohne dass der klassische Vorteil des Koaxial-Systems, gleichmäßiges Abstrahlverhalten, das dem Ideal einer Punktschallquelle nahe kommt, verloren ginge.

Obwohl der MO-2 in den Abmessungen nicht überdimensioniert ist, beansprucht er schon etwas an Platz und mit seinem Gewicht von acht Kilogramm einen stabilen Untergrund. Möglich ist es sicherlich, den Monitor auf die Meterbridge des Mischpultes zu stellen. Wegen der Reflexionen der Mischpultoberfläche ist das aber nicht zu empfehlen. Besser geeignet ist die Aufstellung auf einer stabilen Konsole oder ein von MEG maßgeschneidertes Stativ: Im Geithain setzt man nämlich konsequent auf die Fertigung im eigenen Hause, beginnend bei den Gehäusen, über die Verstärker-Elektronik, die Chassis bis hin zum passenden Zubehör. Kostengünstig ist eine solche Fertigung nicht und auch ein Hersteller wie MEG, der aus Prinzip alles selbst machen möchte, kommt nicht umhin, den Rotstift anzusetzen: Die Schwingspulen lässt MEG mittlerweile in Bangkok herstellen.

Die weitestgehende Kontrolle über den gesamten Produktionsprozess eines Lautsprechers soll Fertigungsmängel und Nachlässigkeiten so weit wie möglich ausschließen. Die Lautsprecher beziehungsweise die Chassis werden bei MEG nicht paarweise, sondern grundsätzlich selektiert. Denn alle Monitore sollen ohne weiteres miteinander kompatibel sein. Außerdem verlässt kein Lautsprecher das Haus, ohne zuvor sorgfältig eingemessen zu sein.
Die Verarbeitung des MO-2 ist aufs erste Hinsehen sehr sauber und gediegen. Bei näherer Betrachtung fällt aber auf, dass das Buchen-Furnier an der Bassreflexöffnung nicht ganz bündig sitzt. Das gilt für beide Lautsprecher des Testpärchens. MEG ist dies übrigens bewusst: Man habe bisher noch keinen Weg gefunden, das Furnier besser einzupassen, arbeite aber daran. Gleichzeitig versichert der Hersteller, dass dieser Fehler keine akustischen Auswirkungen hat.

Um auspuffartige Strömungsgeräusche zu bedämpfen, ist der Bassreflexkanal im Gehäuse mit einem Schaumstoff ausgekleidet, der den Luftstrom bremsen soll. Dies wird allerdings, so Kiesler, mit einer Pegelabsenkung von ungefähr einem Dezibel erkauft. Verfärbungen im Tiefbass sollen aber reduziert werden.
Die Chassis des MO-2 werden von getrennten MOSFET-Endstufen mit aktiver Frequenzweiche und elektronischem Überlastungsschutz angesteuert. Beide Verstärker haben eine Leistung von 80 Watt und können ordentlich Druck machen. Die elektronische Weiche verteilt die Signale bei einer Übergangsfrequenz von 2,8 Kilohertz auf Tiefmittel- und Hochtöner.
Die Empfindlichkeit des symmetrischen XLR-Eingangs lässt sich über einen stufenlosen Drheregler auf der Rückseite kalibrieren. Nicht unbedingt die praktischste Lösung. Besser – was im Übrigen für fast alle Studiomonitore gilt – wäre da schon ein Lautstärkeregler auf der Frontseite. Hinzu kommt beim MO-2, dass dessen Regler abgesehen von einer roten Markierung keine Skalierung hat. Die Veränderung der Eingangempfindlichkeit wird aber in der Regel nur notwendig sein, wenn beispielsweise ein Master-Recorder mit hohem, nicht regelbarem Ausgangspegel direkt angeschlossen wird.

Auf der Rückseite hat der MO-2 noch drei weitere Regler, mit denen der Monitor an den Abhörraum in Abhängigkeit des Aufstellplatzes angepasst werden kann. Der mit HT bezeichnete Regler ist ein Kuhschwanz- oder Shelving-Filter, das den Pegel ab einer Einsatzfrequenz von zwei Kilohertz um drei Dezibel absenkt oder anhebt. Es sollte nur zum Einsatz kommen, wenn der Raum Schwächen bei der Bedämpfung in diesem Bereich aufweist, was auch für den Tieftonregler gilt: Hier erfolgt die Absenkung bis hinab zu 40 Hertz. Zwischen 40 und 60 Hertz werde nach Auskunft von MEG ei Wert von maximal –8 dB erreicht, der kontinuierlich bis 200 Hertz ansteigt und hier die 0 dB-Marke erreiche. Hinter dem dritten Regler verbirgt sich ein Glockenfilter Der dritte Regler ist ein Glockenfilter bei 300 Hertz. Wenn Sie entgegen der Empfehlung den MO-2 auf der Meterbridge aufstellen, sollen Sie hiermit die Reflexionen der Pultoberfläche kompensieren können.
Die Wirkungsweise der Regler fällt bei versuchsweisem Verstellen eher subtil, wenngleich hörbar aus. Bei akustisch ungenügenden Räumen werden die Regler wenig verbessern können.
MEG bietet übrigens einen Einmessdienst für Privatkunden an. Damit lässt sich der beste Platz zur Aufstellung der Lautsprecher, deren Eigenschaften durch die eigene Messung im reflexarmen Raum bekannt sind, ermitteln. Gleichzeitig werden Schwachstellen des Raumes, die akustisch nachgebessert werden sollten, aufgedeckt. Allerdings hat der Einmessdienst seinen Preis: MEG verlangt hierfür 40 Euro die Stunde zuzüglich Mehrwertsteuer und Anfahrtskosten

Zunächst hören wir das Testpaar mit dem unterschiedlichsten Programm-Material von Klassik, über akustischem Jazz bis hin zu Rock und Pop. Selbstverständlich hören wir mit dem MO-2 auch die Roh-Mixe ab, die wir selbst im Rahmen früherer Tests gemacht haben und fertigen mit dem MO-2 neue Down-Mixes an.
Bei der Basswiedergabe erweist sich der MO-2 als sicher und reicht tief hinab, ohne freilich ganz in den Keller steigen zu können. Aber das gestrichene tiefe E eines Kontrabasses kommt plastisch und konturiert, ohne dass der Ton nach den Seiten ausbrechen würde. Der Lautsprecher fügt auch nichts hinzu und dickt den Tiefton künstlich an: Stattdessen bleiben auch Teiltöne, die unter anderem durch den Bogenaufsatz des Spielers entstehen und dem Klang Farbe geben, erhalten. Auch kritische, eher breite und obertonarme Bässe, wie ein sehr weich mit dem Daumen gespielter E-Bass werden gut fokussiert wieder gegeben. Auch beim Impulsverhalten im Bass ist der MO-2 sicher und hat keine Mühe mit knallharten Elektrobässen oder trockenen Kick-Drums.

Den Mittenbereich und Höhenbereich deckt der OM-2 sicher ab, ohne dass er bestimmte Frequenzen hervorheben würde. Dadurch klingt er sehr nüchtern-sachlich, was sich bei der praktischen Arbeit auszahlt: Wenn ein Track gut aufgenommen und der angestrebte Sound eingefangen wurde, klingt es auch entsprechend. Stimmt etwas bei der Aufnahme nicht, dann teilt das der OM-2 mit. Gerade bei akustischen Aufnahmen können so Spielfehler – zum Beispiel ungewollt mitschwingende leere Saiten bei Sologitarren-Aufnahmen -, die bei weniger analytischen Lautsprechern unentdeckt bleiben, aufgespürt werden. Hier muss sich der MO-2 nicht vor den KS Digital ADM 20 (Test Ausgabe 9/2006) verstecken, wenngleich die ADM 20 vor allem bei der Feinauflösung im Hochtonbereich eine Nasenspitze vorneweg ist.

Bei der praktischen Arbeit soll uns der MO-2 beim Abhören und Mischen der drei Tracks, die wir für den Gitarren-Workshop (siehe Seite 82 in diesem Heft) einspielen, unterstützen. Hier beweist der MO-2 seine Monitor-Qualitäten: Ein mit schlechtem Anschlagswinkel des Plektrums angeschlagener und damit unangenehmer Ton wird ebenso aufgespürt wie Amp-Einstellungen, die den angestrebten Sound nur annähernd treffen oder die Gitarre m Gesamtarrangement untergehen lassen. Bei einem Solotake für eine Bossa Nova soll beispielsweise die Jazz-Gitarre den runden, etwas sterilen Ton des Großmeisters Jim Hall haben: Dafür benötigen wir keinen Amp, sondern lediglich das D.I.-Signal. Die Höhenabsenkung am Instrument selbst überzeugt beim ersten Abhören mit dem ADAM A7 (siehe Test, Seite 88), nicht – dem Ton fehlt die Klarheit, da die Höhen zu sehr bedämpft sind. Über den MO-2 abgehört, wird dieses Hörergebnis erhärtet: Die Gitarre klingt viel zu dumpf. Beim zweiten Take ist der Tonregler der Gitarre voll aufgedreht, dafür senken wir nachträglich den Bereich von 200 bis 300 Hertz um +3 dB. Der Ton ist jetzt wesentlich farbiger und behält trotz der Verrundung über den Equalizer seine Transparenz und Obertönigkeit. Die Spur wird noch mit ein wenig Hall versehen, um dem Klang ein wenig mehr Tiefe zu geben – fertig. Beim anschließenden Vergleichshören klingt es nun auch über den ADAM A7 optimal.

Apropos Tiefe: Bei der Raumdarstellung leistet der MO-2 Verblüffendes, was vermutlich auf das selbst entwickelte Koaxial-System von MEG zurückzuführen ist. Instrumente und Sänger stellt der MO-2 jedenfalls punktgenau präzise im Raum auf – wir können ohne Mühe auf den Zentimeter die Stimme orten. Damit ist es sehr einfach, beispielsweise die Streicher und das Schlagzeug bei der Bossa mit entsprechenden Einstellungen über Pan- und Lautstärkeregler und den sorgfältigen Einsatz von Hall (siehe hierzu den großen Hall-Workshop Ausgabe 9/2006) wie gewünscht zu positionieren, ohne dass dabei erhöhte Konzentration nötig ist. Gleichzeitig klingen akustische, über Mikrofon abgenommene Instrumente aber nicht wie an einer Position festgenagelt. So können wir beim Abhören der Gitarren-Duo-Aufnahmen für den Apogee Symphony-Test (siehe Seite 60) deutlich die unvermeidlichen Bewegungen beider Spieler mit dem Instrument vor dem Mikrofon hören, denn auch subtilste Änderungen im Abstrahlwinkel wirken sich auf die Aufzeichnung aus und werden über die Lautsprecher wiedergegeben. Genauso können wir bei einem im A/B-Verfahren aufgenommen Sologitarren-Take bei mit der linken Hand erzeugten Töne deutlich das aufs Griffbrett gerichtete Mikrofon hören. Solche Feinheiten liefern ansonsten nur die ADM 20 von KS Digital, wenngleich die Wiedergabe des OM-2 hier ganz subjektiv ein Quäntchen plastischer wirkt. Die Aufnahmen erklingen gewissermaßen mit einer naturnahen Lebendigkeit, die in beiden Fällen erwünscht ist. Wenn bei akustischen Aufnahmen das Klangbild demgegenüber homogener ausfallen soll, muss eben disziplinierter, ohne zuviel Körpereinsatz, gespielt werden. Insoweit kann ein Monitor wie der OM-2 einen Spieler auch erziehen. Dadurch ist der MO-2 ein zuverlässiger Partner bei der Produktion, beginnend bei der Aufnahme über das Mischen bis hin zum finalen Down-Mix. Zumindest sind wir mit den fertig gemischten Tracks, die wir auf CD brennen und danach über verschiedene Lautsprecher hören zufrieden: Der Mix klingt jedes Mal gut.

Fazit

Der MO-2 ist ein sehr guter Repräsentant der reinen Klanglehre unter den Kompakt-Monitoren. Angesichts seiner Wiedergabe-Qualitäten, die vor allem von seiner Neutralität und ausgezeichnete Raumdarstellung geprägt sind, ist sein Preis absolut angemessen.

Erschienen in Ausgabe 10/2006

Preisklasse: Spitzenklasse
Preis: 1508 €
Bewertung: sehr gut
Preis/Leistung: sehr gut

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